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StartseiteMusikjournalAlte Orgeln und Wein-Genuss18.12.2017

Orgel Art Museum WindesheimAlte Orgeln und Wein-Genuss

Entstanden aus der Sammelleidenschaft der Orgelbaufamilie Oberlinger beherbergt das Orgel Art Museum in Windesheim 30 historische Einzelstücke und Nachbauten. Auf der Suche nach neuen Besuchern und zur Reduzierung des Defizits von 60.000 Euro bietet das Museum inzwischen Weinproben zu Orgelkang an.

Von Anke Petermann

Die Orgelpfeifen einer Kirchenorgel aufgenommen am 30.11.2012 in einer Kirche in Stadtbergen (Bayern). (dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Orgelkultur besitzt inzwischen den Status als Welterbe - kann das das Orgel Art Museum beflügeln? (dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
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Das Herzstück des Museums ist Ausstellungsfläche und Konzertraum zugleich. Wolfgang Oberlinger, Senior-Chef der Orgelbau-Firma direkt nebenan, setzt sich an ein riesiges Konzert-Instrument, das in einer Nische bis ins offene Obergeschoss aufragt.

"Es ist eine französisch-romantische Orgel, die wir im Museum nicht als Original hatten, sondern so was hat gefehlt, dann haben wir es neu gebaut."

Im Jahr 2001. Mit elektrischem Gebläse.

"Ja, den Motor muss ich natürlich anmachen. Der Windmotor, der bringt den Wind zuerst in den Balg, und vom Balg geht er in das ganze System der Windladen, und wenn ich auf eine Taste drücke, dann gibt die Windlade den Wind frei in die Pfeife. Das geht alles mechanisch. Ich kann von einer Taste genau eine bestimmt Pfeife ansteuern. Ich öffne das Register und spiele einen Ton an, also mit nur zwei Bewegungen kann ich von Tausenden Pfeifen genau die ansteuern, die ich brauch'. Und das mache ich jetzt."

Museum aus der Sammelleidenschaft entstanden

Während Wolfgang Oberlinger die Finger über die Tasten von drei Manualen gleiten lässt, erwacht das Windesheimer Orgelmuseum zum Leben. Der Organist – hier einmal nicht auf einer Kirchen-Empore oder Konzertbühne entrückt, sondern ein Musiker, dessen Hand- und Beinarbeit sich aus nächster Nähe verfolgen lässt.

Entstanden ist das Museum aus der Sammelleidenschaft der Familie Oberlinger. Die Orgelbauer in siebter Generation begannen als Mitarbeiter der Hunsrücker Familie Stumm. Deren Tradition reicht zum Anfang des 18. Jahrhunderts zurück. Die älteste von 140 erhaltenen Stumm-Orgeln datiert laut Wolfgang Oberlinger von 1720. 2001 verfrachtete der Gründungsdirektor die Rarität ins damals neu erbaute Orgel-Art Museum.

"Die stand irgendwo im Hunsrück, wir wissen's selbst nicht."

Das Kleinformat mit geschnitztem Blattwerk auf der Schauseite stammt wohl von oberhalb des Mittelrheintals, wo die Stumms und andere Zeitgenossen solche "seitenspieligen" Orgeln mit Manual an der Schmalseite bauten.

"Der Urgroßvater hat die mal in Zahlung genommen, und dann stand die auf dem Speicher bei uns. Und dann haben wir die restauriert, und jetzt steht sie hier im Museum."

30 historische Einzelstücke und Nachbauten

Ein Unikat für eine Dorfkirche oder eine Kapelle. 30 historische Einzelstücke und Nachbauten von Instrumenten zwischen Gotik und Moderne aus ganz Europa versammelt das kleine Museum. Diejenigen, die hier ehrenamtlich arbeiten, begeistern sich aus verschiedenen Gründen für die Orgelkunst. Oberlinger und seine Töchter sind die Konstrukteure, technik-, handwerk- und musikaffin. Den pensionierten Messeberater Albrecht Weil fasziniert die Orgel als liturgisch verankertes Kirchen-Instrument. Bis zu 90 Prozent aller Orgeln stehen in Sakral-Gebäuden. Um das Richtige auf der kleinen Stumm-Orgel zu spielen, holt der nebenberufliche Kirchenorganist eine 80 Jahre alte Partitur heraus, die er in einem Antiquariat neben der Leipziger Thomaskirche gekauft hat: Quempas-Singen – ein Rundgesang "quem pastores", wie die Hirten an der Krippe.

"Das ist so ein uraltes Weihnachtslied: 'Uns ist ein Kindlein heut' geboren'. Werde ich dezent registrieren.

Während des Gottesdienstes ist eine gewisse Zurückhaltung erforderlich. Die Orgel darf niemals aufdringlich sein, einmal bei Zwischenspielen und auch beim Gemeindegesang. Sie muss sich dem Gesang immer anpassen. Und das ist ein gewisser liturgischer Part dazu."

Museum mitten in einer Weinlandschaft

Das Orgel-Art-Museum Rhein-Nahe - vermutlich das einzige weltweit mitten in einer Weinlandschaft, schwärmt Weil. Zwischen der Kulturpflanze und dem Instrument sieht der ehrenamtliche Museumsführer viele Berührungspunkte.

"Man vermutet, dass die Orgeln ähnlich wie der Wein etwa vor 2.000, 2.300 Jahren aus Kleinasien kommen. Und sie hatten immer wieder Parallelen. Gehen sie mal nach Kiedrich", in den Rheingau auf der anderen, der hessischen Rheinseite.

Keine 20 Kilometer entfernt von Windesheim steht in der dortigen Stiftskirche St. Valentinus eine der weltweit ältesten Orgeln, Baujahr 1500.

"Die älteste Orgel und die Schnitzereien an den Bänken, das ist sehr viel mit Wein verbunden. Wir haben im kirchlichen Bereich auch den Wein und die Orgel. Wir haben den Begriff des 'Calcanten'. Das ist derjenige, der früher den Blasebalg getreten hat. Das gleiche kennen wir von der Weinwirtschaft."

Wo der Calcant die Trauben tritt, also keltert. Die Winzer der Gegend und deren Kundschaft zur musikalischen Weinproben ins Orgel-Art-Museum zu laden, liegt nahe.

Weil: "Kommt super an."

Defizit von 60.000 Euro

Ein erfolgreiches Experiment unlängst auch das Wandelkonzert mit vier Organisten an verschiedenen historischen Instrumenten, bilanziert Weil. Der Vertriebs- und Marketing-Experte will mithelfen, eine neue Klientel für das Museum zu erschließen und das Defizit von 60.000 Euro runterzufahren. Zuletzt hatte die kommunale Finanzaufsicht moniert, dass der Landkreis Bad Kreuznach dieses Minus jährlich ausgleicht. Warum das Museum als Betrieb der Kreisverwaltung nicht funktionierte, begründet Norbert Taplick als Vorstandsmitglied im soeben gegründeten Förderverein so:

"Das wurde von der Bauabteilung sozusagen nebenbei gemacht. Und genau das Thema, zusätzliche Veranstaltungen zu organisieren, kostet viel Zeit."

Jetzt übernehmen der Förderverein und eine neue Stiftung das Museum samt Gebäude vom Kreis. Den aufs Wochenende begrenzten Schmalspurbetrieb auszuweiten, ist das Ziel. Mitte Januar wird die Stiftung notariell beurkundet. Die Orgelbau-Familie Oberlinger bringt 50.000 Euro ein.

Problemlos zu füllen ist der großzügige Konzertraum im Museum jedenfalls, wenn die Nichte von Orgelbauer Oberlinger zu Gast ist: die weltberühmte Flötistin Dorothee Oberlinger, Professorin am Salzburger Mozarteum.

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