• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturNichts als Klischees und Stereotype07.01.2013

Nichts als Klischees und Stereotype

Kursiv International: "Palestine in Israeli School Books: Ideology and Propaganda in Education"

Die Darstellung von Palästina und den Palästinensern in israelischen Schulbüchern ist voller Zerrbilder. Das zeigt das neue Buch von Nurit Peled. Die Professorin von der Hebräischen Universität hat für ihre Studie untersucht, welches Bild das Unterrichtsmaterial in Israel vom ungeliebten Nachbarn zeichnet.

Von Peter Kapern

Blick von der jüdischen Siedlung Efrat aus auf palästinensisches Gebiet (Thomas Bade)
Blick von der jüdischen Siedlung Efrat aus auf palästinensisches Gebiet (Thomas Bade)

"Araber sind traditionsverhaftet. Die Ablehnung von Neuerungen liegt in ihrer Natur." So steht es in dem Buch mit dem Titel: "Die Geographie des Landes Israel." Das Klischee wird noch durch ein Bild untermauert. Da ist ein hübsches, modernes Wohnhaus zu sehen. Und außerhalb des Gartens steht ein Mann, der aussieht wie eine Karikatur Ali Baba. Die Keffiyeh auf dem Kopf, die traditionelle arabische Kopfbedeckung, schwarze Augen, Pluderhosen und Schnabelschuhe. An der Hand führt er ein Kamel. Araber wollen nicht in hohen Häusern leben, heißt es unter dem Bild. Wer sich die Wirklichkeit in Dubai, Kairo oder Ramallah anschaut, kann über solche Stereotype nur lachen. Nurit Peled aber ist das Lachen vergangen. Sie hat Bild und Text nämlich in einem israelischen Schulbuch für die Klassen 11 und 12 gefunden:

"Wenn man die Palästinenser als Ingenieure, Ärzte, Wissenschaftler oder Künstler zeigen würde, dann würden sich die israelischen Schüler ja die Frage stellen: Was soll an diesen Menschen so falsch sein? Die sind ja wie wir! Aber wenn man das Bild von grimmigen, unbarmherzigen, beängstigenden Feinden in die Köpfe der Kinder pflanzen will, von Menschen, die man verjagen muss, weil deren Kinder nichts als potenzielle Terroristen sind, dann muss man sie so darstellen."

Nurit Peled hat Dutzende israelischer Schulbücher unter die Lupe genommen. Das Ergebnis hat die Professorin von der Hebräischen Universität in Jerusalem kürzlich als Buch veröffentlicht. Sie beschäftigt sich seit Langem mit dem israelisch-palästinensischen Verhältnis. Dennoch hat sie mit der Eindeutigkeit ihrer Untersuchungsergebnisse nicht gerechnet:

"Mich hat die Perfektion und Raffinesse überrascht, mit der Text und Bilder zu einer rassistischen Darstellung der Palästinenser zusammengefügt werden."#

Dazu gehört zum Beispiel, dass die besetzten Gebiete auf Landkarten in Schulbüchern nicht erkennbar sind. Da reicht Israel grundsätzlich bis zum Jordan, manchmal, unter Bezug auf Bibelstellen, sogar darüber hinaus. Auf Karten, die die Bildungseinrichtungen der Region zeigen, fehlen die palästinensischen Universitäten. Auf Karten mit Israels Bevölkerungszentren fehlen Städte mit palästinensischer Mehrheit, zum Beispiel Nazareth. Die Existenz der Palästinenser wird den israelischen Kindern weitgehend verschwiegen, sagt Nurit Peled. Auch auf Fotos sind sie nicht zu sehen. Bilder von Flüchtlingslagern zeigen leere Straßen, Bilder von Straßenkontrollpunkten im Westjordanland zeigen israelische Soldaten, aber keine Palästinenser, die an diesen Checkpoints anhalten müssen:

"Es gibt in Hunderten und Aberhunderten von Büchern kein Bild, auf dem ein Palästinenser als Individuum zu sehen wäre. Kein einziges Foto eines Palästinensers als normale Person, so wie wir sind, also in normaler Alltagskleidung. Oder ein Kind, das Fußball spielt. Oder ein Arzt oder ein Lehrer oder was auch immer. Nichts, kein einziges Foto."

Wenn die Palästinenser dann doch einmal erwähnt werden, dann wird die Verantwortung für ihr Flüchtlingsschicksal eindeutig verortet. Nämlich bei arabischen Politikern, die, statt den Palästinensern zu helfen, politisches Kapital aus ihrem Elend gezogen haben. Ganz ähnlich der Umgang in den Geschichtsbüchern mit den Massakern, die israelische Soldaten in palästinensischen Dörfern angerichtet haben. Da ist dann nur von "Operationen" die Rede, die Schaden von Israel abgewendet haben:

"Die Kinder lernen, dass Mitleid etwas ist, was auf die eigene Volksgruppe oder Religion beschränkt ist. Palästinenser werden nie als Opfer, immer nur als "Leichnam" bezeichnet. Der ganze Ansatz lehrt die Schüler, dass diese Leute einfach kein Mitleid verdienen."

Nurit Peleds Buch über die Darstellung Palästinas in israelischen Schulbüchern ist ein Bestseller. Aber nur außerhalb Israels. Im Lande selbst ist die Autorin ebenso bekannt wie unbeliebt. 1997 hat sie ihre Tochter bei einem Selbstmordattentat eines Palästinensers verloren. Seither engagiert sie sich in der Initiative "Trauernde Eltern für den Frieden" für einen Ausgleich mit den Palästinensern. 2001 hat sie den Sacharow-Preis des Europaparlaments erhalten. Mit ihrem jüngsten Buch ist sie in Israel selbst aber endgültig zur Persona non grata geworden:

"Seit das Buch erschienen ist, bin ich hier von allen Konferenzen und Projekten verbannt, die sich mit Schulbüchern befassen. Das ist witzig, weil ich aus der ganzen Welt sehr positive Reaktionen erhalte."

Immerhin darf ich immer noch in Israel weiter arbeiten, sagt sie. Aber wer weiß, fügt sie hinzu, wie das unter der nächsten Regierung wird.

Nurit Peled-Elhanan: Palestine in Israeli School Books: Ideology and Propaganda in Education.
Verlag: I.B.Tauris, 268 Seiten, 24,90 Euro
ISBN: 978-1-78076-505-1

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk