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StartseiteMusikjournalVon sturen Türstehern und kabarettistischen Todsünden15.01.2018

Opern-Doppelabend in BraunschweigVon sturen Türstehern und kabarettistischen Todsünden

Zwei kaum bekannte Opern zeigte das Staatstheater Braunschweig an einem Abend: die Einakter "La porta della legge" von Salvatore Sciarrino und "Die sieben Todsünden" von Kurt Weill. Zwei großartige Werke in einer klugen Inszenierung, findet unsere Kritikerin.

Von Agnieszka Zagozdzon

Maximilian Krummen in der Rolle des "L'uomo 1" in der Produktion "La porta della legge" am Braunschweiger Staatstheater (stage picture/Thomas M. Jauk)
Maximilian Krummen in der Rolle des "L'uomo 1" in der Oper "La porta della legge" am Braunschweiger Staatstheater (stage picture/Thomas M. Jauk)
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So richtig voll war der Zuschauerraum nicht - und diejenigen, die da waren, äußerten die leise Befürchtung: Würde die jüngste Premiere wieder so eine akustische und visuelle Herausforderung wie damals "Europeras" werden? Doch Salvatore Sciarrinos 2009 in Wuppertal uraufgeführter Einakter "La porta della legge" ist im Gegensatz zu Cages Werk sehr strikt und stringent durchkomponiert; und die Inszenierung von Aniara Amos fügte sich - so viel sei schon einmal verraten - hervorragend dazu ein.

Kafkas bürokratischer Alptraum auf einer Opernbühne

Die Handlung von "La porta della legge" beruht auf der Erzählung "Vor dem Gesetz" aus Franz Kafkas Roman "Der Prozess": Ein Mann versucht sein ganzes Leben lang durch eine Tür zu treten, die ihm Zugang zum Gesetz bieten soll. Doch vor dieser Tür steht ein Wächter - und der gibt dem Mann immer dieselbe Antwort: nein, er könne jetzt nicht eintreten, später vielleicht.

Musik: Ausschnitt "La porta della legge"

Sciarrino nannte sein Werk im Untertitel einen "Kreisenden Monolog" – wegen der sich ständig wiederholenden Fragen und Antworten zwischen dem Mann und dem Türwächter. Aniara Amos verortete das Werk in einem abstrakten Bühnenraum, dessen Boden aus schiefen Ebenen besteht und die Wände für großflächige Bildprojektionen genutzt werden:

"Da ich ja auch sehr viel male, habe ich eine Technik, dass die Zeichnungen aufgenommen werden und dann wiederum am Abend abgespielt werden – und zwar so, dass sie nicht eingeblendet werden, sondern dass der Entstehungsprozess aufgezeichnet ist und sich im Lauf des Werkes man quasi zusehen kann, wie das Werk entsteht. Diese Malerei ist immer ganz genau angekoppelt an das Werk und an die intensive Beschäftigung mit der Musik. Und daraus entstehen Räume und Räumlichkeiten und abstrakte Bilder, in die sich der Sänger mit seinem Körper und seinem Kostüm einfügen."

Meditative Regieführung

Die allmählich sich entwickelnden Bilder gepaart mit den langsamen Bewegungen der Darsteller und den repetitiven Musiksequenzen entfalteten beim Zuschauer nach einer Weile eine beinahe hypnotische Sogwirkung. Aniara Amos:

"Es ist für mich wie eine ganz große Meditation: Man kann sich hinsetzen, man kann – wenn man möchte – auch die Augen schließen. Es ist so, dass man, wenn man mal kurz wegschaut oder auch mal die Augen geschlossen hat, dann verpasst man in dem Sinne nicht den Anschluss wie in einer Geschichte, wo man die ganze Zeit konzentriert sein muss; sondern es sind eigentlich Abläufe, die in sich immer darauf hinzielen, für den Zuschauer – egal, wo er hinguckt und wann er hinschaut – dass er die Möglichkeit hat, wenn er möchte, quasi durch diese Tür der Wahrnehmung, seiner eigenen Wahrnehmung, zu gehen und darin etwas für sich zu erkennen – oder auch nicht."  

Doppelrolle für den Dirigenten

Die Rolle des namenlosen Mannes wurde in der Premiere bravourös vom Bariton Maximilian Krummen gestaltet - allerdings sang er dabei nicht durchgehend. Denn in der Mitte von "La porta della legge" wiederholt sich die ganze Handlung noch einmal von vorne - und diesmal wird diese Partie von einem Countertenor gesungen. In Braunschweig übernahm der neue erste Kapellmeister Iván López Reynoso diese Aufgabe und sang aus dem Graben heraus, während Maximilian Krummen auf der Bühne die Rolle spielte. Die Idee hierzu entstand ganz spontan, so Regisseurin Aniara Amos:

"Wir wollten eigentlich eine unsichtbare Stimme haben, den Counter, hören – das ist wie eine Erweiterung, wie ein innerer Monolog, den er mit sich selbst führt. Das ist wie eine innere Stimme, die wir hören aber nicht sehen. Und dadurch ist es entstanden, dass Ivan sagt: Ich bin doch eigentlich auch Counter und ich bin sowieso im Graben – warum soll ich das nicht eigentlich auch singen?"  

Musik: Ausschnitt "La porta della legge"

Letztes gemeinsames Werk von Brecht und Weill

Nach der Pause übernahm dann Iván López Reynoso von seinem Kollegen Alexis Agrafiotis den Taktstock und leitete in der zweiten Hälfte das Staatsorchester Braunschweig in "Die sieben Todsünden": der letzten Zusammenarbeit von Kurt Weill und Bertold Brecht.

"Natürlich sind Kurt Weill und Bertold Brecht ein superbekanntes Paar. Und dieses Stück ist auch sehr, sehr gut. Es ist zwar kurz – nur 35 Minuten – aber wir können diese Dekadenz in der Musik hören, und auch die Einsamkeit und Sehnsucht. Es hat viele, viele Gefühle."

Musik: Ausschnitt "Die sieben Todsünden"

"Es ist sehr schwer, das immer leicht zu machen – und nicht schwer und traurig; immer leicht – denn diese Musik ist Kabarettmusik."

Kurzes Werk mit komplizierter Dramaturgie

Entstanden ist "Die sieben Todsünden" 1933 in Paris – nach Weills Flucht vor den Nationalsozialisten – im Auftrag des Théâtre des Champs-Élysées. "Ballet Chanté" lautet der Untertitel dieses Werks - weil die Hauptrolle Anna in zwei separate Figuren aufgeteilt ist: eine singende Rolle und eine stumme Rolle, die üblicherweise mit einer Tänzerin besetzt wird. In Braunschweig erlaubte sich Regisseurin Aniara Amos einen cleveren Kniff, indem sie die singende Anna quasi als jugendliche Version der älteren, verhärmten und verstummten Anna umdeutete.  

Musik: Ausschnitt "Die sieben Todsünden"

Der Doppelabend am Staatstheater Braunschweig bewies auf eindrucksvolle und stellenweise sogar auch unterhaltsame Weise, welche kaum bekannten Kostbarkeiten im Opernrepertoire noch zu entdecken sind. Zwei großartige Werke, in einer klugen Inszenierung mit wunderbaren Sängern und Musikern - ganz klar: empfehlenswert.

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