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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenAdeliges Alltagsgeschäft18.08.2016

Piraterie in der AntikeAdeliges Alltagsgeschäft

Sie gelten als Abenteurer, Freibeuter und Herrscher der Meere: Piraten. Doch in der Antike war der Seeraub auch unter Adeligen üblich. Eine Ausstellung im Museum und Park Kalkriese beleuchtet jetzt diese "Schaffensphase" der Piraten. Sie zeigt auch, dass sich an dem Geschäft der Piraterie bis heute nicht viel verändert hat.

Von Barbara Weber

Ein Mosaik am Flughafen der tunesischen Insel Djerba mit einer Darstellung der Irrfahrt des Odysseus (imago / UIG)
Waren die Irrfahrten des Odysseus eigentlich Raubzüge? (imago / UIG)
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Homer schuf einen der bekanntesten griechischen Profiteure jener Zeit, der wohl weniger im Zusammenhang mit Piraterie als seinen heroischen Abenteuern populär geworden ist: Odysseus.

An dem großen Helden der griechischen Mythologie und des trojanischen Krieges zeigt sich auch die Ambivalenz der Piraterie, denn erst der Kontext machte aus einem Seeräuber einen Abenteurer, einen Helden oder einen Kriminellen.

So trifft der Vorwurf der Piraterie nicht nur echte Seeräuber, sondern auch politische Feinde oder Konkurrenten.


Beitragsmanuskript:

"Denn Minos war der älteste Gründer einer Seemacht. Er beherrschte nämlich den größten Teil des hellenistischen Meeres und gebot über die Kykladischen Inseln. Auch vernichtete er die Seeräuberei, soweit er konnte, damit ihm die Einkünfte umso eher eingingen."
Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges 1,4

"Piraterie ist im Grunde genommen ein Bei-Produkt des Seehandels".
Professor Raimund Schulz, Althistoriker, Universität Bielefeld

"Im Grunde ist Piraterie eine Form des organisierten Verbrechens und der Bandenkriminalität, die nur funktioniert, weil sie von Anfang an verknüpft ist mit den obersten Kreisen. Die duldet, fördert und nutzt das Ganze."
Dr. Heidrun Derks, Leiterin Museum und Park Kalkriese

Piraterie erfordert mehr als der Diebstahl an Land: Startkapital, eine ausgefeilte Logistik und entsprechend wagemutiges, kriminelles Personal, das bereit ist, für diese Art von Abenteuer sein Leben zu riskieren.

Diese Form der organisierten Kriminalität entstand an einem Ort, den wir gemeinhin bezeichnen als:

"Die Wiege von ganz vielen Zivilisationen, Europa, Philosophie, Demokratie."

Also Hochkulturen mit ihren Errungenschaften, die eine Gemeinsamkeit haben: Sie liegen am Mittelmeer.

"Geografisch betrachtet ist das im Grunde so ein Binnenmeer. Es gibt nur zwei kleine Zulässe, nämlich da zum Atlantik rüber, Gibraltar, und in Richtung Schwarzes Meer. Dann unterteilt sich das in zwei Becken, in ein westliches Becken und ein östliches Becken. In dem westlichen Raum sehen wir vor allem sehr große Inseln, und in dem östlichen Raum sehen wir tausende kleine Inseln, also die Ägäis. Und so erstaunt es nicht, dass die Anfänge unserer Geschichte, aber auch die Anfänge des Seehandels, die Anfänge der Schifffahrt in der Region beginnen, in der wir diese vielen, vielen Inseln haben, also ein enger Kontakt zwischen Land und Meer bestand und in der Region beginnt im Grunde die gesamte Schifffahrts- und Seehandelsgeschichte des Mittelmeerraums."

"Es muss bestimmte Räume und Gebiete geben, die einen dauerhaften und regelmäßigen Bedarf nach Gütern, Produkten oder auch Menschen in Form von Sklaven entwickeln, die es bei ihnen zuhause nicht gibt," so Raimund Schulz:

"Und die zweite Voraussetzung: Es muss Akteure geben, Menschen geben, die bereit und in der Lage sind, für diese Abnehmer diese Güter über See zu beschaffen."  

Beides war im Mittelmeerraum gegeben, weil "der Mittelmeerraum dadurch gekennzeichnet ist, dass wertvolle Mineralien, Güter, Luxusgegenstände sehr ungleich verteilt waren."

Herrscher beraubten sich gegenseitig

Was spätestens rund 2000 v. Chr., mit der Bronzezeit, zu Handelsbeziehungen führte. Die benötigten Rohstoffe für die Bronze, Kupfer und Zinn, gab es im Westen. Die östlichen Reiche realisierten sofort das Potenzial der aus Bronze hergestellten neuen Waffen, was einen schwunghaften Seehandel förderte - wie auch die Ausstellung im Museum und Park Kalkriese zeigt:

Rekonstruktion der Schiffsfracht des Wracks von Uluburun im Museum für Unterwasserarchäologie in Bodrum, Türkei (WBG-Verlag/Sarah Murray (CC BY-SA 2.0))Rekonstruktion der Schiffsfracht des Wracks von Uluburun im Museum für Unterwasserarchäologie in Bodrum, Türkei (WBG-Verlag/Sarah Murray (CC BY-SA 2.0))"Wir sehen hier einen Kupferbarren, der wiegt so rund 30 Kilo. Kupfer war im zweiten Jahrtausend v. Chr. ein sehr begehrter Rohstoff. Es gibt die archäologische Ausgrabung des Wracks von Uluburun. Dort sehen wir ein Foto, ein Unterwasserbild von den Ausgrabungen. Und was wir da sehen, sind so hochkant gestellte Rechtecke, und diese hochkant gestellten Rechtecke sind wieder exakt solche Barren wie sie hier in der Vitrine liegen. Wenn wir jetzt das Bild daneben anschauen, da sehen wir eine Grabmalerei aus Luxor. Die Szene zeigt Gesandte, die dem Pharao Geschenke bringen: kostbare Gefäße aus Gold, Giraffen, Elfenbeinzähne, auch Hölzer und Ähnliches. Und ganz am Rande sehen wir einen Mann, der trägt auch wieder so ein eckiges Teil auf der Schulter, das heißt, der trägt einen solchen Kupferbarren auf der Schulter. Es ist ein Geschenk des kretischen Königs an den Pharao."

Doch ganz so friedlich, wie die Szene suggeriert, war das Miteinander zu jener Zeit wohl nicht:

"Es gibt aus dem Palast des Echnaton ein Briefarchiv. Dort sind tatsächlich die Korrespondenzen erhalten der Mächtigen jener Zeit. Und dort gibt es den Brief eines Königs von Zypern, der sich heftig beklagt, dass der Pharao ihn, beziehungsweise Männer seines Volkes, bezichtigt, sie würden Piraterie betreiben."

Das weist der König strikt von sich. Doch der Vorfall zeigt mehr:

"Was wir aus dieser Korrespondenz entnehmen können ist, dass sich die Herrscher gegenseitig beschenkten und gleichzeitig gegenseitig beraubten."

"Von den Barbaren hatte keiner marine Traditionen, außer Etrusker und Phöniziern, die ersten als Händler, die zweiten als Piraten."
Cicero, Der Staat 2,4,9

Die berühmte Geschichte von Dionysos

Die Etrusker - im Großraum der heutigen Toskana zwischen 1.000 und 100 v. Chr. ansässig  - gingen nach ihrer Eroberung ins Römische Reich auf. Vielleicht führte das zu der etwas milderen Beurteilung durch Cicero. Die Griechen sahen das anders, wie Heidrun Derks anhand einer griechischen Vase in der Ausstellung zeigt:

Vase mir Abbildung der Dionysius Sage (Varusschlacht im Osnabrücker Land/Hermann Pentermann )Vase mir Abbildung der Dionysius Sage (Varusschlacht im Osnabrücker Land/Hermann Pentermann )"Das ist die berühmte Geschichte von Dionysos. Sie wird überliefert von Homer. In dieser Geschichte schiebt er den Etruskern die Piraterie in die Schuhe, mit dem Unterton, dass die ja selbst vor den Göttern nicht Halt machten, also Dionysos wird von Piraten entführt, nur der Steuermann erkennt, dass es sich um einen Gott handelt und nicht um einen Königssohn. Die Piraten hatten gedacht, sie hätten einen Königssohn geschnappt und hoffen nun auf Lösegeld. Und Dionysos schaut sich das dann eine Weile an. Das wird hier auch sehr schön da gestellt, er sitzt hier ja so, hat so einen typischen Becher in der Hand. Und dann lässt er das ganze Schiff mit Wein umranken, und dann lässt er aus dem Rumpf ein wildes Tier emporspringen, und die Seeräuber stürzen sich vor Schreck über Bord und werden noch im Flug in Delfine verwandelt."

Gefunden haben Archäologen die Vase in einem etruskischen Grab.

"Die Etrusker waren ja vernarrt in diesen griechischen Lebensstil. Und besonders schön finde ich diese Koinzidenz, dass die Etrusker offensichtlich Humor hatten. Sie haben das wirklich mit Humor aufgenommen, dass ihnen die Piraterie in die Schuhe geschoben wird und nehmen dann diese Dinge noch mit ins Jenseits. Also die sind wirklich großmütig!"

Griechen erpressten auch Schutzgelder

Ungefähr zur gleichen Zeit lebten die Phönizier ab 1.000 v. Chr. in Stadtstaaten an der heutigen libanesischen und syrischen Küste. Sie betrieben Handel mit den Hethitern, Ägyptern, Assyrern und Babyloniern. Sie gründeten Karthago an der heutigen tunesischen Küste. In der späten Bronzezeit galten die Phönizier als hervorragende Handwerker. Sie verstanden es, mithilfe des aus der Purpurschnecke gewonnen Farbstoffes, rote, kostbare Stoffe herzustellen. Und sie waren bedeutende Seefahrer, die den Mittelmeerraum kolonisierten von Zypern bis Spanien - wie Raimund Schulz in seinem aktuell erschienen Buch "Abenteurer der Ferne - Die großen Entdeckungsfahrten und das Weltwissen der Antike" beschreibt. Und obwohl sie eine ausgefeilte Schrift besaßen, ist von ihnen selbst kaum schriftliches überliefert.

Dafür haben sich ihre Nachbarn ausgiebig über die Phönizier geäußert, was die Beurteilung aus heutiger Sicht erschwert, "weil wir heute immer wieder vor dem Problem stehen, dass man sauber trennen muss zwischen den Klischees, die ihnen vor allem die Griechen auferlegt haben, und der Realität. Sie waren mit Sicherheit nicht so gefürchtete Piraten wie die Griechen selbst, denn sonst hätten die Phönizier sehr schnell ihre lukrative Rolle als Fernhändler und Zwischenhändler verspielt."

Von den Griechen wiederum sind neben Handel und Piraterie noch weitere Verdienstmöglichkeiten auf hoher See überliefert.

"Überliefert ist auch, dass Schutzgelder erpresst wurden - oder, erpresst würde man jetzt nicht sagen - Schutzgelder wurden erhoben für Sicherheitsdienstleistungen.

Häufig wussten die so Versicherten gar nicht, dass sie zu diesem Schutzbündnis dazugehörten," sagt Heidrun Derks.

 "Da rauschte dann also eine Abordnung der Athener Flotte auf,…"

- die in Friedenszeiten ja auch überleben musste -

"…teilte ihnen mit, dass hier noch ein bisschen Schutzgeld fällig war, und dann war das zu bezahlen. Es gibt da eine wunderbare Stelle von einem Juristen, der rechtfertigen muss, warum General XY so harsch vorgeht und da so hohe Schutzgelder erpresst und dann der Athener Bevölkerung dezidiert darlegt, dass die das Geld ja nicht für nichts bezahlen, sondern dass sie dafür ja auch ständig geschützt werden vor Gefahr. Und insofern gibt es dann hinter dieser eigentlichen Piraterie auch schon einen riesigen Geschäftsbereich, in dem zig Leute sitzen, die auch davon profitieren, dass es diese Bedrohung tatsächlich oder angeblich gibt."

Blick in die Ausstellung "Piraten in der Antike" im Museum und Park Kalkriese (Varusschlacht im Osnabrücker Land/Hermann Pentermann )Blick in die Ausstellung "Piraten in der Antike" im Museum und Park Kalkriese (Varusschlacht im Osnabrücker Land/Hermann Pentermann )

Homer schuf einen der bekanntesten griechischen Profiteure der unsicheren Verhältnisse auf dem Mittelmeer jener Zeit, der wohl weniger im Zusammenhang mit Piraterie als seinen heroischen Abenteuern populär geworden ist: Odysseus.

"Gleich von Ilion trieb mich der Wind zur Stadt der Kikonen, Ismaros hin. Da verheert‘ ich die Stadt und würgte die Männer. Aber die jungen Weiber und Schätze teilten wir alle unter uns gleich, dass keiner leer von der Beute mir ausging."
Homer, Odyssee, 9,40

"In der Zeit, als Homer seine Epen schrieb, die Ilias und in dem Fall die Odyssee, war Raub zur See aber auch zu Land, praktisch ein anerkanntes und vielfach gelobtes adeliges Alltagsgeschäft," sagt Raimund Schulz.

"Güter zu rauben gehörte einfach zur Ausbildung eines jungen Adeligen, und Odysseus selber ist ja ein erfahrener Kämpfer, der von Troja den Weg nach Hause sucht, und man kann, wenn man die Odyssee etwa unter dieser Perspektive liest, viele seiner sogenannten Irrfahrten fast als gezielte Raubfahrten interpretieren."

Wie zum Beispiel die Geschichte über das Auftauchen Odysseus auf der Insel der Kyklopen:

"Ist im Prinzip nichts anderes als ein Überfall auf eine wohlbestellte Insel. Odysseus und seine Mannschaft scheren sich relativ wenig darum, was die Einwohner, in dem Fall die Riesen, davon halten, dass hier jemand unangemeldet sich in ihren Höhlen breitmacht und deren Güter verzehrt. Und dass schließlich sie dann von Polyphem, also dem Riesen, gefressen werden, das hätten zumindest viele andere Küstenstädte gut verstanden, wenn sie in dem Fall ankommende Piraten nicht gefressen, sondern gelyncht haben. Was ich damit sagen will: Überfälle auf Küstenstädte und auf Menschen gehörten einfach in dieser Zeit und auch lange zum Geschäft eines Adeligen, der einfach weiter kommen wollte und für den es entscheidend war, dass er vor allem reich nach Hause kam."

"Die Seeräuberei ist von jeher betrieben worden und wird stets betrieben werden, solange die menschliche Natur dieselbe bleibt."
Cassius Dio, Römische Geschichte 36,20,1

Rom benötigte Sklaven für seine expandierende Wirtschaft

Natürlich betrieben auch die Römer Seeräuberei und sahen keinen Grund, einzuschreiten, wenn etwaige Konkurrenten auf dem antiken Weltmeer geschädigt wurden. Seit dem Sieg über Karthago und der östlichen Reiche im Mittelmeerraum, war Rom endgültig zum "Global Player" geworden, wie Heidrun Derks in ihrem Buch zur Ausstellung "Gefahr auf See - Piraten in der Antike" beschreibt. Mit dem Untergang und Bedeutungsverlust dieser regionalen Kräfte, fehlten auch die Ordnungsmächte im Mittelmeer.

"Es kommt dann in Folge - wenn wir den antiken Autoren da glauben dürfen - zu einer explosionsartigen Zunahme der Piraterie im Ostmittelmeerraum."

Diese Zunahme ist den Römern zu Beginn sehr recht. Rom benötigt Sklaven für seine expandierende Wirtschaft, außerdem verlangen die römischen Bürger Haussklaven. Zudem suchen "arbeitslose" Marinesoldaten und Söldner ihr Auskommen. Heidrun Derks:

"Gefährlich wurde das erst, als die Seeräuber aus diesem Raum nach Westen vordrangen und auf einmal sozusagen, im wahrsten Sinn des Wortes, an Roms Türen klopften. Also sprich, Römer, verdiente Politiker entführten, Häfen überfielen, Getreidetransporte blockierten, und so begann man also 100 v. Chr. mit den ersten 'Antipiraten-Maßnahmen'. Die gestalteten sich zunächst recht halbherzig. 30 Jahre später war dann klar, dass durchgreifendes geschehen musste."

Raimund Schulz:

"Erst jetzt, in diesem Augenblick in den 70er-Jahren, als tatsächlich Hungerkrisen auftraten in Rom, hat sich dann der Senat entschlossen, ein großes Kommando einzurichten, was dann von Pompeius wahrgenommen wurde und mit entsprechend beispiellosen Mitteln, finanziell, materiell, Mitteln an Mannschaften ausgestattet am Ende dann zum Erfolg führte."

Geschäft der Piraten hat sich kaum verändert

Piraten in der Antike - die Ausstellung in Kalkriese zeigt viele Facetten des Themas: Modelle der Schiffe, die speziell für diese Zwecke gebaut wurden, Kostbarkeiten, die die Räuber erbeuteten und warum es so schwer ist, zu erkennen, ob ein Handelsschiff nur im Sturm gesunken oder von Piraten geentert wurde. Viel verändert hat sich in der Zwischenzeit an dem Geschäft der Piraterie nicht, meint Heidrun Derks:

"Also wenn man sich anschaut, wo haben wir denn heute Piraterie? Das sind ganz bestimmt Regionen, und das gilt eben auch für die Antike. Denn was dazu kommt, sind bestimmte politische Verhältnisse. Es ist eine Gemengelage aus wirtschaftlicher Misere, politischer Instabilität, einem fehlenden Machtmonopol und dann eben Seehandel."

Literatur:
Antike Welt, Zeitschrift für Archäologie und Kulturgeschichte, Verlag Philipp von Zabern, 2/2016
Derks, Heidrun, Gefahr auf See – Piraten in der Antike, Konrad Theiss Verlag - WBG, 2016
Schulz, Raimund, Abenteurer der Ferne – Die großen Entdeckungsfahrten und das Weltwissen der Antike, Klatt-Cotta Verlag, 2016

 

 

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