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StartseiteForschung aktuell"Es kann höchstens eine von hundert Raketen abfangen"19.04.2017

Raketenabwehrsystem THAAD in Südkorea"Es kann höchstens eine von hundert Raketen abfangen"

In Südkorea soll das neue Raketenabwehrsystem THAAD vor Angriffen aus Nordkorea schützen. Doch US-Raketenabwehrexperte Ted Postol hält es für die Verteidigung unbrauchbar. Gleichzeitig ist er überzeugt: Mit ihm können die USA die Flugbahnen chinesischer Interkontinentalraketen ausspionieren.

Von Ralf Krauter

Ein Teil des Raketenabwehrsystems THAAD. (imago/Xinhua)
Ein Teil des Raketenabwehrsystems THAAD. (imago/Xinhua)
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Terminal High Altitude Area Defense, kurz THAAD, so heißt das Raketenabwehrsystem, das in Ostasien derzeit für diplomatische Verwicklungen sorgt. Südkoreas Militärs erhoffen sich davon einen wirksamen Schutz vor Raketenangriffen aus dem kommunistischen Nordkorea.

Die US-Amerikaner, die Anfang März erste Komponenten des Systems installiert haben, versprechen, es werde Südkorea sicherer machen. Doch Peking ist ‚not amused‘ und befürchtet, das THAAD-System bedrohe Chinas Fähigkeit, nach einem Angriff mit Atomraketen einen nuklearen Gegenschlag zu führen. Während manche Fachleute Chinas Kritik für rein politisch motiviert halten, findet der US-Raketenabwehrexperte Ted Postol sie auch aus technischer Sicht nachvollziehbar.

"Das hochauflösende X-Band-Radar, das Teil des Raketenabwehrsystems ist, schaut von Süden nach Norden, weit nach China hinein. Dieses Radar ist so leistungsfähig, dass es auch Informationen über die Flugbahnen chinesischer Interkontinentalraketen auf dem Weg in die USA liefern könnte. Das in Südkorea positioniert Radar wäre also in der Lage, die nationale Raketenabwehr der USA mit hilfreichen Tracking-Daten zu versorgen. Für die Chinesen sieht es deshalb so aus, als wäre das eigentliche Ziel der Amerikaner, ihre nukleare Abschreckung zu untergraben."

Wird China provoziert aufzurüsten?

Da China nur über ein kleines Arsenal an Interkontinentalraketen mit Nuklearsprengköpfen verfügt – laut offiziellen Angaben sind es 44 – reagiert Peking empfindlich. Denn frühe Flugbahninformationen könnten der US-Radarstation in Alaska helfen, chinesische Interkontinentalraketen schneller präzise zu orten. Mit Abfangraketen ließen sie sich dann womöglich außer Gefecht setzen.

"Ich befürchte, das Vorgehen der USA könnte die Chinesen provozieren, sich weitere nukleare Interkontinentalraketen zuzulegen. Sollte es dazu kommen, wäre das Ergebnis weniger Sicherheit für China und für die USA."

Der emeritierte MIT-Professor Ted Postol findet es gefährlich, dass die USA in dieser Sache keine Rücksicht auf Chinas Befindlichkeiten nehmen. Zumal auch die Bevölkerung Südkoreas kaum von dem Raketenabwehrsystem profitieren dürfte. Trotz aller Fortschrittsbekundungen der US national missile defense agency halten Raketenschutzschilde nämlich immer noch nicht, was ihre Entwickler versprechen: Ihre Abfangraketen wurden kaum erprobt und nie unter realistischen Bedingungen getestet.

Die Sensoren, mit denen sie ihr Ziel aufspüren sollen, lassen sich leicht in die Irre führen. Und im Fall von Südkorea führt die geografische Lage auch noch dazu, dass die Hauptstadt Seoul gar nicht vor Raketen aus Nordkorea geschützt wäre. Zwar gibt es Experten, die vorrechnen, das THAAD-System könne neun von zehn Raketen aus Nordkorea abschießen. Aber das sei völliger Quatsch, urteilt Ted Postol.

"Letztlich müssen die Südkoreaner selbst entscheiden"

"Realistisch gesehen kann der Raketenschild wohl höchstens eine von hundert Raketen abfangen. Ich war kürzlich in Südkorea und konnte dort eine Menge Leute von meiner Sicht der Dinge überzeugen. Einfach weil jeder halbwegs ernstzunehmende Gegner wie Nordkorea in der Lage wäre, diese Abwehr zu täuschen.

Wenn ein Verteidigungssystem so wenig nützt und dazu führt, dass der Nachbar China derart verstimmt ist, warum würde man es dann installieren wollen? Aber letztlich müssen die Südkoreaner das selbst entscheiden."

Am 9. Mai wählen die Südkoreaner einen neuen Präsidenten. Er wird gut überlegen müssen, wie er sein Land in dieser verfahrenen diplomatischen Situation positioniert. Lässt er den Raketenschild wieder abbauen, würde er das Militär und die Amerikaner verprellen. Hält er daran fest, dürfte sich das bereits angespannte Verhältnis zu China weiter verschlechtern.

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