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Seit 16:35 Uhr Forschung aktuell
StartseiteKultur heuteMontenegro als Vorreiter feministischer Kunst 22.12.2015

New Balkans Women MuseumMontenegro als Vorreiter feministischer Kunst

Ein Kunstmuseum, das ausschließlich von Frauen organisiert und geleitet wird und ausschließlich Kunst von Frauen zeigt: Die Idee ist vielleicht nicht ganz neu, aber deshalb nicht schlecht. Sie passt in unsere Zeit. Und wenn sie dann noch von Prominenten wie Pussy Riot vorangetrieben wird, ist die nötige Aufmerksamkeit garantiert.

Von Uli Hufen

Links im Bild: die Musikerin Maria Aljochina, rechts: Nadeschda Tolokonnikowa von der russischen Band Pussy Riot (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
Pussy-Riot Mitglied Maria Aljochina (links im Bild) zählt zu den Unterstützrinnen des geplanten Museums. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Ein Museum von Frauen, für Frauen und über Frauen. Ein Museum, das ausschließlich Werke von Frauen zeigt und von Frauen geleitet wird. Ein Museum schließlich, dass ein Statement sein soll gegen die mangelnde Repräsentation von Frauen in der Geschichte der Kunst bis heute. Viel mehr als das konnte Maria Aljochina noch nicht berichten, als sie vor ein paar Tagen den Plan verkündete, in Montenegro ein "New Balkans Women Museum" zu errichten. Der Hintergrund immerhin ist offensichtlich: Die Museen dieser Welt werden von männlichen Künstlern dominiert. Selbst in New York machen Frauen nur etwa 30 Prozent der von Galerien vertretenen Künstler aus. Die Motivation für ein reines Frauenmuseum liegt also gewissermaßen auf der Hand. Wann das neue Museum eröffnen soll, wer es leiten und was gezeigt werden soll - das alles wird, so Aljochina, derzeit noch mit Pussy-Riot-Sympathisantinnen aus aller Welt konkretisiert.

Der aufmerksame Zuhörer konnte sich allerdings fragen, warum gerade Montenegro als Standort für das Museum ausgesucht wurde. Die Antwort auf diese einfache Frage ist hochinteressant und, um es vorsichtig zu formulieren, einigermaßen verstörend. Das fängt damit an, dass sie mit dem Namen zweier Männer beginnt. Marat Gelman und Naum Emilfarb. Gelman und seine Galerie gehören seit mehr als 25 Jahren zu den wichtigsten Figuren der russischen Kunstszene. Gelman ist aber auch ein Mann, der Erfahrungen als Polittechnologe und Kulturmanager hat. Er hat russische Politiker im Wahlkampf beraten, er hat beim Staatsfernsehen gearbeitet und er hat versucht, die Region Perm in Sibirien als Hauptstadt der modernen Kunst in Russland zu etablieren.

Seit etwa 18 Monaten lebt Gelman auf Einladung des Multimillionärs und Immobilienmoguls Naum Emilfarb in Montenegro. Finanziert von Emilfarb und in Abstimmung mit der montenegrinischen Regierung, hat Gelman ein überaus ambitioniertes Konzept entwickelt, das sich darum dreht, Montenegro und besonders seine Urlaubsregionen an der Adria-Küste mithilfe von Kunst und Kultur auf der internationalen Bühne bekannt zu machen. Das Projekt trägt den schönen Namen Dukley European Art Community und wer die dazugehörige Webseite besucht, begreift sofort, dass Kunst und Kommerz für Gelman und seine Mitstreiter hervorragend zusammenpassen. Die Luxusimmobilien des Investors Emilfarb werden hier ganz selbstverständlich neben den neuesten Informationen über Street-Art-Festivals, Lesungen, Installationen und vielerlei andere Kunstprojekte angeboten. Die Produktion von coolen, zeitgemäßen Montenegro-Souvenirs gehört ebenfalls zu Gelmans Aufgabenbereich.

Gelman hat seine Sicht dieses Deals in Interviews so erklärt: Er sei nicht damit befasst eine Kirche zu organisieren, deren Mitglieder dieselben Ziele verfolgen. Vielmehr ginge es darum, eine Art Bahnhof zu betreiben. Einen Ort also, an dem viele Leute mit unterschiedlichen Zielen zusammenkommen, die alle befördert werden sollen. Emilfarb verkauft seine Apartments mit Seeblick, der Staat lockt Touristen und tut einen Schritt in Richtung postindustrielle Moderne, Gelman fügt seinem Portfolio ein weiteres Großprojekt hinzu und wird vielleicht doch irgendwann noch mal Kulturminister. Und die tatsächlich guten Künstler aus aller Welt, die er einlädt, können tun und lassen, was sie wollen. Zum Beispiel eben können sie wie Pussy Riot ein feministisches Vorzeigemuseum gründen. Man darf wohl davon ausgehen, dass alle Beteiligten in dieser schönen neuen Kunstwelt des Marat Gelman auch noch ordentlich Geld verdienen. Win-Win also, oder? Und ein altmodischer Spielverderber, wer nach Haaren in der Suppe sucht? Gewiss muss man abwarten, was Pussy Riot in Montenegro auf die Beine stellen. Aber vielleicht sollte Maria Aljochina und Nadja Tolokonnikowa doch mal jemand fragen, ob feministische Beihilfe zum Ausverkauf der montenegrinischen Küste an das internationale Jetset jetzt auch schon unter Punk fällt.

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