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StartseiteForschung aktuellFitter durch Mutterkuchen?02.03.2018

PlazentophagieFitter durch Mutterkuchen?

Ob als Kuchen, Smoothie oder in Kapsel-Form: Das Verspeisen des Mutterkuchens findet weltweit immer mehr Anhänger. Das soll fitter machen und vor Depressionen schützen. Der gesundheitliche Effekt ist jedoch umstritten. Kritiker dieses zweifelhaften Trends warnen stattdessen vor gesundheitlichen Risiken.

Von Christine Westerhaus

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Zwei Gläser mit grünem Smoothie aus Grünkohl. (Imago )
Es muss nicht immer Obst oder Gemüse sein: Manche Frauen nehmen nach der Geburt ihre Plazenta als Smoothie zu sich, um fitter zu werden. (Imago )
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Beim Thema Plazentophagie scheiden sich die Geister: Während sich manche vor Ekel schütteln bei der Vorstellung, die Plazenta zu essen, die ihr Kind im Mutterleib mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgte, schwören andere auf die positive Wirkung dieser eigentümlichen Kost. Wissenschaftlich belegt ist diese bislang jedoch nicht, gibt Alex Farr von der Medizinischen Universität in Wien zu bedenken. Wer sich wie er auf die Suche nach aussagekräftigen Studien zu dem Thema umsieht, findet – so gut wie Nichts.

"Wenn man sich die medizinische Literatur und damit auch wirklich die Evidenz anschaut, findet man eigentlich keine einzige Studie, die einen wirklichen Benefit dieser Maßnahme zeigt. Es sind also primär nur sehr alte oder sehr kleine Berichte, die nur Umfragen darstellen von Frauen, die das gemacht haben, die danach sagen: "Ja mir ging es besser, ich war fitter, mein Stillen war besser" oder wie auch immer. Aber es gab auch keine randomisierten Studien.

Also die Frauen, die die Plazenta mit nach Hause nehmen wollen, um die dann zu verspeisen, orientieren sich an - muss man schon sagen fast – mythologischen, sehr alternativen Berichten, die also grundsätzlich nur auf Umfragen basieren und nicht auf medizinischen Studien."

Plazentophagie findet immer mehr Anhänger

Dennoch findet die Plazentophagie immer mehr Anhänger. Im Internet kursieren Rezepte zur Zubereitung von Plazenta-Gerichten: Als Geschnetzeltes, Eintopf oder als Smoothie sollen sie Frauen im Wochenbett zu neuer Energie verhelfen. Manch frisch gebackenes Elternpaar lädt seine Freunde gar zu einer Plazenta-Party ein, bei der die Nachgeburt als Kuchen in einer feierlichen Zeremonie verspeist wird.

Wer es nicht ganz so archaisch mag, kann sich die eigene Plazenta auch zu Kapseln verarbeiten lassen. Kostenpunkt: um die dreihundert Euro. Wer dieses Geld investiert, verlässt sich jedoch nur auf Hörensagen, meint Alex Farr. 

"Es ist schwierig, die Effekte der Plazentophagie zu messen aufgrund der Tatsache, dass die Frauen, die bereit sind, diese Maßnahme zu ergreifen, von vornherein aus einem sehr esoterisch, homöopathisch, alternativen Umfeld kommen - was schon mal von vornherein eine positive Erwartungshaltung hat demgegenüber und eine niedrige Wahrscheinlichkeit, auch einzugestehen, falls positive Effekte ausbleiben.

Zusätzlich ist es deshalb auch schwierig, weil es eigentlich unmöglich ist, hier prospektive verblindete Studien zu implementieren, die also wirklich einen objektiven Effekt dieser Maßnahme zeigen. Weil diese Studie niemals durch eine Ethik-Kommission zum Beispiel kommen würde."

Pilotstudie in den USA gestartet

Dennoch ist es Forschern in den USA kürzlich gelungen, zumindest eine kleine Pilotstudie auf die Beine zu stellen. Sharon Young von der University of Nevada in Las Vegas und ihre Kollegen haben 27 Frauen untersucht, von denen ungefähr die Hälfte tatsächlich Plazenta-Kapseln verabreicht bekamen. Die übrigen erhielten ein Scheinmedikament, also nur Placebo-Kapseln.

"Interessanterweise konnten wir zu bestimmten Zeitpunkten der Studie tatsächlich Unterschiede zwischen den beiden Gruppen beobachten. Frauen, die Plazentakapseln eingenommen hatten, berichteten von weniger Anzeichen einer Depression und fühlten sich fitter. Das deutet darauf hin, dass sie mehr Energie hatten. Doch gleichzeitig konnten wir über den gesamten Verlauf der Studie insgesamt keinen statistisch signifikanten Unterschied zu den Frauen feststellen, die nur Placebo-Kapseln eingenommen hatten."

Prominenten nicht unreflektiert nacheifern

Alex Farr ist daher weiterhin skeptisch und warnt davor, Prominenten wie Kim Kardashian unreflektiert nachzueifern. Im vorigen Jahr ist in den USA ein Fall bekannt geworden, bei dem sich ein Baby wahrscheinlich über die Plazentakapseln, die seine Mutter einnahm, mit gefährlichen Bakterien infiziert hat. Zudem haben Forscher in der Plazenta mancher Frauen Schadstoffe und Schwermetalle gefunden, die während der Schwangerschaft dort eingelagert wurden. Wer seine Plazenta verspeisen wolle, sollte deshalb wissen, dass der Nutzen zweifelhaft ist, betont Alex Farr.

US television personality Kim Kardashian arrives on the red carpet for the 31st MTV Video Music Awards at The Forum in Inglewood, California, USA, 24 August 2014.  (picture alliance / dpa / Hubert Boes)Auch TV-Promi Kim Kardashian soll die Plazenta ihres Kindes gegessen haben (picture alliance / dpa / Hubert Boes)

"Wir sollten sie darauf hinweisen, dass diese Möglichkeit, sofern die Frau sie für sich in Erwägung zieht, mit potenziell gerade für das Kind lebensbedrohlichen Risiken hier auch vergesellschaftet ist. Das heißt, als Hebamme, als Mediziner hat man eigentlich jede Verpflichtung, die Frau darüber aufzuklären, dass diese Maßnahme nicht sinnvoll ist und ihr davon abzuraten." 

Das sieht Sharon Young anders. Obwohl auch sie in ihrer Studie keinen eindeutigen Nutzen der Plazentophagie nachweisen konnte, hält sie die Risiken für überschätzt. Und schließlich sei es letztendlich Nebensache, ob sich die positive Wirkung tatsächlich wissenschaftlich nachweisen lässt.

"Wenn es wirklich nur ein Placebo-Effekt ist, ist das doch auch eine positive Wirkung! Warum sollte man die Frauen dann davon abhalten? Das Problem ist zwar, dass wir wenig über mögliche Risiken wissen. Aber in den neun Jahren, in denen ich mich mit dem Thema beschäftige, sind mir nur sehr wenige Frauen begegnet, die über unerwünschte Nebenwirkungen geklagt haben."

Was wirklich dran ist, am Mutterkuchen, werden wohl nur größere Studien mit deutlich mehr Teilnehmerinnen zeigen können. Bis dahin muss jede Frau für sich abwägen, ob sie mögliche Nachteile für nicht nachgewiesene Vorteile in Kauf nehmen will.

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