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StartseiteBüchermarktPhilosophie und Glauben30.04.2007

Philosophie und Glauben

Robert Spaemann warnt vor einer Welt ohne Gott

Robert Spaemann, einer der einflussreichen deutschen Gegenwartsphilosophen, wird dieser Tage 80 Jahre alt. Sein neues Buch "Das unsterbliche Gerücht" vereint religionsphilosophische Vorträge und Aufsätze.

Von Ingeborg Breuer

"Dass ein Wesen ist, das auf deutsch 'Gott' heißt, ist ein altes, nicht zum Schweigen zu bringendes Gerücht", schreibt Spaemann. (AP)
"Dass ein Wesen ist, das auf deutsch 'Gott' heißt, ist ein altes, nicht zum Schweigen zu bringendes Gerücht", schreibt Spaemann. (AP)

Gemeinhin glauben wir ja, unsere aufgeklärte Moderne habe zu einer Weltsicht gefunden, in der für Irrationales kein Platz mehr sei. Um so erstaunlicher erscheint deshalb der Untertitel zu Robert Spaemanns neuem Buch "Das unsterbliche Gerücht". Der lautet nämlich "Die Frage nach Gott und der Aberglaube der Moderne". Der Aberglaube der Moderne? Robert Spaemann meint damit deren alleinige Ausrichtung auf naturwissenschaftliche Wahrheit, durch die Welt und Mensch vollständig erklärt werden sollen.

"Es ist die Täuschung der Moderne zu denken, dass die Naturgesetze uns die Welt erklären, während die Naturgesetze selbst zu dem gehören, was der Erklärung bedürftig ist."

Robert Spaemann, einer der einflussreichen deutschen Gegenwartsphilosophen, wird am 5. Mai 80 Jahre alt. Rechtzeitig dazu erschien vor ein paar Tagen sein neues Buch, das religionsphilosophische Vorträge und Aufsätze enthält. Spaemann verbindet darin Philosophie mit Fragen des Glaubens. Denn Glaube war für ihn nie nur eine Privatsache. Er schreibt:

"Das Verhältnis des Menschen zum Absoluten engagiert den Menschen in der Tiefe. Es definiert seine Identität noch tiefer als die Zugehörigkeit zu einer Nation. Es verbindet sich deshalb mit allem, was seine Identität ausmacht, mit Kindheitserinnerungen, Familienzugehörigkeit [...], mit dem Sinn für das Schöne und das Schickliche."

Schon in Robert Spaemanns Familie spielte der christliche Glaube eine große Rolle. Zwar waren seine Eltern ursprünglich radikale Atheisten, doch 1930 traten sie in die katholische Kirche ein. Nach dem frühen Tod der Mutter ließ sich sein Vater sogar mitten im Krieg 1942 zum katholischen Priester weihen. Auch Robert Spaemann spielte eine Weile mit dem Gedanken, Theologe zu werden, entschloss sich dann aber doch für Philosophie. Ihn beschäftigte

"die Frage nach dem, was ist, die vielen Fragen, die offen bleiben, wenn das Palaver abends zu Ende ist."

"Dass ein Wesen ist, das auf deutsch 'Gott' heißt, ist ein altes, nicht zum Schweigen zu bringendes Gerücht","

schreibt Spaemann, der bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1992 einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität München hatte. Sein Buch ist der Versuch, dieses Gerücht lebendig zu erhalten, letztlich sogar für seine Plausibilität zu werben. Denn in Europa zumindest gerät die Idee, dass ein Gott existiert, zunehmend in Vergessenheit. Schon Nietzsche hatte den "Tod Gottes" verkündet und damit zugleich das Ende aller verbindlichen Moral. Spaemann schließt sich dieser Konsequenz an. Die Annahme, Gott sei nicht, bedeute das Ende des Denkens. Gott allein, das Absolute hinter allem Relativen ist der Garant für Wahrheit, für verbindliche Moral. Und jeder Versuch, einen anderen Halt im Denken zu finden, sei zum Scheitern verurteilt.

""Weil dann das Denken keinen Anspruch auf Wahrheit machen kann. Nietzsche hat das sehr deutlich gesagt. Er sagt, wir Aufklärer nehmen noch unser Feuer von dem Brand, den Platon entzündet hat und der auch das Christentum beseelte, dass Gott die Wahrheit, dass die Wahrheit göttlich ist. Die Aufklärung hat diese ihre eigene Voraussetzung zerstört. Was jetzt übrig bleibt, sind nur subjektive Perspektiven: Der eine sieht die Dinge so, der andere sieht sie so."

Zwar denken wir, die Naturgesetze erklärten uns die Welt - doch hierin bestehe gerade der moderne Irrglaube. Die Erklärungen der Naturwissenschaften seien keineswegs falsch, allerdings verkürzt, meint Robert Spaemann. Zum Beispiel: Auf die Frage, was das Leben sei, gibt die moderne Evolutionsbiologie eine triviale Antwort: Das Leben entstand durch Zufall, entwickelte sich weiter durch spontane Mutationen. Manche Formen des Lebens, die ökologisch angepasst waren, setzten sich durch. Andere gingen zugrunde. Dass das Leben auch ein Mysterium sei, habe die moderne Wissenschaft dagegen aus dem Blick verloren. Und dies sei zugleich der Grund für die Gottesferne unserer Zeit.

"Ich würde so sagen: Wissen wir, wer wir sind, wenn wir wissen, wie wir entstanden sind? Und da würde ich sagen, nein! Selbstsein ist Emanzipation von den Entstehungsbedingungen. Und die Wissenschaft hat es nur zu tun mit Entstehungsbedingungen und Selbstsein kommt für die Wissenschaft nicht vor."

Im vergangenen Sommer erörterte Papst Benedikt XVI. mit seinem früheren Schülerkreis das Verhältnis von Schöpfung und Evolutionstheorie. Robert Spaemann war dazu als Experte geladen. In seinem Buch sind seine Thesen nachzulesen. Das Problem der Evolutionsbiologie sei, dass sie die Entstehung von Neuem, von Bewusstsein, von der Verfassung der Lebewesen, "Auf-etwas-Aus", also zielgerichtet zu sein, nicht erklären könne. Dies nämlich lege einen "intelligenten Designer" nahe, auch wenn die Naturwissenschaften dies bestreiten.

"Wem das alte Gerücht vom Schöpfergott keine Ruhe lässt, den wird es nicht einschüchtern, wenn die Naturwissenschaften in der Überlebensfunktionalität die hinreichende Ursache für die Entstehung der natürlichen Arten einschließlich der Menschen zu finden hofft. [...] Er wird, wo er dem Guten, dem Schönen und dem Heiligen oder auch dem Wahrheitsanspruch einer wissenschaftlichen Theorie begegnet, [...] eine ganz anders codierte Botschaft entdecken."

"Der Sonnenaufgang am Morgen - der Astronom erklärt uns, dass das gar nichts Besonderes ist, wir wissen, wie das funktioniert, das ist, wie es immer war. Aber der gläubige Mensch steht auf, sieht die Sonne und es ist etwas vollkommen Einmaliges. Und die heutige Begegnung mit einem Menschen ist unwiederholbar, sie wird nie wiederkommen, und sie ist ein Gegenstand des Dankes für das strahlende Licht. Und das sind zwei vollkommen verschiedene Einstellungen, die beide ihre Wahrheit haben."

Zweifellos beginnt hier das Reich des Glaubens, der Metaphysik. Doch in einer Zeit, in der Natur und Leben zunehmend instrumentalisiert werden, ist Spaemanns Votum für Ehrfurcht gegenüber dem Mysterium der Natur durchaus bedenkenswert. Es ist auch die Grundlage für seine Einlassungen zu ethischen Fragen, besonders zu Fragen von Biotechnologie, Stammzellenforschung, von Abtreibung und natürlich von Sterbehilfe. Denn den modernen Lebenswissenschaften schwinde zunehmend der Respekt vor dem Einzelleben, davor nämlich, dass jeder Mensch, vom Anfang bis zum Ende seiner Existenz als Person anerkannt wird und somit - unantastbar bleibt. Spaemann kritisch über die heutige Einstellung zum Leben:

"Ein Mensch muss sich in bestimmten Zuständen befinden, damit er als Person geachtet wird. Er muss bewusst sein, er darf nicht leiden. Leiden muss man bekämpfen, notfalls dadurch, dass man den Leidenden beseitigt, denn es ist wichtiger, dass nicht gelitten wird, als das jemand existiert . Also entweder der Mensch ist so lange Person, wie er überhaupt ein Exemplar der Spezies Homo Sapiens, ist oder er ist nie Person."

Die aktuellen Diskussionen um Anfang und Ende des Lebens sind für Robert Spaemann ein warnendes Beispiel dafür, wie unsere sittlichen Fundamente in einer Welt ohne Gott erodieren. Wir geraten in den Treibsand des Relativismus, in dem alle Überzeugungen "zur Disposition eines endlosen Diskurses" gestellt werden müssen. Zurück bleiben "liberale Ideen" ohne Kraft, beliebig und austauschbar. Es drohe,

"ein 'banaler Nihilismus des letzten Menschen, der wie der Erdfloh, nur noch mit der Manipulation eigener Lustzustände beschäftigt, am längsten lebt, mit virtuellen Welten als Wichsvorlage'."

"Die Tradition der Aufklärung, der Französischen Revolution, des Rechtsstaates, die stehen alle noch in der Tradition der Überzeugung, dass es die Wahrheit gibt und dass die Wahrheit göttlich ist. Auch die Ethik geht ja weiter in der Aufklärung. Die Aufklärung ist gar nicht so säkular, weil sie noch an Wahrheit glaubt. Auch die Französische Revolution, sie glaubten noch an den Unterschiede von gut und böse. Erst die Postsäkularität, die das alles verabschiedete, ist, so könnte man sagen, die vollendete Säkularität, weil sie nämlich auch die Begriffe von Gerechtigkeit, von Wahrheit verabschiedet."

Doch hat unsere säkulare Gesellschaft wirklich keine Werte? Menschenrechte, Demokratie? Die Gleichberechtigung von Mann und Frau? Aber, so fragt Spaemann, können wir solche Werte überhaupt begründen? Oder bleibt als Konsequenz nur die Haltung des von Spaemann offensichtlich verachteten amerikanischen Philosophen Richard Rorty, der nämlich unsere westlichen Werte als letztlich "glückliche Produkte von Zeit und Zufall" beschreibt. Werte, die wir zwar verteidigen, aber nicht begründen können? Ein fataler Standpunkt, meint Spaemann, gerade angesichts fundamentalistischer Überzeugungen, wie sie zum Beispiel im Islam vertreten werden.

"Mit solchen Fiktionen kommt man nicht sehr weit. Die brechen dann in sich zusammen, wenn eine massive gegenteilige Überzeugung kommt, wenn ein Fundamentalismus kommt, der das alles wegwischt, denn man stirbt nicht für diese Menschenrechte. Die Leute die in der Nazizeit gestorben sind, das waren keine Relativisten, die waren der festen Überzeugung, dass das Regime böse in einem absoluten Sinn, nicht nur für uns böse, das soll nicht sein.

Es ist eigenartig, dass die Moslems eine tiefe Verachtung haben für gottlose Gesellschaften Sie betrachten das als eine Art Perversion. Sie glauben, dass einer solchen Gesellschaft gegenüber alles erlaubt ist. Wie wollen Sie einen Dialog führen, wenn der eine eine dezidierte Überzeugung hat und der andere gern ein bisschen palavern möchte, aber für nichts steht?"

Die dezidiert christlichen Überzeugungen eines George W. Bush freilich machen den Dialog mit dem Islam auch nicht einfacher, könnte man da einwenden. Und manche Philosophen meinen ja, viele Kriege seien gerade im Namen letzter Wahrheiten geführt worden. Doch trotzdem: Robert Spaemanns Perspektiven irritieren und verleiten zum Weiterfragen, gerade weil sie so gar nicht zum Mainstream des heute Gedachten passen. Allerdings macht er es dem Leser nicht einfach. Sein Buch setzt viel Fachkenntnis voraus und ist nicht unbedingt für philosophische Laien geeignet, enthält Reflexionen sogar zur Erbsündenlehre und einen versuchten Gottesbeweis.

"Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an". Der Satz des Apostels Paulus durchzieht Spaemanns Buch. Er ist ein konservativer Querdenker, ein überzeugter Christ. Und vor allem ein "Unzeitgemäßer", wie er selber zugibt:

"Wer das erfunden hat, war Nietzsche in seinen 'Unzeitgemäßen Betrachtungen'. Aber ich glaube, es charakterisiert mich wenigstens als Philosophen. Die Kunst ist eine andere Sache, da bin ich viel mehr interessiert an Zeitgemäßem. Aber die Philosophie ist doch die Frage nach dem, was immer ist. Und wenn Sie wollen ist das immer unzeitgemäß, es ist aber auch immer zeitgemäß."


Robert Spaemann: Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und der Aberglaube der Moderne.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart

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