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StartseiteSprechstundeRadiolexikon Gesundheit: Sepsis - Die unterschätzte Gefahr07.11.2006

Radiolexikon Gesundheit: Sepsis - Die unterschätzte Gefahr

Die Sepsis, oder Blutvergiftung, hat durch Antibiotika viel von ihrem Schrecken verloren. Doch auch heute noch kann sie tödlich sein. Schätzungsweise 60.000 Patienten sterben in Deutschland jährlich an einer Sepsis.

Von Matthias Schulenburg

Auch bei sterilem Arbeiten können Krankheitskeime in den Körper gelangen.  (AP)
Auch bei sterilem Arbeiten können Krankheitskeime in den Körper gelangen. (AP)

" No! .. No! .. No! .. No! ...

Aaaaahhh! Mon dieu! Quel malheur!"

Ein Malheur, in der Tat, dass sich Jean-Baptiste Lully, Hofkomponist Ludwig des Vierzehnten, den Taktstock in den Fuß rammte, Anfang Januar 1687. Taktstöcke waren damals schwere, reich verzierte Stäbe, mit denen der Dirigent den Takt auf den Boden schlug. Lullys Fuß überstand die Attacke nicht, an ihm entwickelte sich eine Sepsis, die den Musiker schließlich ins Grab beförderte.

Die Sepsis, oder Blutvergiftung, spielt auch in einem besonders dunklen Kapitel der Medizingeschichte eine Rolle. Noch im 19. Jahrhundert war eine Geburt der mangelhaften hygienischen Verhältnisse wegen eine lebensgefährliche Angelegenheit, galt Hände waschen und das Tragen von Handschuhen als entbehrlich. In der Abteilung des Gynäkologen Ignaz Semmelweis an der Geburtshilflichen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses in Wien starb fast jede fünfte Frau am Kindbettfieber, einer Form der Sepsis. Semmelweis fand die Ursache: Die Studenten, die die gynäkologischen Untersuchungen durchführten, hatten zuvor an Leichen hantiert und so "Leichenteilchen", wie Semelweis es nannte, an die Frauen weiter gegeben (Bakterien waren da als mögliche Krankheitsverursacher noch unbekannt.) Als Semmelweis die Händewaschung mit einer Chlorkalklösung einführte, sank die Sterblichkeit bei den Wöchnerinnen auf 1,8 Prozent. Die Fachwelt dankte es ihm erst, nachdem er gestorben war - an einer Sepsis.

Die wahrscheinlich grausigste Ernte konnte die Sepsis einfahren, als im Ersten Weltkrieg Millionen junger Männer in den Schützengräben Flanderns einem Geschosshagel ausgesetzt wurden. Granatsplitter pressten Spuren des Bodens, durch viele Generationen Landwirtschaft mit Keimen gesättigt, in die Körper, zusammen mit Uniformfetzen. Millionen starben am Wundbrand, der mit einer Sepsis endete.

Und heute? In Mitteleuropa? Mit Antibiotika und lebensrettenden Apparaten gewappnet, sollte Sepsis für die Ärzte doch wohl leicht beherrschbar sein?

Weit gefehlt, sagt Edmund Neugebauer, Professor an der Universität Witten-Herdecke und Mitbegründer der Deutschen Sepsis-Gesellschaft:

" Wenn Bakterien und Viren von einem örtlich begrenzten Infektionsherd in die Blutbahn übertreten, dann spricht man von einer Blutvergiftung. Und nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, führt dies zu einem septischen Schock oder Kreislaufversagen. Und allein in Deutschland muss man von 134.000 Patienten pro Jahr ausgehen, das heißt, jeder zehnte Patient auf deutschen Intensivstationen ist von einer Sepsis bedroht. Und davon versterben 60.000 etwa an den Folgen der Sepsis."

Ein wesentlicher Grund, weshalb die Sepsis nach wie vor gefährlich ist, liegt in der Kompliziertheit der Erkrankung:

" Man hat früher immer gedacht, Sepsis ist nichts anderes als eine bakterielle Infektion, die systemisch wird, also die in den Blutkreislauf kommt, Fieber verursacht oder eine Hypothermie, Kältezittern verursacht, beides kann passieren, und dieses wird als Sepsis bezeichnet. Das ist es aber nicht, oder nicht alleine, sondern Sepsis ist im Prinzip die Reaktion des Körpers auf die Entgleisung des Abwehrsystems. Letztendlich ist es so, der Körper wird sich selber fremd und bekämpft sich selbst. Dann werden die eigenen Abwehrsysteme zum Angreifer, und das ist genau das große Problem."

Sepsis ist die aggressivste Form einer durch Mikroorganismen - zumeist Bakterien - hervorgerufenen Infektion.

Schreibt das Jenaer Klinik-Magazin, und zitiert den Vorsitzenden der Deutschen Sepsis-Gesellschaft Konrad Reinhaert, Professor am Uni-Klinikum Jena.

Gelingt es dem Körper nicht, die Infektion auf ihren Ursprungsort zu begrenzen - beispielsweise eine Lungenentzündung auf die Lunge-, können die in die Blutbahn eingedrungenen Erreger oder deren Toxine eine explosionsartige Kettenreaktion auslösen, die oft innerhalb weniger Stunden zum Multiorganversagen führt.

Der Kreislauf, die Blutgerinnung, die Kapillarfunktion und in der Folge Lunge, Nieren, Leber und das Zentrale Nervensystem sind davon betroffen. Schließlich richten sich die körpereigenen Abwehrmaßnahmen gegen diesen selbst:

"Horror Autotoxicus" nannte Paul Ehrlich diesen Zustand bereits vor 100 Jahren. Ohne eine Antibiotikatherapie beziehungsweise Herdsanierung und eine intensivmedizinische Behandlung, so Prof. Reinhart, gibt es keine Überlebenschance.

Dennoch verstirbt jeder zweite Patient mit schwerer Sepsis auf deutschen Intenvistationen.

Ein Grund: Die lebensrettenden und damit unvermeidlichen Maßnahmen der Intensivmedizin öffnen ihrerseits Einfallstore für Keime. Wenn etwa dem Patienten Substanzen zugeführt werden müssen, geschieht das über Katheter, Röhrchen oder Schläuche aus Kunststoffen, Metall oder Glas, die an die Blutgefäße angeschlossen werden oder Nahrung in den Magen spülen, oder die Harnblase leeren.

"... und es kann schon sein, wenn ein Katheter zu lange liegt - deswegen gibt es klare Regeln für Intensivstationen - dass ich dann über die Haut, die desinfiziert man zwar, aber es kann trotzdem sein, dass ich dadurch Keime in die Blutbahn einschleppe und die Katheterspitzen sich entzünden. Also an der Katheterspitze entwickelt sich dann sozusagen ein septischer Herd. Und das wird dann systemisch. Also wenn [dann] am Patientenbett steht ... im Prinzip: Wir haben alles gemacht, wir haben das gecheckt und hier gecheckt und sind ganz sicher, dass im Bauch nichts ist und so weiter, wenn man dann nicht mehr weiter weiß, dann geht man hin und sagt, gibt die Anweisung "Alle Leinen raus und neu verkabeln", in Anführungszeichen. In der Hoffnung, man schafft das. Und dann geht man natürlich hin und untersucht, ob es wirklich an den Kathetern gelegen hat indem man eine Mikrobiologie entsprechend macht und so weiter."

Ein weiterer Grund, in Sachen Sepsis besorgt zu sein, ist die ständig zunehmende Zahl der Transplantationen:

" Die Medizin entwickelt sich ja dramatisch weiter, das heißt, man traut sich immer mehr zu, Barnard hat das erste Herz transplantiert, heute transplantiert man Lebern oder man transplantiert Pankreas oder den Dünndarm oder andere Dinge - das heißt, die Eingriffe werden eigentlich immer invasiver und die in besonderer Weise spielt dort, gerade in der Transplantationschirurgie, das Immunsystem die relevante Rolle. Wenn man das im Griff hat, dann schafft man es auch, das die Leber überlebt. Wenn man das nicht in den Griff bekommt, dann entwickelt der Patient möglicherweise eine Sepsis, und das ist die schlimmste Komplikation, die man sich nach einer Transplantation, wo der Patient ewig gewartet hat auf eine Leber beispielsweise oder bei Herzen auch, die man befürchtet und die möchte man auch vermeiden."

Während sich die Wissenschaftler einig sind, dass die Sepsis-Grundlagenforschung in den letzten Jahrzehnten viele Fortschritte gemacht hat, ist die klinisch verwertbare Ausbeute dieser Forschung bislang eher mager:

" Eines der Dinge, die wir, glaub' ich, gelernt haben, ist, dass man eine niedrig dosierte Cortison-Therapie verabreichen soll. Früher ist man immer davon ausgegangen, man muss das hoch dosiert machen, gab's auch Studien, die das positiv gezeigt haben aber die wurden dann wiederholt und da hat man gezeigt, die hohe Dosis bringt es im Prinzip nicht. Die schafft kurzfristige Effekte, aber langfristig versterben genau so viele Patienten. Oder vielleicht sogar mehr."

Um die Sepsisforschung weiter voran zu bringen, verfolgen Professor Neugebauer und Mitarbeiter einen neuen Ansatz, der einerseits sehr ambitioniert, andererseits aber auch nahe liegend ist: Für eine Sepsis sei weniger eine Einzelursache verantwortlich, das Ganze sei eher das Versagen eines komplexen Systems, und das könne man, auch mit Hilfe neuer Biosensoren, womöglich rechnerisch erfassen:

" Das Ganze nennen wir "in-silico-modelling", das heißt, wir erweitern unser Armentarium von Grundlagenforschung, dann translationaler Forschung, das heißt Tierexperiment, klinische Forschung, um ein weiteres Element, nämlich "in-silico-modelling", nämlich Simulationen. Wenn das woanders funktioniert, jedenfalls ist das meine Vorstellung, ich hoffe, ich täusche mich nicht ganz und investiere nicht umsonst die Zeit meines Lebens, dann ist das vielleicht ein völlig neuer Weg, den wir gehen müssen. Denn die einfachen Kausalitätsannahmen, die wir machen, aus A wird B, aus B wird C - die treffen in der Sepsis, in diesem wirklich sehr komplexen Bereich, überhaupt nicht mehr zu."

Wenn es gelänge, die am Immunsystem beteiligte Unzahl an komplexen Regelkreisen als Modellsystem in einem Rechner abzubilden, könnte man auf eine Art elektronischen Assistenten hoffen, der den Ärzten eines Tages mit wesentlich besser aufbereiteten Informationen zur Seite stehen könnte.

Jean-Baptiste Lully, der Hofkompositeur Ludwig des XIV, wäre übrigens wahrscheinlich gerettet worden, hätte er der von den Ärzten vorgeschlagenen Amputation seines schlimmen Zehs zugestimmt. Das hat er aber nicht getan.

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