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StartseiteBüchermarktNoch ein Mädchen23.02.2004

Noch ein Mädchen

Hella Eckert über Teenager-Seelen

Es ist der heißeste Juli seit Jahren, und Nellie Goldberg, unschuldige 18 Jahre alt und Verkäuferin bei Salamander, träumt von einem Job in Paris. Abends trinkt sie einen Espresso in der Bar von Selina, dann sitzt sie auf der Veranda, die ihrer Wohnung einen Touch New Orleans verleiht und fühlt sich wie im Paradies auf Erden. Bis sie Max begegnet ­ und ihre Welt aus den Fugen gerät. Denn Max ist der Mann ihres Lebens, und das bewegt sich plötzlich, so Nellie, "mit höherer Geschwindigkeit", denn Max "musste bloß mit den Fingern schnipsen und die Erde drehte sich schneller." Sieben Tage sind die beiden nichts als ineinander verschlungen, und als ihr erotisches Stelldichein endet, hat ihre Liebe begonnen.

Claudia Kramatschek

Hella Eckert, "Da hängt mein Kleid", Coverausschnitt (Luchterhand Verlag)
Hella Eckert, "Da hängt mein Kleid", Coverausschnitt (Luchterhand Verlag)

Vom Erwachen der Gefühle, vor allem aber von der rauhen Haut der Liebe zwischen Zärtlichkeit und Brutalität ­ davon hat die Autorin Hella Eckert bereits in ihren ersten beiden Romanen erzählt. "Big John", ihr spätes literarisches Debut, umflirrte die prekäre Unschuld der Erotik zwischen einem Mädchen und einem Mann; "Hanomag" entfaltet den schmerzlichen Reifeprozess der 16jährigen Rita, die das brüchige Glück der Liebe am Drama der eigenen Eltern erfährt. Von der Liebe handelt auch "Da hängt mein Kleid", der neue Roman der Bremer Autorin. Und mit Nellie hat Eckert erneut eine weibliche Figur mit polarer Spannungskraft erfunden; eine weitere junge Frau an der scharfen Schwelle zum Erwachsensein.

Ich glaube, dass dieser Übergang vom Kindsein zum Erwachsenwerden ein unglaublich reizvolles Thema ist, das nicht genug ausgeschöpft werden kann. Mich interessieren diese Entwicklungsphasen, mich interessieren die Veränderungen, die in der Seele stattfinden, die Ambivalenz der Figuren, das Hin und Her der Gefühle. Und dieses intensive Hingucken auf eine 12jährige, auf eine 16jährige und eine jetzt 19jährige, das ermöglicht mir die Analyse von Gefühlen. Ich habe den Verdacht, dass wir dazu neigen, wenn wir älter werden, diese Gefühle zu vergessen, ganz einfach, und nicht mehr zu wissen, was eigentlich ein Gefühl ist. In der ganzen Differenziertheit. Wir sagen so schnell: das ist ein Gefühl, oder ich fühle das und das. Ja aber was fühlen wir genau? Ist es jetzt Hass, Neid, Habgier oder was weiß ich? Ale möglichen positive oder negativen Gefühle. Und dieses diffuse Terrain von Gefühlen, dem eine fast mathematische Struktur zugrunde liegt, das sondiere ich, dieses Gelände, und dazu habe ich in diesem Fall nun die 19jährige Nellie Goldberg ausgewählt.

Tatsächlich ist es ­ klänge das nicht viel zu unterkühlt ­ eine Art Laborsituation, die Eckert mit ihren Figuren entwirft. Was sie sondiert, ist der heftige Wechselstrom der Gefühle, der Nellie und Max erfasst, als die Liebe und damit die Probleme beginnen, und die Liebe sich daher allmählich in ein Unglück zu verwandeln droht. Denn so rastlos wie Nellie und Max ist auch ihre Liebe. Sie flirtet noch immer mit dem Traum von Paris und liebäugelt mit verflossenen Verehrern. Max nennt sie Kätzchen, aber türmt aus der gemeinsamen Wohnung, sobald er Verrat wittert ­ und den wittert er immer und überall, denn er hat bereits einmal sein Leben verloren, als ihn Frau und Kind verließen, vor langer Zeit. Und schließlich gibt es noch Mina, Nellies ältere Schwester, mit der sie in einer Art Hassliebe verbunden scheint, und die allen den Kopf zu verdrehen beginnt, als sie in Nellies und Max gemeinsame Wohnung zieht.

Von dunklen Kraftfeldern sind somit alle Figuren getrieben. Zumal man bald schon ahnt, dass der Rausch der Liebe, den Nellie und Max gemeinsam suchen, einem ängstlichen Wunsch nach Vergessen entspringt und beide in sich ein eigenes Geheimnis hüten, das sie bindet und trennt zugleich. Eckert muss dabei ­ und das ist die Kunst ihres Erzählens ­ über Gefühle nicht reden, die inneren Regungen ihrer Figuren nicht schildern, um sie dennoch bis in tiefe Verästelungen hinein zu erspüren. Sie zeigt ganz einfach das Sprunghafte der Liebe, und beschränkt sich ­ wie schon in "Hanomag" ­ auf die faktische Qualität, die bei ihr dem Sinnlichen als ganz eigener ratio des Textes zu eigen ist.

Die Figuren, die ich entwerfe, sind eigentlich energetische Figuren vielmehr. Der Zugang zu den Figuren läuft eben auch nicht über die Psychologie oder über ein westliches Weltbild. Sondern die kommen woanders her. Und auch mein Zugang und Zugriff zu den Figuren hat was mit einer ganz anderen Sicht, und zwar mit einer durchaus ganz anderen geistigen Sicht auf die Welt zu tun.

Das gilt vor allem für Nellie, Eckerts staunend-unschuldige Ich-Erzählerin, in der die Autorin eine betörende Stimme für die Kraft der Liebe gefunden hat, die uns letztlich beweisen wird, dass es möglich sei, das Unglück der Liebe wieder in Liebesglück zu verwandeln. Denn gerade die charmante Ungeschütztheit, mit der Nellie dem Leben wie in kindlichem Übermut zu begegnen scheint, öffnet leise einen anderen Raum der Erfahrung, verleiht der leichtfüßigen Fiebrigkeit dieses Romans ein untergründiges Gewicht.

Ich glaube, dass ich jetzt, in dieser dritten Geschichte, eigentlich erst dazu gekommen bin, genau diesen Blick heraus zu kristallisieren. Bei Nellie, da hab ich das Gefühl, es ist eine zeitlose Person, die ganze Geschichte ist eigentlich auch eine völlig zeitlose Geschichte. Und die hat genau damit zu tun, dass ich versuche, dieser Frau einen Blick zu verleihen, der zeitlos ist. Der ist nicht kindlich. Ganz im Gegenteil: Das ist der Blick von großer Weisheit, von großem Vertrauen und Neugier und Wertfreiheit vor allen Dingen. Die sieht. Die schaut ganz einfach.

Das tut auch die Autorin. Und entspinnt ihre Geschichte, ohne die trunkene Offenheit ihrer Figuren an den eigenen wissenden Blick zu verraten. Daher ist noch die Atemlosigkeit Nellies, die den Tonfall des Buches diktiert, nur von vermeintlicher Harmlosigkeit. Denn was Eckert hier bewusst inszeniert, ist nichts weniger als ein Aufstand des Leibes gegen den Sündenfall der Sprache:

Wenn die Sache mit dem Körper erst mal so ein bisschen zum Ruhen kommt, dann wird es natürlich komplizierter. Die Sprache allein, das genügt ja nicht. Sondern es kommen eben Gefühle in die Sprache. Und wir wissen alle, wie verletzbar man ist, bei jedem Wort, was einem gesagt wird. Und ich denke schon, dass die mühselige Arbeit dann eigentlich erst beginnt. Insofern ist bei Sprache in meinem Fall auch immer das Wort Rache drin. Und ich denk immer, dass der liebe Gott, wenn es so was gibt, uns die Sprache nicht nur als Vermögen gegeben hat, sondern vielleicht ist es eben auch genau umgekehrt: ein Racheakt eigentlich.

Vor allen Dingen Nellie selbst bedarf der Erlösung von der zerstörerischen Kraft der Worte; dass diese tödliche Wirkung haben können, lastet in ihrem Fall als dunkles Erbe auf dem Kapitel ihrer neuen Liebe. Erlösung aber, überhaupt einen Durchgang zu eröffnen in das Jenseits von logos und ratio, wo nochmals aus dem Unermesslichen des Anfangs geschöpft werden darf: das scheint das erzählerische Paralleluniversum, in das Eckerts Roman unüberhörbar seine Antennen ausstreckt. Denn mit fein gestreuten Motiven ­ Mina etwa wird von der Schwester als Schlange deklariert und wirkt in ihrem grünen Kleid wie der Inbegriff der Versuchung; Max und Nellie erschaffen ihre Welt noch einmal neu in sieben Tagen ­ evoziert Eckert, ohne das Flair dieses Liebesromans je zu zerstören, nicht weniger als eine Schöpfungsgeschichte sui generis:

Ja, das ist es auch. Das ist mir im Nachhinein klar geworden. Und dass diese Schöpfungsgeschichte, von der Sie sprechen, diese Genesis für mich eben beides hat: den Blick auf dieses ganz Einfache, und den Blick auf dieses ganz Komplizierte. Und da genau sind diese Menschen, mit denen ich da spiele, in Anführungszeichen, genau da sind die natürlich drin. Und vor allem Nellie. Nellie ist die Person, die das begriffen hat, und die ja immer wieder reflektiert, und den Versuch auch macht, das weiter zu treiben. Nellie ist diejenige, die es bündelt und die alles mitgeht. Weil sie von Anfang an wahrscheinlich so eine Art Absicht hat, diese Liebe zu verfolgen, bei dieser Liebe zu bleiben.

Tatsächlich wird Nellie es letztlich mit Hilfe der Liebe wagen, in jenes Kleid zu schlüpfen, das schon lange auf einem Bügel in ihrem Schrank auf sie wartet. Es ist zugleich die Zukunft, in die sie schlüpft, um sich endlich von den lähmenden Gespenstern der Vergangenheit zu befreien. "Da hängt mein Kleid" ist daher nicht nur eine Entwicklungsgeschichte aus dem bittersüßen Geiste der Liebe. Hier kommt vielmehr auch die Liebe zu ihrem angestammten Recht: als schwerelose Schöpfungspassion aus dem Geiste des Leibes.

Hella Eckert
Da hängt mein Kleid
Luchterhand, 238 S., EUR 18,-

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