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StartseiteLyrixOktober 2015: best friends: farbfamilien / merkt man sich01.10.2015

Oktober 2015: best friends: farbfamilien / merkt man sich

Auch im Oktober ist »lyrix« - passend zur Buchmesse – zu Gast in Frankfurt. Gemeinsam mit dem Städel Museum und Sabine Scho fragen wir nach dem Verborgenen zwischen den Pinselstrichen und nach dem Unausgesprochenen zwischen den Zeilen: Dargestellt sind gute Freunde. Aber wissen wir, ob sie es wirklich sind? Ohne Kontext können wir nur beurteilen, was nach außen sichtbar ist. Was lässt uns denken, dass Menschen Freunde sind? Unser Thema im Oktober: 'best friends: farbfamilien / merkt man sich'

Mehr Hautfarben bei Emojis bietet zum Beispiel Apple für OSX und iOS an. (Screenshot: www.schimanke.com / flo's weblog)
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Eine junge Frau zufrieden vor ihrem leeren Teller, an ihren Stuhl gelehnt eine zweite Frau und gegenüber ein Mann, der sich entspannt eine Zigarette anzündet: Drei gute Freunde nach dem Mittagessen. Diese Momentaufnahme hält unser Exponat im Oktober fest, das Gemälde "La fin du déjeuner" (Nach dem Mittagessen) von Renoir. Die drei wirken sehr vertraut, offensichtlich kennen sie sich gut. Aber sind sie wirklich gute Freunde? Best friends? Bilder halten nur einen flüchtigen Moment fest, der wie die Zigarette des Mannes schnell verglüht. Den Kontext, in dem sich die drei Personen getroffen haben, kennen wir nicht. Ebenso wenig wie den Grund, warum gerade sie abgebildet wurden.

Woran machen wir fest, dass Menschen gute Freunde sind? Manche scheinen einfach unglaublich gut zusammenzupassen. Sie harmonieren wie die perfekte Farbkombination. Als fremder Beobachter können wir nur das nach außen Sichtbare beurteilen: Worte, Gesten, Mimik. Was darunter liegt, bleibt uns verborgen. Vielleicht ist einer der "Freunde" unglücklich verliebt in den anderen oder gibt nur vor, ein Freund zu sein. Vielleicht nutzt der eine den anderen aus, lästert hinter dem Rücken, ist von Neid zerfressen.

Pierre-Auguste Renoir (1841-1919) Nach dem Mittagessen / La fin du déjeuner, 1879 Städel Museum, Frankfurt am Main (Foto: Städel Museum)

Unser Exponat im Oktober gehört in die erste impressionistische Phase von Renoir. Es zeigt eine Szene im Garten des Cabaret Olivier auf dem Montmartre. Die Dame im hellen Kleid ist die Schauspielerin Ellen Andrée, die andere wahrscheinlich Renoirs Lieblingsmodell Marguerite Legrand; der Mann ist Renoirs Bruder Edmond. Renoir hat die Farben in sehr dünnen Schichten transparent übereinandergesetzt. So entsteht ein fast endloser, trotzdem nicht bunt wirkender Kosmos an Farbnuancen. Viele Stellen –zum Beispiel die Hauttöne in den Gesichtern – schillern wie Emaille. Typisch für Renoirs Malerei in dieser Phase ist das Verwischen und Auflösen der Konturen.

Renoir hält auf dem Gemälde die angenehme Seite des Pariser Alltags fest. Zwei schöne junge Frauen, ein sorglos entspannter Mann, dicht zusammengefügt in scheinbar geselliger Freundschaft – hier ist das Leben heiter, kultiviert und problemlos. Aber war das schon immer so und wie lange noch?

Ebenso wie bei Renoir etwas Unausgesprochenes zwischen den Pinselstrichen zu liegen scheint, liest man auch in Sabine Schos Gedicht "best friends" zwischen den Zeilen. Auch in ihrem Text geht es um das Verbindende zwischen zwei Menschen – zwei Menschen aus der gleichen Farbfamilie? Fast könnte man in Schos Text einen Dialog zwischen diesen zwei Personen sehen, die einander so blind verstehen, dass sie sogar die Sätze des anderen vervollständigen.

best friends

der unterton, gerede
verzerrt und entstärkt
»berge von theorie
was ich nie wollte«
ich habe mich doch
mit dem kopf gewehrt
»8 tuben polycolor
(schwarz und tizian)«
»mehr haben sie nicht?«
sollte! farbfamilien
merkt man sich
wie ein garstiges gesicht
noch dazu voll unecht
verbraucherschutz zählt
»2 pornos (irgendwelche)«
und ein abspielgerät

urbinos venus, nur seiten-
verkehrt im abonnement
beschämend schön im kopf verdrehen
erschöpftes geschlechterverzeichnis
die lieben sich, das kann man sehen
das wäre mal ein begreifnis von echtem
verstehen und was es bedeutet, wenn
körper kassibern. wir gehen. hier, deine
sachen. das ist nicht zum lachen, ist es
wohl, na gut, ich kann dir nicht sagen
dann lass es, aber, lass es, ich besorge
uns jetzt die zwischenmalzeiten und fütter'
den kleinen köter

(aus: Sabine Scho, farben, kookbooks 2008)

*Das Gedicht bezieht sich u. a. auf ein Foto, das Gudrun Ensslin und Andreas Baader nackt nach einem Filmdreh zur Kurzfilmsatire "Das Abonnement" zeigt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Abonnement
http://mehrhand.com/blog/wp-content/uploads/2009/08/quelle2-klein.jpg

Was lässt uns denken, dass Menschen Freunde sind? Was beobachtet ihr, wenn ihr scheinbar gute Freunde seht? Was liegt vielleicht hinter dem Schein? Schreibt uns von dem, was auf den ersten Blick verborgen ist. Vielleicht inspiriert euch das Gemälde von Renoir und ihr denkt euch einen Kontext zu den abgebildeten Personen aus. Oder ihr schreibt Sabine Schos vermeintlichen Dialog zwischen zwei vertrauten Personen fort. Wir sind gespannt, was euch einfällt und freuen uns auf eure Einsendungen zum Thema 'best friends: farbfamilien / merkt man sich'!

 

Sabine Scho (Foto: Matthias Holtmann) Sabine Scho (Foto: Matthias Holtmann)
Sabine Scho

*1970, lebt nach längeren Aufenthalten in Hamburg und São Paulo heute in Berlin. Drei Bücher sind bei Kookbooks erschienen: Album, farben und Tiere in Architektur, sowie ein Magazin mit Gedichten und Zeichnungen zusammen mit Andreas Töpfer, The Origin of Senses zu ihrer aktuellen Ausstellung im Naturkundemuseum Berlin. www.kunst.mfn-berlin.de

Sabine Scho in der ARD

Sabine Scho - Architektursommer: Gebaute Utopie einer überschaubaren Welt_DLF

Sabine Scho SWR Mediathek

 

 

Städel Museum Frankfurt. (dpa / picture alliance / Emily Wabitsch)Städel Museum Frankfurt. (dpa / picture alliance / Emily Wabitsch)

Das Städel Museum
1815 als bürgerliche Stiftung von dem Bankier und Kaufmann Johann Friedrich Städel begründet, gilt das Städel Museum als älteste und renommierteste Museumsstiftung in Deutschland. Die Vielfalt der Sammlung bietet einen nahezu lückenlosen Überblick über 700 Jahre europäische Kunstgeschichte – vom frühen 14. Jahrhundert über die Renaissance, den Barock und die klassische Moderne bis in die unmittelbare Gegenwart. Insgesamt umfasst die Sammlung des Städel rund 3.000 Gemälde, 600 Skulpturen, über 4.000 Fotografien und über 100.000 Zeichnungen und Grafiken. Die hohe Aktivität im Forschungs-, Ausstellungs- und Vermittlungsbereich sowie die herausragende Qualität der Sammlung sichern dem Städel einen hochrangigen Platz in der internationalen Museumslandschaft. Als bedeutendste kulturelle Bürgerstiftung in Deutschland steht das Städel darüber hinaus beispielhaft für ein breites bürgerschaftliches Engagement, das ganz wesentlich zur Erhaltung und Entwicklung dieser Kulturinstitution beiträgt. 2015 feiert das Städel sein 200-jähriges Bestehen und erweitert in diesem Zusammenhang das Erlebnis Museum in den digitalen Raum.

www.staedelmuseum.de


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