Interview / Archiv /

 

Politologe wirft westlichen Akteuren in Afghanistan Ignoranz vor

Thomas Ruttig vom Afghanistan Analyst Network zu den Koranverbrennungen

Das Gespräch führte Jürgen Liminski

Immer wieder gibt es in Afghanistan Aufruhr gegen westliche Truppen.
Immer wieder gibt es in Afghanistan Aufruhr gegen westliche Truppen. (AP)

"Der Zorn ist denn doch schon ziemlich groß," sagt der Afghanistankenner Thomas Ruttig über die Reaktion des Landes auf Koranverbrennungen durch US-Soldaten. Er warnt, dass die Proteste außer Kontrolle geraten könnten - und Büros ausländischer Organisationen angegriffen werden könnten.

Silvia Engels: Bei vielen westlichen Beobachtern hat es Kopfschütteln ausgelöst, dass US-Streitkräfte in Afghanistan möglicherweise im Rahmen einer Entsorgung Ausgaben des Koran verbrannt haben. In Afghanistan selbst entluden sich wütende Proteste von Muslimen, es gab Tote und Verletzte. Mein Kollege Jürgen Liminski sprach gestern mit Thomas Ruttig, er ist einer der Direktoren des Afghanistan Analyst Network - das ist ein politikwissenschaftliches Institut, das seit Jahren auch in Kabul arbeitet. Er fragte, ob es möglich sei, dass US-Soldaten in Afghanistan auf die Idee kämen, Koran-Exemplare zu verbrennen, um sie zu entsorgen.

Thomas Ruttig: Das ist schon eine merkwürdige Vorstellung. Der ISAF-Kommandeur, General Allen, der ja auch Amerikaner ist, hat sich relativ schnell entschuldigt. Das heißt, diesen Vorfall hat es wirklich gegeben. Inzwischen gibt es andere Meldungen, die besagen, dass das ehemalige Habseligkeiten von Gefangenen in Bagram sind – das ist einer der Hauptstützpunkte der Amerikaner in Afghanistan, in dem auch Taliban und vermutliche Taliban festgehalten wurden -, und ein Bericht sagte, man habe die Korane deswegen verbrannt, weil es da extremistische Äußerungen drin gegeben habe, entweder handschriftlich reingeschrieben, aber ich glaube, das ist eine Ausrede.

Jürgen Liminski: Da sind jedenfalls einige Restzweifel. Die USA haben sich sofort entschuldigt, war sicher auch notwendig. Trotzdem gehen Tausende Afghanen auf die Straßen. Viele Proteste schlagen in Gewalt um, es gibt Tote. Sagt dieses Aggressionspotenzial mehr über Afghanistan aus, oder mehr über den Islam?

Ruttig: Nein, das sagt etwas über die konkrete Situation in Afghanistan aus, mehr als zehn Jahre nach Beginn der internationalen Intervention, die nun nicht gerade sehr erfolgreich war, und das ist natürlich gerade für die Afghanen zu spüren. Die Afghanen sind Moslems, nicht alle sind natürlich radikal oder extremistisch, im Gegenteil, aber auch für ganz normale Moslems ist die Vorstellung, dass ihr heiliges Buch verbrannt wird, doch eine schreckliche Vorstellung und ich denke, es gibt eine Mischung aus Spontanität bei diesen Protesten, aber es gibt natürlich auch Leute in Afghanistan, die ihre politische Suppe versuchen, darauf zu kochen. Wir haben im Parlament ziemlich heftige Äußerungen auch von Abgeordneten gehabt, einige darunter, die selber als Menschenrechtsverletzer aus der Vergangenheit bekannt sind, die natürlich auch interessiert sind, alles, was in Afghanistan schiefgeht, eher den Ausländern anzulasten.

Liminski: Also geht es bei dem Protest nicht nur um verletzte religiöse Gefühle?

Ruttig: Nicht nur darum, so was kann man auch immer instrumentalisieren. Aber so wie diese Sache entstanden ist, hätte man es ja einfach verhindern können, indem man Bücher eben nicht auf diese Art und Weise entsorgt.

Liminski: Solche Proteste müssen ja wenigstens minimal organisiert werden. Wer steckt hinter den Protesten, wer mobilisiert die Massen?

Ruttig: Ich glaube, da gibt es verschiedene Möglichkeiten in Afghanistan. Ich denke schon, dass gerade die kleineren Proteste, die es ja auch in Provinzen außerhalb Kabuls gegeben hat, relativ spontan entstehen – in Moscheen. Da müssen sich die Leute nur beim Beten treffen, darüber reden, und dann geht man gemeinsam auf die Straße. Aber es ist natürlich auch möglich, dass örtlich Mullahs oder Politiker aus eigenen Interessen versuchen, Proteste dann zu organisieren. Wir sehen ja, dass das weitergeht. So zum Beispiel in der Provinz Badakhshan ist schon angekündigt, dass es Meetings geben wird, und man weiß dann nicht, ob daraus hinterher dann Straßenproteste entstehen. Meine Kollegen in Kabul rechnen damit, dass das noch ein paar Tage so weitergeht.

Liminski: Das kann doch nur bedeuten, dass es tatsächlich auch organisiert wird. Das hat ja mit Spontanität nichts mehr zu tun.

Ruttig: Ja. Was denn in den nächsten Tagen kommt, das hat dann was mit Organisation zu tun, aber natürlich fühlen sich dann auch Afghanen in anderen Provinzen bemüßigt, die hören, es hat in Kabul und anderswo Proteste gegeben, dann selbst dem zu folgen. Also ich würde das schon als Mischung bezeichnen.

Liminski: Was bedeuten denn diese Vorkommnisse für die Pläne zum Rückzug der westlichen Truppen aus Afghanistan?

Ruttig: Wichtig ist, dass die entsprechenden Schlussfolgerungen daraus gezogen werden – von den Amerikanern, aber auch von den anderen Ländern, die Truppen in Afghanistan haben -, dass man eben seine Soldaten ordentlich vorbereitet, bevor die dort hingehen, dass die wissen, dass es sehr sensibel ist, wenn man sich an Dingen im religiösen Kontext zu schaffen macht. Das hätte ich eigentlich vorausgesetzt, dass das inzwischen der Fall sein sollte.

Liminski: Glauben Sie nicht, dass da Schulungen stattfinden?

Ruttig: Ja, aber offensichtlich erreichen sie nicht alle. Ich meine, wie kommt es denn dazu, dass hier offensichtlich Schriften, die als religiös bekannt sind, dann auf den Müll geworfen werden, oder angezündet werden. Das kann man dann zur Not auch anders machen. Wenn es wahr sein sollte, dass da Botschaften in diese heiligen Bücher reingeschrieben worden sind, und man deswegen nicht möchte, dass sie in Umlauf kommen, dann muss man sie mit größeren Vorsichtsmaßnahmen entsorgen.

Liminski: Ein Stück Dummheit ist also dabei?

Ruttig: Ich denke, dass wir immer wieder mit Ignoranz zu tun haben, was westliche Akteure in Afghanistan betrifft, die einfach bis heute noch nicht verstanden haben, wo sie sind.

Liminski: Glauben Sie, dass andere westliche Truppen außer den Amerikanern dadurch auch in Mitleidenschaft gezogen werden könnten?

Ruttig: Ja, nicht nur andere westliche Truppen, sondern auch andere Ausländer, Zivilisten, die es ja in Afghanistan auch eine ganze Menge gibt, denn zunehmend sind viele Afghanen nicht mehr bereit zu differenzieren. Der Zorn ist denn doch schon ziemlich groß und man weiß nicht, ob, wenn in den nächsten Tagen eben organisierte Proteste stattfinden, so was nicht dann außer Kontrolle geraten kann und es dann wieder zu Unruhen kommt, bei denen auch Büros ausländischer Organisationen angegriffen werden können.

Engels: Jürgen Liminski im Gespräch mit dem Afghanistan-Experten Thomas Ruttig.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Ebola-Berichterstattung"Die üblichen Klischees von Afrika"

Ein afrikanischer Arzt hilft seinem Kollegen, dessen Atemschutzmaske anzupassen.

Durch die Ebola-Berichterstattung wird das überzeichnete Bild von Afrika als Krisenkontinent gestärkt - das sagte Annette Lohmann, Vertreterin der Friedrich-Ebert-Stiftung im Senegal, im Deutschlandfunk. Neben der akuten Krisenberichterstattung müssten die Medien stärker die strukturellen Ursachen analysieren.

EU-Kommission"Ein großer Kuhhandel"

Grünen-Politiker Sven Giegold bei der Präsentation der Europawahlkampagne im April 2014

Die neue EU-Kommission sei eine starke Kommission, sagte Sven Giegold, finanz-und wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen im Europaparlament, im DLF. Aber Sozialdemokraten und Konservative im Parlament hätten zu viele fragwürdige Kandidaten durchgewunken - weil diese das richtige Parteibuch haben.

Juncker-Kommission"Das wird eine spannende Sache"

Jean-Claude Juncker bei der Vorstellung der neuen EU-Kommission

Mit der Wahl von Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident sei die europäische Integration auf einem guten Weg, sagte der Politikwissenschaftler Wichard Woyke im DLF. Auch die umstrittenen Kandidaten der Kommission hätten einen Vertrauensvorschuss verdient.

 

Interview der Woche

Maria KrautzbergerAuf Fracking sollte verzichtet werden

Die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, hat sich gegen das umstrittene Fracking ausgesprochen. Die Erdgas-Fördermethode berge insbesondere für das Grundwasser Risiken, die man nicht wirklich in den Griff bekommen könne, sagte sie im DLF. Deshalb sollte man am besten ganz darauf verzichten.

Interview der Woche"Wir sind reich, wir müssen auch geben"

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Deutschen Bundestag

Syrien, Irak, Westafrika, Ukraine: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat angesichts der "Krisen um uns herum" mehr Solidarität mit den Flüchtlingen und Notleidenden angemahnt. Müller sagte im Deutschlandfunk, nicht nur der Staat, jeder Einzelne müsse "in einer solchen Notlage auch ein Stück geben".

Katja Kipping"Türkei muss Kooperation mit dem IS beenden"

Linke-Parteichefin Katja Kipping spricht im Rahmen der Haushaltsdebatte im Bundestag in Berlin.

Katja Kipping hält das geplante militärische Vorgehen der Türkei gegen die Terrormiliz IS für vorgetäuscht. "Die Türkei hatte eine jahrelange Zusammenarbeit mit dem IS," sagte die Vorsitzende der Linken im Interview der Woche im DLF. Ankara gehe es nicht darum, den IS zu bekämpfen, sondern kurdische Autonomiebestrebungen zu verhindern.