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StartseiteBüchermarktPhilosophie des Mängelwesens29.01.2004

Philosophie des Mängelwesens

Zum hundertsten Geburtstag von Arnold Gehlen

Der Mensch sei ein Mängelwesen! Diese von Konrad Lorenz heftig kritisierte These - denn wie kann ein Mängelwesen die Evolution überhaupt überstehen - durchzieht das Denken Arnold Gehlens. Seine philosophische Anthropologie unterstellt, dass der Mensch seiner natürlichen Umwelt verhältnismäßig schutzlos ausgeliefert sei. Er besitzt weder an die Umwelt besonders angepasste Organe, noch entsprechend ausgeprägte Instinkte, die sein Verhalten automatisch steuern, um sein Überleben zu sichern. Der Mensch muss somit seine Umwelt entsprechend gestalten.

Hans-Martin Schönherr-Mann

Der Mensch, ein Mängelwesen (Deutschlandradio)
Der Mensch, ein Mängelwesen (Deutschlandradio)

Aufgrund seiner Mängel steht der Mensch unter einem enormen Handlungsdruck, von dem er sich zu entlasten sucht: Erstens durch den technischen Eingriff in die Welt; zweitens durch die Bildung von Gemeinschaften und entsprechenden Institutionen; drittens durch die Ausprägung einer bestimmten dazu passenden psychischen Struktur. Um also aufgrund seiner Mängel die Welt beherrschen zu können, muss der Mensch nicht nur handeln, er muss sich selbst auch entsprechend entwickeln. Gehlens Anthropobiologie, deren Anfänge in die NS-Zeit zurück reichen, spricht vom Menschen als Zuchtwesen. Sie verbindet damit Philosophie und Biologie.

Alle kulturellen Errungenschaften - Staat, Technik und Kunst - dienten bisher dazu, den Menschen von den vielfältigen Herausforderungen und Verunsicherungen durch die Umwelt zu entlasten. Die moderne Kultur dagegen leistet das immer weniger: diese Kritik formuliert Gehlen in seiner Schrift Die Seele im technischen Zeitalter sowie in den anderen in Band 6 der Gesamtausgabe enthaltenen Texten. In einem der Vorträge aus dem Jahr 1956 Über die gegenwärtigen Kulturverhältnisse stellt Gehlen fest:

Und auf eines muss man gleich verzichten, auf die Stille, den Seelenfrieden, die einst von der Schönheit unabtrennbar waren, auf die Bestätigung des Gültigen, auf die Vollkommenheit des Insichruhenden. Denn was modern ist, hat Teil an der nervösen Überlebendigkeit, die Nietzsche zuerst an den Werken Wagners auffand.

Die moderne Kultur entlastet den Menschen nicht mehr wie die frühere von der Vielzahl der Eindrücke, mit der auch bereits die natürliche Umwelt über ihn herfiel. Anstatt seine Wahrnehmung einzuschränken, sie zu verstetigen, was ihn beruhigen würde, vervielfältigt die Moderne die Wahrnehmungsmöglichkeiten. Der Mensch heute fühlt sich ständig bedrängt, überfordert und reagiert andauernd gereizt.

Die moderne Kultur reißt ihn zudem aus seinen Gewohnheiten heraus, ohne ihm neue zu liefern, die ihm ein Gefühl der Sicherheit geben würden. Das Mängelwesen Mensch braucht aber Gewohnheiten, Institutionen, feste Vorstellungen:

Alle Fortschritte der theoretischen Physik sind durch Ausfällung, durch Ausscheidung von Weltüberzeugungen zustande gekommen, die man früher für selbstverständlich und natürlich hielt und die man ebenso selbstverständlich in die Wissenschaft hinein trug. (. .) So hat man den Glauben an die Unendlichkeit der Welt, an die Stetigkeit von Raum und Zeit, den Glauben an die Identität eines Elementarteiles mit sich selbst der Reihe nach fallen gelassen.

Die modernen Wissenschaften werden wie die Künste trotz aller Erfolge abstrakter und unverständlicher. Die moderne Kultur lenkt damit die menschliche Antriebsenergie nur noch unzureichend. Dem stellt Gehlens Psychologie der Zucht einen entsprechenden Kultur- und Technikbegriff entgegen, der den menschlichen Charakter stabilisieren und prägen soll.

In der modernen Kultur sieht Gehlen dagegen eine Übersteigerung der Subjektivität. Früher versuchte der Mensch zusammen mit der Natur zu leben, sich in die Gesellschaft einzuordnen, heute nicht mehr. Anstatt sich als Mängelwesen der notwendigen Zucht zu unterwerfen und sich in eine universale Ordnung einzufügen, verlangen die Menschen heute nach immer mehr Wohlstand - eine rechtskonservative Kritik, die Gehlen besonders für die frühe Bundesrepublik formuliert, mit der er auch höhere Rüstungsausgaben fordert.

Was die modernste Kultur in der Musik, in der Lyrik, in der Malerei, in den Wissenschaften schlechthin mit der technischen Kultur verbindet, das ist gerade die Wendung gegen die Natürlichkeit, (. .). Es kommt überall hinaus auf den Ersatz des Natürlichen und Gewachsenen, auf seinen Ersatz durch voraussetzungslose Machenschaften und diese Wendung zieht auch die Traditionen in ihre Gegnerschaft hinein. Denn das Traditionelle ist ja das Selbstverständliche, das als natürlich Empfundene.

Mit dem Verlust an Traditionen geht vor allem auch ein Zerfall absoluter ethischer Werte einher. Man ist nicht mehr bereit, sich der Gemeinschaft zu opfern. Die Moderne entwickelt aber auch gar keine umgreifende Vernunft mehr, nicht zuletzt weil sich die moderne Rationalität um das Ganze auch gar nicht mehr kümmert:

Eine stetige ruhige Vernunft, welche die Zusammenhänge respektiert, gehört zu den ganz seltenen und vielleicht überhaupt nicht mehr lebbaren Tugenden.

Die Wissenschaften sowenig wie die Kunst liefern den Menschen noch Orientierungen, Vorbilder, Ideale, die ihnen Halt bieten, sie erziehen, ihre Mängel ausgleichen, die kulturelle Zuchtfunktion ausüben. Moderne Kunst und Wissenschaft treiben ihn höchstens von einer Mode zur nächsten weiter, ohne dass etwas bleibt:

Was daher auf dem Wege der Künste zurückbleibt, sind nach einigen Jahren durchgespielte Möglichkeiten, sozusagen abgelegte Akten. Aber keine organischen Vorformen zu einer abschließenden und wenigsten für ein paar Generationen abschließenden Vollkommenheit.

Selbst die großen Gestalten der deutschen Literatur wie Thomas Mann oder Robert Musil entwickeln keine Genialität, die sich andere Menschen zum Vorbild nehmen können. Überhaupt kritisiert Gehlen vor allem auch die Intellektuellen - eine Kritik, an die sein Freund und Schüler Helmut Schelsky, ein Vordenker der frühen CDU, anschließt: die Linksintellektuellen als eine Schicht von arbeitsscheuen Schmarotzern, die so Gehlen bestenfalls von den Nachtstudios des Radio leben. Auch ihre Beiträge zur Kunst schaffen schwerlich Bleibendes:
So ist das moderne Gedicht nicht derart, dass man es auswendig lernen möchte, bei durchaus zugestandenem bedeutenden Reiz und Wert. Es schickt uns zum nächsten weiter. Überhaupt erweckt diese Nahrung einen unstillbaren Hunger und so haben wir auf der anderen Seite wieder die Ungeheuerlichkeit des Volumens, die in wenigen Jahren - denken Sie an Proust, Kafka - zusammengerafften vielbändigen Opera, die Romane von 1000 und 2000 Seiten, die unzählbaren Blätter und Bilder Picassos.

Gehlen wandte sich schon früh von der Philosophie ab und der Soziologie zu, die er möglichst empirisch und später an der amerikanischen Soziologie orientiert betreiben wollte. Moderne Philosophie, Wissenschaft und Künste täuschen dagegen mit ihrer Theorielastigkeit und Abstraktheit häufig Inspiration nur vor und geraten letztlich zur Farce.

Was man z.B. bei Picasso spürt oder was wenigstens ich dort zu spüren glaube, ist kein freies Experimentieren, sondern das Haschen nach dem was als Möglichkeit auftaucht, um des einzufangen und festzumachen.

In der Wissenschaft verliert sich zwischen lauter technischen Konstruktionen die Wahrheit. In der Kunst verdrängt die Grausamkeit die Schönheit. Die gesellschaftliche Moral verliert ihre absoluten Werte und verschwimmt im Werterelativismus. Es verwundert dann nicht, wenn Leitbilder verblassen und an die Stelle des Gesunden gar das Kranke tritt. Nämlich nicht durch Zufall ersetzt das Kranke die absolute ethische Orientierung - eine durchaus brillante These, die aber ihren ideologisch theoretischen Hintergrund trotz des Bekenntnisses zur Empirie wohl nicht ganz verbergen kann. Arnold Gehlen stellt fest:

Die großen Toreöffner mit ihren zwingenden und überwältigenden Motiven sind allzu oft Kranke und das Unheimliche daran ist dies, dass gerade die Selbstinterpretation der Krankheit, die objektiv gültigen Inhalte, die, die Epoche machen, heraushebt. Die Krankheit bleibt zwar ihr eigener Gefangener. Was sie sagt, hat relative Gültigkeit, aber eine absolute Drastik: Und damit wird sie Maß gebend im Zeitalter des Relativen.

Es begann eine langwierige und geduldige Operation die Seele des Kunstliebenden von ihren eigenen Überlieferungen, von ihren innigsten Bedürfnissen abzutrennen und sie in ein etwas zu verwandeln, das sich Gedanken, Gefühle, Stimmungen und Erlebnisse heranstrudelt, in deren Spiegelung, in deren Beleuchtung, in deren Verarbeitung und auch Verheimlichung es lebt.

Diese Emanzipation der Teilaspekte beobachten sie überall. Im gesellschaftlichen Leben liegt hier der reine Interessenpositivismus der organisierten Gruppen auf den ich an dieser Stelle nicht näher eingehen will, mich mit der Bemerkung begnügend, dass deswegen die Soziologie ohne den Begriff Volk heute ganz gut arbeitet.

Dass zum Beispiel das wunderbare Instrumentarium der Psychoanalyse in der Dichtung brauchbar wäre, das war vorauszusehen. Joseph Conrad machte davon noch nicht Gebrauch, aber der 17 Jahre jüngere Summerset Maughn. Und nach ihm nachdem das angetippt war, eine endlose Folge von Autoren, bis das - ich glaube jetzt ist es soweit - durchgespielt ist.

Nun ist aber das Naive eine der unersetzlichen Merkmale des Genialen und ich habe schon zuvor gesagt, dass manche der höchsten künstlerischen und philosophischen Bezeugungen der modernen Seele während ihrer extremen Bewußtheit leicht etwas eigentümliches Artifizielles, Forciertes, damit Unechtes haben. Sie haben an Originalität und Geisteskraft oft alle Merkmale des Genialen, sind es aber doch nicht, weil sie nicht geistvoll naiv und nicht unschuldig kraftvoll vergeistigt sind, sondern Kreuzungen des Raffinierten mit dem Rohnatürlichen. Die durchschlagende Brutalität ist seit Strindberg ein wesentliches Merkmal der neuen Künste. Bei Sartre, bei Kafka erscheint sie oft. Und nehmen Sie dazu noch einen anderen und höchst bedenklichen Zug der mit Strindberg, mit Nietzsche, mit Kierkegaard zuerst sichtbar wurde, dann bei van Gogh, bei Lauwrence bei Ezra Pound usw.

Das Ende der Aufklärung kann auf Verschiedenes hinweisen, einmal auf das Wiedereinschwenken in eine Stabilität, in die Abspannung des Bedürfnisses auf mehr Begrifflichkeit. Die Suche nach engeren und beruhigenderen Horizonten kann bevorstehen, eine Wiederbelebung der Glaubensbereitschaft an Zusammenhänge, die die Erfahrung nicht zeigt. Ein Wachsen des Antitechnischen Affekts, überhaupt eine Abwiegelung der großen geistigen und politischen Risiken. Vielleicht läge eine solche Entwicklung auch in der Richtung der Bedürfnisse einer Mittelstandsgesellschaft, obgleich es unwahrscheinlich ist, dass die Erdball umkreisenden Veränderungen sich im Rahmen von deren Kategorien halten lassen werden. Das Ende der Aufklärung kann aber auch etwas anderes bedeuten. Man gibt ihr Vertrauen auf eine geheimnislose und auf eine heimatliche und im Umkreis menschlicher Maßstäbe sich haltende Natur auf und fährt dennoch fort in ihrem Elan in der entwurzelnden Wucht des geistigen Ansturms. Und das wendet sich ja gerade gegen das, was als Natur, als natürlich als selbstverständlich angesehen wurde und Ansehen hat. Man trennt sich dann aber auch notwendig wie ich zu zeigen suchte von den überkommenen und ehrwürdigen Maßstäben dessen, was als menschliche Größe bisher gegolten hat und geht bewusst in eine völlig unvorhersehbare Zukunft hinein.

Arnold Gehlen, Gesamtausgabe Bd. 6: Die Seele im technischen Zeitalter , Vittorio Klostermann, Frankfurt/M. 2004

Ders., Urmensch und Spätkultur , erw. Neuauflage, Klostermann Seminar, Frankfurt/M. 2004

Ders., Moral und Hypermoral , erw. Neuauflage, ebd.

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