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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenPsychoanalyse verändert das Gehirn28.06.2012

Psychoanalyse verändert das Gehirn

Studie der Universität Bremen belegt neuronale Veränderungen

Bis zu 300 Sitzungen dauert eine Psychoanalyse. Damit ist diese Behandlung wesentlich kostspieliger als eine deutlich kürzere Verhaltenstherapie - , aber wahrscheinlich auch nachhaltiger: Eine Studie hat nun bei depressiven Patienten nach einer Psychoanalyse neuronale Veränderungen in depressionsrelevanten Hirnarealen nachgewiesen.

Von Godehard Weyerer

Die Gitterstruktur der linken Gehirnhälfte. (Science/MGH-UCLA Human Connectome Project])
Die Gitterstruktur der linken Gehirnhälfte. (Science/MGH-UCLA Human Connectome Project])

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, war selbst Neurologe und Hirnforscher und wollte seine Erkenntnisse über das Unbewusste der Menschen naturwissenschaftlich belegen. Das misslang ihm, er musste scheitern. In der damaligen Zeit gab es keine bildgebenden Verfahren, keine Kernspintomografie. Heute ist das anders. Mithilfe der Magnetresonanztomografie konnte eine Forschergruppe neuronale Veränderungen bei chronisch-depressiven Patienten während einer psychoanalytischen Therapie nachweisen. Anna Buchheim ist Psychoanalytikerin und Professorin an der Universität Innsbruck. Gemeinsam mit Neurobiologen hat sie mit den Patienten in diagnostischen Vorgesprächen sogenannte Kernsätze herausgearbeitet.

"Ja, zum Beispiel zu einem Bild, ein Kind steht alleine vor einem Fenster und schaut raus. Der Kernsatz dazu wäre von einer Patientin, das Mädchen ist alleine und hilflos, weiß nicht wohin sie gehen los, sie fühlt sich sehr zurückgewiesen und vernachlässigt und bleibt hilflos vor dem Fenster stehen. Das wäre ein typischer Kernsatz zu einer Bindungssituation der Einsamkeit."

Am Forschungsprojekt, das nun abgeschlossen ist und dessen Ergebnisse veröffentlicht werden, nahmen 20 an Depressionen erkrankte Patienten teil, die sich zeitgleich einer Psychoanalyse unterzogen. Ihnen gegenübergestellt wurde eine Gruppe von 20 nicht-depressiven Kontrollpersonen. Dreimal wurden die Versuchsteilnehmer in die sogenannte Röhre gelegt. Eine Magnetresonanztomografie zeichnete die Aktivitäten ihres Gehirns auf, während vor ihren Augen die Bilder und Kernsätze auf einem Bildschirm erschienen – zu Beginn der Studie, nach sieben Monaten und abschließend nach 15 Monaten.

"Die Bilder werden gezeigt zusammen mit den individuellen Sätzen und werden kontrastiert, wie man in der Bildgebung sagt, mit neutralen Sätzen, die keine Emotionalität beinhalten. Es geht darum, dass man sehen kann, dass am Anfang auf die Konfrontation mit diesen Bildern und Sätzen ein erhöhter Blutfluss im Gehirn ist, mehr Aktivität in beispielsweise limbischen Systemen wie der Amygdala-Hippocampus. Und dass nach 15 Monaten bei der gleichen Präsentation der gleichen Sätze und Bilder eben deutlich weniger aktiv ist und sich das statistisch nachweisen lässt."

Wie aber lassen sich diese neuronalen Veränderungen abbilden? Die funktionelle Magnetresonanztomographie macht Stoffwechselvorgänge sichtbar. Ein veränderter Sauerstoff- und Zuckerverbrauch der Nervenzellen verändert wiederum die magnetischen Eigenschaften des Blutes. Diese Magnetströme werden gemessen, digitalisiert und in unterschiedlichen Farben auf dem Bildschirm wiedergegeben. Das Gehirn lässt sich so bei seiner Arbeit beobachten. Anna Buchheim von der Universität Innsbruck hat nun belegen können, dass sich die im Laufe der Psychoanalyse gewonnenen Hirnbilder der depressiven Patienten denen der Kontrollpersonen angeglichen haben. Das Gehirn hat sich im Laufe der Therapie verändert. Ist das als gesicherte Erkenntnis für die Wirksamkeit der Psychoanalyse zu werten?

"Das können wir aber nicht 1 zu1 auf die Psychoanalyse schließen, das kann glaube ich keine Psychotherapie in diesem Bereich, weil wir mit unseren Paradigmen immer nur eine reduzierte Form haben, etwas zu stimulieren und dann zu messen. Damit können wir Komplexität, die in der Psychotherapie stattfindet, nie abbilden. Das gilt aber für alle Psychotherapieverfahren."

Der Bremer Nervenarzt und Psychoanalytiker Georg Bruns hat als Studientherapeut selbst eine psychoanalytische Behandlung durchgeführt und war an der Auswertung der neurobiologischen Untersuchungen beteiligt. Der praktizierende Psychoanalytiker, geht da ein Stück weiter.

"Ohne psychoanalytische Behandlung, kann man sagen, verändert sich in den Hirnfunktionen nichts, wie die Kontrollgruppe zeigt. Mit psychoanalytischer Behandlung verändert sich etwas in den Hirnfunktionen, indem Aktivitätsschwerpunkte verlagert werden. Wenn das der Unterschied, dann muss die Verlagerung der Hirnaktivitäten auf diesen Unterschied der Teilnahme oder Nichtteilnahme an einer psychoanalytischen Behandlung zurückzuführen sein."

Da bekanntermaßen aber die Elastizität des Gehirn nach dem ersten Lebensjahr rapide abnimmt, sind neuronale Veränderungen sehr zeitaufwändig. Was aber passiert im Gehirn, wenn die Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte zu einer Verbesserung der depressiven Stimmung führt? Werden neue Netzwerke geschaffen, alte überlagert und abgekapselt? Eine genaue Zuordnung, räumt indes auch Georg Bruns ein, sei noch nicht möglich.

"Wenn ein bestimmtes Gehirnareal, das üblicherweise eine bestimmte Funktion ausübt, ausfällt durch Verletzung, durch eine Durchblutungsströmung, dann wird diese Funktion durch ein anderes Hirnareal übernommen. Das Komplizierte am Gehirn ist, dass es keine Punkt-zu-Punkt-Korrelation von Hirnfunktion zu Leistung gibt."

Ist hier der Grund zu suchen, wieso sich die Psychoanalytiker so lange nicht in die Karten blicken lassen wollten und sich im Gegensatz zu Verhaltenstherapeuten strikt gegen eine wissenschaftliche Überprüfbarkeit der eigenen Therapie-Ergebnisse aussprachen? Anna Buchheim will das so nicht stehen lassen. Studien hätten die Effizienz der Psychoanalyse längst nachgewiesen. Neu ist, dass nun auch organische Veränderungen belegt seien.

"Ich denke, es ist ein Schritt, wobei diese eine neurobiologische Studie sicherlich nicht ausreicht. Es gibt einen großen Katalog an Studien, die jetzt nicht neuronale Veränderungen gemessen haben, die zeigen, dass die Psychoanalyse wirksam ist und für verschiedene Krankheitsbilder auch die Methode der Wahl. Aber solche neuronale Studien könnten noch mit drauf hinarbeiten, dass im Vergleich zur Verhaltenstherapie wir auch auf dieser Ebene die Effekte zeigen können. Insofern haben wir einen guten Impuls gesetzt."


Bei chronifizierten Erkrankungen wie Depressionen hätten sich die Langzeittherapien ohnehin als die überlegenen Behandlungsmethoden erwiesen, ergänzt Georg Bruns. Die Psychoanalyse mit bis zu 300 Sitzungen zählt dazu. Natürlich ist sie damit kostspieliger als eine deutlich kürzere Verhaltenstherapie, aber eben auch nachhaltiger. Die Behandlungserfolge hielten auch Jahre nach Ende der Therapie an.

"Wenn die Psychoanalyse mit einem solchen Forschungsprojekt nachweist, dass sie auf einer organischen Ebene Veränderungen herbeiführt, ist das ein ungeheuerer Beweis für die Wirksamkeit der Psychoanalyse und natürlich ist das etwas, was die Stellung der Psychoanalyse innerhalb der anerkannten Behandlungsmethoden enorm stärkt."

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