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StartseiteComputer und KommunikationOnline-Manipulation der Wähler10.12.2016

Politik 4.0Online-Manipulation der Wähler

Seit Tagen wird intensiv über den Einsatz von Bots im Bundestagswahlkampf diskutiert. Ausgelöst hat die Debatte Alexander Nix, Chef von Cambridge Analytica. Er behauptet, Donald Trump habe die US-Präsidentschaftswahl allein dank Big-Data-Analysen seiner Firma gewonnen. IT-Experte Peter Welchering relativiert das.

Von Peter Welchering

Smartphone mit Schild und Schwert wehrt Cookies ab (Grafik) (imago/Ikon Images/Jens Magnusson)
Durch Netzüberwachung gewonnene Benutzerprofile sind die Grundlage für individuell zugeschnittenes Direktmarketing durch Propaganda-Algorithmen (imago/Ikon Images/Jens Magnusson)
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"Ich möchte sehr gerne meinen Wahlkampf, der ja jetzt im nächsten Jahr ansteht, auch in den sozialen Medien führen, aber nicht auf der Grundlage von gekauften Daten."

Manfred Kloiber: So äußerte sich am Mittwoch dieser Woche die SPD-Bundestagsabgeordnete Saskia Esken auf der Open-Data-Konferenz in Stuttgart. Seit Tagen wird ja intensiv über den Einsatz von Big-Data-Algorithmen im Wahlkampf diskutiert.

Ausgelöst hat diese ein bisschen aufgeregte Debatte Alexander Nix, der Chef von Cambridge Analytica. Der hat nämlich behauptet, dass Donald Trump die amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewonnen habe, weil er die Big-Data-Analysen von Cambridge Analytica eingesetzt habe.

Mein Kollege Peter Welchering ist der Frage nachgegangen, welche Rolle Big-Data-Algorithmen im amerikanischen Wahlkampf gespielt haben und womit wir im Bundestagswahlkampf 2017 rechnen müssen. Peter, hat Donald Trump tatsächlich mit auf Facebook eingesetzter Big-Data-Technologie die Wahl entschieden?

Peter Welchering: Definitiv Nein. Mit Facebook allein gewinnt man keine Wahlen, mit Twitter auch nicht. Dafür sind die Streuverluste viel zu hoch. Trump hat etwas anderes gemacht. Er hat Daten eingekauft.

Und insofern hat Alexander Nix von Cambridge Analytica Recht, wenn er sagt, dass Big-Data-Algorithmen für die Wahlentscheidung wichtig waren, Nix übertreibt aber, wenn er in Aussicht stellt, mit den richtigen Big-Data-Werkzeugen könne jeder noch so untalentierte Politiker Wahlen gewinnen. Und er verschweigt die schmutzige Seite der Big-Data-Medaille, nämlich dass der Trump-Wahlerfolg auch ein Ergebnis der lückenlosen Netzüberwachung war.

Was Jared Kushner, der Schwiegersohn und Online-Wahlkampfleiter von Donald Trump, nämlich gemacht hat, war politisches Direktmarketing auf der Grundlage von persönlichen Profilen. Und die entstehen durch lückenlose Überwachung der Netznutzer. Man könnte auch sagen: Das war Wählermanipulation auf Online-Überwachungsbasis.

Donald Trump mit seinem Schwiegersohn Jared Kushner (MANDEL NGAN / AFP)"Wählermanipulation auf Online-Überwachungsbasis": Donald Trump mit seinem Schwiegersohn Jared Kushner (MANDEL NGAN / AFP)

Kloiber: Ja, das ist für Menschen, die an freie Wahlen und an die Demokratie glauben, schon harter Tobak. Deshalb hören wir uns erst einmal an, wie dieses politische Direktmarketing technisch funktioniert.


Lückenlose Netzüberwachung als Grundlage für politisches Direktmarketing

Das Wahlkampfteam von Donald Trump hat das gemacht, was Unternehmen schon seit einigen Jahren sehr erfolgreich betreiben: Online-Marketing! Einige Experten nennen es auch Online-Manipulation.

Das britische Unternehmen Cambridge Analytica verfügt über persönliche Profile von 230 Millionen Amerikanern. Die hat die Wahlkampfleitung von Donald Trump als Datenbasis gekauft. Eigens entwickelte Propaganda-Algorithmen haben dann individuelle Botschaften an die potenziellen Trump-Wähler geschickt.

Ergab das Online-Profiling zum Beispiel, dass ein Wähler Muslime nicht mag, er aber unsicher ist, ob Trump auch hart genug gegen Muslime vorgehen wird, wurde ihm ein passgenauer Text zugeschickt, in dem ihm die Politik Trumps gegen Muslime so erläutert wurde, wie es seiner Vorstellung entsprach. Ein Wähler, der die Krankenversicherung Obama Care zurückgedreht haben wollte, erhielt individuell angepasste Mails, in denen Trump die Rücknahme genau der kritisierten Teile von Obama Care ankündigte.

Um solche individuellen Botschaften von Propaganda-Software erstellen zu lassen, sind sehr viele Daten über die Empfänger nötig. Datenexperte Karsten Schramm, der einst GMX gegründet hat und heute Aufsichtsratsvorsitzender des IT-Unternehmens Brabbler AG ist, erklärt, wie diese Daten gesammelt werden:

"Die Anbieter von kostenlosen Websites, die müssen ihr Angebot refinanzieren und arbeiten deswegen mit Datensammlern zusammen. Die bekommen kleine Schnipsel in ihre Homepage rein. Und diese Snippets sorgen dafür, dass der Datensammler von Ihrem Besuch auf der Seite erfährt.

Gleichzeitig wird in aller Regel ein Cookie auf Ihren Rechner gesetzt mit einer eindeutigen User-Kennung, so dass Sie dann, auch wenn Sie sich auf anderen Seiten tummeln, als solcher User eindeutig wiedererkannt werden können."

Von jedem einzelnen Netznutzer müssen die Wahl-Propagandisten wissen, welche politische Einstellung er hat. Wie ausgeprägt seine Vorstellungen sind und ob er in seiner Wahlentscheidung noch schwankt oder festgelegt ist. Karsten Schramm:

"Man kann auswerten, was er in irgendwelchen Foren geschrieben hat, also in Kommentaren zu irgendwelchen Artikeln oder auch in Benutzergruppen. Wenn Sie diese Inhalte nach gewissen Stichpunkten, Stichworten durchsuchen, oder wenn Sie, was ja zum Beispiel bei Google üblich ist, den E-Mail-Verkehr des entsprechenden Benutzers nach Schlüsselworten durchsuchen, dann bekommen sie natürlich sehr schnell ein klares Bild davon, was der eigentlich für Interessen hat."

Lückenlose Netzüberwachung ist die Grundlage für solches politisches Direktmarketing. Und damit wird nicht nur der Politikbetrieb in den USA verändert, sondern auch der bei uns in Deutschland. Der Informatik-Professor Jörn von Lucke von der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen schätzt das so ein:

"Mit dem Internet der Dinge, mit dem Internet der Dienste, mit Online-Bots, mit Robo-Bots, mit Social Bots werden wir Veränderungen in die Wahlkämpfe kriegen, mit denen wir rechnen müssen. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass es nicht nur Freunde der offenen Gesellschaft gibt, sondern auch Feinde, und diese werden diese auch nutzen, um im Wahlkampf ihre Position einzubringen, um mit Desinformation und Gegenpropaganda ihre eigenen Punkte auch zu setzen."

Politik 4.0 nennen die Experten diese Entwicklung, die auch viele Politiker hierzulande irritiert. Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete von Bündnis90/Die Grünen, Alexander Salomon, warnt deshalb.

"Ich glaube schon, dass man immer vorsichtig sein muss, was Menschen oder was auch Interessensgruppen aus möglichen Daten auch am Schluss des Tages machen."


"Eine Wählerstimme ist im politischen Direktmarketing ein Handelsgut, mehr nicht"

Kloiber: Was Menschen und Maschinen aus Daten alles machen, das ist in der Tat die spannende Frage. Diskutiert wurde in der vergangenen Woche ja auch, ob die Big-Data-Algorithmen hier nicht einfach überschätzt werden. Überhöht in ihrer Wirkung auf den Menschen, was die politische Manipulation angeht. Schätzen beispielsweise Alexander Nix und seine Big-Data-Experten die Streuverluste bei politischer Werbung auf Facebook richtig ein, Peter?

Welchering: Nein, solche Streuverluste haben Alexander Nix und seine Leute völlig untertrieben. Aber sie müssen diese Streuverluste auch gar nicht beachten. Es geht nämlich nicht um politische Werbung auf Facebook. Es geht um individuelle Manipulation, indem einzelnen Menschen genau das versprochen wird, was sie sich politisch gerade wünschen - völlig unabhängig davon, wie unrealistisch das ist oder ob diese Wünsche zu den politischen Inhalten des Kandidaten passen. Und solche individuelle politische Propaganda kann eben nur noch von Algorithmen geleistet werden, nicht mehr von Menschen.

Wahlwerbung der PDS auf dem Hamburger Gänsemarkt im Jahr 2002 (imago/bonn-sequenz)Im Wahlkampf von morgen könnte es noch weniger um Diskussion und Verständigung gehen, Online-Werbung und Propaganda-Algorithmen sind auf dem Vormarsch (imago/bonn-sequenz)

Kloiber: Wie sind diese Algorithmen aufgebaut?

Welchering: Da gibt es das Analysemodul. Aus den Daten der Netzüberwachung werden die politischen Erwartungen eines einzelnen Menschen analysiert. Das Semantik-Modul schreibt dann die dazu passende Botschaft. Und die wird dann an diesen Netznutzer und Wähler verschickt. Wenn noch etwas mehr Geld im Budget ist, wertet dann das Feedback-Modul aus, wie sich diese Propaganda-Botschaften auf das Kommunikationsverhalten des Empfängers im Internet, auf den sozialen Plattformen, in den Diskussionsforen ausgewirkt hat.

Kloiber: Hat der Einzelne eigentlich noch eine Chance, sich dieser massiven Manipulation bei seiner politischen Meinungsbildung zu entziehen?

Welchering: Das ist schwierig. Eine solche Chance hat er nur, wenn er die Wahlwerbung für das nimmt, was sie ist: Werbung, Propaganda. Nur wer sich klarmacht, dass hier mit manipulativen Mitteln - wir machen genau das, was Du, Wähler willst, und das sind 1., 2., 3. - nicht für Inhalte geworben wird, sondern um eine Stimme bei einer Wahl. Und solch eine Stimme ist im politischen Direktmarketing ein Handelsgut, mehr nicht. Das muss in den demokratischen Gesellschaften aufgeklärt werden.


Anm. d. Red.: Im Vorspann des Textes wurde am 29.12.2016 eine Korrektur vorgenommen.

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