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StartseiteBüchermarktOhne Scheuklappen und Schubladen21.07.2006

Ohne Scheuklappen und Schubladen

Eine andere Zeitschrift über das Essen und Kochen

Die Zeitschrift "Häuptling Eigener Herd" von Vincent Klink und Wiglaf Droste lässt die neuesten Trends in Golfhotel-Küchen und bei Rezepten für cholesterinfreie Salate links liegen. Stattdessen setzen sich die Autoren alle drei Monate mit Fetthysterie und Fußballstadionkost, mit Gefängnisfraß, Kindergartenproviant und Küchenunfällen auseinander.

Von Nils Kahlefendt

"Häupling eigener Herd" legt wert auf den besonderen Blick. (Stock.XCHNG / Monika Leon)
"Häupling eigener Herd" legt wert auf den besonderen Blick. (Stock.XCHNG / Monika Leon)

Während sich Kochsendungen auf allen Fernsehkanälen epidemisch ausbreiten und opulente Bildbände die Kulinarik zum Event stilisieren, bleibt der Herd in deutschen Küchen immer öfter kalt. Zufall? Als Vincent Klink und Wiglaf Droste ihre Zeitschrift "Häuptling Eigener Herd” aus der Taufe hoben, einte sie der Frust über Diät-Wahn, Hochleistungskochen und wichtigtuerische Gourmet-Päpste. Den einprägsamen Titel verdankten die Herausgeber dem Zeichner Marcus Weimer alias Rattelschneck: Das Cover der ersten Ausgabe zeigt einen Indianerhäuptling im Schneidersitz auf geöffneter Ofenklappe.

Droste: "'Häuptling' verströmt ja durchaus Selbstbewusstsein. Und es geht eben um den eigenen Herd und nicht, es geht also um Selbstbestimmung dabei. Sagen wir mal, etwas rebellischer Indianer-Geist, das ist schon etwas, das Vincent Klink verkörpert und auch sehr liebt. Und der Untertitel 'Wir schnallen den Gürtel weiter' macht es dann, glaube ich, auch klar, dass es nicht nur um die leiblichen Genüsse geht, sondern eben auch um das Öffnen des Bewusstseins."

Was die Zeitschrift von Hochglanz-Magazinen wie dem "Feinschmecker” unterscheidet, sind Ironie, Understatement und politische Haltung. Klink und Droste wollen ihre Leser weder mit Surrogaten abspeisen, noch mit drohend erhobenem Zeigefinger belehren.

Droste: "Wir haben überhaupt nicht diesen pädagogischen Birkenstock-Ruf, den teilweise so Slow-Food, zumindest die deutsche Sektion von Slow-Food so mit sich rumschleppt. Also wir wollen keinem sagen: Wenn Du jetzt bei Tisch nicht das und das machst, und das und das schmeckst, und das und das empfindest, dann musst du dich leider wieder hinsetzen und kriegst jetzt hier eine sechs! So was finden wir ganz unschön und machen das deshalb nicht."

Statt sich mit den neuesten Trends in Golfhotel-Küchen oder Rezepten für cholesterinfreie Salate aufzuhalten, haben die Autoren des "Häuptlings" sich mit Fetthysterie und Fußballstadionkost beschäftigt, mit Gefängnisfraß, Kindergartenproviant und Küchenunfällen. Nichts, was es über Essen und Trinken zu berichten gibt, ist ihnen fremd: Der Weinkonsum bei Staatsbanketten, die Regeln des norddeutschen Kaffeeklatschs, die Tourneeverpflegung von Punkrockern oder die Analyse des Speiseplans von Christa Wolf anhand ihres Buches "Ein Tag im Jahr".

Gerade erschien, in frisches Rollrasengrün gewandet, Band 27, in dem sich alles um Speisen unter freiem Himmel dreht: von der notorischen Bierverschwendung der Deutschen beim Grillen bis zum Dschungel-Picknick mit waschechten Kopfjägern. In der vorletzten, 26. Ausgabe ging es - wortwörtlich - um die Wurst. Wie, um alles in der Welt, kommt der "Häuptling” an seine Themen?

Droste: "Ich finde eher, die Themen kommen ganz automatisch zu uns. Also wir haben uns für das generelle Thema geöffnet. Und damit kann man eigentlich die ganze Welt erklären. Anhand von Wurst kann man ja eigentlich ein Universum erklären. Also, Wurst ist erstens – weiß man ja – es kommt alles rein, aber keiner weiß genau, was drin ist. Das ist ja beim Leben nicht anders. Und Wurst heißt ja auch: Was uns "Wurscht” ist. Also: Was ist uns wichtig, was ist uns egal? So kann man das auffassen. Und das Schöne ist eben: Wenn es um die Küche geht – das ist ein Ort, in dem alles verhandelt wird. So kenne ich es aus meiner Kindheit. Ja, in der Küche wird gesprochen. Und der Platz, an dem gegessen wird, ist ja auch immer der Platz, wo die Kriegsbeile erst mal begraben sind. Das heißt, man kann einender trauen."

"Häuptling Eigener Herd” kennt weder Scheuklappen noch Schubladen. Wo für andere Leute der Spaß aufhört, fängt er für Droste und Klink für gewöhnlich erst an. Fresspostille oder Literaturzeitschrift – ist der "Häuptling” am Ende ein Zwitterwesen?

Droste: "Das Gute ist, dass man ihn nicht dingfest machen kann, sondern dass er wirklich vieles ist. Für Leute, die sich beruflich mit Marketing beschäftigen, ist das die Hölle. Die sagen uns immer: Wenn wir eindeutiger würden, dann könnten wir zehnmal so viele Hefte verkaufen. Dann können wir nur sagen: Das wäre ja schön, nur der Preis des Eindeutigwerdens heißt ja auch: der Verzicht auf die Vielfalt. Und diesen Verzicht möchten wir nicht üben. Wir setzen auf ein Publikum, das einen Horizont erst schon mal mitbringt, indem literarische Texte neben populärwissenschaftlichen, neben Gedichten, neben Zeichnungen noch dabei, stehen können, ohne dass die sagen, ja, mich interessiert nur das eine oder das andere, was soll denn der Mist? Nee, das will ich nicht, sondern die das erst mal mitbringen – und auch bereit sind, diesen Horizont noch weiter auszudehnen."

Die Autoren von "Häuptling Eigener Herd” werden in Naturalien entlohnt. Einmal im Jahr, im Sommer, lädt Vincent Klink, der Patron der Stuttgarter "Wielandshöhe”, Dichter und Karikaturisten in sein Restaurant. Da sitzen sie dann, bis zu 80 Menschen, an langen, weiß gedeckten Tischen im Garten – und lassen sich verwöhnen.

Droste: "Es gibt ein schönes Lied von Element of Crime, da singt Sven Regener 'Ich möchte so gerne berauscht sein / und werde doch immer nur breit.' Das ist genau der Unterschied. Also Vincent ist wirklich das Gegenteil eines Intellektuellen, ist wirklich so, man mag das Wort seit Biolek nicht mehr so gerne, aber da stimmt es mal, er ist der sinnlichste Mensch, den ich kenne. Er ist unglaublich musisch, spielt selbst Flöte und Congas, und das wirklich gut. Er schreibt ja auch. Er gärtnert selbst. Er interessiert sich für unglaublich viel, er hat eine unglaublich tolle Bibliothek. Und er liest das auch alles, wenn er dazu kommt. Und all diese Talente hat er nicht nur, sondern die kann er auch in anderen Leuten erkennen. Das heißt, es gibt fast mit jedem Menschen, wenn er nicht völlig technokratisch versaut ist, gibt es einen Anknüpfungspunkt. Es gibt Menschen, deren Sinne leider so verkümmert sind, dass die sich nur noch für technisches Spielzeug interessieren können. Da würde es dann wahrscheinlich mal schwierig. Aber er ist eben auch hauptberuflicher Gastgeber – als Koch und Patron seines Restaurants. Und er steht dann in der Tür und lächelt, und da geht wirklich die Sonne auf."

Der "Häuptling”, so viel scheint klar, ist ein Guter. Nur wenn es um die Giftküchen der Maggi, Nestlé & Co. geht, kennt er keinen Spaß. Hier wird das Florett ganz unironisch mit dem Tomahawk vertauscht. Nur zu gern lästert der scheinbar so friedlich in sich ruhende Klink über die CMA, die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft. Und der hochgelobte Aldi-Champagner: nix als "Blubberwasser”. Vor juristischen Nachstellungen der Konzerne scheint der "Häuptling” noch sicher. Als Gerichtsstand weist sein Impressum "Timbuktu” aus: Es gelten "Mutterrecht und Blutrache".

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