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StartseiteTag für TagDer Reliquienraub am Anfang einer Heiligenverehrung04.12.2014

Nikolaus-KultDer Reliquienraub am Anfang einer Heiligenverehrung

Der Nikolaus-Kult aus der Sicht der religionsgeschichtlichen Forschung (Teil 1)

Nikolaus gehört zu den bekanntesten Heiligenfiguren des Christentums. Schon bald nach dem Tod des wundertätigen Bischofs von Myra am 6. Dezember 343 entstand sein Kult in der Ostkirche. Im gesamten Abendland verbreitete sich seine Verehrung mit dem Raub seiner Reliquien im 11. Jahrhundert, die nach Bari in Italien verbracht wurden. Schon bald zählte er zu den vierzehn Nothelfern und es entstanden zahlreiche Nikolaus-Legenden.

Von Rüdiger Achenbach

Blick auf ein restauriertes Fragment der Kirche des Heiligen Nikolaus in Demre, dem früheren Myra, aufgenommen am 09.11.2009. Die Kirche, einst wegen des legendenumwobenen Wirkens des Nikolaus von Myra christlicher Wallfahrtsort, versank in den folgenden Jahrhunderten nach Erdbeben und Absinken der Küste im Schwemmsand des Myros-Flusses. (picture alliance / dpa / Frank Baumgart)
Blick auf ein restauriertes Fragment der Kirche des Heiligen Nikolaus in Demre, dem früheren Myra (picture alliance / dpa / Frank Baumgart)

"Die reichen Kaufleute der süditalienischen Hafenstadt Bari schickten ein Schiff nach Myra in Kleinasien, um dort die Gebeine eines Heiligen zu rauben. Doch während der Schiffsreise kamen der Besatzung Bedenken. Man überlegte sogar, wieder umzukehren. Doch widrige Winde zwangen die Seeleute schließlich zur Zwischenlandung in Myra."

Selbstverständlich interpretierten die Barenser dies als eine göttliche Fügung und sie machten sich sofort daran, ihren Plan durchzuführen.

"Es kamen 47 Ritter von der Stadt Bari, denen zeigten vier Mönche das Grab des Heiligen, und da sie es auftaten, sahen sie die Gebeine und brachten sie auf ihr Schiff."

Von der antiken Stadt Myra sind heute nur noch die Ruinen in der Nähe der türkischen Stadt Demre erhalten, die 70 Kilometer südwestlich von Antalya liegt.

Der Bischof aus Myra

Im vierten Jahrhundert war in Myra ein Mann namens Nikolaus Bischof gewesen. Über die historische Figur ist nur wenig bekannt. Angeblich soll er unter Kaiser Konstantin am berühmten Konzil von Nizäa 325 teilgenommen haben. Aber auf der Namensliste dieses ersten Konzils der christlichen Kirche wird er nicht genannt. In der historischen Forschung geht man heute dennoch davon aus, dass Nikolaus tatsächlich ein Zeitgenosse von Kaiser Konstantin gewesen ist. Denn in der ältesten Legende über ihn, die heute als Ausgangspunkt seiner Verehrung angesehen wird, steht er unmittelbar mit den Ereignissen zur Zeit Kaiser Konstantins in Verbindung.

"Der römische Kaiser hatte drei seiner Feldherren ausgesandt, um einen Aufstand in Phrygien niederzuschlagen. Da der Kaiser unzufrieden mit ihrem Dienst war, und auch von Verrat die Rede war, ließ der die drei zum Tode verurteilen. Doch Bischof Nikolaus, der von der Unschuld der Offiziere überzeugt war, verhinderte die Hinrichtung. Daraufhin ließ der Kaiser die Feldherren festnehmen, um sie an einem anderen Ort töten zu lassen. Doch Nikolaus von Myra erschien Kaiser Konstantin im Traum und drohte ihm mit Verderben, wenn er die unschuldigen Offiziere nicht unverzüglich freilasse. Unter dem Eindruck dieser Vision hat der Kaiser die drei Feldherren dann nicht mehr verfolgt. Er bat nun Nikolaus, für den Schutz seines Reiches zu beten."

Gestorben am 6. Dezember 343

Was tatsächlich damals vorgefallen ist, lässt sich aus dieser Legende nicht mehr ermitteln. Nachweisbar aber ist, dass Nikolaus gerade durch diese Geschichte zu einer hochverehrten Persönlichkeit geworden ist. Nach seinem Tod am 6. Dezember 343 wurde sein Grab in Myra zu einem Kultort:

"Er ward begraben in einem Grab aus Marmelstein: Da entsprang zu seinen Häuptern ein Brunnen mit Öl und zu seinen Füßen ein Wasserquell."

Dass von der Grabstelle eines besonderen Menschen auch eine außergewöhnliche Wirkung ausgeht, ist ein Phänomen, das in der Religionsgeschichte auch schon in der vorchristlichen Antike auftaucht. Die Gräber der antiken Heroen wurden auf die gleiche Weise verehrt. Der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt:

"Die heutige Forschung spricht von struktureller Verwandtschaft. Sowohl der antike Heros wie der christliche Heilige sind Wohltäter, Retter und Wundertäter. Evident sind auch die Analogien im Kult: Das Grab und die Reliquien eines Heiligen sicherten eine Stadt in gleicher Weise wie die Überreste eines Heros."

Der Ruf des Heiligen von Myra breitete sich schon bald über die Stadt hinaus überall in Byzanz aus. Nikolaus blieb nicht nur der Schutzpatron der unschuldig Gefangenen und zum Tode Verurteilten, sondern er wurde zu einem Wundertäter in vielfältigen Situationen. In einer Hafenstadt wie Myra waren es vor allem auch die Seeleute, die bei ihren Fahrten Hilfe und Beistand von Nikolaus erflehten. Und als standhafter Heiliger setzte er sich selbstverständlich auch für das Volk gegen die staatlichen Autoritäten durch.

Nikolaus: der Beschützer der russischen Schnapsbrenner

"Als einmal kaiserliche Schiffe im Hafen von Myra zwischengelandet waren, die Getreide aus Ägypten geladen hatten, hat Bischof Nikolaus dieses Getreide gegen den Widerstand der Schiffsbesatzung an die hungernde Bevölkerung ausgeteilt. Auf diese Weise wurde er nun auch zum Schutzheiligen der Bäcker und Kornhändler."

Schon im 6. Jahrhundert hat Kaiser Justinian zu Ehren des Nikolaus von Myra eine Kirche in Konstantinopel bauen lassen. Von hier breitete sich der Nikolauskult dann auch in die slawischen Länder aus. Die größte Popularität genoss Nikolaus in Russland, wo man ihn zum Patron des russischen Volkes erhob und sogar zum Beschützer der Schnapsbrenner machte. Noch heute heißt das russische Wort "sich betrinken" - abgeleitet vom Namen Nikolaus - "nikolitjsja".

Es verwundert daher kaum, dass man auch im lateinischen Abendland auf Nikolaus aufmerksam wurde. Und selbstverständlich wollte man auch dort an der Wunderkraft des Heiligen teilhaben. Da Nikolaus im östlichen Mittelmeerraum vor allem als Schutzpatron der Seefahrer und der Kaufleute verehrt wurde, waren die Händler der italienischen Hafenstadt Bari auf die Idee gekommen, die Reliquien aus Myra in ihre Stadt zu holen.

Geraubte Reliquien

Am 9. Mai 1087 trafen die sterblichen Überreste des Bischofs von Myra in Bari ein. Dass es sich bei dieser Translation um einen Raub handelte, hatte man schnell vergessen, zumal Myra immer wieder von den Muslimen belagert wurde und die Barenser sich mit der Vorstellung trösten konnten, die Reliquien vor den Ungläubigen gerettet zu haben. Bari wurde nun im Abendland zum Zentrum des Nikolaus-Kultes. Doch das Interesse an der Nikolaus-Verehrung wuchs auch nördlich der Alpen. Überall im lateinischen Abendland wurden jetzt Kirchen nach dem Heiligen Nikolaus benannt. Dazu der Historiker Konrad Onasch:

"Das Nikolaus-Patrozinium wurde nach der Translation von 1087 in Mittel- Nord- und Westeuropa in großem Umfang bei der Gründung neuer Kirchen von Kaufmannssiedlungen verwendet, die an wichtigen Punkten des Fernhandels vor der Entstehung der Städte entstanden und daraufhin in der Regel als Ansatzpunkte für die spätere Stadtentwicklung dienten."

Vor allem auch in Hafenstädten weihte man Nikolaus als dem Schutzheiligen der Seefahrt Kirchen und Kapellen, wie zum Beispiel in Hamburg die Hauptkirche Sankt Nikolai. Bis ins 15. Jahrhundert entstanden von Skandinavien bis Italien mehr als 2000 Nikolaus-Kultstätten im Abendland. Zum berühmtesten Nikolaus-Wallfahrtsort nördlich der Alpen wurde die Basilika in Saint-Nicolas de-Port in Lothringen. Und auch dieser Ort verdankt seine Popularität letztlich einem Reliquiendiebstahl.

Im Jahre 1092 war es dem Kreuzritter Aubert aus Varangéville, während seines Aufenthalts in Bari gelungen, ein Fingerglied des Heiligen zu entwenden, das er in seine Heimat Lothringen brachte, wo Nikolaus dann zum Nationalheiligen erklärt wurde. Über der Daumen-Reliquie hat man später in Saint-Nicolas-de-Port eine Wallfahrtsbasilika errichtet.

Auch wenn man nach christlicher Vorstellung zunächst davon ausgegangen war, dass eine Teilung der Gebeine eines Heiligen in einzelne Reliquien frevelhaft sei und den Unwillen des Heiligen provoziere, setzte sich doch sehr schnell auch die Verehrung einzelner Gliedmaßen durch: der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt:

"Man handelte nun nach dem Grundsatz 'Ubi est aliquid ibi totum est': Wo ein Teil ist, da ist das Ganze. Eine Partikel genügt, um den ganzen Heiligen präsent zu haben."

Der Heilige als Vermittler

Zwar ruhte der Heilige in seiner Kirche, aber wie ein Lebender konnte er jederzeit auf Anruf aktiv werden. In seiner Funktion als Vermittler zwischen Himmel und Erde war es seine Aufgabe, den Menschen bei ihren Problemen und Nöten beizustehen.

Im 13. Jahrhundert entdeckte der Dominikaner Jakobus de Voragine für seine Sammlung von Heiligenlegenden eine alte Überlieferung, die dann in Saint -Nicolas-de-Port eine neue Bedeutung bekommen sollte.

"Ein Vater konnte seine drei Töchter nicht verheiraten, weil er kein Geld für die Mitgift hatte. Und weil die Familie arm war, schickte der Vater die Töchter in die Prostitution. Als Bischof Nikolaus davon erfuhr, schenkte er dem Mann für jede der drei Töchter je eine Goldkugel. Mit dieser stattlichen Mitgift konnte sich dann jede von ihnen einen Ehemann nehmen."

Aus diesem Grund wird der Heilige Nikolaus auf zahlreichen Abbildungen mit drei Goldkugeln dargestellt. Dieses Motiv wurde in anderen Versionen auch in drei goldene Äpfel abgewandelt. Denn der Apfel galt in besonderem Maße als Liebes- und Hochzeitssymbol. Nikolaus war nun auch zum Ehestifter geworden. Der Ethnologe Rüdiger Vossen:

Heiratsfähige Mädchen stellen sich unter seinen Schutz und riefen ihn um Hilfe an. In der Basilika in Saint-Nicolas-de-Port traten sie am Nikolausabend auf den sogenannten "guten Stein", wenn sie sicher gehen wollten, sich im kommenden Jahr zu verheiraten.

Angesichts der Vielzahl von Legenden und Bräuchen, die mit Nikolaus im Laufe der Jahrhunderte verbunden wurden, war die historische Figur des Bischofs Nikolaus von Myra fast völlig in Vergessenheit geraten. Man zählte den Heiligen jetzt auch zu den 14 Nothelfern.

Aber bis er zum Nikolaus als Freund der Kinder wurde - wie man ihn heute kennt - sollte noch ein langer Weg vor ihm liegen, auf dem er dann auch die Bekanntschaft mit einer Reihe finsterer Gestalten machen musste.

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