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StartseiteCampus & KarriereBrauche Zimmer, biete Bildung12.08.2014

Projekt in DuisburgBrauche Zimmer, biete Bildung

Nachhilfe gegen Wohnraum: In Duisburg-Marxloh bietet der Verein "Tausche Bildung für Wohnen" jungen Menschen ein mietfreies WG-Zimmer - vorausgesetzt, sie engagieren sich im Gegenzug für benachteiligte Kinder im Viertel. Das Projekt sucht noch Mitstreiter.

Von Christiane Enkeler

Ein Mann gibt einem Jungen Nachhilfe. (dpa / pa / Christians)
Mindestens fünf Stunden die Woche sollen die Paten den Kindern helfen. (dpa / pa / Christians)
Weiterführende Information

Infos zum Projekt und zur Bewerbung

Duisburg-Marxloh, Weseler Straße, ein Ladenlokal mit großen Schaufenstern. Hier liegen Plakate zum Verein "Tausche Bildung für Wohnen". Heute ist Infotreffen.

"Ich erzähl jetzt einfach noch mal das Projekt für dich, du kannst deine Fragen stellen... das sind Lena und Kübra, die jetzt eben Patinnen schon sind, die Lena ist jetzt eingezogen schon vor zwei Tagen..."

Christine Bleks hatte schon vorgewarnt: Es kommen nicht immer alle Interessenten. Für heute hatten sich sechs angemeldet. Gekommen ist nur Mascha, 29 Jahre alt. Sie denkt darüber nach, in eine ganz besondere Wohngemeinschaft in Duisburg-Marxloh einzuziehen. Alle WG-Mitglieder sollen sich als Paten im Viertel engagieren.

"Also am besten find ich, dass es halt so ganzheitlich ist, und dass man das Problem bei der Wurzel wirklich packt und versucht, daran halt zu arbeiten."

Wahl zwischen Voll- oder Teilzeitpatenschaft

Was Christine Bleks und Mustafa Tazeoğlu anbieten, ist ein Zimmer in einer von zwei dreiköpfigen Wohngemeinschaften in Duisburg-Marxloh, mietfrei, aber mit Nebenkostenpauschale. Dafür erwarten sie: die Betreuung von vor allem acht Marxloher Kindern im Alter zwischen sechs und 13 Jahren. Zwischen zwei Modellen kann der Pate wählen:

Zum Beispiel im Bundesfreiwilligendienst oder im Freiwilligen Sozialen Jahr engagiert er - oder sie - sich als "Vollzeitpate" mit rund 160 Stunden im Monat und bekommt ein Taschengeld von 350 Euro. "Teilzeitpaten" hingegen sollen ihr Engagement mit Studium oder Beruf vereinbaren können. Mindestens fünf Stunden pro Woche sind festgesetzt, voraussichtlich: Nachhilfe.

- "Du hast dich ja jetzt schon länger interessiert, hatte Mustafa gesagt..."
- "Ja genau, ich bin ja mit dem Studium jetzt quasi fast fertig, ich hab jetzt noch ein halbes Jahr soziale Arbeit studiert."
- "In Bochum?"
- "Ne, in Essen."
- "In Essen."
- "...und jetzt hab halt nur noch die Bachelorarbeit vor mir, und dann wär ich im nächsten Jahr fertig..."

Mascha ist gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte, hat im Kindergarten gearbeitet, hat Erfahrung in der Betreuung von Behinderten und Suchtkranken; sie hat einen Rettungsschwimmerschein, hat vor, einen Anti-Gewalt-Trainer-Schein zu machen; sie hat schon mal für zweieinhalb Jahre in Duisburg-Marxloh gewohnt. Und sie boxt.

- "Über was schreibst du denn deine Bachelorarbeit?"
- "Ja, möglicherweise über euer Projekt, das wäre natürlich am schönsten. Also, ich hab noch nichts angemeldet für die Bachelorarbeit, ich wollte jetzt erst mal gucken, die nächsten ein, zwei Monate, worüber ich sie genau schreibe, und das ist ja auch sehr schön hier."
- "Dann hätten wir jetzt schon zwei Boxerinnen. Ist aber keine Grundvoraussetzung, um hier teilzunehmen."

Arbeit beginnt Mitte Oktober

Bis jetzt gibt es nur Patinnen - keine männlichen Paten.

"Wir hatten eigentlich, um ganz ehrlich zu sein, bis jetzt eigentlich..."
- "...sehr wenig Bewerber und alle ideal!"
- "Genau, eigentlich waren wirklich alle..."
- "Also eigentlich Punktlandungen jedes Mal." - "Ja, schon."
- "So gefühlt waren das Punktlandungen. Aber davon gehen wir auch aus, weil das Profil, was wir anbieten... Wenn wir jetzt in Berlin-Mitte kostenloses Wohnen anbieten würden oder in München oder in Hamburg das Prinzip aufbauen würden, würden wir natürlich viel mehr Nebeninteressenten haben. Nebeninteressenten in Form von: Ich will eigentlich das günstige, das Umsonst-Leben und dafür geb' ich mal drei Stunden Unterricht. Und hier an Orten wie Marxloh ist das freie Wohnen nicht wirklich unbedingt das Lock-Angebot, sondern die Idee dahinter, wie man das Ganze anpacken möchte und wie man sein Dasein mit direkter Auswirkung spüren kann. Letztendlich haben wir ja auch nur sechs Plätze."

Am Ende der Inforunde geht es noch, nein, erst mal nicht zu den WGs, sondern zur "Tauschbar": eine große Erdgeschosswohnung in einem Altbau mit vier Metern Deckenhöhe, noch renovierungsbedürftig, für Büro, Küche, Arbeitsräume.

"Links einen leeren Raum für Nachhilfe, rechts einen leeren Raum für Nachhilfe, und unser Wohnzimmer für die Kinder, also der Spielraum mit ganz viel Platz, da war offensichtlich ein Kamin und hinten raus ist ein riesengroßer, noch ganz wilder verwilderter Garten."

Aktivitäten im Garten mit den Kindern zum Beispiel sind die Art von freiwilligem Engagement, die sich "Tausche Bildung für Wohnen" von den Teilzeitpaten über die verpflichtenden Nachhilfestunden hinaus wünscht und erhofft. Ab Mitte Oktober soll die Arbeit mit den Kindern beginnen. Gleichzeitig sollen auch die Paten betreut und ausgebildet werden, ein Curriculum ist gerade in Planung.

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