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StartseiteBüchermarktPure Lust an der Sprache10.02.2005

Pure Lust an der Sprache

K.L. McCoy: "Mein Leben als Fön"

<strong>Musik Fön: </strong> <em>Der Tag läuft unrund</em>

Von Ralph Gerstenberg

"Fön" macht Texte an Musik (Traumton Records)
"Fön" macht Texte an Musik (Traumton Records)

Das ist nicht etwa Herbert Grönemeyer, zusammen mit dem Bochumer Männergesangsverein "Trotz alledem", sondern die wohl einzige Boygroup in der schönen deutschen Literaturlandschaft. Fön nennen sich die vier Jungs - wohl weil sie von Berlin aus zum Sturm auf die Kleinkunstsäle zwischen Freiburg und Stralsund blasen und auf der Bühne eine verdammt gute Frisur machen. Bei vorwiegend studentischem Publikum kommt der eigenwillige musikalisch-literarische Mix aus Max Goldt und Konstantin Wecker, Kabarett und absurdem Theater sehr gut an. Fön, das sind:

Fön: Michael Ebmeyer, Bruno Franceschini, Florian Werner, Tilman Rammstedt.

Solo veröffentlichte Michael Ebmeyer den Erzählungsband "Henry Silber geht zu Ende" sowie den Roman "Plüsch", Tilman Rammstedt brachte eine Prosasammlung unter dem Titel "Erledigungen vor der Feier" heraus und Florian Werner wird im kommenden Jahr bei dtv debütieren.

Die Musik für Fön komponiert Bruno Franceschini, der sonst mit italienisch-deutschen Jazz-Pop-Chansons durch die Lande tingelt. Die Geschichte des Quartetts beginnt mit einer Begegnung der etwas anderen Art. In der Prenzlauer-Berg-Kneipe "Zum fröhlichen Tübinger" wurden die frisch aus dem Bundesgebiet zugezogenen Neuhipster von einem Riesen namens K.L. McCoy dazu auserkoren, selbstverfasste Texte zu Musik auf der Bühne zu präsentieren. Er ließ sie - so will es zumindest die von ihnen selbst lancierte Legende - kurzerhand zu Staub zerfallen und formte nach seinen eigenen Vorstellungen Fön aus der Asche.

Tilman Rammstedt: Das war unser erstes Aufeinandertreffen. Das zweite war dann gar nicht mehr persönlich. Da kriegten wir einen Schlüssel zugeschickt für ein Schließfach am Bahnhof Zoo. Hinter diesem Schließfach fanden wir ein Gewölbe, in dem wir auf McCoys Manuskripte von Tausenden von Jahren stießen, die wir jetzt herausgegeben haben.

"Mein Leben als Fön" heißt das gut 200 Seiten starke Buch von Klaus Luzifer, kurz: K.L, McCoy, aufgeschrieben von:

Michael Ebmeyer, Bruno Franceschini, Florian Werner, Tilman Rammstedt.

Wobei die vier Fönisten immer wieder ihre pure Herausgeberschaft betonen. Doch wer ist eigentlich dieser K.L. McCoy, in dessen Diensten die jungen Herren agieren?

Florian Werner: Er ist ein Mann mit einem großen Bart und einem gesegneten Appetit, soviel steht fest. Er ist, glaube ich, ein gutmütiger Kerl, der aber auch sehr aufbrausend sein kann bisweilen. Er hat sicherlich auch eine Entwicklung durchgemacht in den letzten zweieinhalbtausend Jahren, die belegt sind in unserem Buch. Zunächst lernen wir ihn als Rabauken, als Raubein auch, kennen - zum Beispiel im Dialog mit Sokrates, den er im Rückgriff auf seine körperliche Kraft zu lösen versteht. Er wird aber nachdenklicher im Laufe der Jahrtausende - und auch weiser.

K.L. McCoy ist vor allem ein Mann, dem die Zeit nichts anhaben kann. Er scheint quasi unsterblich zu sein. Lange vor der Erfindung der Zeitmaschine reiste er durch die Jahrhunderte oder besser: die Zeiten zogen an ihm vorbei. Ein Rätsel, das auch ihm besonders nahe stehende Menschen nicht zu erklären vermögen.

Michael Ebmeyer: Es gibt ja Dinge, die man einfach hinnehmen muss. Wenn man sich anguckt, was McCoy so aufgeschrieben hat, dann merkt man, dass er mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit einfach immer dabei gewesen ist, offensichtlich auch immer älter geworden ist, was bei ihm aber kaum Spuren hinterlassen zu haben scheint. Ich denke, das müssen wir einfach als etwas Unerforschliches demütig akzeptieren.

Akzeptieren wir also das Unerforschliche und schauen, was K.L. McCoy im Laufe der Jahrtausende so getrieben hat. Im alten Griechenland überzeugte er Sokrates mit handfesten Argumenten von den Vorzügen eines Haartrockners. Den Hunnenkönig Attila trieb er aus Gewinnsucht in den Krieg gegen den oströmischen Kaiser Theodosius. Den Indianern brachte er das Lacrosse-Spielen und den Jamaikanern das Kiffen bei. Den Soundtrack dazu kann man sich auf der zeitgleich erschienenen Fön-CD "Wir haben Zeit" anhören.

"Mein Leben als Fön" von K.L. McCoy steckt voll von absurden Ideen. Stilistisch souverän parodieren die vier Autoren platonische Dialoge, Robinsonaden, Western- oder Briefromane. Zudem erzählen sie eine absurde Familiensaga, die angeblich - wie alles in dem Buch - aus der Feder ihrer Hauptfigur stammt, aber mit Sicherheit aufgeschrieben wurde von:

Michael Ebmeyer, Bruno Franceschini, Florian Werner, Tilman Rammstedt.

In ihrem Büchlein geht es um nichts - um nichts als um die pure Lust an der Sprache, um das Formulieren, Fabulieren und Fantasieren. Und in besonders grotesken Passagen wohl auch ums Delirieren. Die Episoden in der zweiten Hälfte des Buches wirken allerdings nicht mehr ganz so unterhaltsam und einfallsreich wie zu Beginn. Auch fehlen ein Spannungsbogen und eine nachvollziehbare Entwicklung der Hauptfigur - eine Erwartung, die vor allem geweckt wird, weil das Buch vom Verlag als Abenteuerroman angekündigt wird. Damit sind wir bei den Schwierigkeiten, mit denen sich die Herren Herausgeber in der Gegenwart herumzuschlagen haben. Denn nichts wird heutzutage so gern auf ein belletristisches Werk gedruckt wie die Gattungsbezeichnung "Roman".

Tilman Rammstedt: Wir haben dann immerhin noch ein "Abenteuerroman" durchsetzen können. Das steht jetzt drauf: "Abenteuerroman. Im Grunde ist nach der Krise des Romans doch auch alles Roman jetzt.

Der Abenteuerroman von K.L. McCoy "Mein Leben als Fön", aufgeschrieben von Tilman Rammstedt, Michael Ebmeyer, Florian Werner und Bruno Franceschini, ist im Piper Verlag erschienen, 204 Seiten kosten 12 Euro. Die CD "Wir haben Zeit" der Gruppe Fön erschien zeitgleich beim Label Traumton.

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