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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenNicht ohne mein Smartphone13.06.2013

Nicht ohne mein Smartphone

Debatte zur vermeintlichen Medienabhängigkeit bei Jugendlichen

Im 18. Jahrhundert glaubte man fest an eine krankhafte Lesesucht. Später dann wurde das Fernsehen verteufelt. Heutzutage sind junge Nutzer von Computern und Smartphones angeblich besonderen Suchtgefahren ausgesetzt.

Von Michael Engel

Kurzmitteilungen schicken, telefonieren, surfen, spielen: das Smartphone ist ein Alleskönner. (picture alliance / dpa - Oliver Berg)
Kurzmitteilungen schicken, telefonieren, surfen, spielen: das Smartphone ist ein Alleskönner. (picture alliance / dpa - Oliver Berg)

Ob an der Bushaltestelle, in der U-Bahn oder in der City: Überall sieht man junge Menschen gedankenversunken auf ihr Smartphone schauen. Isabell, Max und Leon gehören auch dazu. Sie gehen in die 10. Klasse des Martino Katharineum – einem Gymnasium in Braunschweig mit elitärem Anspruch: Wunderknabe Carl Friedrich Gauß drückte hier schon die Schulbank:

Isabell: "Naja, das ganze Handy ist natürlich ein super Gesamtpaket. Ich meine WhatsApp ist natürlich klar, da schreibe ich mit meinen Freunden. Und sonst ist verstärkt wirklich mehr Musik, Uhr und halt WhatsApp."

Max: "Also durchaus öfter mal zu Hause anrufen. Und sonst einfach mal per WhatsApp den Freunden schreiben, was gerade so ansteht. Ja."

Leon: "Größtenteils SMS schreiben, WhatsApp, telefonieren jetzt in letzter Zeit öfters, und im Bus Internet surfen, wenn es einem langweilig wird."

In Braunschweig sorgt man sich um das Verhältnis zwischen Jugendlichen und Kommunikationstechnik. Dort gibt es einen Präventionsrat mit Mitgliedern aus Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendamt, der nun die Frage untersuchen ließ, ob der Umgang mit den Smartphones süchtig macht? Um das herauszufinden, sollten 35 Schülerinnen und Schüler ihr geliebtes Gerät einfach mal abgeben. Das Ganze freiwillig für eine Woche, erklärt Sarah Winkens vom Jugendamt der Stadt Braunschweig:

"Wir haben mehrere Bereiche im Jugendschutz abzudecken. Meiner liegt schwerpunktmäßig auf dem Bereich Medien. Und das bedeutete für mich, diesen in den Kontext Sucht zu bringen und ein Beteiligungsprojekt zu konzipieren. Ich hatte keine Erwartungen. Ich bin ohne Erwartungshaltung in das Projekt gegangen. Und so war es für mich auch sehr interessant zu gucken, wie es verläuft."

Ergebnis der ungewöhnlichen Studie: Eine Smartphonesucht sei nicht erkennbar: Das Gros der Jugendlichen erklärte, dass ihnen der einwöchige Verzicht nicht schwergefallen sei. Für Experten ist der Befund wenig überraschend. Die jugendlichen Probanden – erfolgreiche Gymnasiasten und Waldorfschüler – treffen Freunde, sind sozial aktiv, lebensfroh, und damit auch gut gewappnet gegenüber den negativen Einflüssen der digitalen Welt. Ganz anders liegen die Verhältnisse bei Jannik aus Celle, der im Kinderkrankenhaus "Auf der Bult" in Hannover stationär behandelt wird. Bei seiner Therapie spielt auch Computersucht eine Rolle:

"Also es fängt an – meiner Meinung nach – wenn man anfängt, das reale Leben zu meiden, indem man sich an den PC setzt, um nicht in der realen Welt zu sein. Und wenn man anfängt, irgendwelche Verabredungen abzusagen, weil man keine Lust hat, sich nach draußen zu bewegen. Ich würde sagen, dann fängt es an, gefährlich zu werden."

Für Psychiater wie Prof. Christoph Möller, der Jannik behandelt, ist der Fall klar:
Computersucht ist gar keine Krankheit, auch keine Ursache für eine Krankheit, sondern lediglich Symptom. In Wahrheit leiden Betroffene unter einer psychischen Grunderkrankung wie Depressionen oder Angststörungen. Der Computer, sagt Prof. Christoph Möller, ist nur der Ort ihrer Zuflucht:

"Es gibt Jugendliche, die im sozialen Miteinander nicht zurechtkommen. Die keine Erfolge in der Schule haben, die sich in der Familie nicht wirklich zu Hause fühlen, die mit sich und ihrem Körper unzufrieden sind. Und diese Jugendlichen erleben manchmal im Internet, dass sie plötzlich in Chatforen Zugang zu anderen Jugendlichen oder Menschen haben, dass sie beim Onlinespiel plötzlich erfolgreich sind, ein wichtiger Teil einer Gilde sind, ohne sie läuft nichts. Und somit ist für manche Jugendliche das virtuelle Leben reizvoller als das reale Leben."

In der Fachwelt sind Begrifflichkeiten wie Computersucht, Onlinesucht oder Computerspielsucht höchst umstritten. Aus diesem Grund hatte schon die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen den Begriff Online/Mediensucht 2012 aus dem Jahresbericht gestrichen. "Wenn alle Tätigkeiten zur Sucht deklariert werden können, werde die Sucht banalisiert", so die Begründung. Gleichwohl bieten Computer den psychisch kranken Jugendlichen eine auf den ersten Blick schützende Scheinrealität an, erklärt Dr. Oliver Bilke, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Vivantes Kliniken, Berlin:

"Also für Jugendliche ist ja heutzutage die Körperlichkeit die eigentliche Hauptthematik. Die körperliche Unversehrtheit, die Schönheit, aber auch der Trainingszustand. Und wenn ich jetzt ein Medium habe, wo die Entkörperlichung quasi perfekt funktioniert, wo ich ohne meine eigenen körperlichen Gebrechen, Schwierigkeiten, aber auch Ängste, Sorgen, Fehleinschätzungen leben kann, dann ist das gerade für - ich hätte fast schon Patienten gesagt, aber sagen wir mal Jugendliche - die an ihrem eigenen Körper zweifeln, und das tun nun mal gerade sehr viele Mädchen, gerade depressive Mädchen, das ideale Medium eigentlich."

Schätzungen über die Zahl der Computersüchtigen werden seit Jahren nach unten korrigiert. Gegenwärtig gehen Experten von 500.000 Betroffenen in Deutschland aus - das entspricht etwa einem Prozent. Oft nehmen sie dann auch noch Aufputschmittel wie Koks oder Ecstasy, um lange "on" bleiben zu können. Schule, Freunde, selbst die Hygiene – spielt dann keine Rolle mehr. Besonders Computerspiele, so Florian Rehbein vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, ziehen die Betroffenen magisch an:

"Also, ein erhöhtes Suchtpotenzial kann man allein schon daran festmachen, dass Computerspiele den Spieler ganz stark belohnen. Durch das Erscheinen in irgendeiner Rangliste, die dann plötzlich ein soziales Prestigeobjekt werden kann, durch bestimmte Gegenstände, die man freigespielt hat, die man benutzen kann, durch Ausstattungsmerkmale, dass man sich anders kleiden kann als die anderen. Da sehe ich auch im Kern eine Problematik in den Spielen.""

Spezialambulanzen und Stationen zur Behandlung schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden, doch die Kliniken haben ein Problem: Weil es sich bei der Computersucht um gar keine Krankheit handelt, gibt es auch keine entsprechende Diagnose im ICD-Tabellenwerk und deswegen dürfen Kassen die Behandlungskosten auch nicht übernehmen. Bezahlt wird nur die Therapie der psychischen Grunderkrankung – zum Beispiel die Persönlichkeitsstörung. Und die Gesunden? Viele Jugendliche sehen sich einer Debatte ausgesetzt, die allein im Computer den Sündenbock sieht. Und das nervt!

""Also ich finde, gleich süchtig zu sagen, das ist immer schwierig, das auseinanderzuhalten. Ich denke eigentlich nicht, dass in unserer Klasse jemand ist, der wirklich süchtig ist. So wie ich das definiere. Süchtig denke ich nicht."

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