Interview / Archiv /

 

Raddatz beklagt "Dominanz des radikalen Islam"

Islamwissenschaftler vermisst interkulturellen Grundsatzdialog

Moderation: Jürgen Liminski

Die Spitzen des Minaretts der Sultan-Selim-Moschee, rechts, und des Turms der katholischen Liebfrauenkirche in Mannheim.
Die Spitzen des Minaretts der Sultan-Selim-Moschee, rechts, und des Turms der katholischen Liebfrauenkirche in Mannheim. (AP)

Hans-Peter Raddatz steht den ZDF-Plänen eines "Wortes zum Freitag" für Muslime skeptisch gegenüber. Grundsätzlich sei es als ein Signal zur Integration zu begrüßen, sagte der Islamwissenschaftler. Allerdings werde eine Illusion aufgebaut, "solange eben das Bekenntnis der Muslime zum demokratischen Rechtsstaat nicht verbindlich vorliegt".

Jürgen Liminski: Das ZDF will ab Mai ein "Wort zum Freitag" für Muslime und am Islam Interessierte in sein Online-Angebot aufnehmen, eine spätere Übernahme ins Fernsehprogramm wird nicht ausgeschlossen. Das Wort zum Freitag soll nach Aussage seines Erfinders, Chefredakteur Nikolaus Brender, die Diskussion um Migration und Integration beleben und dazu beitragen, den Islam besser kennen zu lernen. Ist das der Integration förderlich, oder ist es ein falsches Signal der offenen Gesellschaft an die Islamisten?

Zu diesen Fragen begrüße ich den Islamwissenschaftler Hans-Peter Raddatz, der selber in islamischen Ländern gearbeitet und eine Reihe Bücher über den Islam geschrieben hat. Guten Morgen, Herr Raddatz!

Hans-Peter Raddatz: Morgen, Herr Liminski!

Liminski: Herr Raddatz, wir haben das "Wort zum Sonntag", nun kommt das "Wort zum Freitag". In Deutschland leben drei Millionen Muslime, das ist eine beachtliche Minderheit. Ist da ein eigenes geistliches Wort sinnvoll oder nicht sinnvoll?

Raddatz: Es ist grundsätzlich zu begrüßen, weil integrativ gesehen selbstverständlich die Anpassung, oder sagen wir mal die Einfügung, einer großen Glaubensgemeinschaft in die pluralistische Gesellschaft durch so eine Maßnahme in jedem Falle befürwortet werden kann. Nur würde das voraussetzen, dass auch grundsätzliche Fragen hinsichtlich der Integration beziehungsweise der Adaption dieser Glaubensgemeinschaft an Grundregeln unserer eigenen Mehrheitsvorstellungen hier gewährleistet wäre. Und das scheint bis heute jedenfalls nicht der Fall zu sein. Zumindest gibt es Zweifel.

Liminski: Was sind denn das für grundsätzliche Fragen, die Ihrer Meinung nach geregelt werden müssen?

Raddatz: Nun, dazu gehört natürlich zuallererst der Gedanke der Menschenrechte, der Grundrechte im demokratischen Rechtsstaat. Und hier gibt es die große Diskrepanz der fehlenden Religionsfreiheit in der muslimischen Gemeinschaft. Und diese Frage haben wir nicht im Mindesten angesprochen bisher. Sie ist also sogar bewusst umkurvt worden sozusagen von der Politik, und das ist eine der ganz großen Schwächen. Und solange wir das nicht offen ansprechen, werden wir auch solche Probleme wie den so genannten Ehrenmord natürlich nicht lösen können, ganz zu schweigen von der generellen Frage des Gewaltmonopols des Rechtsstaats, was ja durch den Islam nicht anerkannt werden kann, weil die Gewalt eben beim schariatischen Rechtgeber, nämlich Allah, liegt. Also das sind alles grundsätzliche Fragen, die nicht im Mindesten geklärt sind.

Liminski: Aber über so eine Initiative könnte man doch den Islam besser kennen lernen.

Raddatz: Das wäre der Fall, wenn man zum Beispiel sich klar gemacht hätte, was eigentlich innerhalb des Islam der spirituelle Teil, den ja niemand den Muslimen nehmen will, also es gibt selbstverständlich im Islam einen Teil, der auch durch die Religionsfreiheit des demokratischen Rechtsstaats abgedeckt ist. Das sind die berühmten fünf Säulen des Islam. Wenn das der hiesigen Öffentlichkeit schon einmal klargemacht wäre, dann würde auch ein solches "Wort zum Freitag" entsprechenden Gehalt bekommen. Dann würde man sogar als Demokrat oder meinetwegen auch als Nichtchrist solchen "Worten zum Freitag" lauschen können. Warum eigentlich nicht in einem pluralen Staat? Nur muss man eben halt vorab wissen, dass es innerhalb des islamischen Glaubens einen gesetzlichen, rechtlichen Teil gibt, dem sogar aufgetragen ist, alles andere nicht Islamische früher oder später zu überwinden. Und das ist das große Problem, was wir mit einer muslimischen Gemeinschaft hier haben.

Liminski: Sie meinen also, so ein Wort würde die Integration nicht fördern, vielleicht sogar eher Parallelgesellschaften fördern?

Raddatz: Sie sagen selbst dieses Wort, was man schon fast als Unwort bezeichnen könnte. In der Tat ist es aber so. Indem wir die eigentlichen Grundfragen verdecken und dafür Nebenpunkte wie so ein solches "Wort zum Sonntag" im Grunde ja missbrauchen. Solange wir also die Grundfragen nicht klären und solche Nebenpunkte in den Vordergrund stellen, machen wir uns selbst etwas vor. Wir bauen eine Illusion auf sozusagen. Wir behaupten, integrativ hier tätig zu sein, was im Grunde nicht möglich ist, solange eben das Bekenntnis der Muslime zum demokratischen Rechtsstaat nicht verbindlich vorliegt. Und es ist schlicht und einfach für den Moslem, insbesondere für die Gemeinschaft bei uns hier, sehr, sehr schwierig, so ein Bekenntnis abzulegen. Das geht nur in einem gemeinsamen Dialog, in dem die Grundlagen festgelegt werden. Und diese Art von Grundsatzdialog hat bisher noch nicht stattgefunden.

Liminski: Wie würde denn Ihrer Meinung nach diese Initiative bei Islamisten verstanden? Könnten sie es nicht als Signal der Versöhnung und der friedlichen Koexistenz begreifen?

Raddatz: Herr Liminski, das Prinzip der Versöhnung ist Islamisten fremd. Der Begriff des Islamismus allein deutet ja schon an, dass es sich hier um eine radikalere Version des Islam handelt, die eben genau das verfolgen muss, was ihr aus den orthodoxen Grundlagen des Islam her aufgegeben ist, nämlich früher oder später nichtislamische Umgebungen zu überwinden und den Islam zu installieren. Das ist die Aufgabe des Islamisten, und insofern ist es ihm sehr schwer, versöhnlich zu denken, zumal hinzukommt, dass schon vor 500 Jahren durch die Orthodoxie ganz offiziell auch die versöhnlichen Aussagen der islamischen Grundlagen, sprich also Koran und Prophetentradition, offiziell gelöscht worden sind. Also diejenigen Teile, die es in den islamischen Glaubensgrundlagen gibt, die in der Tat Ansatzpunkte wären, um Versöhnung und Integration zu schaffen, die sind von der Orthodoxie offiziell gelöscht, die sind also offizieller Glaubensinhalt, natürlich nicht bei allen Muslimen, aber vom maßgeblichen Teil, und der ist seit 20, 30 Jahren eben im radikalen Bereich im Vormarsch.

Das können Sie auf breitestmöglicher Front sehen. Das können Sie an den maßgeblichen Autoritäten des Gegenwartislam sehen, die allesamt den radikalen Islam vertreten, die Terrormaßnahmen entschuldigen, die auch in Gestalt zum Beispiel des bekannten Fernsehimam Qaradhawi ganz offiziell auch die Vernichtung Israels vertreten und dergleichen mehr. Also wohin Sie schauen, haben Sie im Moment die Dominanz des radikalen Islam, und deswegen ist es umso wichtiger, dass wir hier im Westen, unabhängig davon, ob es in Deutschland, Frankreich oder sonst wo passiert, dass wir also grundsätzlich auf europäischer Ebene dieses Grundproblem ansprechen.

Liminski: Das "Wort zum Freitag", ein Signal mit ambivalenter Wirkung. Das war der Islamkenner und Autor Hans-Peter Raddatz. Besten Dank für das Gespräch, Herr Raddatz.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

EU-KommissionWirtschaftsexperte: Juncker betreibt Beerdigung des Stabilitätspaktes

Jean Claude Juncker hält eine Rede im EU-Parlament

Der neue EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker handelt aus Sicht von Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, nicht im Geiste des Stabilitätspaktes. Juncker habe es versäumt, die Wächterfunktion in der Europäischen Union zu übernehmen. Stattdessen rede er "wie ein Kuschelpädagoge", kritisierte Krämer im DLF.

FreihandelsabkommenKonzerne dürfen Parlament nicht überstimmen

Der SPD-Politiker Ralf Stegner

Sigmar Gabriel sagte, er wolle das Freihandelsabkommen mit Kanada nicht am Investorenschutz scheitern lassen. Insbesondere die SPD-Parteilinke fordert hier eine Aufweichung. Ralf Stegner, stellvertretender SPD-Vorsitzender, betonte im Deutschlandfunk noch einmal diese Forderung - spricht Gabriel aber seine Unterstützung aus.

Debatte um SolidaritätszuschlagHaseloff warnt vor "Dauersteuer"

Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU) äußert sich am 04.11.2014 während der Landespressekonferenz Magdeburg.

In der Debatte um den Solidaritätszuschlag forderte Reiner Haseloff, CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, das jetzige System beizubehalten. Viele Belastungen seien heute Spätfolgen der Wiedervereinigung, sagte er im DLF. Sei die Aufgabe einmal im Steuertarif, bleibe sie eine Dauersteuer.

 

Interview der Woche

Bernd Riexinger"Normalisierung der politischen Kultur“

Der Vorsitzende der Partei Die Linke, Bernd Riexinger, steht vor dem Parteilogo am Rednerpult und hebt beide Zeigefinger.

Die bevorstehende Wahl Bodo Ramelows zum Ministerpräsidenten von Thüringen wird nach Einschätzung von Linken-Chef Bernd Riexinger Signalwirkung für andere Bundesländer haben. Für eine rot-rot-grüne Koalition auf Bundesebene sieht er jedoch nur geringe Chancen - SPD und Grünen fehle der Wille zu echten Reformen, sagte Riexinger im DLF.

Klimaschutz-Aktionsprogramm"Eine Ohrfeige für die Klimapolitik"

Simone Peter, Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen

Die Ko-Vorsitzende der Grünen, Simone Peter, hat das Klimaschutz-Programm von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) kritisiert. Es fehle an Regelungen zu klimafreundlicher Energieversorgung, sagte sie im Interview der Woche des Deutschlandfunks. Sie erwarte ein klares Bekenntnis zum Kohleausstieg.

Bundesministerien in BonnWowereit fordert Umzug nach Berlin

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vor dem Brandenburger Tor.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit fordert, alle noch in Bonn ansässigen Bundesbehörden in die Hauptstadt zu holen. Im Interview der Woche des Deutschlandfunks sagte er, die Arbeitsfähigkeit der Bundesregierung und des Bundestags leide unter der räumlichen Trennung.