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StartseiteInterview"Offshorewind ist teurer als Wind am Binnenland"25.08.2012

"Offshorewind ist teurer als Wind am Binnenland"

Experte: Offshorewindkraft könnte Milliardengrab werden

"Dass die Politik sehr intensiv in Offshorewindenergie investieren will, klingt verlockend", sagt Gerd Billen vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Aber Deutschland brauche deutlich weniger Offshorewindenergie als geplant.

Windräder und die Umspannstation des Offshore-Windparks "alpha ventus" in der Nordsee. (AP)
Windräder und die Umspannstation des Offshore-Windparks "alpha ventus" in der Nordsee. (AP)

Jürgen Zurheide: Geahnt haben wir es ja schon immer, aber jetzt wissen wir es. Denn wenn die Studie das hält, was sie verspricht – es gibt eine Studie, und die sagt, die Stromkunden zahlen zu viel. Und der Gewinner sind natürlich, wie immer, die großen Konzerne. Über all das wollen wir jetzt sprechen. Dazu begrüße ich hier Gerd Billen vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Zunächst mal schönen guten Morgen, Herr Billen.

Gerd Billen: Ja, guten Morgen.

Zurheide: Herr Billen, zahlen wir alle zu viel, wir persönlichen, wir privaten Verbraucher?

Billen: Ja, wir hatten eine Entwicklung in den letzten Jahren, dass vor allem stromintensive Unternehmen subventioniert wurden, während die privaten Haushalte ständig steigende Strompreise hatten. Da hat die Studie recht.

Zurheide: Auf der anderen Seite, ich will da jetzt nicht gegenhalten, nur ich will es mal einordnen. Wenn man das zumindest richtig liest, dann ist es so, dass bei einem Durchschnittsverbrauch von 3500 Kilowatt, so heißt es immer, zahlen wir 900 Euro, davon sind 31 Euro, die sozusagen die Industrie subventionieren, und 125 Euro, die die erneuerbaren Energien subventionieren. Wenn ich das jetzt in Relation setze, sage ich, kann man das eine nicht sehen, ohne das andere nicht auch zu bewerten, oder?

Billen: Nein, die Strompreiserhöhung der letzten Jahre hat verschiedene Ursachen. Wir hatten ja vor circa zehn Jahren eine Liberalisierung im Strommarkt, da sind die Strompreise zunächst auch gesunken. Wir haben uns neue Anbieter gesucht, und durch Netzausbau, teilweise auch durch erneuerbare Energien, aber die haben in der Vergangenheit noch keinen so entscheidenden Beitrag gespielt, da gehen die Strompreise in die Höhe. Man hatte sich eigentlich mehr von der Liberalisierung versprochen. Nicht nur mehr Wettbewerb, sondern auch niedrigere Preise. Und das können wir nur teilweise am Markt feststellen.

Zurheide: Was läuft denn da schief? Funktioniert der Markt nicht oder sind die Verbraucher mit ihrem Verhalten nicht so, wie sie es eigentlich sein sollten?

Billen: Wir haben nach wie vor in Deutschland vier große Unternehmen, die fast 80 Prozent des Stroms herstellen, also eine Oligopolstruktur. Und das ist eine Einschränkung für den Wettbewerb. Wir haben aber auch teilweise Verbraucher, die ihre Möglichkeit nicht nutzen. Wer heute den Stromanbieter wechselt, kann immer noch auch für einen Drei- bis Vier-Personen-Haushalt im Jahr 100, 150 Euro sparen. Also es gibt auch eine gewisse Trägheit sozusagen, sich mit dem Thema Strompreis dann im Haus intensiv zu befassen.

Zurheide: Gerade als Verbraucherschützer müssten Sie da ja auf die Barrikaden gehen. Was ist denn der Tipp? Also, wir werden gleich noch ein bisschen politisch diskutieren. Aber was ist denn der Tipp für die Verbraucher? Hingucken, wechseln?

Billen: Also wechseln lohnt heute fast in den meisten Städten immer noch. Fast 30, 40 Prozent von uns sind im sogenannten Grundtarif. Das ist der Tarif, in dem landet man, wenn man gar nichts macht. Also, ich kann nur jedem empfehlen, auf so ein Stromvergleichsportal zu gehen, mal zu sehen, gibt es andere Anbieter im Ort. Und wenn man wechseln will, dann darauf zu achten, dass man möglichst keinen Anbieter wählt, der nur gegen Vorkasse arbeitet. Also man muss da ein bisschen gucken, dass man einen seriösen Anbieter findet. Aber da gibt es sehr viele in Deutschland.

Zurheide: Was ist denn zum Beispiel mit den Stadtwerken, die werben ja immer damit, dass sie besonderen regionalen Bezug haben. Kann man da sicherer sein als bei den vier großen, die Sie vorhin angesprochen haben, oder muss man auch da scharf hinschauen?

Billen: Auch da muss man hinschauen, weil ja nicht alle Stadtwerke ihren Strom tatsächlich erzeugen, sondern auch bei den Großen einkaufen. Es gibt da Preisunterschiede, und von daher sollte man da immer auch hingucken. Wir sehen aber: Wie es Verbraucher gibt, denen das Thema Öko besonders wichtig ist, gibt es auch Verbraucher, die sagen, wenn ich schon bezahle, vielleicht auch zu viel, dann ist es besser, das Geld bleibt in der Region, als dass es in andere Ecken geht. Also insofern findet man bei diesen Anbietern, bei diesen Portalen heute viele Möglichkeiten, nach seinen eigenen Schwerpunkten sich einen Stromanbieter auszusuchen.

Zurheide: Das ist das eine. Nur hören wir jetzt von Bundesumweltministern, dass die Strompreise im Kern weiter steigen werden, und da wird natürlich immer die Energiewende als Grund dafür herangezogen. Ist diese Analyse richtig oder bereitet der Umweltminister damit das Feld für die Großkonzerne, dass sie noch mehr Profite machen.

Billen: Er bereitet das Feld vor. Also statt das, was er tun kann, um für stabile Preise zu sorgen, macht er sich zum Ankündigungsminister für höhere Strompreise. Das finde ich schon etwas seltsam. Natürlich kostet der Aufbau erneuerbarer Energien Geld. Wir müssen in Netze investieren, in Speichertechnologien, das ist unbestritten. Aber es gäbe doch Möglichkeiten, durch Gegensteuern dafür zu sorgen, dass beispielsweise die günstigeren Alternativenergien stärker gefördert werden als die sehr teuren. Also insofern sollte der Umweltminister seinen Job tun und dafür sorgen, dass wir einen besseren Mix aus günstigeren Energien kriegen. Und die Integration der Erneuerbaren in das System, in das Stromsystem insgesamt hergestellt wird.

Zurheide: Mit günstigeren meinen Sie welche? Also was sollte er konkret fördern, und wo sollte man dann weniger tun? Zum Beispiel solar, wo alle sagen, es ist recht teuer in Deutschland, und wird auch teuer bleiben?

Billen: Wir haben im Moment einen großen Konflikt, dass die Politik sehr intensiv investieren will in Offshorewindenergie, also Windparks in der Nordsee. Das klingt auf den ersten Blick verlockend, nach dem Motto, da stören die Windräder keinen, der Wind ist häufig da. Aber Offshorewind ist um ein Vielfaches teurer als Wind am Binnenland. Und wenn ich mir ansehe, welche Pläne die 16 Bundesländer haben, da sind ganz viele, die wollen viel Windenergie in den nächsten Jahren aufstellen, glaube ich, dass wir weniger Offshore brauchen. Und hier könnte er besser und koordinierend tätig werden, damit Offshorewind nicht ein Milliardengrab wird, weil viel von dem Wind am Ende nicht gebraucht wird.

Zurheide: Und wir haben im Moment nicht die Leitungen. Das ist das andere Problem. Mit Ihrem Vorschlag, also mehr dezentral, würden wir dann auch weniger Leitungen brauchen, und wir alle wissen, das ist schwierig, die durchzusetzen, geschweige denn, sie rasch durchzusetzen.

Billen: Es zeigt sich jetzt, dass es zwar richtig war, ganz schnell einen Beschluss zur Energiewende herbeizuführen, den wir auch unterstützen, aber man braucht mehr Zeit, genau zu überlegen, welche Energie ist an welcher Stelle wirklich sinnvoll. Wie schnell habe ich die Leitung da hingebaut und wie kann ich dafür sorgen, dass dann, wenn die Sonne scheint, wir viel Fotovoltaik haben, wenn der Wind weht – wie kann ich das integrieren mit Zeiten, in denen ich doch vielleicht auf Gaskraftwerke oder sogar im Moment auch noch auf Kohlekraftwerke setzen muss. Also diese Netzintegration, das ist ein ganz wichtiges Thema, damit wir nicht in eine Entwicklung laufen, dass wir schnell viel Sonnenenergie, Windenergie nutzen, aber das nicht mit der Nachfrage übereinstimmt. Und der Strom wird ja gemacht, damit wir ihn und die Unternehmen am Ende brauchen, und das muss zusammengeführt werden.

Zurheide: Es braucht also eine Art Masterplan, nur: Kann dieser Masterplan von oben nach unten gehen oder muss er von unten nach oben gehen. Denn was Sie ansprechen, bedeutet ja auch, dass die regionalen Besonderheiten offensichtlich eine große Rolle spielen. Dass man es eben nicht von der Nordsee aus regeln kann.

Billen: Ich muss von oben festlegen, wer kann welchen Beitrag leisten. Welches Bundesland sollte und kann Strom exportieren? Wo kann ich zentral neue Speichertechnologien fördern? Das sind Dinge, die ich zentral kann. Dezentral kann ich sehr viel machen, indem ich mir anschaue in der Region, kann ich aus Windenergie auf dem Land auch Wasserstoff herstellen durch Stromumwandlung in Wasserstoff. Dezentral ist es vor allem der Bereich, wenn es um Gebäudesanierung, um den Wärmemarkt geht, da haben die Gemeinden die entscheidende Rolle. Da kann der Herr Altmeier auch nicht viel tun, sondern da ist ganz viel gefragt in den Gemeinden. Deswegen ist es ja so wichtig, dass die wichtigste Energie, die die Energiewende freigesetzt hat, und das ist die Energie der Bürgerinnen und Bürger, jetzt auch sozusagen an den richtigen Stellen ansetzen kann und wir nicht zu viel Geld an falschen Stellen verbrennen.

Zurheide: Letzte Frage: Wo kann man sich am besten informieren? Welches Portal empfehlen Sie? Natürlich die Verbraucherzentrale, oder gibt es auch andere?

Billen: Nein, es gibt eine ganze Reihe von Portalen. Eines ist Verivox, die Stiftung Warentest hat verschiedene Portale untersucht, und Verivox hat da sehr gut abgeschnitten. Um sich über Stromanbieter, Gasanbieter und andere Energieträger zu informieren und auch das zu tun, was man tun kann, um zu wechseln.

Zurheide: Das war der Tipp von Gerd Billen, dem Vorsitzenden der Verbraucherzentrale Bundesverband zu der Frage: Hohe Energiepreise, ja oder nein, und wo man es günstiger kriegt. Herr Billen, herzlichen Dank für das Gespräch. Wiederhören!

Billen: Gerne. Wiederhören!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Weitere Infos:

Verbraucherzentrale Bundesverband
Verivox

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