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StartseiteBüchermarktDer Staat als eine von Juristen gemachte Fiktion16.10.2014

Pierre BourdieuDer Staat als eine von Juristen gemachte Fiktion

Seit dem Ende des Kalten Krieges erlebt die politische Philosophie wie auch das Denken über den Staat im Besonderen eine Renaissance. Umso mehr verwundert es, dass der renommierte und politisch hoch aktive Soziologe Pierre Bourdieu diesem Thema keine eigene Monografie widmete. Doch der 1930 in einfachen Verhältnissen geborene und bis in die Spitze der intellektuellen Elite Frankreichs aufgestiegene Bourdieu behandelte es zumindest in seinen Vorlesungen am Collège de France in den Jahren von 1989 bis '92, die der Suhrkamp Verlag veröffentlicht hat. Das Haus empfiehlt das Buch als Bourdieus eigentliches Hauptwerk zur politischen Soziologie.

Von Hans-Martin Schönherr-Mann

Weiterführende Information

Soziologie als Störenfried
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 02.08.2010)

Soziologie ist Selbstverteidigung
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 01.08.2010)

Gemeinhin attestiert man dem Staat ein Gewaltmonopol. Zu ihm gehören im gängigen Staatsdenken eine zentrale Macht, ein Territorium und eine Bevölkerung. Zumindest hat der Staat für deren Sicherheit zu sorgen, für Polizei, ein funktionierendes Gesundheits- und Bildungswesen, für die Verkehrsinfrastruktur. Dazu verfügt er über politische Institutionen wie Parlament, Regierung und über eine ausufernde staatliche Verwaltung von den Finanzämtern bis zur Arbeitsagentur. Er wird zumeist als Handelnder sowohl außen- wie innenpolitisch betrachtet. Doch dem hält Pierre Bourdieu entgegen:

"Ich könnte Ihnen Kilometer von Literatur nennen, in denen das Wort ‚Staat' als Handlungssubjekt, als Subjekt von Aussagesätzen vorkommt. Dies ist eine ganz gefährliche Fiktion, die uns daran hindert, den Staat zu denken. Als Präambel wollte ich Ihnen also sagen: Achtung, alle Sätze, die den Staat als Subjekt haben, sind theologische Sätze - was nicht heißt, dass sie falsch wären."

Man erfasst den Staat für Bourdieu gerade nicht, wenn man banal vom Vater Staat spricht, der für alle Bürger sorgt. Oder wenn bereits Platon den Staat mit einem Schiff vergleicht, das ein Steuermann lenkt, dem sich die Menschen an Bord unterordnen müssen. Solche Bilder zeichnen Staatsverehrer gerne und Menschen haben sich davon immer schon bereitwillig beeindrucken lassen. Wo aber begegnet uns der Staat nach Bourdieu?

"In der Tat sind uns die Staatsdinge unmittelbar vertraut, wir beherrschen sie unmittelbar. Zum Beispiel verstehen wir es, ein Formular auszufüllen; wenn ich ein Formular der Verwaltung ausfülle - Name, Vorname, Geburtsdatum -, verstehe ich den Staat; der Staat gibt mir Anweisungen, auf die ich vorbereitet bin; ich weiß, was ein Personenstand ist, der eine historisch fortschrittliche Erfindung ist."

"Der Staat gibt mir Anweisungen"

Der Staat bestimmt die Zeitrechnung, legt den Kalender fest, führt die Sommerzeit ein. Bourdieu gibt sich in französischer Tradition nicht mit allgemeinen Begriffen zufrieden, mit denen sowohl in der deutschen wie der angelsächsischen Tradition der Staat erfasst wird, wo man dem Staat eine souveräne Gewalt attestiert, die in den Händen eines politischen Führers liegt, oder von staatlichen Gewalten spricht, die sich gegenseitig kontrollieren und beschränken sollen. Vielmehr betrachtet Bourdieu den Staat auf der mikrologischen Ebene, dort wo er von den Menschen konkret erlebt wird. Umgekehrt ist am Staat daher viel interessanter, wie seine Institutionen versuchen, mit den Menschen umzugehen. Bourdieu schreibt:

"Von Anfang an (das ist für sämtliche Traditionen belegt - das alte Rom, China) geht das Auftauchen einer staatlichen Instanz mit Bemühungen der öffentlichen Mächte einher, zu messen, zu rechnen, zu bewerten, zu wissen. Die Geburt des Staates ist von einer ungeheuren Akkumulation von Informationskapital nicht zu trennen. Zum Beispiel entwickeln sich mit dem Staat die Geheimdienste, eine wesentliche Dimension moderner Staaten."

Daher betrachtet Bourdieu auch die Entstehung des Staates anders als die gängige politische Ideengeschichte, die den Feudalismus in den Absolutismus und dann in die Demokratie übergehen lässt, wenn das Bürgertum durch seinen ökonomischen Aufstieg dem Adel langsam die politische Macht entwindet. Bourdieu analysiert die politische Entwicklung in Frankreich, England und Japan sehr genau und skizziert eine völlig andere Entfaltung des Staates. Die Monarchie greift immer stärker auf Juristen zurück, um die ursprünglich dynastisch abgesicherte Macht unabhängig von der Familie zu gestalten, in der dem Monarchen häufig auch Konkurrenten und Feinde erwuchsen. Dabei aber verliert die Monarchie ihre Macht zunehmend an die Juristen. Bourdieu schreibt:

"Ich werde zu zeigen versuchen, wie sich nach und nach ein bürokratisches Feld, ein administratives Feld herausgebildet hat; wie sich die Macht, die konzentriert in der Hand des Königs lag nach und nach aufgeteilt und wie sich jenes anfängliche Netz wechselseitiger Abhängigkeiten herausgebildet hat, aus dem allmählich eine komplexe Bürokratie entstand, deren Akteure in komplizierter Weise miteinander verbunden sind, im doppelten Sinne von Kontrolle und Delegation."

Der Staat - von Juristen hervorgebracht

In der Französischen Revolution setzt sich nicht das ökonomisch erstarkte Bürgertum durch, sondern der "Staatsadel", so der Titel eines seiner wichtigen Bücher aus dem Jahr 1989. Vor allem Juristen und Beamte, deren Aufstieg bereits im 12. Jahrhundert beginnt, erweiterten sukzessive ihre Macht, bis sie in der Französischen Revolution die Monarchie stürzten. Sie entwickelten die Institutionen, die man gemeinhin als Staat bezeichnet, indem sie ihre eigene Macht ausdehnten und sich dabei selbst als Juristenstand etablierten. Bourdieu:

"Der Staat ist eine von den Juristen hervorgebrachte Rechtsfiktion, die sich als Juristen hervorgebracht haben, indem sie den Staat hervorbrachten."

Die familiär begründete Macht des Monarchen transformierten sie in eine allgemeine Macht, wie man sie heute im Staat gemeinhin erlebt, der seinen Bürgern Werte und Anschauungen aufnötigt, die als universell deklariert werden, die angeblich dem Gemeinwesen und dem Gemeinwohl dienen. Für Bourdieu verdanken sich diese universellen Vorstellungen indes primär dem Stand der Juristen, der damit seine eigenen Interessen verallgemeinert. Pierre Bourdieu:

"Es gibt Leute die das Vorrecht auf das Universelle besitzen, doch man kann das Universelle nicht haben, ohne es zugleich zu monopolisieren."

Bourdieu hinterfragt damit gerade die in der Linken gerne propagierten Ideen universeller Werte und des Gemeinwesens, die sich gegenüber den einzelnen Menschen als Staatsinteressen präsentieren. Und nicht nur das. Er distanziert sich auch vehement von marxistischen Vorstellungen der Revolution, der geschichtlichen Entwicklung und des Staates als Diener von Kapital- und Finanzinteressen. Er schreibt:

"All die Debatten über die Französische Revolution als bürgerliche Revolution sind falsche Debatten. Ich denke, dass die Probleme, die Marx zum Staat, zur Französischen Revolution, zur Revolution von 1848 gestellt hat, katastrophale Folgen hatten, weil sie sich allen aufgezwungen haben, die in allen Ländern über den Staat nachdachten."

Ob Kommunisten oder Antikommunisten, von der Marxschen Prophezeiung der proletarischen Revolution als notwendiger historischer Entwicklungsschritt nach der bürgerlichen französischen ließen sich alle beeindrucken. Bourdieu sieht dagegen im Staat nicht nur die Entfaltung physischer Gewalt, sondern viel stärker von symbolischer Macht. Die Welt wird von Juristen und seit dem 19. Jahrhundert von den Philanthropen entsprechend interpretiert, sodass beide ihren politischen Einfluss entsprechend geltend machen können. Daher verdankt sich der Sozialstaat weniger der Arbeiterbewegung als der Einsicht, dass man die Armen beteiligen muss, wenn man will, dass sie das staatliche Gefüge nicht stören. Bourdieu:

"Daher spielen die Philanthropen eine zentrale Rolle bei der Erfindung des modernen Staates, zumal des Vorsorgestaates, für den sie das waren, was die Juristen des Mittelalters für den revolutionären Staat waren."

Der moderne von den Bürokraten entwickelte Staat beherrscht den Menschen nicht nur. Der Mensch erweist sich vielmehr als sein Produkt. Vielleicht zweifelt der Zeitgenosse gelegentlich an der Politik, schwerlich aber an den staatlichen Institutionen, die sein Bewusstsein prägen. Daher zitiert Bourdieu Thomas Bernhard mit dem Satz:

"Heute ist der Mensch nur noch Staatsmensch."

Trotzdem war Bourdieu ein engagierter Linker, der gewerkschaftliche Streiks genauso unterstützte, wie er kurz vor seinem Tod 2002 noch Mitglied von Attac wurde. Mit seiner Analyse des Staates gesellt er sich zu den in Frankreich verbreiteten Bemühungen, das Selbstverständliche am Staat zu hinterfragen, wie es Michel Foucault, Jean-Francois Lyotard, Jacques Derrida oder Jacques Rancière in den letzten Jahrzehnten versuchten.

Pierre Bourdieu: "Über den Staat - Vorlesungen am Collège de France 1989-1992"
Übers. Horst Brühmann, Petra Willim, Suhrkamp, Berlin 2014, gebunden, 722 Seiten, 49,95 Euro

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