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StartseiteKultur heuteMoralische Wechselbäder05.12.2016

Neues Stück von Ayad AktharMoralische Wechselbäder

Ein US-amerikanischer Banker wird in Pakistan entführt. Der Imam, der ihn in seiner Gewalt hat, steht auf einer Terrorliste der USA. Mit dem Lösegeld will er die Straßen des Landes sanieren. "Die unsichtbare Hand" von Ayad Akhtar, das derzeit in Bochum uraufgeführt wird, führt seine Zuschauer in moralische Dilemmata.

Von Dorothea Marcus

Autor Ayad Akhtar, aufgenommen vor dem American Theater 2012 in Chicago (imago/ZUMA Press)
"Die unsichtbare Hand" von Ayhad Akhtar hat das Zeug, zu einem wahren Hit auf deutschen Bühnen zu werden. (imago/ZUMA Press)
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Auch das neue Stück von Ayhad Akhtar hat das Zeug, zu einem wahren Hit auf deutschen Bühnen zu werden. Denn auf den ersten Blick liest es sich wie eine extrem spannende und kondensierte Theaterversion der US-Geheimdienst Serie "Homeland". Die Handlung ist schlicht: Der US-amerikanische Banker Nick Bright wurde in Pakistan entführt, als er ausgerechnet dort den Markt sondierte, um das Wasser zu privatisieren – doch seine Bank zahlt das Lösegeld nicht. Der Imam, der ihn in seiner Gewalt hat, steht auf einer amerikanischen Terrorliste. Von dem Lösegeld will er endlich die wichtigste Straße des Landes sanieren – damit die Gelder nicht wie immer in fremden Taschen landen.

"Wie Sie sehen, Mr. Bright, sind wir Gefangene eines korrupten Landes, was unser eigenes Werk ist. Aber tun Sie nicht so, als hätten Sie keinen Anteil daran. Es war Ihr Job, die Räder zu schmieren. Können Sie mir folgen? - Ich, glaube schon. Dass Sie mich entführt haben, damit Sie Straßen instand setzen können."

Kategorien der Schuld verschieben sich

Also soll der Banker sein eigenes Lösegeld ertraden, mithilfe des gelehrigen Schülers Bashir. Schnell lernt dieser, wie man die Kurse selbst beeinflusst: indem man spektakuläre Nachrichten – oder Anschläge - produziert, die man shorten oder futuren kann. Der US-Amerikaner mit den pakistanischen Wurzeln Ayad Akthar versteht es glänzend, den Zuschauer in moralische Wechselbäder zu stoßen. Die Kategorien der Schuld verschieben sich ständig: Terrorismus oder legitimer Freiheitskampf? Ist der marktorientierte entführte Europäer hier wirklich das Opfer?

Doch der Falle eines "Wellmade Play" der zuschauerspektakulär aufbereiteten Zeitungswirklichkeit muss man erst einmal entgehen. Anselm Weber dringt mit dem Bühnenbildner Raimund Bauer durchaus in die zweite Dimension vor. Über der rohen Gefängnismauer aus Betonsteinen, dem spartanischen Bett, der klirrenden Fußfessel, weitet sich der Bühnenraum in einen schwarzen, undefinierbaren "Space", auf den ein neongrünes, leuchtendes Digitalgitter gelegt ist. Das sieht einerseits so kalt aus wie ein gekacheltes Gefängnis und ist zugleich eine virtuelle Kontrollmatrix, wie ein abstraktes, digitales Koordinatennetz, in dem letztlich alle Protagonisten willenlos zappeln. Ausgeliefert sind sie quasi wie wir alle der "Unsichtbaren Hand", den meinungs- und moralmachenden Algorithmen, der automatisierten Maschinerie der Macht. Letztlich steht hinter all dem die Frage: Welche Mittel heiligen welche Zwecke? Und: Was ist uns heute überhaupt noch heilig?

"Welche Sicherheit habe ich? – Mein Wort ist Ihre Sicherheit. – Ihr Wort? Und was passiert, wenn Sie mich nicht mehr mögen? – Mr. Bright, vor ein paar Jahren war ich eine Zeit lang in New Jersey. Vieles hat mich erstaunt in Ihrem Land. Die Armut, die Dicken. Aber wirklich verblüffend fand ich die Anwälte. In Ihrem Land läuft nichts ohne Anwälte. Das Wort der Menschen in Ihrem Land bedeutet nichts. – Sir, ich habe viel davon gelesen, was Menschen aus meinem Land mit dem Koran gemacht haben. Ich fand das widerlich. Man darf nicht missbrauchen, was anderen heilig ist. - Ich verstehe. Aber dann möchte Sie fragen: Was ist Ihnen heilig? Sind es die Anwälte? Oder die Dicken?"

Glänzende Schauspieler

Glänzend agieren an diesem Abend die Schauspieler, allen voran aber Omar El-Saedi, der den gebildeten, gegen Korruption kämpfenden Terroristen Bashir als schillernde Robin Hood-Figur anlegt, und auch der Imam wird von Matthias Redlhammer als weiser, subtil bedrohlicher und selbst korrupter Patriarch gespielt. Nur Heiko Raulin als Banker drückt vielleicht etwas zu sehr auf die Opfer-Tränendrüse des verlorenen Familienvaters. Denn am Ende lässt das Stück offen, ob nicht doch er alle Fäden zieht, um seine Haut zu retten: Ihm ist eben nichts heilig außer seinem Eigennutz. Damit liefert er potenziellen Terroristen letztlich die Instrumente des Finanzkapitals an die Hand – der Schlüssel zur echten Weltbeherrschung.

Nur schlüssig ist es anschließend, wenn im Monolog "Am Boden" von Georg Brant anschließend Sarah Grunert eine Drohnenpilotin spielt, die vor lauter Entfremdung und Überwachung in den Wahnsinn geht. Letztlich erscheinen an diesem Abend doch alle menschliche Schicksale und moralischen Werte nur noch lächerliches Spielmaterial im Netz des Finanzkapitalismus.

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