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StartseiteSport am WochenendePlanspiel Olympia29.07.2012

Planspiel Olympia

Wie die deutsche Sportförderung das Medaillenzählen zum Maß aller Dinge macht

Der Medaillenspiegel scheint zu Olympia zu gehören wie die Bilder des Tages zu den Fernsehübertragungen. Auch viele Zuschauer zählen akribisch Gold, Silber und Bronze - andere halten es für albern, und manche Philosophen finden es geradezu gefährlich.

Von Daniel Drepper und Niklas Schenk

Möglichst viele Madaillen sollen geholt werden - bestenfalls goldene (dpa / Peter Kneffel)
Möglichst viele Madaillen sollen geholt werden - bestenfalls goldene (dpa / Peter Kneffel)

Für sie ist es der Ausdruck eines totalitären Verständnisses von Athleten als Produzenten von Medaillen, ein Rückfall in DDR-Zeiten, als der Staat den Sport instrumentalisierte, um seine Stärke zu beweisen. Eine Diskussion darüber versuchen die Organisatoren des deutschen Spitzensports - der deutsche olympische Sportbund und das Bundesinnenministerium - zu unterbinden. Ihr ganzes Förderkonzept basiert auf der Medaillenzählerei, und Verbände, die dagegen aufmucken, werden abgestraft, Journalisten, die nachfragen, werden abgekanzelt.

Acht Medaillen müssen die Leichtathleten bei den Olympischen Spiele in London gewinnen, das steht schon seit fünf Jahren fest, und zwei davon bitteschön in Gold. So sieht es eine Zielvereinbarung vor, die der deutsche Leichtathletik-Verband 2008 mit dem deutschen Olympischen Sportbund DOSB abschließen musste, der Dachorganisation aller deutschen Sportverbände.

Zielvereinbarungen wie diese sollten eigentlich geheim bleiben, findet der DOSB. Denn sie definieren seine Macht gegenüber den Sportverbänden, und sie sichern seine Mitsprache, wenn in der Sportabteilung des Bundesinnenministeriums in Bonn die Fördermillionen für den deutschen Sport verteilt werden.

132 Millionen Euro pro Jahr allein aus dem Innenministerium alimentieren die Ambitionen deutscher Sportler. Wichtigstes Argument dafür: Deutsche Sportler, die Medaillen gewinnen, mehren das Ansehen der Nation im Ausland. Sie dienen dem Nachwuchs als Vorbild und geben "den Deutschen” eine gemeinsame Identität.

Sportpolitiker wie Viola von Cramon von den Grünen versuchen seit Jahren, Einblick in die Details der Sportförderung zu bekommen. Ihrer Ansicht nach entzieht sich der deutsche Sport jeder parlamentarischen Kontrolle. Sie fragt sich: In welche Projekte gehen ganz konkret große Summen?

"Und wenn man sich dann anschaut, wie viel Nachwuchs produzieren denn einige Wintersportarten – Klammer auf Bobfahren – und wie weit reichen denn die Erfolge der Bobfahrer in die Gesellschaft hinein? Hat das wirklich eine Vorbildfunktion für eine große Gruppe an Kindern? Ist es das, was man unter Sport und Vorbildfunktion, unter präventiver Gesundheitsvorsorge versteht?"

"Hau ihn raus, Robert, Hau ihn raus!"

Robert Harting, David Storl, Silke Spiegelburg - sie gelten als die Medaillenhoffnungen der deutschen Leichtathleten. Aber auch bei Weltklasse-Athleten wie ihnen lässt sich ein Sieg nicht planen. Was sich planen lässt, sind Leistungen, zum Saisonhöhepunkt nahe am persönlichen Rekord. Wer Medaillen misst, der misst weitgehend eine Zufallsgröße, sagt Eike Emrich, Sportökonom an der Universität des Saarlands in Saarbrücken.

"Wenn sie im Olympischen Finale drei 90 Meter-Speerwerfer haben, die im Bereich von ± 2 Meter um die 90 Meter werfen können, dann entscheidet ein plötzlicher Windstoß darüber, ob sie nun Gold gewinnen oder den vierten Platz belegen."

Die Vorgabe für die Leichtathleten: Eine Medaille im Sprint, drei - davon eine goldene - in den Mehrkämpfen und den Sprungdisziplinen - Hochsprung, Weitsprung, Stabhochsprung, vier in den Wurfdisziplinen, auch davon eine in Gold - daran werden sie gemessen. Erfüllen sie ihre Medaillenvorgaben nicht, gibt es keinen Automatismus, betont das Innenministerium.
Denkbar sind zwei Möglichkeiten: Entweder das Ministerium zieht Mittel ab, als Strafe. Oder es stockt sie auf, weil sie nicht reichen, um die gesteckten Ziele zu erreichen.

Welche dieser Konsequenzen gezogen wird, sagen Kritiker, hänge maßgeblich davon ab, wie brav sich ein Verband einordnet. Und das obwohl die Verbände ihre Zielvereinbarungen nicht etwa mit ihrem Geldgeber treffen, dem Innenministerium, sondern mit dem DOSB - der offiziell nur beratende Funktion hat. Wer sich wehrt, wird abgestraft.

Sommerfest im Trainingszentrum Kienbaum nahe Berlin Anfang Juli. Hier trainieren viele Athleten für Olympia, hier werden sie heute zu den Spielen verabschiedet. Man ist nett zueinander, die Hammerwerferin Betty Heidler bekommt einen Preis für menschliche Werte im Sport überreicht, und der Innenminister Hans-Peter Friedrich verkündet feierlich das offizielle Ziel für London: "Die Olympiamannschaft strebt in der Medaillenwertung wieder Rang fünf an", sagt er.
Da ist er wieder, der Medaillenspiegel. Offiziell gibt es diese Wertung gar nicht, und doch schielen auch Politiker auf sie.

Seit bei Olympia 1972 in München die DDR und die Bundesrepublik erstmals getrennt aufliefen, sei Sport mit politischer Bedeutung zusätzlich aufgeladen, sagt der Philosoph Gunter Gebauer. Ein Staatsplan für Doping, zentralisierte und streng geplante Kampagnen, Drill und knallharte Selektion der Sportelite, klar definierte Leistungsaufträge für die Sportler - so lässt sich das Sportsystem der DDR beschreiben. Eigentlich hatte Gebauer gehofft, das sei Vergangenheit.

"Mir drängt sich der peinliche Eindruck auf, dass das Sportsystem der DDR über das der Bundesrepublik gesiegt hat (...) Dass der Sport, der mit dieser starren Struktur in Zeiten des kalten Krieges entstanden ist, wo ein System seine Überlegenheit durch Sporterfolg beweisen wollte, dass wir das jetzt haben, obwohl wir gar keine Notwendigkeit mehr haben, durch Sport Eindruck zu machen."

Gebauer stellt eine einfache Frage: Braucht Deutschland das noch? Mit welchen Argumenten wendet ein wohlhabender Staat wie Deutschland überhaupt Steuermittel für den Spitzensport auf? Welchen Sinn haben Medaillenziele? Darin sei der Anreiz zum Doping schon angelegt, sagt er.

"Der Druck wird von den Funktionären weitergegeben an die Trainer und Athleten. Ein Trainer steht in der Pflicht, Medaillen zu holen, er muss sich überlegen, wie er seine Stelle sichert (...)
Durch Zielvereinbarungen, die zu hoch gezogen werden, sind die Gefahren groß, dass Athleten dazu getrieben werden zu unerlaubten Mitteln zu greifen."

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