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StartseiteKalenderblattOptimist im Namen des Fortschritts26.04.2010

Optimist im Namen des Fortschritts

Vor 100 Jahren ist der Schriftsteller Bjørnstjerne Bjørnson gestorben

Der Schriftsteller Bjørnstjerne Bjørnson wurde 1903 als erster Skandinavier mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Der Dichter der norwegischen Nationalhymne sollte zu einem Vorreiter der norwegischen Nationalbewegung werden.

Von Florian Ehrich

Bjørnstjerne Bjørnsons größtes Anliegen war die Eigenständigkeit Norwegens.   (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
Bjørnstjerne Bjørnsons größtes Anliegen war die Eigenständigkeit Norwegens. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

"Ja, wir lieben dieses Land,
wie es aufsteigt,
zerfurcht und Wetter gegerbt aus dem Wasser,
mit den tausend Heimen.
Lieben, lieben es und denken
An unseren Vater und Mutter
Und die Saganacht, die hinsenkt
Träume auf unsere Erde."


Diese Hymne erklang zum ersten Mal am 17. Mai 1864, als Norwegen zwar seine Verfassung feierte, aber noch immer nicht unabhängig war. Nach 500 Jahren dänischer Fremdherrschaft befand sich das ehemalige Wikingerreich nunmehr in einer Union mit Schweden.

Der Dichter der norwegischen Nationalhymne, Björnstjerne Björnson, sollte zu einem Vorreiter der norwegischen Nationalbewegung werden. Weil die Entwicklung einer eigenen Nationalliteratur zum politischen Programm gehörte, griffen Dichtung und gesellschaftliches Engagement bei Björnson stets ineinander, wie der Skandinavist Matthias Langheiter-Tutschek erklärt:

"Man kann vielleicht unterscheiden zwischen dem Norweger Björnson und seiner Rezeption in Norwegen und der internationalen Bedeutung Björnsons. Und in beiden Fällen überlappen sich hier der Literat mit dem politischen Agitator."

Der am 8. Dezember 1832 in dem Dorf Kvikne in Südostnorwegen geborene Björnson wurde mit der Erzählung "Synnove Solbakken" bekannt, die 1857 erschien und wenig später auch ins Deutsche übersetzt wurde. Sie beschreibt beispielhaft das widersprüchliche Wesen der norwegischen Bauern zwischen Resten altnordischer Wildheit und dem Einfluss des Christentums:

"Die Kirche nimmt im Denken des Bauern einen hohen Rang ein: als geweihte Stätte abgesondert gelegen, von der feierlichen Ruhe des Grabes umgeben, in ihren Mauern der lebendige Dienst an Gottes Wort. Sie ist das einzige Haus im Tal, das er mit Pracht ausstattet, und ihre Turmspitze ragt für ihn deshalb noch ein Stück höher hinauf, als sie in Wirklichkeit reicht. Ihre Glocken grüßen ihn schon von fern, wenn er an einem klaren Sonntagmorgen auf dem Weg zur Kirche ist, und bei ihrem Klang nimmt er stets die Mütze ab, als wolle er ihnen für den Gottesdienst vom letzten Mal danken!"

Björnsons Erzählungen über das dörfliche Leben bedeuteten für die norwegische Literatur - nach der Neuentdeckung der Sagas und einer romantischen Wiederbelebung der Mythen um Trolle und Waldfrauen - eine Hinwendung zur Gegenwart.

Den entscheidenden Anstoß für eine gesellschaftskritische, auf Veränderung drängende Literatur bekam Björnstjerne Björnson jedoch von einem Dänen:

"Es beginnt eben mit Georg Brandes Vorlesungen, wo er das Diktum verbreitet, Probleme und Themen, die sich einfach aus der gesellschaftlichen Notwendigkeit zwingend ergeben, nun endlich auch in der Literatur darzustellen."

Die Programmatik des dänischen Kritikers und Essayisten Brandes leitete den sogenannten "modernen Durchbruch" in der skandinavischen Literatur ein, in dessen Folge sich Literaten wie Henrik Ibsen oder Björnstjerne Björnson verstärkt in die Debatten mischten und mit engagierten Werken provozierten. Anders als der Dramatiker Ibsen, dessen Stücke die Widersprüche und die moralische Heuchelei des Bürgertums offenlegten, glaubte der Optimist Björnson immer an den gesellschaftlichen Fortschritt.

So kämpfte er für die Gleichberechtigung der Frauen, empörte sich über die Ausbeutung der arbeitenden Klassen und engagierte sich für eine Reform des Schulwesens. Sein größtes Anliegen war jedoch die Eigenständigkeit Norwegens. Individuelle Freiheit und Unabhängigkeit der Nation waren für ihn untrennbar verbunden:

"Das Gefühl der Unabhängigkeit ist unbedingt die mächtigste Kraft der Welt, das Ehrgefühl ist nur der Anfang davon. Der Drang nach Selbstständigkeit ist die Weltenergie, die das Höchste in unserer Kultur erzeugt hat, die höchsten Taten des Volkes, die zartesten Gefühle der Moral, alle befreienden Kräfte der Aufklärung entspringen daraus."

Björnstjerne Björnson, der am 26. April 1910 in Paris starb, wurde als erster Skandinavier 1903 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Nur wenig später durfte er die Erfüllung eines Traumes erleben, als eine Volksabstimmung 1905 über die Loslösung von der schwedischen Krone und damit über die Unabhängigkeit des Landes entschied. Es gab in ganz Norwegen nur 184 Gegenstimmen.

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