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StartseiteUmwelt und VerbraucherUmweltschützer kämpfen mit Strafanzeigen gegen Glyphosat21.04.2016

PestizideUmweltschützer kämpfen mit Strafanzeigen gegen Glyphosat

Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Pestizid der Welt, aber umstritten. Derzeit wird über die Wiederzulassung des Mittels in der EU gestritten. Deutsche Behörden setzen sich dafür ein. Deswegen hat die österreichische Umweltschutz-Organisation Global 2000 Strafanzeigen gegen Hersteller und Zulassungsbehörden erstattet.

Von Philip Banse

Ein Landwirt fährt mit einer Dünger- und Pestizidspritze über ein Feld mit jungem Getreide nahe Neuranft im Oderbruch (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Ein Landwirt fährt mit einer Dünger- und Pestizidspritze über ein Feld mit jungem Getreide nahe Neuranft im Oderbruch (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
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Die Umweltschutzorganisation Global 2000 und das Münchner Umweltinstitut, ein Verein, der sich die Umwelt einsetzt, werfen Monsanto schweren Betrug vor. Um seine Zulassung für das umstrittene Pestizid Glyphosat zu verlängern, musste Monsanto beim deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung Studien einreichen. Um eine Chance auf Zulassung zu haben, mussten diese Studien nachweisen, dass Glyphosat beim Menschen keinen Krebs verursachen kann. Ein Großteil dieser Studien wurde von Monsanto erstellt und ist geheim. Aber seit einigen Jahren müssen Hersteller bei solchen Zulassungsverfahren auch unabhängige, veröffentlichte Studien einbeziehen. Das hat Monsanto formell auch getan, sie dann aber als unwissenschaftlich verworfen. Eberhard Greiser, emeritierter Professor für Epidemiologie der Universität Bremen, sagt, er habe diese angeblich unwissenschaftlichen Studien gelesen. Wenn die deutsche Zulassungsbehörde und die zuständige Behörde der EU diese Studien berücksichtigen würden bei der Zulassung von Glyphosat, wäre das Ergebnis eindeutig:

"Dann wäre das Gleiche rausgekommen, wie das, was das Krebsforschungszentrum der Weltgesundheitsorganisation festgestellt hat, nämlich, dass diese Studien belegen, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserzeugend  beim Menschen ist. Und das ist die zweithöchste Stufe überhaupt. Für die Zulassung würde das bedeuten, das Zeug ist vom Markt. Definitiv."

Studien bei Zulassung nicht berücksichtigt

Doch diese für Monsanto nachteiligen Studien seien beim Antrag auf Zulassung nicht berücksichtigt worden, klagt Greiser. Denn Monsanto habe argumentiert, sie entsprächen nicht den wissenschaftlichen Ansprüchen. Monsanto argumentiere: In den Studien sei nicht überprüft worden, ob die höheren Tumorraten bei Menschen nicht auch durch andere Faktoren wie Rauchen verursacht worden sein könnten. Greiser sagt, er habe sich die angeblich unwissenschaftlichen Studien angesehen und sich von einem Studienautor dessen Fragebögen schicken lassen:

"Und in der Tat: Dieser Fragebogen entspricht allen Kriterien, die man an einen Fragebogen für eine gute epidemiologische Studie stellen muss. Bei den anderen Studien finden sie in den Publikationen sehr ausführlich beschrieben, wie erhoben worden ist Erkrankung, Rauchverhalten, individuelle Faktoren und wie erhoben worden ist Exposition gegenüber Glyphosat und gegenüber anderen Pestiziden. Besser kann man es nicht machen. Und trotzdem wurden sie alle als nicht zuverlässig abqualifiziert. Und das kann man nur als eine grandiose und dreiste Fälschung bezeichnen."

Dass die Industrie ihre kommerziellen Interessen verfolge, sagt Greiser, sei normal:

"Aber dass eine Bundesoberbehörde etwas, was man auf den ersten Blick sehen kann als gefälscht, einfach passieren lässt, ist ein wahnsinniger politischer Skandal."

Weder das zuständige Bundesinstitut für Risikobewertung, noch der Sprecher von Monsanto Deutschland haben auf meine Bitte um einen Kommentar von heute Vormittag rechtzeitig vor Ausstrahlung des Beitrags reagiert. Frühere Äußerungen der Beschuldigten lassen jedoch vermuten, dass Monsanto und Kontrollbehörde argumentieren: Es sei ein üblicher, wissenschaftlicher Streit, ob Studien wissenschaftlichen Kriterien entsprechen, keine systematische Unterschlagung unliebsamer Studien. Dazu Sophia Guttenberger, Biologin am Umweltinstitut München, dem Verein, der sich der Betrugsanzeige gegen Monsanto und die deutsche Kontrollbehörde angeschlossen hat, sagt dazu:

"Ja, das Bundesinstitut für Risikobewertung versucht, das als Expertenstreit darzustellen. Aber im Laufe der Pressekonferenz werden wir auch die Beweise vorlegen, die definitiv belegen, dass es sich hier um eine systematische Falschauslegung handelt und dahinter kann nur Absicht stecken."

(Anm.d.Red.: Inzwischen hat das Bundesinstitut für Risikobewertung eine Stellungnahme zu den neuen Studien veröffentlicht)

Forderung der Reform des Zulassungsverfahrens für Pflanzenschutzmittel

Diese angesprochenen Beweise sind zwei Gutachten, ein vom schon gehörten Epidemiologe Greiser. Das zweite Gutachten stammt von Umweltinstitut München. Es will belegen, dass Monsanto auch Mäuse-Studien absichtlich falsch interpretiert habe, indem nicht die vorgeschrieben OECD-Kriterien angelegt worden seien. Werte man diese Mäuse-Studien korrekt aus, zeigten sie, dass Glyphosat bei Mäusen Krebs erzeugen könne. Ein Ausschuss der EU-Kommission wird wahrscheinlich Mitte Mai entscheiden, ob Glyphosat eine erneute Zulassung bekommt. Sollten die strafrechtlichen Ermittlungen zeigen, dass Monsanto bei der Zulassung betrogen habe, könne die Zulassung wieder entzogen werden, sagt der Jurist Joseph Unterweger, der die Anzeige im Namen von Global 2000 erstattet hat:

"Der Entzug der Zulassung wäre eine Konsequenz, die in der Pflanzenschutzmittelverordnung vorgesehen ist."

Wie auch immer dieses Verfahren endet - Helmut Burtscher von der österreichischen Umweltschutzorganisation Global 2000 verlangt eine Reform des Zulassungsverfahrens für Pflanzenschutzmittel:

"Das wichtigste wäre Transparenz, dass die Studien offen gelegt werden. Aber es kann auch nicht sein, dass die Industrie ihre Studien selber macht und sich aussucht, wo sie einreicht, welches Labor die Studien macht. Hier braucht es ein ganz anderes Verfahren."

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