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ÖkonomiePolitik des Sparens

Der Widerstand diverser europäischer Länder gegen jene Austeritätspolitik, die besonders Angela Merkel von hilfebedürftigen Mitgliedsstaaten einfordert, wächst. Und die Politik der Austerität wird durchaus auch von Experten kritisch gesehen.

Von Michael Braun

Sparen und Reformen erzwingen. Oder Schulden machen und Reformen versprechen: Welcher Weg aus der Krise führt, ist nicht nur unter Europas Politikern umstritten, sondern auch unter Ökonomen. Zwei Kenner der politischen Ökonomie legen in ihren jeweiligen Büchern jetzt dar, warum die Austeritätspolitik, also die strenge Haushaltsdisziplin, aus ihrer Sicht falsch ist: der in St. Gallen lehrende Deutsche Florian Schui und der gebürtige Schotte Mark Blyth, der an der Brown University in Providence Rhode Island Internationale Politische Ökonomie lehrt. Beide halten nichts von dem, was über den Maastrichter Vertrag und den Stabilitätspakt in die europäische Wirtschaftspolitik einfließt, ja, sie ihrem Eindruck nach bestimmt. Der Wirtschaftshistoriker Florian Schui schreibt, Austerität sei ...

"... in ihrer heutigen Form schlicht ein großer Fehlschlag."

Und Mark Blyth resümiert in einer Sprache, die hörbar über den akademischen Diskurs hinausgeht:

"Austerität hat als Wirtschaftspolitik so viel zur Verbreitung von Frieden und Wohlstand oder zur Schuldenreduzierung beigetragen wie mongolische Reiterhorden zum olympischen Dressurreiten."

So ironisch, so witzig geht es häufig zu im Buch, das zuweilen in Ich-Form geschrieben ist. Blyth kann präzise formulieren. Eine zentrale These: Was gut für einen Haushalt, eine Firma, vielleicht sogar für einen Staat sei, werde zum Desaster, wenn alle es machten.

"What's good for anyone household or firm or even state is a disaster if we all try it at once."

Auf den 350 Seiten des Buches geht es natürlich etwas differenzierter zu. Renditekurven und Kursverläufe unterstützen den wissenschaftlichen Anspruch. Blyth schaut in die Ideengeschichte, die Austerität als Heilmittel für wankende Staaten hervorgebracht hat, auf Adam Smith, auf Friedrich Hayek, auf den großen Gegner John Maynard Keynes. Der Autor bezieht das alles aber eng auf die politisch-ökonomische Wirklichkeit vor allem in Europa. Florian Schui argumentiert stärker aus der europäischen Kulturgeschichte heraus. Er befasst den Leser mit den aristotelischen Bemühungen um gesellschaftliche Stabilität, für die der Konsum gefährlich werden könne. Er verweist auf das konsumferne Leben in Einfachheit, das Jesus vorlebte, und der voraussagte, eher gehe ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein Reicher in den Himmel komme. Auch "grünes Denken", den Planeten mit den Bedürfnissen der auf ihm lebenden Menschen nicht zu überfordern, sei, so Schui, "Bestandteil einer langen Tradition der Konsumkritik". Deren das Denken formende Kraft habe er sich selbst und seinen Lesern einmal bewusst machen wollen:

"Das war also wirkliche Neugier. Und das andere ist eigentlich, die Beteiligten an dieser Debatte einzuladen, mal einen Schritt zurückzumachen und zu schauen, auf welcher Grundlage argumentiere ich eigentlich? Warum bin ich eigentlich fürs Sparen? Ist das aus ökonomischen Gründen? Ist das eine tief verwurzelte Vorstellung, die aus meinem Überich an mich herangetragen wird, aus kindlichen Erlebnissen? Ich glaube nur, dass man sich im Klaren sein sollte jeweils, aus welcher Perspektive man in jedem Moment kommentiert."

Natürlich wurde dieser kulturelle Boden zuweilen erschüttert. Dort etwa, wo Mönche Wasser predigten, aber Wein soffen. Oder er wurde bewusst infrage gestellt: Als neue Kontinente entdeckt wurden und der Import von Seide aus China und Gold aus Südamerika im 17. und 18. Jahrhundert dazu führte, dass Konsum nicht mehr unter moralischen Gesichtspunkten verpönt, sondern unter ökonomischen Aspekten gelebt, gesehen und bewertet wurde. Man erkannte, dass die Ausgaben des Einen die Einnahmen des Anderen seien. Konsum schaffe also Wachstum. Und wo nicht konsumiert, sondern gespart werde, formulierte später John Maynard Keynes, bleibe das Wachstum auf der Strecke. Wenn nicht mehr. Kein Wunder, dass beide Autoren, wo sie nun mal dasselbe Thema behandeln, auch die gleiche Literatur benutzen. Sie zitieren ein wichtiges Argument einer keynesianischen Kollegin, ein Argument, das Hitlers Autobahnbau und Aufrüstungspolitik aufnimmt und damit - abseits aller Moral - die ökonomische Wirkung einer solchen staatlichen Ausgabenpolitik beschreibt:

"Hitler hatte bereits eine Lösung für die Arbeitslosigkeit gefunden, bevor Keynes erklären konnte, weshalb sie überhaupt existierte."

Natürlich fällt es schwer, diese konkrete Anwendung staatlicher Ausgabenpolitik nicht moralisch zu betrachten: Die Autoren weisen auch darauf hin, dass diese Politik "für den zerstörerischsten Krieg der Weltgeschichte" eingesetzt wurde. Aber eben - rein ökonomisch gesehen - doch zum Abbau der Arbeitslosigkeit geführt habe. Sie funktioniert also, die Ausgabenpolitik, die den Konsum nicht verteufelt und nicht klein hält, postulieren Blyth und Schui. Beide sehen natürlich, dass das Geld auch irgendwo herkommen muss. Da plädieren sie für eine Umverteilung von oben nach unten. Dies gelte zumal in der europäischen Krise, wo die Staatsverschuldung ja nicht durch staatliche Ausgabenlust entstanden sei, sondern durch die Rettung von Banken. Was das bedeute, hat Blyth recherchiert:

"Wenn Regierungen Banken retten, dann retten sie damit die Vermögenswerte und Einkommen der Top-30-Prozent der Einkommensverteilung."

Zudem hätten die Sparauflagen etwa für Griechenland zwar nicht den Schuldenstand reduziert, wohl aber schwerwiegende Folgen gehabt, schreibt Blyth:

"Um nur ein Beispiel aus dem Gesundheitswesen zu nennen: Seit Beginn der Krise wurden Kürzungen von 25 Prozent bei der Finanzierung von Krankenhäusern und der Primärversorgung vorgenommen, was wiederum in einer 32-fachen Erhöhung der HIV-Infektionen von 2009 bis 2013 resultierte."

Blyth sagt daher deutlich, was aus der - seiner Darlegung nach - gescheiterten Sparpolitik zu folgern sei: Höhere Steuern für Spitzenverdiener, um die öffentliche Bankenrettung auszugleichen. Der Wirtschaftshistoriker Schui kommt aus seiner Profession zum ähnlichen Ergebnis, sieht die Ökonomie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts sich als moralische Wissenschaft entwickeln. Die Wirtschaft solle dann vor allem vier wichtige Freiheiten sichern, die Rede- und Glaubensfreiheit, dazu die darüber hinausgehenden Werte der Freiheit von Not und Angst.

"Wenn man die vier Freiheiten als Ziele der Gesellschaft akzeptiert, ist die wichtigste wirtschaftliche Konsequenz eine Einkommensumverteilung mit mehr Gleichheit."

Die beiden argumentieren plausibel: Das Postulat der Sparsamkeit ist - zumal in Deutschland - vielen Menschen, auch dem Rezensenten, so eingeimpft worden, dass die Loslösung davon schwerfällt. Schui lässt Keynes immerhin auftreten mit der Meinung, der Boom verlange nach Austerität, nicht die Krise. Und Blyth lässt zwar keine Sympathie für Hayek'sche Schlussfolgerungen erkennen, wohl aber für die Analyse der österreichischen Theorie, wenn er zugesteht, eine große Menge billigen Zentralbankgeldes habe in den 2000er-Jahren zu Vermögensblasen geführt, die den Zentralbanken dann, so wörtlich, "um die Ohren flogen". Solches Labsal für die konservative Seele muss man allerdings mit der Lupe suchen. Klar: Blyth und Schui wollen davon nicht mehr anrichten. Sie wollen die Denkwurzeln der Leser bloßlegen. Auch wenn es schmerzt: Das machen sie gut, weil beide Autoren schön durch die Geistesgeschichte führen.

Besprochene Bücher:

Florian Schui: Austerität. Politik der Sparsamkeit. Die kurze Geschichte eines großen Fehlers (Übersetzung: Ingrid Proß-Gill),
Karl Blessing Verlag, 256 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-896-67533-0

Mark Blyth: Wie Europa sich kaputtspart. Die gescheiterte Idee der Austeritätspolitik (Übersetzung: Boris Vormann), Dietz Verlag, 352 Seiten, 26 Euro
ISBN: 978-3-801-20457-0

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