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StartseiteCorso"Das Jahr, in dem alles explodierte"03.09.2016

Pop-Historiker Jon Savage "Das Jahr, in dem alles explodierte"

Als popkultureller Höhepunkt der 60er-Jahre gilt gemeinhin 1967, das Jahr des "Summer of Love". Der britische Pophistoriker Jon Savage hingegen verortet einen popkulturellen Urknall im Jahr 1966. Seine zeitgeschichtlichen Analysen hat er in dem Buch "1966. The Year The Decade Exploded" festgehalten.

Jon Savage im Corso-Gespräch mit Christoph Reimann

Die Mitglieder der britischen Rockgruppe Rolling Stones (l-r) Brian Jones, Mick Jagger, Keith Richards, Bill Wyman und Charlie Watts in ihrer Gardrobe vor einem Auftritt im Circus Krone-Bau in München am 14.9.1965. (picture alliance / dpa / Gerhard Rauchwetter)
1966 landeten noch Platten mit radikalem und innovativem Inhalt weit vorne in den Charts, sagt Jon Savage. So etwa der Song "19th Nervous Breakdown" von den Rolling Stones, der von psychischen Leiden handelt (picture alliance / dpa / Gerhard Rauchwetter)
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"Es war für mich zuerst einfach nur eine weitere Geschichte"

Christoph Reimann: Im Pop und in der Gesellschaft hat es immer wieder starke Umbrüche gegeben. In Hinblick auf die 60er bezeichnen Sie das Jahr 1966 als jenes, in dem das Jahrzehnt explodierte - obwohl doch die meisten Leute da eher vom Summer of Love, also von 1967, sprechen würden. Was macht für Sie 1966 zum Höhepunkt?

Jon Savage: Ich spreche nicht vom Höhepunkt, aber vom Jahr, in dem alles explodierte. Ausgesucht habe ich mir das, weil ich es mir eben so ausgesucht habe. Wenn ich Bücher schreibe, folge ich oft einem Gefühl oder meinem Instinkt. Für das Buch "Teenage. Die Erfindung der Jugend" musste ich mich mit beiden Weltkriegen auseinandersetzen. Das neue Buch sollte daher etwas mehr Spaß machen. Also habe ich mich gefragt, wohin die Reise gehen soll und kam auf das Jahr 1966. Drei Jahre habe ich dann gebraucht, um für mich herauszufinden, warum es gerade dieses Jahr sein sollte. Was mir an 1966 gefällt, ist, dass im Vergleich zu Alben immer noch Singles die größere Rolle spielten, dass es immer noch reine Popmusik war und dass die radikalen Platten oft ganz weit vorne in den Charts landeten. "Good Vibrations" von den Beach Boys zum Beispiel. Musiker verhielten sich im Jahr 1966 noch nicht so maßlos. Der Drogenkonsum begann erst im Jahr darauf, Überhand zu nehmen. Und der wirkliche Summer of Love fand doch schon im Jahr 1966 statt. 1967 eroberten dann Alben den Markt, und in den englischen Charts gab es viele schreckliche Titel. In Deutschland würde man wohl von Schlagern sprechen, Balladen, sowas wie Engelbert Humperdinck.

Reimann: Aufnahmen, die vor allem Eltern kauften, nicht junge Leute.

Savage: Ja. Und Großbritannien hatte im Jahr 1966 gerade seine Vormachtstellung als Zentrum der Popmusik an die USA verloren, wo zunächst Los Angeles und später San Francisco zu Popmetropolen wurden. 1966 ist außerdem das Jahr, in dem der Vietnamkrieg eskalierte, das Jahr, in dem LSD verboten wurde, auch Piratensender standen kurz vor dem Ende. Es war das Jahr, in dem Soul-Musik die Charts eroberte. Insgesamt also zwölf Monate, in denen viel passierte - auch der Feminismus begann hier, die Schwulenbewegung, all das.

"Als Pop-Person interessiert mich der Moment, in dem wirklich radikale und innovative Inhalte zum Massenphänomen werden"

Reimann: Und Musik kommentierte das nicht nur. Stattdessen schreiben Sie im Vorwort Ihres Buches, dass Popmusik auf einmal untrennbar vom Leben war. Was meinen Sie damit?

Savage: Nun, Popmusik war extrem beliebt. Der Markt war noch recht klein und präzise auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten - anders als heute, wo bei all dem Überfluss kaum eine Platte wirklich etwas bewirken kann. 1966 aber blickten alle auf die Top 40. Eine progressive Platte, die auf Platz zwei oder drei in den Charts landete, wurde auch die ganze Zeit im Radio gespielt. Etwa ein Drittel der britischen Bevölkerung schaute sich im Fernsehen die Sendung "Top of the Pops" an. Wenn man da als Musiker auftrat, erreichte man die breite Masse. Und da wird es für mich interessant, obwohl ich auch etwas für Nischenmusiker übrig habe. Aber als Pop-Person interessiert mich der Moment, in dem wirklich radikale und innovative Inhalte zum Massenphänomen werden. Ich glaube, das letzte Mal, dass das passierte, war bei Nirvana.

Reimann: Eine der damals größten Bands waren die Rolling Stones. In Ihrem Buch erwähnen Sie einen Stones-Titel, der im Frühjahr 1966 veröffentlicht wurde, "19th Nervous Breakdown". Was erzählt uns das Stück über die damalige Zeit, warum ist es Ihnen so wichtig?

"Im Mainstream war es eine große Sache, plötzlich ernsthaft über psychische Leiden zu sprechen"

Savage: Na ja, es passte einfach. Mir ist bei meinen Büchern sehr wichtig, dass es einen Plot gibt - warum sollten die Leute sie auch sonst lesen? Die Stones passten zu dem, was ich erzählen wollte. Ich hätte aber auch dem Song "Paint It Black" ein Kapitel widmen können, oder "Have You Seen Your Mother, Baby (Standing In The Shadow)". Das sind beides fantastische Aufnahmen. Aber ich mag auch "19th Nervous Breakdown" sehr gern. Für einen derart populären Song ist er sehr merkwürdig. Denn es geht darum, dass eine Person einen Nervenzusammenbruch hat. Im Mainstream war es eine große Sache, plötzlich ernsthaft über psychische Leiden zu sprechen. Aber es entsprach der Zeit: Die Leute fingen an - vielleicht wegen der Drogen, die sie konsumierten - sich mehr für die Psyche zu interessieren. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist auch der Titel "She Said, She Said", den John Lennon geschrieben hat. Im Grunde unternimmt er darin eine Reise zur Kindheit. Der Song war einer der Grundsteine für Psychedelia aus Großbritannien, bei der es ja viel mehr um die Kindheit ging als beim amerikanischen Pendant.

Reimann: Ihre Forschung stützen Sie auf Jugendzeitschriften und auf Interviews. Gab es etwas, das Ihnen diese Quellen nicht über die damalige Zeit verrieten?

Savage: Nein, eigentlich habe ich alles gefunden, was ich brauchte.  Allein die Sprache und die Art und Weise, wie sie sich Themen angenähert haben, hat mit fasziniert. Das hat mir mehr über die Zeit erzählt als alles andere.

"Die Musiker bezogen sich auf diese Ereignisse. Sie wussten sehr genau, was da vor sich ging."

Reimann: R’n’B und Soulmusik waren sehr wichtig für die Bürgerrechtsbewegung in den USA. Das Soul-Label Motown war in den 60ern extrem erfolgreich. Hätte Berry Gordy sich zu laut als Unterstützer der Bewegung positioniert, hätte sein Label wahrscheinlich nicht so gut dagestanden. Trotzdem sehen Sie eine Verbindung zwischen schwarzem Selbstbewusstsein und Motown. Wie hat das funktioniert?

Savage: Die Musiker jener Zeit - und nicht nur die von Motown, sondern auch die von Stax - konnten sich aufgrund der turbulenten Zeit nicht ganz und gar der Bürgerrechtsbewegung hingeben. Mit dem Voting Act aus dem Jahr 1965 hatten schwarze Amerikaner zwar viel gewonnen. Aber je größer die Errungenschaft auf der einen Seite war, desto stärker war der Backlash. Das zeigt sich besonders im Jahr 1966, als Martin Luther King auf dem Weg zum Chicago Freedom Movement schon einmal fast getötet worden wäre. Auch das wollte ich in meinem Buch aufnehmen und in Verbindung zur Musik setzen, denn es verleiht ihr eine Dringlichkeit, auch wenn die Songs selbst zunächst nicht besonders politisch erscheinen. Aber man kann Titel wie "Nowhere To Run" oder "Dancing In The Street" leicht als Kommentar zur Bürgerrechtsbewegung oder zu Straßenaufständen lesen. Die Musiker bezogen sich also auf diese Ereignisse. Sie wussten auch sehr genau, was da vor sich ging. Schließlich waren sie selbst oft Teil der Black Community.

Reimann: Sehen Sie eine Verbindung zu den Songs, die mit der heutigen Black-Lives-Matter-Kampagne verbunden werden, also zum Beispiel die Stücke von Kendrick Lamar oder Jamila Woods?

Savage: Das müsste ich erst überprüfen und es wäre ein sehr interessantes Thema. Ich würde mir zumindest wünschen, dass es so ist. Ich interessiere mich für Frank Ocean und ich habe auch das Album von Kendrick Lamar zu Hause. Angehört habe ich es mir aber noch nicht, obwohl ich gerne würde. Aber ich bin nicht so auf dem neuesten Stand, was die Popmusik von heute angeht. Ich hole das dann eher mit ein bisschen Verspätung nach.

"Es interessiert mich, was andere Leute damals gedacht haben. Alles andere wäre nur Narzissmus."

Reimann: Am Anfang unseres Gesprächs sagten Sie, dass das Jahr 1966 das Jahr der Explosion gewesen sei. Im Buch zeichnen Sie erst eine Geschichte der Beschleunigung, die sich über ein paar Monate hinzieht. Zur Explosion kommt es bei Ihnen dann im September, als jetzt vor 50 Jahren. Was explodierte und warum im September?

Savage: Die Explosion ist am Ende des Songs "7 By 7 Is" der Band Love zu hören, eine der extremsten Aufnahmen, die jemals in den US-amerikanischen Top 40 landeten. Das geschah im September 1966. Ich hatte beim Schreiben diese Idee vom Pop-Modernismus, also dass sich alles ständig nach vorne bewegt, und dass sich das Ganze auf einmal so sehr beschleunigt, dass es zur Explosion kommt. Und auf einmal hört dann die Zeit auf, voranzuschreiten. Stattdessen verläuft sie in Schleifen, wie die Loops im Song "Tomorrow Never Knows", den die Beatles im August des Jahres veröffentlicht hatten. Oder wie "Tell Me That You Love Me" von James Brown, rausgebracht im Oktober. Der Song basiert auf Gitarren-Loops und ist einfach großartig. Er wurde als B-Seite zu "Don’t Be A Drop-out" veröffentlicht. Eine wundervolle Platte. Und auch da hast du eben diesen Bruch mit der Linearität der Zeit. Die Vorwärtsbewegung zerbröckelt und geht über in etwas anders.

Reimann: Sieht so aus, als sei Ihr Buch eine Kombination aus persönlichem Geschmack und Nachforschungen.

Savage: Ja. Ich meine, ich bin schon recht objektiv, aber es basiert auf persönlichem Geschmack. Trotzdem schreibe ich auch über Platten und Songs, die ich nicht mag: "Distant Drums" von Jim Reeves zum Beispiel oder "The Ballad Of The Green Berets" von Barry Sadler. Das gefällt mir nicht, aber ich versuche trotzdem herauszufinden, warum das einen Wert hat und warum die Leute das gekauft haben. Und das gehört sich auch so für einen Historiker: eben nicht die eigenen Vorurteile zu pflegen, denn das wäre ziemlich ermüdend. Genauso nervtötend wäre es aber, wenn ich zu autobiographisch arbeiten würde. Es interessiert mich, was andere Leute damals gedacht haben. Alles andere wäre nur Narzissmus. Und davon gibt es schon genug auf der Welt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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