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StartseiteHintergrundPreisroulette auf Kosten der Schwachen19.02.2011

Preisroulette auf Kosten der Schwachen

Frankreichs G-20-Rohstoff-Initiative

Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy will während seiner G-20-Präsidentschaft die Regeln für den Handel mit Agrargütern, Industriemetallen und Erdöl überprüfen lassen. Deren Preisentwicklung hält er in vielen Fällen für völlig losgelöst von Angebot und Nachfrage.

Von Jule Reimer

Grundnahrungsmittel werden immer teurer. (Stock.XCHNG / Martin Boose)
Grundnahrungsmittel werden immer teurer. (Stock.XCHNG / Martin Boose)

"Für uns ist die einzige Lösung, nach Europa abzuhauen. Wir müssen immer mehr zahlen, für Miete, Strom, Wasser, und jetzt auch noch für Zucker. Wir haben die Nase voll von dieser Regierung. Seit zehn Jahren leiden wir, und nichts hat sich verändert."

Algerien im Januar 2011. Wie überall in der arabischen Welt protestieren Bürger gegen Diktatur, Teuerung und schlechte Lebensbedingungen. Ende Januar stellt Nicolas Sarkozy, der 2011 die G-20-Staatengruppe leitet, in Paris sein Programm für den französischen Vorsitz vor. Auch Frankreichs Staatspräsident ist wegen der stark gestiegenen Preise für Soja, Weizen, Mais und Zucker alarmiert:

"Ende Dezember 2010 übertrafen die Weltagrarpreise die Spitzenpreise von 2008. 2008 - diese Jahreszahl habe ich nicht einfach so ausgewählt. Das war das Jahr der Hungerrevolten! Wir liegen jetzt schon über den Preisspitzen von 2008!"

Nicolas Sarkozy will während seiner G-20-Präsidentschaft die Regeln für den Handel mit Agrargütern, Industriemetallen und Erdöl überprüfen lassen. Deren Preisentwicklung hält er in vielen Fällen für völlig losgelöst von Angebot und Nachfrage.

"Im Jahr 2008 ist der Preis für das Barrel Erdöl binnen sechs Monaten von 140 auf 40 US-Dollar gefallen. Binnen sechs Monaten auf ein Drittel! Ich glaube nicht, dass der Energieverbrauch, der Bedarf, innerhalb von sechs Monaten auf ein Drittel geschrumpft ist."

Auch bei Zucker, Kakao und Getreide verlaufen die Weltmarktpreiskurven im Achterbahnformat. In Entwicklungsländern schlägt zudem eine Teuerung viel stärker durch als in den Industriestaaten, weil dort die Zahl der Armen sehr hoch ist, die Lagerbestände niedrig sind und die Länder oftmals von Weltbank und IWF gezwungen wurden, sich stärker auf den Import von Nahrungsmitteln zu verlassen. Marita Wiggerthale von der Hilfsorganisation Oxfam stellt fest:

"Es hat sich bereits gezeigt, dass in Ländern wie Afghanistan, Mauretanien, im Sudan, dass da die Preise gestiegen sind aufgrund der gestiegenen Weltmarktpreise. Das heißt natürlich, dass die, die sehr arm sind, die einen Großteil ihres Haushaltsgeldes für Nahrung aufwenden müssen, dass sie möglicherweise kein Geld mehr haben für Medizin oder Schule oder andere wichtige Sachen."

Für den Preisanstieg werden viele Gründe angeführt: der Exportstopp Russlands für Weizen nach den Bränden 2010; Dürren und Überschwemmungen in Hauptexportstaaten wie Australien; die gestiegene Nachfrage nach Fleisch in China und damit auch nach Feldfrüchten als Futtermittel; die Politik der USA und anderer Staaten, Getreide zunehmend zu Treibstoff zu verarbeiten. Doch all das reiche als Erklärung nicht aus, dafür seien die Lager noch zu gut gefüllt, meint Wiggerthale:

"Wenn man sich den Ursachen für den Anstieg der Preise ansieht, gibt es zwar schlechte Ernten bei Weizen oder die Agrartreibstoffe bei Mais, die erklären, dass die Preise etwas ansteigen, aber der Umfang des Preisanstiegs lässt sich nicht erklären."

Dass die Rohstoffpreise wegen der boomenden Nachfrage in den Schwellenländern und einer wachsenden Weltbevölkerung langfristig dauerhaft steigen, bezweifelt kaum jemand. Auch nicht die wichtige Funktion der Terminbörsen für die Preisbildung an den Agrarmärkten. Aber die extremen Schwankungen, die wachsende Volatilität besorgt auch Nicolas Sarkozy:

"Wenn Sie die Agrarpreise anschauen, dann hat sich deren Volatilität in den letzten 20 Jahren verdreifacht und zwar parallel zur wachsenden Finanzialisierung dieser Märkte."

"Finanzialisierung" - mit diesem Begriff bezeichnete der brasilianische Ex-Finanzminister und Ökonomie-Professor Luis Bresser Pereira eine Verzerrung wirtschaftlicher Prozesse, die es erlauben, finanziellen Reichtum zu schaffen ohne realwirtschaftliche Grundlage.

DB Platinum Agriculture Euro R1C: Der Fonds ist an den db Agriculture Euro Index gekoppelt, welcher die Wertentwicklung von sieben der weltweit wichtigsten Agrarrohstoffe abbildet. Anleger haben so die Möglichkeit, mit dem Fonds an der Preisentwicklung von Weizen, Mais, Zucker, Sojabohnen, Baumwolle, Kaffee und Kakao zu partizipieren. Volumen 255 Millionen Euro.

Werbung für einen Rohstoffindexfonds der Deutschen Bank.

Vor allem die Terminbörsen für Agrarrohstoffe haben sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Landwirte verkaufen hier über Future- und Optionsgeschäfte ihre Ernten noch vor dem Einbringen und sichern sich gleichzeitig gegen Preisschwankungen ab - im Fachjargon: sie "hedgen". Jahrzehntelang durften Banken und Fonds an den großen Agrar-Börsen in den USA nur begrenzt mitwetten. Dies wurde seit den 1990er Jahre aufgeweicht. Die auf den Weltmarkt orientierten Londoner Terminbörsen waren, angelsächsischer Tradition folgend, sowieso kaum reguliert. Mit der Liberalisierung zogen Banken und Hedgefonds verstärkt in das Geschäft mit Weizen, Mais, Erdöl, Industrie- und Edelmetallen ein. Der Bonner Agrarökonom Joachim von Braun:

"Das sind sich ständig im finanziellen Bereich an den Warenterminbörsen engagierende Akteure, die an den realen Handelselementen - nämlich einen Sack Weizen oder eine Tonne Mais zu kaufen - überhaupt gar kein Interesse haben, sondern die sich an dem Auf- und Ab der Rohstoffe ihre Rendite erwirtschaften."

Zwischen 2004 und Mitte 2008 - dem Jahr der Hungerrevolten - stiegen die offenen Kontrakte am Chicagoer Weizenmarkt von 30.000 auf 220.000 - um dann gegen Ende des Jahres um gut ein Drittel wieder abzusinken. Beteiligt waren vor allem Finanzinvestoren, die die Preise trieben. Das stellte ein Untersuchungsausschuss des US-Senats fest. Die Geldschwemme nach der Finanzkrise verbunden mit niedrigen Zinsen und Renditen bei den klassischen Anlageprodukten verstärkt diesen Trend. 2010 stieg das Volumen offener Termingeschäfte an den US-Rohstoffbörsen um die Hälfte auf 848 Milliarden US-Dollar. Dies gehe nicht spurlos an den Preisen vorbei, glaubt Markus Henn von der entwicklungspolitischen Lobby-Organisation WEED, der in einem von der EU-Kommission finanzierten Projekt die Auswirkungen der Finanzmarktreformen auf die Entwicklungsländer untersucht. Er kritisiert:

"Man muss sich das so vorstellen: Wenn wir eine Kette haben in einem anderen Markt, wo Zwischenhändler sind, die haben natürlich auch eine Funktion, die sorgen dafür, dass ein Gut bei uns ankommt. Aber wenn die Zwischenkette immer länger wird und sich aufgebläht hat - und nichts anderes ist das, wenn immer mehr Spekulanten einsteigen - dann wird es sich irgendwann in den Preisen bemerkbar machen, und deshalb gibt es da auch schädliche Spekulation in den Terminmärkten."

Joachim von Braun, der bis 2009 das Washingtoner IFPRI-Institut für Ernährungssicherheit leitete, kommt in seinen Analysen zu diesem Schluss:

"In der Preisspitze im Frühjahr 2008 hat spekulatives Finanzkapital die Preisentwicklung signifikant weiter nach oben gedrückt."

Allerdings gibt es auch reichlich Gegner dieser Thesen. Allen voran die Banken selbst. So erklärt ein Sprecher der Deutschen Bank auf Anfrage schriftlich:

"Die Deutsche Bank bildet mit Fonds und Zertifikaten die Preisentwicklung von Rohstoffen, darunter auch Agrargütern, Edelmetallen und Industriemetallen ab. Wir investieren dabei nicht in physische Produkte. Diese Finanzprodukte haben keinen Einfluss auf die Rohstoffpreise. Preissteigerungen werden durch Angebots- und Nachfragefaktoren wie Bevölkerung, Einkommen, Produktivität, Energiepreise, Politikmaßnahmen ausgelöst."

Dies bestätigt die OECD, die Denkfabrik der Industriestaaten. Die Finanzspekulation sei kein bedeutender Faktor bei den Preisanstiegen der vergangenen Jahre gewesen, sagen deren Ökonomen und beziehen sich dabei unter anderem auf die US-Professoren Scott Irwin und Dwight Sanders von der University of Southern Illinois. Nach deren Analysen ist das Engagement der Anleger eine Folge der Preissprünge und keinesfalls der Auslöser: Die Spekulationskritiker verwechselten Ursachen mit Wechselbeziehungen. Auch mancher EU-Kommissar gehörte zu den Skeptikern der Spekulationsthese. Erst nach einem veritablen Krach mit der französischen Regierung wechselte die EU-Kommission Anfang Februar das Lager und stellte eine Rohstoffstrategie vor, die Sarkozys These vom schlechten Einfluss der Spekulanten auf die Rohstoffmärkte aufgreift. Torben Erbrath vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie, hat andere Erfahrungen gemacht. Im Sommer 2010 stieg der Kakao-Preis an der Londoner Börse plötzlich auf über 3000 US-Dollar pro Tonne, ein Höchststand seit über 30 Jahren. Anders als am Kakao-Markt in New York gibt es in London kaum Offenlegungspflichten oder gar Limits für Händler. Panik breitete sich aus:

"Weil im Grunde genommen die Marktsituation eine andere war, Angebot und Nachfrage waren relativ ausgeglichen, und trotzdem waren Mengen von Kakao plötzlich nicht vorhanden, so dass der Preis nach oben getrieben wurde, und das war sehr merkwürdig."

Ein Londoner Hedgefonds hatte Kakaokontrakte aufgekauft, die ihm Anspruch auf sieben Prozent der Welternte sicherten. Genau dieser Einstieg in den physischen Erwerb von Rohstoffen erweckt bei Spekulationskritikern zusätzliche Sorgen. Barclays, Goldman Sachs - viele große Banken bemühen sich in den USA derzeit um eine Zulassung für dieses Geschäft. Vergangenen Dezember erwarb ein einziger Käufer auf einen Schlag gut 80 Prozent der an der Londoner Metallterminbörse LME gelagerten Kupferbestände im Wert von drei Milliarden US-Dollar. Verdächtigt wird die Investmentbank JP Morgan. Larry Fink, Chef des Vermögensverwalters Blackrock jubelte Anfang Februar: Er werde jetzt im Bereich Nahrungsmittel und Wasser ungezügelt auf Hausse spekulieren. Mit dem Wegfall der staatlichen Preissubventionen und Lagerkäufe der EU werden auch hierzulande die Agrarbörsen immer wichtiger. Im Januar legte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner Vorschläge für die Regulierung des Agrarhandels vor:

"Da gibt's verschiedene Ansätze. Das eine ist, mehr Transparenz herzustellen: Wer handelt eigentlich, sind das die betroffenen Landwirte oder Händler selbst, oder sind das reine Finanzanleger? Und die zweite Frage ist: Kann man mit Limits arbeiten, also sowohl Preis- als auch Mengenlimits."

Konkret: Übersteigen die Preisschwankungen ein gewisses Level, soll der Handel an den Warenterminbörsen ausgesetzt werden können, das Volumen je Teilnehmer begrenzt sein. Auch sollen Händler offenlegen, für wen sie handeln. Für den großen Bereich des außerbörslichen Derivatehandels - englisch "over-the-counter (OTC)" - schlägt Aigner ein zentrales Transaktionsregister mit Meldepflicht vor und eine Clearingstelle, über die die Abwicklung läuft. In den USA sind viele dieser Maßnahmen bereits Gesetz nach den schlechten Erfahrungen mit der Liberalisierung. Gerd Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, ist dennoch gegen Preislimits an den Warenterminbörsen, er will lediglich mehr Eigenkapital hinterlegen lassen.

"2Ich betone ausdrücklich: Wir brauchen Warentermingeschäfte, weil die dann in der Entwicklung Märkte aufzeigen und vorwegnehmen, was auf den Märkten geschehen wird. Das brauchen wir als Unternehmer, damit wir unsere Höfe darauf einrichten können.""

Ihn treibt die Sorge um, dass nicht ausreichend Liquidität zusammenkommen könnte für die Absicherungsgeschäfte der Landwirte - ohne die funktioniert eine Terminbörse nämlich nicht. Auch der Duisburger Unternehmer Ulrich Grillo warnt vor einer weiteren Regulierung der Metallbörsen. Die Unternehmen seiner Branche seien ausreichend erfahren, um dem Risiko und den Preissprüngen zu begegnen, meint er:

"Wir kaufen und verarbeiten Zink. Wenn wir Aufträge haben, die ein, zwei Jahre lang laufen, dann kaufen wir auf Termin. Mit Derivaten kaufen wir Zink in zwei Jahren, damit wir die Preise sichern, und wir verkaufen auch, wenn wir sozusagen Leerverkäufe haben, wir spekulieren nicht, wir versuchen auszuhedgen, um eben auch Geschäftsentwicklungen der Zukunft abzusichern, um eben nicht zu spekulieren."

Grillo, der den Rohstoff-Ausschuss im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) leitet, ist nicht glücklich über die aktuelle Vermischung der ernährungspolitisch sensiblen Agrarrohstoffe mit Beschaffungsproblemen der Industriemetalle. Er plädiert dafür, genau zu unterscheiden, was die Rohstoffpreise tatsächlich treibt:

"Kurzfristig Exportstopps und Modethemen, sprich Spekulation auch, und Meinungen. Langfristig sind natürlich unser Thema die Handelshemmnisse, der Zugang zu Rohstoffen, der wird dann auch irgendwann preistreibend wirken."

Deshalb wäre es den deutschen Herstellern von High-Tech-Produkten lieber, die G-20 würden sich auf ihre gegenseitigen Handelsbeziehungen konzentrieren, vor allem auf die zu China, das mittlerweile verstärkt seine Rohmetallexporte drosselt. Das übliche Instrumentarium der Welthandelsorganisation WTO zur Streitbeilegung greift in diesem Fall nicht, räumt WTO-Chef Pascal Lamy ein:

"Nach den herrschenden WTO-Regeln sind Exportbeschränkungen nicht erlaubt, außer sie dienen dem Naturschutz. Aber wenn ein Land trotzdem Exportzölle anwendet, sieht die WTO keinerlei disziplinierenden Maßnahmen vor."

In der Tat begründet China die gedrosselten Exporte mit Umweltschutz-Argumenten. Auch die Versorgung der eigenen Industrie und Bevölkerung kann bei der WTO als Grund angeführt werden. Darauf beriefen sich viele Staaten, die während der Preiskrise 2008 den Export von Getreide stoppten, damit aber auch den Mangel auf dem Weltmarkt verschärften. Der französische Staatspräsident will hier künftig ein international abgestimmtes Vorgehen erreichen. Allerdings tauchen in Sarkozys Reden die von Exporthemmnissen bedrohten und für die deutsche High-Tech-Industrie wichtigen Rohstoffe wie "Seltene Erden" nicht mehr prominent auf. Die Konzentration auf das Thema Agrarrohstoffe hat seinen Grund, meinen Kritiker: Der französische Staatspräsident will sich mit seiner G-20-Agenda auch innenpolitisch profilieren, indem er außenpolitisch den Weltenretter gibt. Die Zahl der erlaubten Kontrakte pro Finanzinvestor zu begrenzen, kann sich Unternehmer Ulrich Grillo nur unter ganz bestimmten Bedingungen vorstellen:

"Wenn das einer auf Kredit macht, wenn er spekuliert, wenn er sich das gesamte Geld leiht und damit kauft, dann ist es vielleicht gefährlich, dann kann man vielleicht einen Limiter einführen, aber nur dann. Ich glaube, man sollte den Marktteilnehmern nicht vorschreiben: Du kannst nur so und soviel Kakao kaufen, so und soviel Tonnen Zink kaufen, so und soviel Tonnen Seltene Erden kaufen. Ich glaube, das ist sehr gefährlich."

Auf einen gemeinsamen Nenner können sich die meisten Spekulationskritiker und zumindest die akademischen Liberalisierungsbefürworter einigen. Zu wissen, wer wie viel was handelt und wie es um die weltweiten Lagerbestände bei einem Rohstoff bestellt ist - also mehr Transparenz - wäre schon ein Fortschritt. Torben Erbrath vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie:

"Aber da sind die Londoner auf einem guten Weg, die befinden sich derzeit in einer Testphase, dass der Kakaohandel mehr veröffentlicht werden soll. Das gilt im übrigen auch für unsere Forderung, dass die Lagermengen regelmäßiger veröffentlich werden, die sogenannten Stocks."

Markus Henn von WEED stellt aber auch hier die Sinnfrage:

"Mit ihren durchaus sinnvollen Erwartungen, dass es bei Kupfer eng wird, weil China wirtschaftlich explodiert und weil es auf dem Kakaomarkt gerade ein Problem in der Elfenbeinküste gibt, darauf machen sie eine riesige Wette. Und für uns als Gesellschaft ist es aber die Frage, was bringt uns, wenn ein Hedgefonds eine großartige Wette aus seiner Sicht abschließt, und dies ist meines Erachtens sehr fragwürdig, was die Funktionsweise auf den Futures-Märkten und was die Frage der globalen Umverteilung angeht."

Preislimits einzuführen, bei deren Erreichen die Terminbörsen geschlossen werden: Soweit würde der Bonner Agrarökonom Joachim von Braun nur im Extremfall gehen. Er empfiehlt strenge Kapitalhinterlegungsfristen, falls die Preise explodieren und plädiert dafür, den Handel mit Agrarrohstoffen - im Börsenjargon Food-Commodities genannt - zu entschleunigen. Im Anlageprodukt der Rohstoffindexfonds sind diese häufig gemeinsam mit Rohöl und Metallen der Spekulation ausgesetzt.

"Der Sekundenhandel, der abgeleitet ist aus komplexen Handelspaketen, in denen variabel sich einzelne Commodity-Bündel verändern, das ist schon so etwas ähnliches wie das dauernde Weiterverhandeln von nicht mehr transparenten oder zum Teil gar nicht mehr existenten Häuserbündeln in der Wall-Street-Housing-Crises. Das muss abgestellt werden, da bin ich für strikte Trennung von Food-Commodities und dem Rest der Commodities."

Den steigenden Nahrungsmittelpreisen selbst kann der Agrarökonom und Entwicklungsexperte von Braun durchaus Gutes abgewinnen. Aber er warnt ausdrücklich vor der Wirkung starker Schwankungen:

"Der steigende Trend bei den Lebensmitteln wirkt sich sogar langfristig für die Kleinbauern der Welt positiv aus, die werden höhere Einkommen haben. Kurzfristig aber sind diese Schwankungen für die Märkte irritierend, schlecht für die Investitionen, schlecht für die Armen."

Viele Entwicklungsländer hätte Sarkozy bei seiner Rohstoff-Initiative wahrscheinlich auf seiner Seite - doch im Endeffekt wird es darauf ankommen, ob die G-20 sich außer auf Lippenbekenntnisse auch auf gemeinsame Regeln einigen können. Nichtstun wird teuer, appelliert der Staatspräsident an seine Amtskollegen, und er warnt vor Hungerrevolten und einem Einbruch des Weltwirtschaftswachstums:

"Si nous faisons rien nous risquons des émeutes de la faims dans les pays le plus pauvres et par ailleurs un impact très défavorable sur la croissance mondiale."

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