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StartseiteBüchermarktPakistan auf den Kopf gestellt21.08.2012

Pakistan auf den Kopf gestellt

Mohammed Hanif: "Alice Bhattis Himmelfahrt", A1 Verlag München

In den Romanen Mohammed Hanifs fliegen die Fetzen. In den Romanen Mohammed Hanifs geht es wüst und respektlos zu, sarkastisch bis an den Rand des Zynismus. Diesem Pakistaner, der vor ein paar Jahren mit der Politparodie "Eine Kiste explodierender Mangos" einen Weltbestseller landete und international als der beste und bekannteste Gegenwartsschriftsteller seines Landes gilt, diesem 1965 geborenen Provokateur ist nichts heilig. Kein Staatsoberhaupt und keine Staatsreligion, keine Mehrheit und keine Minderheit, kein Toter und kein Lebender und schon gar nicht das Militär seines islamischen Heimatlandes.

Von Ursula März

Mohammed Hanif (dpa / picture alliance / Tobias Hase)
Mohammed Hanif (dpa / picture alliance / Tobias Hase)
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Der geistige Vater der Dschihad-Industrie

Hier kennt sich Hanif aus. Bevor er eine Laufbahn als Journalist und Schriftsteller einschlug und Ende der neunziger Jahre ins englische Exil übersiedelte, (inzwischen lebt er wieder in Karachi) war er Pilot der pakistanischen Luftwaffe. Offensichtlich übertrug er die Erfahrung rasanter Geschwindigkeit auf die Literatur. Es passiert sehr schnell sehr viel in seinen Romanen. Die literarischen Gattungen, die sich dieser Hochfrequenz idealerweise anbieten, sind zum einen der Thriller, zum anderen die Burleske. Bei Hanif ergänzen sie sich bestens. Der Schauplatz seines neuen Roman "Alice Bhattis Himmelfahrt" ist ein Krankenhaus in Karachi. Nicht irgendein, sondern ein katholisches Krankenhaus mit dem ausgesprochen plakativen Namen "Herz Jesu". Um die literarische Kühnheit und Brisanz dieser Erzählkulisse zu ermessen, muss man sich einige Fakten der politischen Situation Pakistans vor Augen führen: So verschwindend gering die katholische Minderheit in der Islamischen Republik auch ist, (von 162 Millionen Pakistanern ist etwa eine Million katholisch), so stark ist der Druck, der seit den 90er-Jahren auf sie ausgeübt wird. Damals führte der Militärdiktator Zia-ul-Haqs ein Blasphemiegesetz ein, das die Verfolgung christlicher Gemeinden und die Zerstörung christlicher Kirchen nahezu normalisierte, ja legalisierte. Es gab Massaker und Brandanschläge auf Gläubige in der Provinz Punjab. Der Begriff "Christenverfolgung", den wir unwillkürlich mit einer zweitausend Jahre zurückliegenden Epoche assoziieren, trifft in Pakistan auf die Gegenwart zu.

Und was macht unser Autor? Er macht daraus eine parodia sacra. Er macht die junge katholische Krankenschwester Alice Bhatti zur Protagonistin seines zweiten Romans und den Muslim Teddy Butt, der sich sein Geld bei der inoffiziellen Polizei- und Foltereinheit "Gentleman-Korps" verdient, zu ihrem Liebhaber und Ehemann; eine Verfolgte und ein Verfolger. Die Liebe dieses pakistanischen Romanpärchens ist nach dem Gesetz des größtmöglichen Gegensatzes geformt - also ziemlich grob. Aber eben das ist die klassische Burleske. In der Hemdsärmligkeit ihrer Komik liegt auch ihre subversive Kraft. Sie ist weder feinsinnig noch unbedingt realistisch, sie stellt die Welt auf den Kopf und macht so ihre verborgene Wahrheit sichtbar. Es hagelt in "Alice Bhattis Himmelfahrt" nur so von Brutalitäten und Absurditäten. Allein das Krankenhaus Herz Jesu ist das reinste Tollhaus.

Der offizielle Besitzer verfolgt die medizinischen und organisatorischen Abläufe mit mattem Interesse. Er hat die Klinik von seinem Vater wie eine ungeliebte Firma geerbt. Der inoffizielle Chef im Herz Jesu ist ein siebzehnjähriger Junge, den Alice Bhatti aus der Besserungsanstalt kennt. Das Wort Personalmangel ist ein Euphemismus für die herrschende Versorgungslage. Als der Chefarzt bei einer Herzoperation einen Hustenanfall erleidet und aus dem OP-Saal rennt, hält seine einzige Assistenzschwester, Alice Bhatti, minutenlang mit einer Zange die offene Vene fest, aus der das Blut quillt. Der Patient stirbt, weil der Doktor husten musste.

Es ist nicht ganz klar, worüber sich Mohammed mehr lustig macht: über den mittelalterlichen Machismo seines islamischen Helden Teddy Butt, der am Ende einer kurzen Ehe das Gesicht von Alice mit Säure verätzt. Oder den kitschigen katholischen Marienkult, der um Alice entsteht, nachdem sie ein für tot gehaltenes Baby gerettet hat. Nach Ansicht der Wundergläubigen kann Alice Bhatti Tote zum Leben erwecken. Natürlich ist das Unsinn. In dem ganzen Roman steckt, neben einer Wagenladung Fantasie, eine gute Brise Unsinn. Aber der anarchische Unsinn ist eine der schärfsten politischen Waffen der Literatur.

Mohammed Hanif: "Alice Bhattis Himmelfahrt". Roman. Aus dem Englischen von Ursula Gräfe. A1 Verlag München 2012, 272 Seiten

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