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StartseiteHintergrund"Pisa im Quadrat"17.06.2005

"Pisa im Quadrat"

"Humankapital" - Streit um das Unwort des Jahres

Mit ihrer Entscheidung, den Begriff "Humankapital" zum Unwort des Jahres 2004 auszurufen, hat die Unwort-Jury aus Germanisten und Schriftstellern heftige Kritik von Wirtschaftswissenschaftlern auf sich gezogen. Ignorant sei die Jury, ein mentaler Luftverschmutzer und geistiger Totengräber unserer Volkswirtschaft. Zeigt sich im Streit ums Wort auch eine Debatte um die Rolle des Menschen im Kapitalismus?

Von Günter Rohleder

"Humankapital" - die Wahl zum Unwort des Jahres  löst unter Wirtschaftsexperten energischen Widerspruch aus.  (AP)
"Humankapital" - die Wahl zum Unwort des Jahres löst unter Wirtschaftsexperten energischen Widerspruch aus. (AP)

Ich stehe vor der Qual der Wahl
Was meint das Wort Humankapital?
Ist es banal, phänomenal,
global, fatal, irrational,
ist's liberal, ist's epochal...?


fragt der Dichter Robert Gernhardt, inspiriert von einer Jury aus Germanisten und Schriftstellern, die den Begriff Humankapital Anfang dieses Jahres zum Unwort 2004 ausrief.

" Uns ist Humankapital bereits von einigen Jahren einmal aufgefallen, als ohne irgendwelche großen Erläuterungen zum Beispiel die Kinderaufzucht bzw. zunächst mal überhaupt Geburten von Kindern... nur unter dem Begriff des Humankapitals verstanden wurde. Also wer - und das kann man jetzt ausdehnen auf die Kritik, die wir dieses Jahr geübt haben -, wer also alles nur unter ökonomischem Gesichtspunkt sieht, verengt den Blick auf die Welt,"

sagt Horst Dieter Schlosser, Germanist in Frankfurt am Main und Vorsitzender der Unwort-Jury. Der Begriff Humankapital degradiere nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen kritisiert die Jury.

Der Begriff ist keine neue Erfindung. Bereits im 17. Jahrhundert verwendet der englische Arzt und Ökonom William Petty den Begriff human capital, um den Wert von Arbeitskraft und Bildung für das Wohlergehen der Nation zu berechnen. Später wird Humankapital zur Rechengröße für die Versicherungswirtschaft. Denn wie will man Prämien berechnen, ohne den Wert des Menschen zu kennen? Auch bei Militärstrategen findet der Begriff Anklang. So wie es harte und weiche Kriegsziele gibt, lässt sich die Verlustbilanz in Sach- und Humankapital differenzieren.

Robert Gernhardt setzt seinen Reim auf das Humankapital so fort:

Ich sag ganz unsentimental
Wer's nutzt, dem ist der Mensch egal
Er sieht ihn nur als Material
Pfeift ganz brutal auf die Moral
und macht den Sprachskandal total.


Die Unwortentscheidung stößt auf heftige Kritik. Wirtschaftswissenschaftler schlagen Alarm. Jürgen Donges, Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik, Universität Köln, zeigt sich entsetzt und wirft der Jury Ignoranz vor. Nicht nur die moderne Wachstumstheorie, sondern auch alle praktische Erfahrung in Deutschland und anderen hoch entwickelten Ländern lehre, dass der Produktionsfaktor Humankapital die entscheidende Wachstumsdeterminante in einer Wirtschaft überhaupt sei. Indem er sich sein Humankapital aufbaut, werde der Mensch nicht zu einer ökonomisch interessanten Größe degradiert, wie es in der Begründung zum Unwort heißt, sondern er werde, so Jürgen Donges, in jeder Hinsicht aufgewertet, persönlich und gesellschaftlich.

Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin, findet, Humankapital zum Unwort des Jahres zu wählen, sei Pisa im Quadrat! Als Fachwort für Bildung und Ausbildung sei Humankapital ein Schlüsselbegriff für die Bewältigung der wirtschaftlichen Zukunft Deutschlands. Wer es zum Unwort abstempeln wolle, sei ein mentaler Luftverschmutzer und geistiger Totengräber unserer Volkswirtschaft.

Manfred Neumann, Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik, Universität Bonn, räumt ein, dass Ökonomen eine Menge hässlich klingender Ausdrücke verwenden, denke man etwa an den Begriff natürliche Arbeitslosigkeit. Aber Humankapital sei natürlich etwas Positives. Das müsse man nur geduldig erklären.

Auch für Christian Scholz, Dozent für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Saarbrücken, hat die Unwort-Jury politisch und moralisch vollkommen verantwortungslos gehandelt. Bietet der Begriff Humankapital aus seiner Sicht doch die Chance, die Mitarbeiter eines Unternehmens aufzuwerten und eben gerade nicht auf einen reinen Kostenfaktor zu reduzieren. Etwa durch Fortbildung und effizientere Führung, im Fachjargon der Betriebwirtschaftslehre Personalentwicklung genannt. Christian Scholz:

" Wenn ich sie begründe über den Aufbau von Humankapital, kann ich auf diese Weise sehr schön begründen, warum ich bestimmte Personalentwicklungsmaßnahmen brauche: Zum einen, weil das Wissen auf diese Weise wieder aufgefrischt wird, zum anderen weil Aspekte wie Commitment der Mitarbeiter, also Bereitschaft mitzumachen, weil die Idee der Bindung der Mitarbeiter eine Rolle spielt - bedeutet: hier gibt's eine Reihe von Faktoren, die unmittelbar z.B. durch Personalentwicklung beeinflusst werden, die den Wert der Mitarbeiter steigern und die letztlich eine sehr aussagefähige Kosten-Nutzen-Relation liefern, die uns dann wirklich sagt: wir müssen jetzt hier nicht nur über Personalkosten arbeiten, wir können über Personalinvestitionen nachdenken, und wenn wir das machen, kommen wir teilweise zu vollkommen anderen Ergebnissen als wir gegenwärtig in Unternehmen und auch in der politischen Landschaft sehen."

Der Betriebswirt Christian Scholz wendet sich mit seinem Saarbrücker Modell also gegen ein reines Lohnkostenkalkül, das der so genannte Shareholder-Value nahe legt. Shareholder-Value heißt: Unternehmensrendite im Interesse der Kapitaleigner - also bei Aktiengesellschaften im Interesse der Aktionäre - steigern, z.B. durch Senkung der Lohnkosten.

" Wir wissen, dass es so etwas gibt wie Humankapital. Humankapital ist intuitiv auch schlüssig. Die Mitarbeiter sind was wert, da ist ein Potenzial dahinter, das kann man beim Unternehmenszusammenschluss bewerten. Da gibt es verschiedene Punkte. Frage letztlich: Wie kommen wir ran?"

Die betriebswirtschaftlichen Herangehensweisen an das Humankapital sind breit gestreut. Sie kommen überwiegend auf englisch daher: Da ist von Soft-Skills die Rede, wenn es darum geht, wie pünktlich, höflich und motiviert jemand im Unternehmen auftritt, ob jemand Flexibilität und Commitment an den Tag legt. Und diese Ressourcen gilt es dann durch ein so genanntes Human Resource Management(HRM) für das Unternehmen so effizient wie möglich nutzbar zu machen.

Der Führungskräfte-Informationsservice im Internet 4 managers definiert HRM so:

" Human Resource Management ist die Weiterentwicklung des Personalwesens mit dem Ziel, "weiche" Erfolgsfaktoren wie etwa die Qualität der Führung, die Dynamik der Organisation und die Entwicklung talentierter Mitarbeiter zu stärken. Es stellt damit eine spezifische Sichtweise des Personalmanagements dar, die die erfolgskritische Bedeutung des Humankapitals konsequent aufgreift. Das Personalmanagement wird zur Innovationsquelle. Jede Form der Personalarbeit kann als Human Resource Management angesehen werden, wenn sie dazu beiträgt, den Human Capital Value zu steigern."

Das Potenzial der Mitarbeiter soll im Mittelpunkt stehen und nicht die Kosten, mit denen sie zu Buche schlagen. Und wie stellt man ihn dar, den Wert der Ressource Mensch, den Wert der Mitarbeiter? Es muss in Euro sein, findet Christian Scholz.

" Die Mitarbeiter sind in einem Geldbetrag ausdrückbar. Und genau das ist für mich auch der wichtige Teil. Das heißt hier geht es wirklich um die Fragestellung, wenn wir Mitarbeiter, ob in einer Bilanz oder sonst irgendwo ausweisen würden, welcher Betrag stünde dahinter. Wir müssen uns auf einer Plattform bewegen, wo wir tatsächlich auch die gemeinsame Sprache sprechen, wie diejenigen, die über derartige Dinge entscheiden. Das ist nun mal in unserer Welt der Euro-Betrag. Und deshalb müssen wir im Eurobetrag argumentieren."

Um die Mitarbeiter eines Unternehmens zu bilanzieren, orientieren sich die Betriebswirte an den Marktpreisen. So werden die am Markt erzielbaren Löhne zugrunde gelegt und die Lohnsumme ergibt den Wert der Mitarbeiter. Bevor sich die Betriebswirtschaftslehre (BWL) seit Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts für das Humankapital zu interessieren begann, wurde der Begriff Ende der 50er Jahre zunächst innerhalb der Volkswirtschaftslehre (VWL) neu etabliert.

Dort wird etwa untersucht, inwieweit ein Zusammenhang besteht zwischen Qualifikationsniveau und Einkommen. Friederike Maier, Professorin für VWL an der Fachhochschule für Wirtschaft, Berlin:

" Für uns ist Humankapital das, was die Menschen befähigt, produktiv zu arbeiten, und je mehr Humankapital man hat, umso produktiver ist jemand, weil die Volkswirte haben ja das Problem, dass sie Produktivität nicht messen können - nicht wirklich. Und Humankapital ist so 'ne Art Hilfsgröße, mit der wir versuchen einzukreisen, wie produktiv könnte eine Person sein."

Am Tag der Unwortbekanntgabe trat auch das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln an die Öffentlichkeit, um einen Betrag bekannt zu geben, der das Humankapital der voll erwerbstätigen Bevölkerung für das Jahr 1999 beziffert: Das Institut kam auf eine Summe von 3.750 Milliarden Euro.

Die Berechnung geht so: Das Institut summiert die Ausbildungskosten, die entstünden, wenn die Bundesbürger Schul- und Berufsabschlüsse neu erwerben müssten. Die Ausgaben für Schulgebäude, Lehrer und Ausbilder fließen genauso ein wie die indirekten Ausbildungskosten. Dafür nehmen die Ökonomen einen Einkommensausfall an, das heißt sie legen das Einkommen zugrunde, das jemand verdienen könnte, wenn er z.B. statt zu studieren
erwerbstätig wäre. Ergebnis: Im wesentlichen stagnierte der Marktwert des Humankapitals in den 90er Jahren. Schlussfolgerung: Die Produktivkraft der erwerbstätigen Bundesbürger ist nicht gestiegen.

Die Geldbeträge haben nur Illustrationswert sagt Gert Wagner, Forschungsdirektor, am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin:

" Es wird in der Volkswirtschaftslehre zumindest nicht nachgemessen, wie viel an Wissen im Detail wirklich jemand erworben hat. Sondern das wird sehr approximativ gemessen, also nur näherungsweise, und das reicht für die Volkswirtschaftslehre auch völlig aus. Volkswirte fangen nicht an, Leute danach zu bewerten, ob sie mehr oder weniger wert sind, wenn man ihr Humankapital betrachtet. Sondern es ist ein illustrativer Begriff, der einem hilft zu verstehen, wie Wissen und Arbeitskraft in Volkwirtschaften funktionieren. Es geht nicht darum, jemand auf den Kopf zuzusagen, dein Humankapital ist soundsoviel Euro wert."

Aber suggeriert der Begriff nicht eben doch eine solche Bewertung? Wird alles als Kapital kalkuliert - Sachkapital, Immobilienkapital, Sozialkapital, Humankapital - kann man es nach dem Renditekalkül miteinander vergleichen. Der rationale Investor geht hin und wählt die Anlageform, die ihm die höchste Rendite verspricht.

Einer der Ökonomen, die sich den Begriff Humankapital seit Ende der 50er Jahre zu eigen machten, war der spätere US-amerikanische Nobelpreisträger Gary Becker. Zusammen mit seinen Kollegen Theodore Shultz und Milton Friedman war er federführend beteiligt am Konzept eines neoliberalen Wachstumsmodells, in dessen Bann Ökonomie und Politik nach wie vor stehen. Gary Becker hat versucht, Einkommensunterschiede über das Humankapital zu erklären. Wie etwa lässt sich objektiv begründen, dass jemand mit Hochschulabschluss mehr verdient als ohne. Die neoliberale Schule geht davon aus, dass jemand entsprechend seiner Produktivität entlohnt wird. Das lässt sich aber nicht messen. Deshalb greift Becker auf das Humankapital als Näherungsgröße zurück. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Friederike Maier über das Denken von Gary Becker:

" Gary Becker hat die Vorstellung, dass man jedes menschliche Verhalten, egal auf welcher Ebene und auf welchem Feld, im Grunde erklären kann wie das Verhalten auf Märkten. Also im Grunde ist die ganze Welt eine Markt. Bei Gary Becker gibt es einen Heiratsmarkt, ein Markt für Kinder, einen Markt für Kriminalität, einen Markt für eigentlich alles. Gary Beckers These ist: Jedes Individuum steht immer vor einer Wahl, nämlich es kann z.B. Kinder bekommen oder nicht. Und ob es Kinder bekommt oder nicht, dieses weibliche Individuum in dem Falle, hängt von einer Kosten-Nutzen-Abwägung ab. Und wenn ich dann abwäge Kosten-Nutzen, jetzt kein Kind, dann entscheide ich mich eben dagegen. Das ist eine ökonomisch rationale Entscheidung."

Der Mensch als egoistisches, rationales Wesen, immerzu getrieben von Nutzenmaxierung. Kinder sind bei Gary Becker einerseits Konsumgüter, etwa als Liebesobjekte und Zeitvertreiber, andererseits sind sie Investitionsgüter, die Rendite abwerfen können.

Was macht ein Vater, der mit seine Tochter spielt? Investiert er in Humankapital? Der Betriebswirt Christian Scholz:

" Das eine ist die Fragestellung, ob ich logisch plausibel, fast schon umgangssprachlich in Humankapital investiere. Dann wäre die Antwort eindeutig: Ja. Das zweite ist, ob Sie betriebswirtschaftlich messbar in Humankapital investieren. Da ist die Antwort nach gegenwärtigem Wissenstand noch Nein."

Die Frage ist: Wohin wollen wir? Wollen wir die totale Durchökomisierung des Lebens?

Problematisch findet die Ökonomin Friederike Maier am Konzept Humankapital, es suggeriere, alle Menschen seien Investoren und könnten ununterbrochen in sich selbst investieren, indem sie ihr Humankapital aufstocken.

" Das ist, finde ich, ne falsche Gleichsetzung von Menschen und ihren Fähigkeiten mit dem Erwerb von Maschinen. Also wenn ich Sachkapital erwerbe, ist das was anderes, als wenn ich Humankapital erwerbe. Das Humankapital ist Teil von mir, und ich kann das nicht veräußern. Wenn ich die falsche Maschine gekauft habe, kann ich die auf den Markt bringen und veräußern und kann mir eine neue kaufen. Wenn ich das falsche Humankapital erworben habe, ist mein Leben um fünf, sechs, sieben Jahre vergangen und ich kann das nicht wieder veräußern und noch mal neu anfangen."

Aber auch Friederike Maier nimmt das Humankapitalkonzept in Schutz. Es trage dazu bei, den Unternehmen deutlich zu machen, dass man in die Mitarbeiter investieren muss. Hier treffen sich volks- und betriebswirtschaftliches Denken in der Kritik an Shareholder Value orientierter Kostensenkungsstrategien.

Was die Ökonomisierung von Sprache angeht, ist sich die Unwortjury bewusst, dass auf den ersten Blick deutlich aggressivere Wortkandidaten als Humankapital durch den Wirtschaftsalltag und Medien geistern. Der Germanist Horst Dieter Schlosser mit Beispielen:

" Die vielen, vielen Umschreibungen von ganz knallharten Entlassungen - also das geht los mit dem Freisetzen, gut, das ist n ganz alter Begriff, den kann man schon fast nicht mehr kritisieren. Aber wenn da z.B. von redimensionieren die Rede ist, damit sind Menschen gemeint, wohlgemerkt, Verringerung der Arbeitszeit. ... Und für das letzte Jahr ist uns noch eine wunderbare Formulierung gekommen, die aber wenn man sie genau betrachtet, sich selbst entlarvt, nämlich die personelle Rationalisierungsreserve, nicht, die hat also offensichtlich jede Firma und kann darauf hoffen, dass wenn die Zeiten noch schlechter werden, sie weiter rationalisieren kann, denn da hat sie ja eine Reserve von Arbeitskräften."

Der Unwortjury geht es letztlich nicht um die Wörter als solche, sondern um den konkreten Gebrauch. Und der kann auch an und für sich unschuldige Begriffe wie Flexibilität und Eigenverantwortung in Zynismen verwandeln. Trotzdem ist das Potenzial der Begriffe unterschiedlich. Dass sich sinnwidrige Wortgebilde wie Ich-AG ohne Anführungszeichen etablieren konnten, scheint darauf hinzuweisen, dass die "Verbetrieblichung" des Menschen unsere Phantasie bereits nicht mehr erschreckt.

Wenn der Ökonom Christian Scholz das Wort Humankapital als intuitiv schlüssig bezeichnet, klingt das wie ein suggestiver Appell. "Die Mitarbeiter produzieren nicht nur Kosten für das Unternehmen, rufen die Ökonomen, sie produzieren Wert, und wir finden die Humankapitalformel, um diesen Wert in der Unternehmensbilanz ausdrückbar zu machen." Das klingt bizarr. Wissen die Unternehmen wirklich nicht, was sie an ihren Arbeitskräften haben? Warum sie sie einstellen und für sich arbeiten lassen? Brauchen Sie Nachhilfe?

Und handeln die Unternehmen nicht nur konsequent, wenn sie aus betriebswirtschaftlichem Kalkül heraus diejenigen entlassen, die nicht genügend Rendite erwirtschaften? Können sie überhaupt anders bestehen? Es geht darum, Gewinne zu erzielen und in der Konkurrenz zu bestehen, das ist die Logik der kapitalistischen Ökonomie, freilich mit einem gewissen Ermessenspielraum zwischen kurzfristigen und mittelfristigen Renditeüberlegungen.

Der Schriftsteller und Soziologe Urs Jaeggi hält die ökonomische Debatte zwischen den Polen des Neoliberalismus - Motto: Shareholder Value steigern - und Postkeynesianismus - Motto: Nachfrage steigern und Vollbeschäftigung - für erstarrt.

" Da find ich schon, dass da ein Diskurs stattfinden müsste, der eben über dieses rein Ökonomische hinausgeht, ohne das Ökonomische zu negieren - ich meine, das war ja auch eine Tendenz, die es gibt, dass man sagt Ökonomie ist Scheiße, wir machen was daneben. Dass das nicht geht, das haben wir glaub ich alle begriffen. Aber dass man den Diskurs nicht in dieser Enge führen muss, wie er jetzt geführt wird, mit diesen Vokabeln und mit diesen Begriffen, mit diesen Konzepten, die wir eigentlich schon wieder nicht mehr hören können, weil sie nicht funktionieren, und die müssen sich auch mal überlegen, wieso funktoniert's denn nicht, also ich kann nicht auf meinem postkeynesianischen Standpunkt stehen; und ich kann nicht auf meinem neoliberalen Standpunkt stehen bleiben, wenn ich sehe, was mit der Gesellschaft passiert."

Der Humankapitalansatz ist fern davon, den Shareholder Value, das Renditeinteresse der Kapitaleigner, in Frage zu stellen. Im Gegenteil, er will den Mitarbeiter ganz. Auch seine Soft-Skills, sein schlummerndes Potenzial, sollen in die Erfolgsbilanz des Unternehmens einfließen. Shareholder Value und Humankapital greifen vorzüglich ineinander. Die Unternehmensrendite wird als "shareholder Value" direkt vergleichbar mit den Renditen jeder Anlage auf irgendeinem Finanzmarkt der Welt. Und auch die Löhne werden - verstanden als Ertrag von Finanzinvestitionen in Humankapital - international vergleichbar. Unterschiedlichste Einkünfte werden zu Kapitalerträgen: Egal, ob du arbeiten gehst oder dein Kapital arbeiten lässt.

Wer arbeitet, ist der Dumme. Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück. Hat Benn in den 30er Jahren gesagt. Ist das zynischer als die Versuche den Produktivitätsfortschritt mit Humankapitalveredelung zu bekämpfen? Urs Jaeggi zeigt Mut zur Alternative, wenn er das Benn'sche Diktum einfach umkehrt:

" Und heute muss man eigentlich sagen, gescheit sein und keine Arbeit haben, das ist das Glück. Wenn wir keine Arbeit mehr haben, muss man wenigstens kreativ was machen können, was man hat, irgendwie produktiv umsetzen können. Dass man irgendwas macht, was einem das Gefühl gibt, man ist jemand, man tut was."

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