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StartseiteInterview"Das war Selbstjustiz"09.01.2015

Reaktionen auf Anschlag"Das war Selbstjustiz"

"In der islamischen Lehre ist für so etwas kein Platz": So beurteilte Bekir Alboga im DLF den Anschlag auf die Zeitschrift "Charlie Hebdo". Alboga ist Vorstandssprecher der DITIB, einem der großen, muslimischen Verbände in Deutschland. Er betonte: Die islamische Welt hat diese Taten gewiss nicht beauftragt.

Bekir Alboga im Gespräch mit Thielko Grieß

Bekir Alboga, Islamwissenschaftler und Sekretär der "Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion" (DITIB) (imago/Metodi Popow)
Bekir Alboga, Islamwissenschaftler und Sekretär der "Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion" (DITIB) (imago/Metodi Popow)
Weiterführende Information

Bertelsmann-Studie - Angst vor dem Islam wächst
(Deutschlandfunk, Aktuell, 08.01.2015)

Der Streit über die Mohammed-Karikaturen - "Charlie Hebdo" war konfrontativer als "Jyllands Posten"
(Deutschlandfunk, Interview mit der Journalistin Jana Sinram, 08.01.2015)

Anschlag auf "Charlie Hebdo" - "Es wird das Land verändern"
(Deutschlandfunk, Interview mit der stellvertretenden Vorsitzenden der deutsch-französischen Parlamentariergruppe, Franziska Brantner (Grüne), 08.01.2015)

Anschlag auf "Charlie Hebdo" - "Klare Kante gegen Extremismus"
(Deutschlandfunk, Interview mit dem CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach, 08.01.2015)

Bekir Alboga betonte diesen Punkt mehrfach: Nach seinen Worten hatten die Täter von Paris kein, wie er es nennt, "Mandat" der islamischen Welt für ihre Morde. Er räumte zugleich ein, dass es einen internationalen Terrorismus gebe und eine Radikalität, die dazu führe, dass solche Täter sich als Verteidiger eines Islam verstünden. Nur habe ihre Selbstjustiz in der Lehre der Barmherzigkeit des Islam nichts zu suchen.

Er nannte die Attentäter und ihre Überzeugung "Fremdkörper" und hob hervor, dass die auschlaggebende Mehrheit der Muslime sehr friedlich sei und Gewalt ablehne. Zurückhaltend äußerte sich Bekir Alboga zu der Frage, ob man den Propheten Mohammed karikieren sollte. Man könne sagen, dass die Karikaturen einem nicht gefielen. Man könne die Zeichner kritisieren, aber man dürfe sie nicht töten. "Wir müssen diskutieren, aber keine Gewalt anwenden".

Bekir Alboga stellte dennoch die Frage: Muss man den Propheten mit einer Handgranate darstellen? Nach seinen Worten sollte man dabei Rücksicht nehmen und die Gefühle von Muslimen respektieren. "Müssen wir uns gegenseitig provozieren? Ich würde zur Zeit auf jede Provokation verzichten." 


Das Interview in voller Länge:

Thielko Grieß: Es gibt nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland eine Debatte, eine innenpolitische, eine sicherheitspolitische, eine religionspolitische Debatte darüber, wieder einmal jetzt verschärft, was der Islam möglicherweise mit Extremismus zu tun haben könnte. Wenn Sie gestern Morgen zu den Hörerinnen und Hörern dieses Programms gezählt haben, dann haben Sie Wolfgang Bosbach gehört, den Vorsitzenden des Innenausschusses im Deutschen Bundestag. Er hat dieses gesagt:

Wolfgang Bosbach: "Ich weiß, was ich jetzt sage, ist einigermaßen gefährlich. Aber ich halte den Satz, Islamismus, Salafismus hat überhaupt nichts mit dem Islam zu tun, für problematisch. Denn das hat nichts mit der überwältigenden Mehrheit der Muslime zu tun. Die sind friedlich und rechtstreu. Das ist richtig. Aber gäbe es den Islamismus, den gewaltbereiten Islamismus, den gewaltbereiten Salafismus tatsächlich auch, wenn es nicht eine solche Linie, eine solche Prägung des Islams gäbe - wohl gemerkt: Das ist eine kleine, radikale Minderheit und gilt nicht für die überwältigende Mehrheit der Muslime -, aber dass das alles nichts damit zu tun hat, dahinter mache ich ein Fragezeichen."

Grieß: Wolfgang Bosbach von der CDU. - Am Telefon begrüße ich jetzt Bekir Alboga, den Generalsekretär der DITIB. Das ist die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion. Guten Morgen.

Bekir Alboga: Schönen guten Morgen.

"Hass hat in der islamischen Lehre der Barmherzigkeit keinen Platz"

Grieß: Die Attentäter sollen gerufen haben bei ihrem Attentat, sie würden den Propheten Mohammed rächen. Haben sie das getan?

Alboga: Wer hat ihnen diesen Auftrag erteilt? Die islamische Welt? Die islamische Konferenz? Die muslimischen Religionsgemeinschaften?

Grieß: Das weiß keiner außer den Attentätern selbst.

Alboga: Niemand! Nein! Wir haben so einen Auftrag nicht erteilt. Keiner in keiner islamischen Organisation, kein Verantwortungsträger. Sie haben Selbstjustiz sozusagen vollzogen aus ihren eigenen Trieben, ohne sich mit der islamischen Lehre der Barmherzigkeit auseinanderzusetzen. Hass hat in der islamischen Lehre der Barmherzigkeit keinen Platz. Allah verlangt von uns, das Böse mit Gutem zu vergelten.

Grieß: Herr Alboga, wie kommt man auf die Idee, man könnte mit Morden den Propheten rächen?

Alboga: Ja es gibt einen internationalen Terrorismus. Die Motivation, wie denn dieser Terrorismus entstanden ist, schon seit dem Kalten Krieg, ist unterschiedlich. Aber das ist ein Fremdkörper in der islamischen Welt. Die islamische Welt ist in ihrer ausschlaggebenden Mehrheit sehr friedlich und lehnt die Gewalt ab.
Die Menschen wollen nur arbeiten, die Menschen möchten nur leben in Frieden, sie möchten im Umfeld ihrer Familie ihre Religion praktizieren. Die islamische Welt hat in ihrer Mehrheit nicht so was vor. Aber es gibt eine Radikalität, die sozusagen sich so formiert, so ausdrückt, wir wollen rächen für die islamische Welt, so wie die islamische Welt in Schrecken und Angst versetzt wird wollen wir auch die westliche Welt versetzen. Das sagen sie. Das ist ein Racheakt und sie wollen sich sozusagen zum Verteidiger der islamischen Welt erklären, ohne ein Mandat seitens der islamischen Welt, seitens der islamischen Lehre.

"Man kann diese Leute kritisieren. Aber töten nicht!"

Grieß: Das Attentat galt dem Magazin "Charlie Hebdo", bekannt für seine Karikaturen. Sind Karikaturen, die auch Religion, auch den Islam aufs Korn nehmen, witzig und gerechtfertigt?

Alboga: Man kann sagen, dass uns diese Karikaturen nicht gefallen. Man kann auch sagen, ich verurteile diese Zeitschrift. Man kann sagen, die verunglimpfen den Islam. Man kann sagen, sie verbreiten Islamfeindlichkeit. Man kann alles sagen, man kann diese Leute kritisieren. Aber töten nicht!

Wer darf das? Wenn man einen Menschen tötet, heißt es im Koran, ist das so, als ob man die ganze Menschheit getötet hätte. Nein! Wir dürfen debattieren, wir dürfen diskutieren, wir dürfen verbal uns gegenseitig auch angreifen, aber nicht tatkräftig, nicht töten. Das geht nicht. Wir müssen diskutieren, ohne Zweifel, aber bitte keine Gewalt anwenden. Das geht nicht.

"Ich würde momentan auf jede Provokation verzichten"

Grieß: Haben Sie heute schon die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zufällig Seite zwei in der Hand gehabt?

Alboga: Nein, noch nicht.

Grieß: Da ist eine Karikatur drin von den bekannten Zeichnern Greser und Lenz, die bislang noch nie Mohammed gezeichnet haben in einer Karikatur. Heute Morgen ist das anders. Ist das gerechtfertigt?

Alboga: Ja. Schauen Sie, man müsste natürlich sagen: Meinungsfreiheit verteidigen wir alle. Aber ob man den Führer, sozusagen den Prophet, den Vermittler einer Weltreligion - ich habe mir die Karikatur nicht angeschaut, aber muss man jetzt den Propheten Mohammed mit einer Handgranate malen? Ist das auch nicht eine Provokation?

Man kann das so verstehen, man möchte provozieren. Man darf provozieren. Aber zählen die Gefühle der Muslime nicht? Gibt es auch nicht für die Muslime Werte, die man mit Respekt behandeln sollte?

Wollen wir nicht einen Weltfrieden? Wollen wir nicht friedlich zusammenleben? Müssen wir uns ständig gegenseitig provozieren? Ich würde momentan zum Beispiel auf jede Provokation verzichten.

"In Deutschland gibt es keine Einrichtung, wo man Imame ausbilden kann"

Grieß: Herr Alboga, Sie repräsentieren mit DITIB mehrere hundert Moscheen-Gemeinden mit weit mehr als 100.000 Gläubigen. Der Islam hat einen schwierigen Stand bei vielen in der deutschen Diskussion.
Ist es da nicht äußerst widersinnig, dass Sie in Ihrer Organisation türkisch verwurzelt sind und türkischer Einfluss, staatlicher Einfluss bei Ihnen geltend ist?

Alboga: Wir sind Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. Wir vertreten die Muslime im nationalen Integrationsgipfel. Wir sind nach dem deutschen Staatskirchenrecht organisiert. Wir haben uns in Deutschland etabliert. Wir bekommen nur theologische Hilfeleistung vom Präsidium für Religionsangelegenheiten aus Ankara.

Grieß: ... , was dazu führt, dass Imame aus der Türkei kommen, die Deutschland kaum kennen, dann hier aber arbeiten.

Alboga: Weil wir in Deutschland seit 53 Jahren die Strukturen für die Erziehung und Bildung von religiösem Personal nicht das Notwendige getan haben.

Neulich wurden die Lehrstühle für islamische Theologie eingerichtet. In Deutschland gibt es keine Einrichtung, wo man Imame ausbilden kann. Man hat langsam, Schritt für Schritt, schrittweise muslimische Religionslehrer in Deutschland.

Das heißt, die Muslime aus Bosnien, aus arabischen Ländern, aus der Türkei waren auf die Imame aus den Herkunftsländern angewiesen.
Auch wir wollen, dass unsere Imame nicht nur der türkischen, sondern auch der deutschen Sprache bestens mächtig sind, und machen auch dafür großartige Schritte. Wir schicken unsere Kinder zu den theologischen Zentren in Deutschland, die studieren dort. Wir schicken aber auch unsere Kinder in der Türkei in die theologischen Hochschulen. Wir sind alle deutsche Staatsbürger. Die kommen nach Deutschland und sprechen Deutsch perfekt, weil sie ihr Abitur in Deutschland abgeschlossen haben.

Grieß: Dieses Argument, Herr Alboga, das nehmen wir mit. Das war Bekir Alboga, Generalsekretär der DITIB. Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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