Samstag, 18.11.2017
StartseiteSport AktuellEnglischer Verband im Kreuzfeuer19.10.2017

Rassismus Englischer Verband im Kreuzfeuer

Der englische Fußballverband steht nach der Entlassung des Frauennationaltrainers Mark Sampson im Kreuzfeuer der Kritik. Der Auftritt des Präsidenten vor dem Sportausschuss wurde zum Desaster. Zwar entschuldigte er sich bei einer der geschädigten Spielerinnen, aber die sagte aus, vom Verband erpresst worden zu sein.

Von Jens-Peter Marquardt

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Der englische Fußballnationaltrainer der Damen, Mark Sampson. (pa/dpa/BELGA/CATRY )
Der entlassene englische Fußballnationaltrainer der Damen, Mark Sampson. (pa/dpa/BELGA/CATRY )
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Am Mittwoch musste die gesamte Führung der Football Association vor den Sportausschuss des britischen Parlaments. Der Auftritt der Chefs des englischen Fußballverbands dort wurde zum Desaster. FA-Präsident Greg Clarke erklärte, man solle doch erst einmal das aufgebauschte Gerede über institutionellen Rassismus und institutionelles Mobbing im englischen Fußball beiseitelegen, als die Abgeordneten ihm ins Wort fielen.

Die Labour-Abgeordnete Jo Stevens fand, sie habe noch nie eine solch katastrophale Aussage über das Management einer Organisation erlebt.

Witze über Ebola-Virus bei der Familie

Zuvor war Eni Aluko vor den Abgeordneten des Sportausschusses aufgetreten: die frühere Nationalspielerin, die 102 Mal für England gespielt und dabei 33 Tore erzielt hat. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen den inzwischen entlassenen Trainer des englischen Frauen-Teams. Mark Sampson habe sich unter anderem über ihre Familie lustig gemacht.

Aluko, die aus Nigeria stammt, solle aufpassen, dass ihre Verwandten nicht das Ebola-Virus mitbrächten, wenn sie zum Spiel nach England kämen, habe Sampson gesagt. Und während einer Mannschaftsbesprechung habe der Trainer eine andere farbige Spielerin gefragt, wie häufig sie denn schon von der Polizei verhaftet worden sei - kein einziges Mal übrigens. Sampson wurde im September entlassen, wegen ungebührlichen Verhaltens vor seiner Zeit als Nationaltrainer. Er will auf Wiedereinstellung klagen.

"Ich fand, das grenzte an Erpressung"

Die FA hat sich nach langem Zögern nun immerhin bei der ehemaligen Stürmerin Aluko für das Verhalten des Trainers entschuldigt: "Ich bin darüber erleichtert, aber es hat lange gedauert, bis der Verband die Wahrheit über Sampsons Verhalten anerkannt hat. Ich fühle mich rehabilitiert."

Nach den ersten Untersuchungen hatte die FA noch behauptet, an Alukos Vorwürfen sei nichts dran. Die frühere Spitzenfußballerin erklärte dem Ausschuss, FA-Generalsekretär Martin Glenn wollte ihr eine zugesagte Entschädigung erst dann voll auszahlen, wenn sie den Vorwurf des institutionellen Rassismus gegen den Verband zurück ziehe: "Er  hat mir nahegelegt zu unterschreiben, dass die FA als Organisation nicht rassistisch sei. Ich fand, das grenzte an Erpressung."

Führungsduo der FA unter Druck

Generalsekretär Glenn wollte den Erpressungsversuch so gegenüber den Abgeordneten nicht bestätigen, räumte aber ein, dass er mit Aluko darüber gesprochen habe. Sein Präsident Clarke gab am Ende der Befragung immerhin zu, dass die Affäre und die Aufklärung durch den Verband nicht gerade eine Sternstunde der FA gewesen sei.

Damit will sich der Sportausschuss des Unterhauses aber nicht zufrieden geben. Der Ausschussvorsitzende Damian Collins erklärte, wenn die FA nicht endlich ihr eigenes Versagen anerkenne und Konsequenzen daraus ziehe, dann seien Clarke und Glenn nicht mehr die Richtigen an der Spitze des englischen Fußballs. 

Skandale im britischen Sport häufen sich

Der Skandal um Aluko und Sampson scheint nur die Spitze eines Eisbergs im britischen Sport zu sein. Vor einer Woche musste sich der Schwimmverband entschuldigen. Ein Trainer hatte immer wieder die ihm anvertrauten Para-Schwimmer angeschrien, sie gemobbt und wegen ihrer Behinderung herabgewürdigt.

Bei den Kanuten musste ein Trainer nach Missbrauchsvorwürfen zurück treten. Im Bobverband beschwerten sich Athleten über alltäglichen Sexismus und Rassismus. Und im Radsportverband hatte eine Kommission eine "Kultur der Angst" festgestellt. Fahrerinnen seien dort immer wieder sexistisch beleidigt worden.

Der britische Sport ist Weltspitze. Bei den Olympischen Spielen in Rio erreichte das Vereinigte Königreich mit 63 Medaillen Rang Zwei hinter den Vereinigten Staaten. Doch jetzt werden die Schattenseiten dieser Erfolge sichtbar. Für viele britische Athleten, vor allem Frauen, wurde der Sport zum Trauma.   

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