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StartseiteForschung aktuellPortraits im Blick der Anthropologie05.07.2006

Portraits im Blick der Anthropologie

Ulmer Forscher identifiziert die abgebildeten Personen auf historischen Gemälden

Anthropologie. - Ein Anthropologe an der Universität Ulm hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich bestimmen lässt, wer die auf historischen Gemälden dargestellte Person ist. Dabei werden Methoden aus der Kriminal-Anthropologie eingesetzt, wo es darum geht, verschwommene Fotos von Bankräubern oder Verkehrssündern den wirklichen Tätern zuzuordnen.

Von Thomas Wagner

Porträt von Wolfgang Amadeus Mozart um 1803 - aber ist auch wirklich der Komponist darauf zu sehen?  (AP / Mozarthaus Wien)
Porträt von Wolfgang Amadeus Mozart um 1803 - aber ist auch wirklich der Komponist darauf zu sehen? (AP / Mozarthaus Wien)

Ein Knabe in barocker Kleidung hält ein Notenblatt in der Hand - so hat ein unbekannter Maler die Szene auf Leinwand gebannt. Das Gesicht des Knaben erscheint Kunst- und Musikliebhabern nicht unbekannt: Es sieht aus wie Franz Xaver Wolfgang Amadeus Mozart, der Sohn von Wolfgang Amadeus Mozart. Daran hat die Familie, in deren Besitz sich das Bild seit Generationen befindet, fest geglaubt.

" Man hat immer gesagt: Das ist er - und man hat mich dann gefragt: Kann er es sein- und ich habe es sehr eindeutig ausgeschlossen."

So der Anthropologe Professor Friedrich Rösing. Der Wissenschaftler, der an der Uni Ulm arbeitet, hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich nahezu zweifelsfrei klären lässt, ob die auf einem Kunstwerk dargestellte Person auch tatsächlich diejenige ist, die sie nach Angaben des Besitzers oder eines Kunsthändlers sein soll. Dabei hat Rösing eine Anleihe bei der Kriminal-Anthropologie genommen. Dort geht es darum, zweifelsfrei oftmals verschwommene Fotos von flüchtigen Bankräubern oder Verkehrssündern tatsächlichen Personen zuzuordnen. Dabei zerlegen die Wissenschaftler das Gesicht in 180 typische Merkmale. Die werden jeweils auf dem Tatort- und auf einem Referenzfoto miteinander verglichen.

" Wir können vielleicht relativ oben beim Gesicht anfangen, bei den Augenbrauen. Jemand schaut sich die Augenbrauen an, sieht dann aber auf den ersten Anhieb: Das sind aber dunkle Augenbrauen, sind dick und buschig. Wir haben aber so sechs bis acht Merkmale, dass man den Verlauf noch genauer betrachtet, den Winkel, den die Augenbrauen am Anfang ansteigen, den Winkeln, den sie am Ende abfallen. So werden, das ist das Prinzip der ganzen Sache, die einzelnen Großstrukturen zerlegt in feine Merkmale, dass man möglichst einzelne Formen voneinander unterscheiden kann."

Und so brütet Professor Rösing stundenlang über dem Untersuchungs-Bild und einem Referenzbild, auf dem die Identität der abgebildeten Person zweifelsfrei feststeht - so auch im Fall des vermeintlichen Mozart-Porträts: Dort stellte Rösing nicht weniger als 21 Abweichungen vor allem in der Haarstruktur und bei der Formung der Nase fest. Merkmal für Merkmal wird mühevoll miteinander verglichen. Das geht nicht ohne die Hilfe eines leistungsfähigen Rechners.

" Ich lese die Bilder nochmals ein in den Rechner und verändere das Originalbild so im Rechner, dass es bezüglich Kopf, Neigung, Größe, Kontrast, also in allen pauschalen technischen Größen die beiden Bilder so gut wie übereinstimmen. Und von diesem Pärchen mache ich einen Ausdruck und benutze das als zusätzlichen Vergleich. Da sind die Fakten in Details nicht so gut zu erkennen wie bei den eigentlichen Ausdrucken. Aber die beiden Gesichter sind dichter beieinander und in der Größe und im Verhältnis und so weiter besser aufeinander abgestimmt. Und das macht die Sicht dann häufig."

Konkret brütet Professor Rösing beim Vergleich der Merkmale über drei Bildern: Dem Original, dem Referenzbild und dem Rechner-Modell, bei dem das Original in so wichtigen Parametern wie Größe und Format dem Referenzbild angeglichen wird. Bis zu diesem Punkt ähnelt die Technik den Methoden in der Kriminal-Identifikation. Bei der Kunst-Anthropologie kommt aber ein wichtiger Faktor hinzu:

" Eine der wichtigsten Unterschiede ist: Bei einer Bankräuberidentifikation, wo man die Unterschiede auch gut erkennen kann, da genügt eine Abweichung - und er ist draußen, und dann ist die Identifikation negativ abgelaufen. Und ich sage: Die beiden sind wahrscheinlich nicht identisch. Bei den Gemälden kann man das nicht sagen."

Denn ein Porträtmaler bildet eine Person nicht eins zu eins originalgetreu wie ein Fotograf ab.. Selbst im Fotorealismus gibt es künstlerische Freiheiten die Gemälde-Anthropologe Friedrich Rösing in seinen Vergleich einbeziehen muss:

" So dass ich also bei den Gemälden immer nur sagen kann. Bei einer niedrigen Anzahl von Widersprüchen, nämlich Widersprüchen, die durch künstlerische Freiheit erklärt werden können, kann es immer noch positiv sein."

Um die Entscheidung "echt " oder "nicht echt", "identisch" oder "nicht -identisch" zu fällen, muss Rösing daher weitere Referenzbilder mit der abgebildeten Person vergleichen - ein Vorgang, der sich so schnell nicht automatisieren lässt. Denn trotz moderner Scanning-Programme, die optische Merkmale auf einem Bilddatensatz erkennen, isolieren und miteinander vergleichen , ist die Zuverlässigkeit solcher automatisierter Systeme längst nicht ausreichend . Professor Rösing:

" Die Rechner sind auf präzise rechnerische Verarbeitung ausgerichtet und nicht für diese relativ unsaubere, ungenaue Einschätzungsmethode, wo man viel Erfahrungswissen und viel ungenaues Einschätzen können einbringen muss. Das können die Rechner einfach gar nicht."

Die Entlarvung der vermeintlichen Mozart-Darstellung als das Abbild eines anderen, völlig unbekannten jungen Musikers ist eine von sieben Gemälde-Identifikationen des Ulmer Anthropologie-Professors. Sein größter Erfolg bestand in der Zuordnung einer David-und-Goliath-Darstellung, deren Autor bislang unbekannt war, zu dem italienischen Malers Michelangelo da Caravaggio: Rösing hatte erkannt, dass die David-Figur zweifelsfrei identisch war mit einem männlichen Modell, das Caravaggio bei anderen Arbeiten gemalt hatte.

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