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StartseiteEssay und DiskursZur Amoralität des Finanzsystems23.06.2013

Ökonomie des glücklichen Lebens (2/3)Zur Amoralität des Finanzsystems

Die englische Wirtschaftswissenschaftlerin und Aktivistin Ann Pettifor im Gespräch

Wie sehen die Grundlagen einer dringend erforderlichen Wirtschaftsethik aus? Dieser Frage gehen Stefan Fuchs und die englische Wirtschaftswissenschaftlerin und Aktivistin Ann Pettifor nach. Pettifor ist Direktorin des Policy Research in Macroeconomics (PRIME) und engagiert sich für einen Schuldenerlass zugunsten der ärmsten Länder Afrikas.

Mit Stefan Fuchs

Wirtschaftswachstum - mehr, weniger oder anders. (picture alliance / dpa / Milena Boniek)
Wirtschaftswachstum - mehr, weniger oder anders. (picture alliance / dpa / Milena Boniek)

Stefan Fuchs: Ann Pettifor, die nunmehr seit fünf Jahren andauernde Krise führt es uns täglich vor Augen. Die Versprechungen eines demokratischen Kapitalismus, wie sie in der Nachkriegszeit als Ergebnis eines historischen Kompromisses zwischen Kapital und Arbeit aufblühten, diese Versprechungen wurden gebrochen. Die Kapitalseite hat den historischen Kompromiss weitgehend unbemerkt bereits in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einseitig aufgekündigt. Was für John Maynard Keynes undenkbar war, das Revival eines älteren, völlig entfesselten Kapitalismus, ist heute Realität. Eine von jeder Steuerung durch gesellschaftliche Ziele und Werte gereinigte, streng marktwirtschaftlich Logik gilt heute als Naturgesetz, politisch als "alternativlos". Welche Rolle haben die Standardmodelle der Wirtschaftswissenschaften in dieser Entwicklung gespielt?

Ann Pettifor: Die Ökonomen haben der Finanzindustrie einen großen Gefallen getan, indem sie deren Treiben einfach ignorierten. Vereinfachend kann man sagen, dass sie in ihrer großen Mehrheit die Rolle der Finanzindustrie in der Wirtschaft gar nicht verstanden haben. Für sie spielt das Geld im Wirtschaftssystem nur eine untergeordnete Rolle. Diese Ignoranz lässt sich bis auf Adam Smith und den Monetarismus zurückführen. Dort ist das Geld nur eine Ware unter anderen. Beiden erscheint es nur als eine Art Schleier, hinter dem das Entscheidende abläuft, der Austausch von Waren und Dienstleistungen. Die wirtschaftswissenschaftliche Orthodoxie und selbst die Postkeynesianer blenden die zentrale Rolle des Geldes aus.

John Maynard Keynes dagegen richtete sein Hauptaugenmerk auf die Währungspolitik und die Finanzindustrie. Sein Hauptwerk, die Allgemeine Theorie, beschäftigt sich mit dem Arbeitsmarkt und mit der Rolle von Zinsen und Geld. Zu seinen Lebzeiten hatte er große Probleme, den orthodoxen Vertretern seiner Disziplin die komplexe Natur des Geldes, des Kreditwesens und der Finanzindustriezu erklären. Sie konnten beispielsweise nicht begreifen, dass private Bankinstitute wie auch die Zentralbanken Geld wortwörtlich aus dem Nichts schöpfen.

Fuchs: Könnte man sagen, dass dieses Geheimnis der Geldschöpfung aus dem Nichts, ex nihilo, die dominierende soziale Seite der Wirtschaftswissenschaften sind, die sie ja immer zu verleugnen tendiert?

Pettifor: Geldschöpfung aus dem Nichts beruht ursprünglich auf Betrug und Täuschung. Wenn der Goldschmied vorgab, mehr Gold in seinen Tresoren zu haben, als tatsächlich der Fall war, wenn er mehr Schuldverschreibungen ausgab, als durch seine Goldvorräte gedeckt waren, war das eigentlich ein betrügerischer Akt. Er wurde von den Wirtschaftsakteuren akzeptiert, weil er den Austausch von Waren und Dienstleistungen erleichterte. Die Urteilskraft des Goldschmiedes bestimmte den Wert dieser Schuldverschreibungen, die als Währung zirkulierten und die Preisfindung für die Waren erleichterten. Das war eine große zivilisatorische Erfindung. Keynes hat uns gelehrt, dass durch dieses monetäre System sichergestellt wird, dass es grundsätzlich nie zu einem Mangel an Geldmitteln kommen kann. Die Herausforderung besteht darin, diese Geldschöpfung richtig einzusetzen. Die Finanzindustrie möchte leichtes Geld damit machen. Spekulation ist für sie das Mittel der Wahl. Keynes aber wollte dafür sorgen, dass damit produktive Investitionen getätigt werden, die Arbeitsplätze schaffen und die soziale Ungleichheit verringern können.

Pettifor: Sowohl auf der politischen Rechten wie auf der politischen Linken sieht man in dieser Geldschöpfung ex nihilo etwas Frevelhaftes. Wenn sie nicht reguliert wird, kann sie tatsächlich äußerst negative Folgen haben. Wenn ein Bankinstitut dieses Privileg nutzt, um auf den globalen Finanzmärkten damit zu spekulieren, schadet es damit der Gesellschaft. Aber die Geldschöpfung kann auch zum Gemeinwohl beitragen. Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Mit einem aufs Gemeinwohl ausgerichteten Finanzsystem könnten wir angemessen darauf reagieren. Ich arbeite in vielen Ländern in Afrika, die über kein funktionierendes Banksystem verfügen. Niemand hat eine Kreditkarte. Die Menschen tragen Dollarnoten in Plastiktüten herum. Wir können also über unser entwickeltes Finanzsystem in Europa glücklich sein. Leider ist es zur Beute einer schmalen Elite in der Finanzindustrie geworden.

Fuchs: Müsste diese Geldschöpfung nicht eine öffentliche Aufgabe sein, eine staatliche Aufgabe? Ist es nicht falsch, diese Geldschöpfung privaten Institutionen zu überlassen? Unternehmen, die das mit dem Ziel der Profitmaximierung machen?

Pettifor: Ich habe Bedenken, Politiker an die Hebel der Geldschöpfung zu lassen. Wenn das private Bankensystem zwischen der Zentralbank und dem Staat eine vermittelnde Rolle einnimmt und der Prozess der Geldschöpfung transparent abläuft, wirkt sich das positiv aus. Ich bin allerdings dagegen, diesen Prozess den privaten Geldinstituten zur Gewinnmaximierung zu überlassen. Keynes begrenzte die Möglichkeiten der Geldschöpfung britischer Banken. Er war darauf bedacht, einen Missbrauch zu verhindern. Er sprach sich für staatliche Bankengarantien aus unter der Bedingung, dass diese dem Staat Kredite zu Zinsen von maximal einem Prozent zur Verfügung stellten. Die Banken sollten eine kleine Kommission dafür einstreichen können, dass sie die Kreditrisiken berechneten. Gefährlich wird es, wenn sie den Preis einseitig festlegen und überzogene Gewinne einstreichen können. Für Keynes hatten die privaten Banken die Aufgabe, als Vermittler zwischen Zentralbank und Staat aufzutreten. Das war eine eng begrenzte Aufgabe, die nicht besonders einträglich war, und das auch nicht sein sollte.

Fuchs: Nichtsdestotrotz die politische Unabhängigkeit der Zentralbanken, auch der europäischen [...] ist heute eines der Elemente, die dazu tendieren, die demokratische Willensbildung in den Ländern auszuhebeln. Wie kann man dieses Dilemma auflösen? Denn auf der anderen Seite [...] will ja das Modell einer politisch motivierten Ökonomie die Ziele und die Werte, die den gesellschaftlichen Konsens darstellen, in die Finanzpolitik hineinbringen. Wenn da eine neutrale, politisch unabhängige Zentralbank tätig ist, dann bedeutet das ein Hindernis dafür. Wie kann man das auflösen?

Pettifor: Zunächst möchte ich die Neutralität der Zentralbanken in Frage stellen. Zentralbanken wurden historisch immer von Privatbanken gegründet, um als ihr Kreditgeber letzter Instanz zu wirken. Es gibt nur sehr wenige Zentralbanken, die tatsächlich unabhängig sind. Bei der Europäischen Zentralbank stehen die Interessen des privaten Bankensektors im Vordergrund. Sicher nicht die Interessen der Menschen in Europa. Die sogenannte politische Unabhängigkeit der EZB ist also nur die halbe Wahrheit. In den letzten 30 Jahren hat die Finanzindustrie die Kontrolle über die Zentralbanken errungen. Sie war sehr erfolgreich darin, staatliche Investitionen durch private Investitionen, staatliche Kredite durch private Kredite zu ersetzen. Und so müssen die Staaten heute das private Bankensystem für ihre Haushaltsfinanzierung in Anspruch nehmen. Die dominierende Rolle der Finanzindustrie bildete die Geschäftsgrundlage des europäischen Einigungsprozesses. Überall versucht die Finanzindustrie, den Staat aus dem Markt für soziale und öffentliche Güter zu drängen, damit sie die Preise festlegen und möglichst hohe Renditen erwirtschaften kann.

Pettifor: Wenn die Zentralbanken für das Wohl der Gemeinschaft und des Ökosystems arbeiteten, statt für die Interessen einer schmalen Elite von Kapitalgebern, könnten sie der Gesellschaft durchaus helfen, mit den gewaltigen Herausforderungen fertig zu werden, denen wir uns gegenübersehen. Den wichtigsten Beitrag, den sie leisten könnten, wäre das allgemeine Zinsniveau zu senken. Der Leitzins der EZB ist gegenwärtig sehr niedrig. Aber niemand, der in Europa ein kleines Unternehmen führt, kann von diesem niedrigen Leitzins profitieren. Im Gegenteil aufgrund der deflationären Tendenzen in der Eurozone steigen die realen Kosten für Kredite und haben inzwischen mancherorts bereits die Grenze zum Wucher überschritten. Das schädigt das Wirtschaftssystem und treibt Haushalte und Unternehmen in die Insolvenz. Eine Zentralbank, die zum Wohl der ganzen Gesellschaft arbeitet, muss die Zinsen in allen Bereichen der Kreditvergabe steuern. Dafür plädierte Keynes mit seiner Liquiditätspräferenztheorie, von der heute in der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft leider kaum mehr die Rede ist.

Pettifor: Er wollte, dass die Zentralbank nicht nur den Leitzins festlegt, sondern auch die Zinsen, zu denen Unternehmen und Haushalte Kredite aufnehmen. Die Mehrheit kleiner und mittlerer Unternehmen erreicht nicht mehr als 3 Prozent Rendite. Wenn dann höhere Zinsen zu zahlen sind, können die Schulden nicht zurückgezahlt werden. Hohe Zinsen zwingen zur erhöhten Ausbeutung der Arbeitskraft. Hohe Zinsen führen zu einem hohen Ressourcenverbrauch und schädigen das Ökosystem. Es gibt also wichtige moralische, wirtschaftliche und nicht zuletzt ökologische Gründe für niedrige Zinsen. Aber Zentralbanken sehen gegenwärtig ihre Aufgabe nicht darin, dieses niedrige Zinsniveau zum Wohle der Gesellschaft zu herzustellen. Sie handeln im Interesse des privaten Banksektors. Und die auch der EZB liegen vor allem die Privatbanken am Herzen.

Fuchs: Was müsste man [...] denn an politischen Reformen in der Institution der Zentralbanken also etwa der Europäischen Zentralbank einführen, damit sie diese politischen, ökologischen Ziele mit ins Blickfeld nimmt?

Pettifor: Ich bin mir nicht sicher, welche politischen Reformen wir im Einzelnen brauchen. Ich bin aber überzeugt, dass wir Aufklärung brauchen. Viel zu wenige wenige wissen, wie das System wirklich funktioniert. Die Finanzindustrie verschleiert bewusst die Mechanismen der Kapitalmärkte. Und sie ist darin außerordentlich erfolgreich. Vor der Krise von 2008 wusste beispielsweise kaum jemand, was quantitative Lockerung bedeutet. Dabei betreibt die Bank von England das seit 1684. Und die Finanzindustrie bemüht den Dämon der Inflation, um Ängste zu erzeugen. Wir werden politisch nur etwas verändern können, wenn eine wachsende Zahl von Menschen - und das heißt auch eine wachsende Zahl von Politikern - diese Dinge wirklich versteht. Solange die breite Öffentlichkeit in Unwissenheit gehalten wird, kann die Finanzindustrie machen, was sie will. Was mich beunruhigt, ist das nicht Gespenst der Inflation, das heute wieder beschworen wird und das man in Deutschland mit dem tragischen Untergang der Weimarer Republik assoziiert. Tatsächlich war die Hyperinflation im Deutschland der 20er-Jahre für einige der größten deutschen Industriellen von großem Vorteil. Sie hatten in der Zeit des Ersten Weltkriegs hohe Schulden angehäuft. Die Hyperinflation befreite sie praktisch über Nacht davon. Sie war also im Interesse einiger Wirtschaftskreise, und ich glaube nicht, dass sie ganz zufällig auftrat. Es war nicht die Inflation, die Hitler an die Macht brachte. Es war die Austeritätspolitik des Kanzlers Brüning, die zum rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit führte. Hinzu kam der freie Kapitalverkehr, sodass Industrielle wie Hugo Stinnes ihr Kapital in Sicherheit bringen und im Ausland damit spekulieren konnten. Das begünstigte den Aufstieg Hitlers. Die geschichtliche Erfahrung sollte uns lehren, dass Austerität für Europa gegenwärtig eine große Gefahr darstellt.

Fuchs: Könnte man die Vermutung äußern, dass die deutsche Obsession mit der Inflation nicht nur mit dem historischen Erlebnis der Hyperinflation in den Zwanzigern zu tun hat, sondern auch mit der Tatsache, dass Deutschland eine Rentnernation ist? Dass die Bevölkerung altert, der Anteil der Älteren ständig steigt?

Pettifor: Natürlich sollten Preise stabil sein. Inflation hat negative Auswirkungen für diejenigen, die von ihren Renten lebenden müssen. Ihre Einkommen werden durch die Inflation geschmälert. Aber auch Rentner profitieren von einer wachsenden Wirtschaft. Es ist in ihrem wohlverstandenem Interesse, dass die Jüngeren Arbeit finden. Deshalb ist es so wichtig, dass die Zentralbanken und die Politik das Finanzsystem im Interesse der Mehrheit steuern. Gleichzeitig gibt es bereits eine galoppierende Inflation. Allerdings keine Inflation der Löhne und Verbraucherpreise. Die gegenwärtige Inflation betrifft Vermögenswerte, Immobilien, Aktien, Rennpferde, Kunstwerke, Luxusautos. Hier steigen weltweit die Preise. Zentralbanken und die Politik ignorieren diese Blasenbildung bei den Vermögenswerten.

Pettifor: Wir leben also in einer zweigeteilten Welt, in der Verbraucherpreise und Löhne sinken, die Reichen aber gleichzeitig ihren Reichtum durch den rapiden Wertzuwachs ihrer Vermögen mehren können. Hier in London kann man das sehr gut beobachten. Nicht nur die russischen Oligarchen kommen hierher, auch die Neureichen aus den Golfstaaten und den Schwellenländern. Die Hälfte aller Immobilien mit einem Wert von über zwei Millionen Pfund wird ihnen aufgekauft, nicht selten mit Kapital, das sich der Steuerpflicht in ihren Urspungsländern entzogen hat. Es ist schizophren. Wir schließen die Augen vor den steigenden Preisen der Vermögenswerte, von denen die Reichen profitieren, während wir mit ungeheurer Gründlichkeit den Anstieg von Löhnen und Verbraucherpreisen zu unterbinden suchen.

Fuchs: Mit Ihrer Jubilee 2000 Organisation haben Sie einen substanziellen Schuldenschnitt für die ärmsten Länder erreicht. Jetzt scheint es, dass in den entwickelten Ländern die Schuldenlast ebenfalls kritische Höhen erreicht hat, sodass die Rückzahlung zu einer sozialen Verelendung weiter Teile der Bevölkerung führen würde. Brauchen wir jetzt nicht auch einen substanziellen Schuldenschnitt hier in Europa? Sollten sich die Demokratien nicht weigern, Schulden zurückzuzahlen, die vor allem aufgrund von Steuerverweigerung der wirtschaftlich dominanten Marktakteure entstanden sind, oder durch die Rolle des Staates als ständiger Reparaturbetrieb des neoliberalen Wirtschaftens und der dadurch entstandenen Schäden?

Pettifor: Ich habe mich mit der Staatsverschuldung in den ärmsten Ländern beschäftigt, weil die Deregulierung des globalen Finanzsystems dazu geführt hatte, dass diesen Entwicklungsländern riesige Schuldenberge aufgebürdet wurden. Sie haben diese Kredite aufgenommen, weil sie von dauernd niedrigen Zinsraten ausgegangen sind. Ich habe an der äußersten Peripherie der Weltwirtschaft in den am wenigsten entwickelten Ländern gearbeitet und konnte beobachten, wie dieses Problem vom Rand des globalen Kapitalismus ausgehend allmählich das Zentrum erreichte und schließlich die Eurozone erfasste. Auf der mikroökonomischen Ebene ist das Insolvenzrecht eine wichtige zivilisatorische Errungenschaft. Im 19. Jahrhundert beschreibt Charles Dickens das Marshalsea-Gefängnis, wo man jahrhundertelang zahlungsunfähige Schuldner eingesperrt hat. Heute hat man verstanden, dass es selbst aus der Perspektive der Gläubiger keinen Sinn macht, jemanden im Gefängnis schmachten zu lassen. Das Insolvenzrecht geht davon aus, dass unbezahlbare Schulden auch durch ein Fehlverhalten der Gläubiger entstehen. Auch sie müssen deshalb Verluste akzeptieren.

Pettifor: Leider gibt es kein Insolvenzrecht auf der Ebene von Staaten. Als Länder wie Sambia nicht mehr in der Lage waren, ihre Schulden zu bedienen, wurden sie buchstäblich den Gläubigern besetzt. Sie beuteten alle Ressourcen aus, über die diese Länder verfügen, obwohl die Schulden zu diesem Zeitpunkt nur noch aus Zins und Zinseszins bestanden und die ursprünglich geliehene Summe längst zurückgezahlt war. Mit Professor Kunibert Raffer von der Universität Wien arbeiten wir seit Langem am Entwurf für ein internationales Insolvenzrecht. Leider gibt es das immer noch nicht. Der Internationale Währungsfond agiert als eine Art transnationaler Gerichtsvollzieher und zwingt die Schuldnerländer zu Strukturanpassungsprogrammen. Diese haben nicht die Verbesserung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit im Blick, sondern ausschließlich das kurzfristige Interesse der Gläubiger das geliehene Kapital plus Zinsen einzutreiben. Das heißt, genauso wie wir heute niemanden mehr in den Schuldenturm werfen, sollten wir auch Länder wie Griechenland nicht in ein finanzielles und soziales Schuldengefängnis sperren, das sehr dem ähnelt, was Schuldner im viktorianischen England zu erleiden hatten. Das ist der moralische Aspekt. Aber es gibt auch einen wichtigen wirtschaftlichen Grund. Wenn man den Schuldner aus dem Gefängnis befreit, kann er wieder arbeiten und nimmt wieder am Wirtschaftsprorzess teil. Wenn man Griechenland helfen würde, seine Wirtschaftskraft nachhaltig zu entwickeln, würde dort auch wieder Nachfrage nach deutschen Gütern und Dienstleistungen entstehen. Stattdessen treiben wir Griechenland in eine Sackgasse. Das ist für mich unmoralisch und zugleich wirtschaftlich kurzsichtig.

Fuchs: Im Augenblick ist die Europäische Union, sind die Institutionen der Europäischen Union und der Eurozone, Institutionen, die diese reine Marktlogik vertreten, die darauf bestehen, dass es wirtschaftliche Naturgesetze gibt, die man nicht umkehren kann. Das hat zu Folge, dass die Politik ausgehebelt wird, die Demokratie ausgehöhlt wird. Es gibt technokratische Regierungen, die gewählte Regierungen ersetzen. Es gibt diese Zentralbank, die im Dienste der Finanzmärkte agiert. Was muss geschehen, damit sich das verändern kann, damit wir wieder zurückkehren können zu diesem Modell des demokratischen Kapitalismus der 50er und 60er Jahre?

Pettifor: Keiner der Vertreter der Troika, die gegenwärtig die Problemländer an der Peripherie der Eurozone aufsucht, wurde gewählt. In ihrer Mehrheit sind es Technokraten. Es muss die Menschen in Europa beunruhigen, dass die demokratischen Institutionen ihre Interessen nicht mehr wahrnehmen, dass sie von ferngesteuerten Technokraten regiert werden, die niemandem Rechenschaft schuldig sind und ihre Entscheidungen hinter verschlossenen Türen fällen. In Griechenland kann man beobachten, dass immer mehr Menschen an der Demokratie zweifeln. Wenn man die Demokratie auf diese Weise aushebelt, muss man sich nicht wundern, dass die Suche nach dem starken Mann beginnt, der verspricht im Interesse der Mehrheit zu handeln. Die Zahl der Arbeitslosen in Spanien ist gesellschaftlich völlig unakzeptabel. Es würde mich nicht wundern, wenn auch dort populistische Bewegungen auf der äußersten Rechten entstünden. Die Aushöhlung unserer demokratischen Institutionen und der Transfer von Macht an Institutionen, die absolut niemandem Rechenschaft schulden, lassen die Zukunft Europas in einem sehr düsteren Licht erscheinen. Den Politikern ist heute die Zustimmung der Finanzmärkte wichtiger als die Stimme ihrer Wähler. Aber gegenwärtig scheinen wir orientierungslos, völlig blind für das, was da geschieht.

Fuchs: Das Problem ist vielleicht doch, dass diese Demokratie, diese demokratische Regulierung auf einer transnationalen, zumindest mal auf dieser europäischen Basis funktionieren muss.

Pettifor: Das war das Ziel, das Keynes nach dem Krieg verfolgte. Er wollte den Staaten politische Autonomie geben, damit sie über ihre nationale Wirtschaftspolitik entscheiden konnten. Aber er wollte auch die Möglichkeit einer Koordinierung unterschiedlicher nationaler Politiken. Ganz besonders im Bereich der Kapitalmärkte. Die Bankenvertreter lehnten das ab. Sie bestanden auf einer bedingungslosen Liberalisierung der Kapitalmärkte. Ein Konflikt, der lange unentschieden blieb. In der Zeit von 1945 bis Ende der 60er Jahre gab es Beschränkungen im Kapitalverkehr und eine internationale wirtschaftliche Koordinierung.

Pettifor: In den volkswirtschaftlichen Lehrbüchern wird diese Periode als "Goldenes Zeitalter" bezeichnet, weil Vollbeschäftigung und Stabilität vorherrschten. Erst die Deregulierung in den 70ern hat uns das heutige Dilemma gebracht. Nur Europa als Ganzes hat eine Chance gegen die Partikularinteressen der Finanzmärkte. Wir brauchen durchaus eine Abstimmung auf der europäischen Ebene, aber sie darf nicht wie bisher einseitig die Interessen der Finanzindustrie vertreten. Die Banken müssen einer Kontrolle unterworfen werden, und die Demokratie muss sich durchsetzen, damit ein neues "Goldenes Zeitalter" möglich wird, eine Ökonomie zum Wohle der Mehrheit in Europa. Das geht nur durch eine transnationale, demokratisch legitimierte Kontrolle der Finanzmärkte. Wenn wir zulassen, dass diese in einer Art Standortwettbewerb die europäischen Völker gegeneinander ausspielen, wird sich die Spaltung noch vertiefen. Die Feindschaften zwischen den Völkern werden zurückkehren, die durch den europäischen Einigungsprozess überwunden werden sollten. Europa bewirkt heute das genaue Gegenteil, weil wir den Geldverleihern das Spielfeld überlassen haben.

Fuchs: Ist das Hauptproblem, warum diese […] politisch einseitige Ausrichtung der Wirtschaft funktionieren kann, warum sie politisch transportierbar wird, diese Fiktion eines Naturgesetzes von Wirtschaft, […], während doch in Wirklichkeit in all diesen Begriffen von der Effizienz über die Rationalität des Marktes bis hin zu der Frage, wie viel Verschuldung […] ist möglich, überall moralische Vorstellungen, moralische Werturteile eine Rolle spielen?

Pettifor: Zweifellos liegen allen ökonomischen Theorien uneingestandene Werturteile zugrunde. Ich plädiere für ökonomische Theorien, die auf den Werten der Gerechtigkeit und Gleichberechtigung beruhen. Theorien wie die von Mrs. Thatcher dagegen gehen von der Raffgier als einem angeblich natürlichen menschlichen Verhalten aus, beinhalten, dass wir alle Egoisten sind, denen die anderen gleichgültig sind. Das sind die Vorstellungen, die die orthodoxe Wirtschaftstheorie beherrschen.

Fuchs: Wäre es nicht die moralische Pflicht der Wirtschaftswissenschaften, diese ethischen Grundurteile, Vorurteile sich bewusst zu machen? Ist das nicht die erkenntnistheoretische Leistung, die die Wirtschaftswissenschaften zu erbringen haben?

Pettifor: Deshalb glaube ich auch, dass die Wirtschaftswissenschaften die notwendige Begrenztheit wirtschaftlichen Wachstums in ihre Überlegungen einbeziehen müssen. Wir können nicht davon ausgehen, dass die Erde ein exponentielles Wachstum ohne irreparable Schäden verträgt. Ich wünschte, dass mehr Wirtschaftswissenschaftler statt des sturen Pochens auf ökonomische Effizienz um jeden Preis einen ökologischen Umbau der Wirtschaft zu ihrem Ziel erklärten. Und warum sollten nicht auch die Werte des Christentums oder des Islams einbezogen werden. Beide Glaubensgemeinschaften sind übrigens vehemente Gegner des Zinswuchers. Unglücklicherweise wird die vorherrschende Wirtschaftswissenschaft von einer ganz anderen Art der Ethik geleitet. Wir sollten als Gesellschaft darauf bestehen, dass unsere wirtschaftlichen Modelle sich ethischen Orientierungen öffnen, anstatt immer nur auf die niedrigeren Triebe der menschlichen Natur zu bauen.

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