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StartseiteKultur heuteNeuer sozialer Realismus19.05.2009

Neuer sozialer Realismus

Die Nebenreihen der Filmfestspiele von Cannes

Bei den Filmfestspielen in Cannes gibt es neben dem Hauptprogramm einige große Namen und alte Meister. Der dokumentarische Film-Realismus entwickelt ein Kraftzentrum, das ziemlich an den Nerven zerrt. Diese Filme der Nebenreihen wird man höchstens irgendwann spät Nachts auf unseren dritten Programmen kennenlernen können.

Von Christoph Schmitz

Das offizielle Festival-Plakat der Filmfestspiele von Cannes hängt am Festivalpalast. (AP)
Das offizielle Festival-Plakat der Filmfestspiele von Cannes hängt am Festivalpalast. (AP)

Auch jenseits des Wettbewerbs wartet Cannes in diesem Jahren mit einigen großen Namen und alten Meistern auf. Francis Ford Coppola eröffnete mit seinem Autorenfilm "Tetro" die Quinzaine, eine autobiografische Familiengeschichte um einen autoritären Dirigenten-Vater, der alle Eigenständigkeit und Kreativität seiner Umgebung erstickt, ein Vater-Sohn-Konflikt in dramatischen schwarz-weiß-Aufnahmen und farbigen Erinnerungsbildern.

Und der russisch-französische Regisseur Pavel Lounguine entwirft mit "Tsar" ein blutiges Breitwandepos über das russische Kaiserreich im 16. Jahrhundert unter Zar Ivan dem Schrecklichen, den ein frommer Mönch versucht in seine Schranken zu verweisen. Aber es sind weniger die mit technischer und ästhetischer Maximalkraft getrimmten Filmbilder, die nachwirken, sondern die, die sich mit minimalistischen Formen begnügen, mit quasidokumentarischer Handkamera arbeiten und das prekäre Leben dort beobachten, wo es heute stattfindet.

So begleitet Alejandro Fernández Almendras in seiner Arbeit "Huacho" vier Mitglieder einer Bauernfamilie im Hinterland Chiles einen ganzen Tag lang bei der Arbeit. Die Laiendarsteller scheinen ihre eigenen Geschichten zu spielen. Die Hitze, der Regen, das Lärmen der Natur und der Fernstraße dringen in die Bilder förmlich ein und drohen das Material fast zu zerreißen.

So entfernt die Familie von den Bequemlichkeiten der Zivilisation lebt, so sehr beeinträchtigen Computerisierung und Globalisierung ihren Alltag. Die Milchpreise steigen, der Gewinn aus dem Verkauf des selbst hergestellten Käses schwindet, Landarbeiter werden wegen der Technisierung immer weniger gebraucht, Kühlschrank und elektrisches Licht fallen aus, weil die Stromrechnung nicht mehr beglichen werden kann. Anschaulicher kann keine Soziologie die Effekte der weltweiten Umbrüche verdeutlichen.

Halb dokumentarisch inszeniert auch der iranische Regisseur Bahman Ghobadi seinen Blick in den Untergrund der Teheraner Musikszene. In "Persian Cats" begleitet die Handkamera zwei fiktive junge Musiker in die Keller und Hinterhöfe der Hauptstadt auf der Suche nach Musikern, die die beiden für ein Konzert in London gewinnen wollen, um das vom politischen Islam gelähmte Land für immer zu verlassen. Dabei treffen sie auf reale Bands, die von ihren Schwierigkeiten mit der Moral-Polizei berichten und für ihren persischen Punk, Rock und Jazz kräftig in die Saiten schlagen. Ein erzählender Musikfilm, der wie das Dokument trotziger Kreativität wirkt und wie ein einziger Schrei nach Freiheit.

Den von sozialen und politischen Verhältnissen bedrängten Menschen und die Gleichgültigkeit einer saturierten Mehrheitsgesellschaft rückt auch der Film "Samson and Delilah" des australischen Regisseurs Warwick Thornton in den Blick. Die Titelhelden sind zwei jugendliche Aborigines, die in den Sog von Elend, Drogen und Gewalt geraten und nur in letzter Sekunde abspringen. Die Erzählweise des Films schwingt sich ein in das eigene langsame Zeitmaß, in die eigene fast wortlose Kommunikationsweise und den monotonen Singsang der Ureinwohner.

Der unmittelbare Realismus verweigert mit seinem Gestus der Kunstferne jeglichen Anschein eines neuen Kunstcharakters. "Samson and Delilah" von Thornton Warwick, "Persian Cats" von Bahman Ghobadi und "Huacho" von Alejandro Fernández Almendras wollen nicht verführen, sondern zeigen. Das macht sie einerseits spröde, sie prägen sich aber andererseits umso stärker ein, was an einem Ort wie Cannes gar nicht so schlecht ist, wo die glanzvollen Auftritte am roten Teppich nur vom Glanz der weißen Yachten und den Café-Preisen an der Croisette übertroffen werden. Der dokumentarische Film-Realismus entwickelt ein Kraftzentrum, das ziemlich an den Nerven zerrt.

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