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Seit 01:00 Uhr Nachrichten
StartseiteCorso"Ohne Fleiß kein Reis"12.06.2012

"Ohne Fleiß kein Reis"

Wie der koreanisch-stämmige Martin Hyun ein guter Deutscher wurde

Martin Hyun hat koreanische Wurzeln. Bei der viel beschworenen Integration geben sein koreanisches Aussehen und seinen exotischen Nachnamen oft Anlass für Diskriminierung. Aber anders als die meisten "höflichen" Asiaten, wehrt er sich lautstark. Mit "Ohne Fleiß kein Reis - wie ich ein guter Deutscher wurde" erscheint sein neues Buch zum Thema.

Von Bettina Ritter

Die Deutschen wissen von den Koreanern nur eins sicher, dass sie Hunde essen.

Das schreibt Wladimir Kaminer in einem seiner Bücher.

Mein Bekannter Martin, ein in Deutschland geborener Koreaner, kann sehr gut Geschichten über solche Klischees erzählen. Seinen Kindertraum, ein Tierarzt zu werden, musste Martin an den Nagel hängen. Kein Deutscher würde seinen Lieblingshund einem Koreaner anvertrauen.

Das ist nur eines von vielen Vorurteilen, mit denen Martin Hyun häufig konfrontiert wird. Dabei haben er und seine Freundin selbst eine Collie-Hündin.

"Ich würde mich freuen, wenn ich mal eine Kampagne machen könnte für Fressnapf oder mich ausziehen für PETA, das würde ich gern für Hunde machen. Ich wär da sehr offen. Leider ist da noch keiner auf mich zugekommen von einem Hundemagazin oder so."

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Dieses Motto ist für Martin Hyun zum Schutzschild gegen die regelmäßigen Diskriminierungen geworden. Und davon gibt es Unzählige: wenn ihn das Flughafen-Personal beim Check-in extra kritisch mustert. Oder wenn er während eines Praktikums im Bundestag ohne Begründung angehalten und für einen Terroristen gehalten wird.

"Die Frau hat wahrscheinlich gedacht, dass ich irgendwie von so nem kleinen Fenster rein gekrochen bin wie so ein Ninja oder so, und dann habe ich gesagt: Wissen Sie, es ist halt schwer, mit so nem Bombengürtel durch den Haupteingang zu kommen. Ich war auch sauer, aber man muss es immer mit Humor nehmen."

Ein Humor, der oft ins Sarkastische kippt. Kein Wunder, denn lustig sind die Vorfälle nie. In der Schule war für denn heute 33-Jährigen noch alles gut. Doch dann kam die Wende: Rostock-Lichtenhagen und die brennenden Asylantenheime 1992.

"Dieser unglaubliche Hass auf fremde Leute, den ich auch hautnah miterlebt habe. Da kam es zu einem Bruch, zu einem Nachdenken. Du bist hier gar nicht zu Hause. Du bist hier ein Fremder, du bist hier nicht erwünscht."

Klassenkameraden rasieren sich plötzlich Glatzen und gehen auf Martin Hyun los. Eine Fremdenfeindlichkeit, der er später immer wieder begegnet, vor allem während seiner Karriere bei den "Krefelder Pinguinen". Hyun war der erste koreanisch-stämmige Spieler in der Deutschen Eishockeyliga und Mitglied der Junioren-Nationalmannschaft.

"Ich erinnere mich, in Weißwasser, wo ein Betreuer dann schrie: Spiel doch auf dem Reisfeld. Halt immer solche Sprüche."

Dabei ist Hyun ein Paradebeispiel für Integration, vielleicht sogar überintegriert, und deutscher als mancher mit deutschen Eltern. Bildungsbewusst mit 1a-Studienabschluss aus den USA, Belgien und Bonn, Hundebesitzer und ehemaliger Bundesliga-Eishockey-Spieler. Und trotzdem: Richtig angekommen in Deutschland ist er noch immer nicht. Weil man ihn nicht lässt. Bei Bewerbungsgesprächen wird mehr als einmal seine Loyalität zu Deutschland angezweifelt. Eine Beleidigung, die er bald nicht mehr schweigend hinnehmen will. Er beschwert sich - öffentlich in Zeitungsinterviews und in seinem ersten Buch "Lautlos ja - sprachlos nein". Und er gründet die Initiative "Hockey is Diversity - Eishockey ist Vielfalt".

"Weil ich gemerkt habe, dass wenn man so lautlos vor sich herumdümpelt und in sich hinein ärgert, dass man diese asiatische Höflichkeit ablegen muss. Dass man mal auf den Tisch haut und sagt, diese Dinge laufen hier falsch."

Doch im Grunde ist er zuversichtlich: Er vertraut auf die neue Generation Deutscher, die weniger Berührungsängste mit Fatmas, Mehemts oder eben Jong-Bums hat - so lautet Martin Hyuns koreanischer Name.
Diese optimistische Haltung begleitet ihn auch im Beruf: Martin Hyun arbeitet derzeit nach mehreren Jahren Praktika befristet bei der Vereinigung Wirtschaftsjunioren. Hier stellt er Kontakt her zwischen Jugendlichen ohne Schulabschluss und Arbeitgebern. Und versucht denen zu vermitteln, was er selbst gern noch erleben würde: dass für einen Job die Motivation mehr zählt als die Herkunft.


Martin Hyun:
Ohne Fleiß kein Reis - Wie ich ein guter Deutscher wurde, btb-Verlag, 14,99 Euro.

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