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StartseiteSprechstundeNotfall-Set und Langzeitmanagement12.09.2017

NahrungsmittelallergienNotfall-Set und Langzeitmanagement

Ungefähr fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden nachweislich an einer Nahrungsmittelallergie. Es gebe aber auch einen gewissen Placebo-Effekt, sagte die Allergologin Margitta Worm im Dlf.

Margitta Worm im Gespräch mit Carsten Schroeder

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Lactose- wie auch glutenfreies Essen findet sich heutzutage häufiger in den Regalen von Geschäften. Allerdings bezweifeln Ernährungsberater die Wirksamkeit einer glutenfreier Diät.  (picture alliance / dpa / Peter Endig)
Laktoseintoleranz, Walnussallergie oder Gluten-Unverträglichkeit - oft hilft nur die Ernährungsumstellung (picture alliance / dpa / Peter Endig)
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Carsten Schroeder: Immer mehr Menschen stellen Ihre Ernährungsgewohnheiten um und wählen bestimmte Ernährungsformen. Die meisten von ihnen sagen, das habe gesundheitliche Gründe, einige dieser Gründe, die man dann immer wieder hört, sind Lebensmittelallergien und Lebensmittelunverträglichkeiten, zum Beispiel Laktoseintoleranz gegen Milch und Milchprodukte, Glutenunverträglichkeit bei verschiedenen Getreidearten, Fruktoseintoleranz gegen Fruchtzucker und so weiter. Man hat den Eindruck, als wären immer mehr Menschen betroffen. Nun sind darüber aber kaum zuverlässige Zahlen bekannt, und so gibt es dann auch die nachvollziehbare Auffassung, dass dieses Phänomen eher ein Produkt des Zeitgeistes sei. Wir wollen es jetzt genauer wissen und sind darum telefonisch verbunden mit Professor Margitta Worm von der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Charité in Berlin, und außerdem leitet sie die Arbeitsgruppe Nahrungsmittelallergie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie. Guten Morgen, Frau Professor Worm!

Margitta Worm: Einen schönen guten Morgen!

Schroeder: Nehmen Nahrungsmittelallergien tatsächlich zu oder ist das nur eine gefühlte Zunahme?

Worm: Das ist eine sehr gute Frage. Tatsächlich muss man sagen, dass es Untersuchungen vom Robert Koch-Institut gibt in den Jahren 2008 bis 2011. Wenn man die vergleicht mit Untersuchungen aus den Jahren 1998, also noch vom letzten Jahrhundert, so zeigen die Daten, dass die Nahrungsmittelallergie wahrscheinlich nicht zugenommen hat. Man muss aber sagen, dass es sich hierbei um fragebogenbasierte Erhebungen handelt, also ein gewisser Unsicherheitsfaktor dabei ist.

Schroeder: Und wenn man jetzt dann doch etwas weiter das interpretieren wollte, kann man sagen, eigentlich nehmen Nahrungsmittelallergien vermutlich nicht zu, aber uns kommt es so vor. Kann man das so sagen?

Worm: Tja, das ist sicherlich eine Frage natürlich auch der Wahrnehmung, und grundsätzlich muss man sagen, Ernährung ist ja ein Thema, was auch im Zeitgeist steht und insofern auch von der Bevölkerung mögliche körperliche Beschwerden in Bezug auf Ernährung eher dann wahrgenommen werden. Zudem kommen natürlich auch spezielle Angebote in den frei verkäuflichen Bereichen, in Supermärkten, Bioläden etc. Also die gesunde Ernährung – also Gesundheit, Krankheit, Ernährung, dieses Dreieck – ist einfach viel präsenter als es vielleicht vor 20, 30 Jahren einmal war.

Schroeder: Und durch dieses Dreieck Gesundheit, Ernährung, Krankheit, da ist dann der Blick auch stärker drauf. Also, wir wollen ja niemandem unterstellen, dass er sich das einfach ausdenkt, und es gibt ja auch viele Patienten, die tatsächlich diese Phänomene dann auch entwickeln. Gibt es sowas wie einen Placebo-Effekt, dass man einfach glaubt, man hat das und dann tatsächlich solche Symptome entwickelt?

Worm: Ja, es gibt auch Untersuchungen dazu, die zeigen, dass die subjektive Wahrnehmung einer Nahrungsmittelunverträglichkeit um den Faktor 5 bis 10 höher ist als tatsächlich hier dann wirklich nachweisbar ist. Insofern – Placebo-Effekt … Also die Vermutung spielt schon eine große Rolle. Man muss aber nichtsdestotrotz auch sagen, ein signifikanter Anteil – also ungefähr fünf Prozent der Bevölkerung – haben tatsächlich eine Nahrungsmittelallergie, und die kann in einigen Fällen sogar auch schwere Reaktionen hervorrufen bis … zum Glück in seltenen Fällen  - es sind aber auch Todesfälle berichtet. Also es ist schon ein insgesamt ernst zu nehmendes Problem, und deshalb sollte eben, wenn Symptome nicht nur im Magen-Darm-Trakt, sondern eben auch zum Beispiel Luftnot oder Kreislaufreaktionen hier gleichzeitig auftreten, eine allergologische Abklärung auch erfolgen.

Schroeder: Also fünf Prozent der Bevölkerung mit Nahrungsmittelallergien, das ist wirklich keine Kleinigkeit. Was könnte man noch Weiteres tun, um dem entgegenzuwirken?

Worm: Also, das wichtigste ist, wie ich gerade schon sagte, die Sache zu erkennen, und dann gibt es ja zwei, sage ich mal, Ebenen der Behandlung. Das eine ist die akute Behandlung – das bedeutet, dass Betroffene dann ein sogenanntes Notfall-Set verordnet bekommen, dass wenn eine Reaktion auftritt, dass man sich auch selbst rasch behandeln kann. Davon abzugrenzen ist das sogenannte Langzeitmanagement. Hier geht es darum, natürlich nachdem der Auslöser erkannt wurde, das entsprechende Lebensmittel dann im Alltag zu vermeiden. Hier ist sehr wichtig die Devise Ersatz statt Verzicht, also dass man eben schaut, dass die Ernährung trotzdem beispielsweise auch vollwertig dann durchgeführt wird.

Schroeder: Vielen Dank! Das war Professor Margitta Worm von der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Charité.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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