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StartseiteKultur heuteNietzsches Welt28.07.2010

Nietzsches Welt

Die Uraufführung von Wolfgang Rihms Oper "Dionysos" bei den Salzburger Festspielen

15 Jahre hatte der Komponist Wolfgang Rihm mit seiner Oper unter dem Titel: "Dionysos" gerungen, bevor er sie nun in Salzburg zur Uraufführung brachte - als Eröffnung des Opernteils der Festspiele.

Von Frieder Reininghaus

Bariton Johannes Martin Kränzle in der Rolle des Dionysos und Sopranistin Mojca Erdmann  (AP)
Bariton Johannes Martin Kränzle in der Rolle des Dionysos und Sopranistin Mojca Erdmann (AP)

Ein Wurf, fürwahr! Wie es guter Brauch des Festivals an der Salzach von Anfang an ist, haben sich auch heuer für die Eröffnungsshow fünf Geschäftsleute zusammengefunden, die im größeren Geschäft mit neuer Musik und zeitgenössischem Musiktheater unter den Branchenführern rangieren: Wolfgang Rihm, Karlsruhe, von der Holding Innerlichst & Espresssiv, Jonathan Meese aus Berlin-Mitte als Geschäftsführer von Hübsch-Ungebärdig, Pierre Audi von der Edelstill mit Firmensitz in Amsterdam, Ingo Metzmacher vom Dienstleister Modern & Solid sowie last, not least, Jürgen Flimm als amtlicher Generalunternehmer von Adabei. Moderiert wurde der lässige Auftritt vorm "Light lunch" in der "Kulisse", dem neuen Penthouse hoch über der Hofstallgasse, vom künstlerisch offensichtlich hochbegabten Charles Naylor, dem leitenden Unternehmenskommunikator der Crédit Suisse (zur Erinnerung: Es handelt sich dabei um eines jener Züricher Bankhäuser, um derentwillen der vorletzte bundesdeutsche Finanzminister die Kavallerie ausrücken lassen wollte). Hier aber wäre äußerstenfalls die Stadtreinigung gefragt gewesen: Meese fordert die Diktatur der Kunst; Rihm prahlt mit der Geschwindigkeit, mit der er nach jahrzehntelangem Ringen dann am Ende eine Partitur aufs Papier zu schleudern vermag. Sehr sympathisch wirkte dazwischen Metzmacher. Der lobt - übrigens zurecht - die Einsatzbereitschaft und Improvisationsgabe der Interpreten, die den "Dionysos" in so bemerkenswert kurzer Zeit aus der Papierform auf die Bühne transportierten und die Szenen zum zweitletzten Lebensabschnitt des populären Philosophen Friedrich Nietzsche über die Rampe brachten.

Sechs Szenen spielen auf finale Lebensstationen Nietzsches an: Zuerst geht der Blick auf einen Alpensee und damit auf die unerfüllte unerhörte erotische Obsession des Philologen und Philosophen hinsichtlich der multifunktionalen Cosima von Bülow (geb. de Flavigny), die zum fraglichen Zeitpunkt bereits längst mit dem aus Dresden geflohenen Kapellmeister Richard Wagner liiert war: "Ich bin dein Labyrinth". Die Partie der Ikone wird hinreißend gesungen (als wäre sie Proserpina!) von der mit Leichtigkeit in höchste Höhen abhebenden Mojca Erdmann. Doch das blonde Wesen will nicht Ariadne sein, will sich das Schicksal der Frau mit dem roten Faden ersparen. Für N. (so heißt die Titelfigur bei Rihm) bleibt nur Einsamkeit des Gebirges, inklusive Unwetter und Absturzgefahr. Jonathan Meese setzt große Symbole zum Beispiel spitze Pyramiden als Stellvertreter der Bergspitzen neben seine breiten Pinselstriche und nimmt die "Opernphantasie" ziemlich "naivisch".

Mit dem Besuch im Salon und im Bordell bei vier Hetären (die alle Esmeralda heißen) wird die Sache theatral lebendiger: Der Protagonist, vorzüglich bestritten von Johannes Martin Kränzle, gelangt in eine Art Atelier, das optisch von großen grellbunten Kugeln geprägt ist; dort gibt er mit ironischem Augenzwinkern zuerst einen Liederabend, dann zieht ihm der für den Gesang zuständige Gott Apollo die Haut ab. Die wird dann Zeuge, wie in Turin das legendäre Pferd geschlagen wird. Der Gaul und die Pelle sinken in Ariadnes Arme. Die Wahrheit, heißt es, sei gefunden, und alle, die an dieser Opernfantasie beteiligt waren, verbeugen sich. Der Rest im Saal fragt sich lieber nicht, was das Ganze soll.

Komponist Wolfgang Rihm in Salzburg bei einer Pressekonferenz der Salzburger Festspiele 2010. (AP)Komponist Wolfgang Rihm in Salzburg bei einer Pressekonferenz der Salzburger Festspiele 2010. (AP) Wolfgang Rihm lieferte eine Art Oratorium, gestützt auf Aphorismen von ausgelebter Einsamkeit und zögerlicher Seligkeit; das wurde zu Theater erklärt. Der Sound erweist sich, vor allem im zweiten Teil, als vielgestaltig, süffig und mancherorts immer noch kantig: Sirenen am Abgrund; wunderbare "Straussiana". Richard Strauss erscheint ohnedies als das große Vorbild. In Salzburg kommt das allemal gut an.

Insgesamt erlebten wir einen leuchtkräftigen Musikabend (manche meinen, es gliche dem Besuch in einem Lampenladen). Rihm, leicht erschlafft wirkend, kredenzt Kunst vor dem Ruhestand: das Dionysische gleichsam sozialversichert und streng im Rahmen der Brandschutzverordnung. Es ist, als hätte sich einer, der weiß, wie schwer er sich stets mit der Emotion in seiner Kunst tat, aus gutem Kalkül auf ein Thema gesetzt. Dessen vitale Sachwalter sind allerdings eher auf der Loveparade zu finden und müssen, wie dies beim Dionysischen in der Geschichte stets drohte, möglicherweise das Leben lassen für die Obsession.

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