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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Gesundheit: Hämorrhoiden10.04.2007

Radiolexikon Gesundheit: Hämorrhoiden

"Heute ist es noch so, dass alles, was mit dem After oder dem Anus zu tun hat noch als Tabuthema gilt; also Sex ist häufiger besprochen als die Stuhlentleerung."

Bei Hämorrhoiden gehen viele lieber in die Apotheke als zum Arzt. (AP)
Bei Hämorrhoiden gehen viele lieber in die Apotheke als zum Arzt. (AP)

Wohl war! Und irgendwie verständlich, scheint uns doch der hintere Körperteil allenfalls einen Fußtritt wert zu sein. Indessen befindet sich, wer an Hämorrhoiden leidet, "in bester Gesellschaft". Napoleon, der alte Fritz oder Martin Luther hatten mit diesen schmerzhaften Ausstülpungen am Enddarm zu kämpfen – wobei man sich fragt, wie Historiker so etwas herausgefunden haben wollen.

Heute jedenfalls leidet etwa die Hälfte aller Bürger daran, Männer etwas mehr als Frauen, 50-jährige häufiger als Jugendliche. Und sie alle gehen statt zum Arzt erst einmal lieber in die Apotheke, wo es diskret zugehen kann.

"Es gibt da auch, wenn die Scheu vor anderen Kunden, die vielleicht mithören, groß ist, in allen deutschen Apotheken einen Beratungsraum, das kommt natürlich immer wieder vor, weil das schon natürlich etwas Unangenehmes und sehr Intimes, Persönliches ist."

Hämorrhoiden, aus den griechischen Begriffen für "Blut" und für "fließen": Altertümlich wurden sie aus kaum noch nachvollziehbaren Gründen "Goldene Ader" genannt. Johann Baptist van Helmont, Arzt im 16. Jahrhundert, sprach von Feig-Warzen, hergeleitet von "Feige", einem damals gebräuchlichen Schimpfwort – auch – für den After.

Kaum zu glauben: Hämorrhoiden sind eigentlich etwas Gesundes und Notwendiges. Ein Geflecht von Blutgefäßen innerhalb des Enddarms nämlich, die zusätzlich zum dortigen Muskel dem "Feinverschluss" dienen. Deshalb sollte man korrekter von Hämorrhoidal-Leiden sprechen, wenn diese Schwellkörper krankhaft verändert sind.

Woher die knotigen Veränderungen kommen, dazu gibt es verschiedenste Theorien. Die endgültige Erklärung hat nicht einmal Professor Harald Gögler, Proktologe, also Enddarmspezialist aus Berlin:

" Ich weiß nicht, was stimmt. Nur insofern weiß ich das, es ist in der Familie, aber sonst kann man an und für sich keine richtige Ursache für Hämorrhoiden ausmachen. "

Die schmerzenden und juckenden, meist blutenden Knötchen werden in vier Stadien eingeteilt: Hämorrhoiden "ersten Grades" machen wenig Beschwerden und gehen oft von alleine wieder zurück. Oder sie entwickeln sich zu solchen "zweiten Grades": Beim Pressen auf der Toilette werden sie nach außen gedrückt, ziehen sich dann aber von selbst wieder zurück.

Vom "Dritten Grad" sprechen die Ärzte, wenn die Hämorrhoiden nur noch manuell zurückgelagert werden können. "Vierten Grades" sagen sie, wenn ein "Prolaps" – zu deutsch: Vorfall – endgültig ist und nur noch chirurgisch entfernt werden kann.

Wenn überhaupt, dann sollte man nur die ersten beiden Formen selbst behandeln, warnt Harald Gögler:

"Hämorrhoiden bluten ja meist, und bei Blutung muss man immer erst den Krebs ausschließen. Und dann kann man erst das andere, Fissuren oder andere Dinge, Polypen, nehmen, aber wichtig ist, dass man den Krebs nicht übersieht. Und heute ist es noch so, dass es noch als Tabuthema gilt und deshalb gibt es auch heute noch, dass in den Apotheken Hämorrhoidalsalbe und Zäpfchen verkauft werden, ohne dass die Patienten untersucht werden."

Bei allem Verantwortungsbewusstsein, sagt Dr. Bernd von Lehmann, Apotheker in Schlachtensee, einem gut situierten Berliner Bezirk: Er muss und will ja auch helfen:

"Bei uns haben wir hauptsächlich Stammkunden, weniger Laufkundschaft, sie fragen uns um Rat, so dass wir unsere Kunden sehr gut kennen und sie haben auch ein großes Vertrauen zu uns."

Sogar gegenüber einem spezialisierten Arzt ist dieses Vertrauen oft nicht vorhanden, weiß Professor Gögler aus seinem privaten Umfeld:

"Natürlich kann man über den Leistenbruch oder über die Gallensteine auch beim Kaffee sprechen; wenn man was am Anus hat, dann wird man zur Seite gezogen und in der Küche gefragt, "sag mal, da ist bei mir was nicht in Ordnung und so", es ist medizinisch das letzte Thema, das sind die Probleme, die man am After hat, und über die redet man nicht, viele reden nicht einmal mit dem Ehepartner darüber."

Hinzu kommt die Angst vor der peinlichen Untersuchung, die manchen Mann Verständnis entwickeln lässt für die Situation von Frauen, die noch vor nicht langer Zeit ihrem Gynäkologen sofort nackt gegenüber treten sollten.

"Aber es gibt jetzt hervorragende Stühle. Der Patient muss sich dabei vorher überhaupt nicht ausziehen, es ist für die Patienten sehr günstig, sich auf diesen neuen, automatischen Stühlen untersuchen zu lassen. Wer also Blutungen hat, der sollte sich auf jeden Fall untersuchen lassen."

Im Prinzip teilt Apotheker von Lehmann diesen Rat:

"Beratung bei diesem Thema hat eine große Bedeutung. Wir fragen natürlich den Kunden immer: "Ist Blut im Stuhl?". Wenn er sagt, "weiß ich nicht", dann sagen wir: "Bitte nachgucken", weil das ist ja doch immer ein Hinweis, ihn unbedingt sofort zum Arzt zu schicken, ansonsten, wenn einer mit den normalen Beschwerden kommt, wo es ein bisschen juckt und brennt, dann kann man auch einfach erst mal Zäpfchen und Sälbchen geben, und sagen: "Wenn's aber damit nicht in ein paar Tagen besser ist, dann bitte den Arzt aufsuchen.""

Nach der Diagnostik kann der niedergelassene Proktologe mit einfacheren Maßnahmen helfen wie einer Verödung der Knötchen. Oder die Hämorrhoiden werden mit einem Gummiband abgeschnürt, so dass die Blutzufuhr unterbleibt und sie absterben. Oft aber, spätestens bei Hämorrhoiden dritten Grades, geht es nicht mehr ohne Operation.

"Hämorrhoiden kann man heute insgesamt in jedem Stadium behandeln. Die Patienten leiden und wenn dann die Hämorrhoiden auch vorfallen, und der Vorfall sich nicht mehr zurückzieht, dann ist es schon so, dass man das operieren lassen soll. Denn die Patienten sind hinterher meist großartig erleichtert, aber zur Operation entschließen sich die Patienten eben oft erst sehr spät. "

Ein Grund ist die Angst vor Schmerzen nach dem Eingriff, weiß auch Enddarmchirurg Gögler. Aber:

"Schmerzhaft ist nur der äußere Anteil, und der wird nach Außen getrieben als Vorfall, wenn er sich selbst zurück, ist es dritten Grades, vierten Grades ist, wenn der Vorfall draußen bleibt. Und bei dritten Grades – diese Operation ist fast schmerzfrei, die ist neu, eine Klammernaht-Operation, und dann gibt's noch die Operation vierten Grades, und das ist etwas schmerzhaft, und deshalb sollte das auch nicht ambulant gemacht werden, aber insgesamt haben sich die Hämorrhoiden-Operationen deutlich für den Patienten verbessert."

Kann man all' dieses vermeiden? Es gibt ein paar Tipps, zu denen ballaststoffreiche Ernährung, Bewegung und die richtige Hygiene gehören – in Maßen.

"Bitte keine übertriebene Hygiene, und auf keinen Fall die feuchten Tücher kaufen, weil die enthalten alle Alkohol, Aromastoffe und Reinigungsstoffe, die zu einer Allergie führen, und den so genannten Pavian-After machen, auf jeden Fall normale Hygiene, vor allen Dingen Wasser und wenig Seife."

Und: Man solle sich "bei der Stuhlentleerung entspannen", so der Rat der Ärzte. Was aber nicht zu wörtlich nehmen ist: Denn die Fachgesellschaft für Proktologie schreibt, man solle nicht zu lange – wörtlich – auf dem Klo sitzend "beim Zeitunglesen oder bei Asterix" verbringen. Somit ist wenigstens klar, woher Hämorrhoidal-Leiden in England ihren Namen haben: "Newspaper-Syndrom".

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