Montag, 11.12.2017
Startseite@mediasres"Da scheitert die PR der Kirche"12.10.2017

Reformation quergedacht"Da scheitert die PR der Kirche"

Die Kirche habe sich von dem Reformationsjahr sehr viel erhofft, sagte Hannes Leitlein im Dlf. Doch die Bedeutung der Reformation und des Glaubens seien zu kurz gekommen, so der Redakteur von "Christ und Welt".

Hannes Leitlein im Gespräch mit Stefan Fries

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Beim Festumzug zum Elbhangfest 2017 weisen die anliegenden Orts-Gemeinden (Dresden-Loschwitz, Dresden-Hosterwitz mit Weinbergkirche Pillnitz) unter den Überschriften: "Strukturgefahr im Lutherjahr" und "Lasst die Kirche im Dorf" auf die Gefahren der nächsten Strukturreform der Sächsischen Evangelischen Landeskirche hin, aufgenommen am 24.06.2017 in Dresden-Pillnitz. (Deutschlandradio / Rainer Oettel / Grafik / Deutschlandradio)
Festumzug zum Elbhangfest 2017: anliegende Orts-Gemeinden weisen auf die nächste Strukturreform der Sächsischen Evangelischen Landeskirche hin am 24.6.17 (Deutschlandradio / Rainer Oettel / Grafik / Deutschlandradio)

Stefan Fries: Wer in Ostdeutschland lebt oder da diesen Sommer unterwegs war so wie ich, der ist an einem kaum vorbeigekommen: am Reformator Martin Luther. Kaum eine Stadt, in der Luther vor 500 Jahren war und die das nicht dieses Jahr feiert. Mit großer PR der Kirche, mit großer Begleitung in den Medien, aber weniger Anteilnahme von Zuschauern als erwartet. Hannes Leitlein hat das mitverfolgt, er ist Redakteur bei "Christ und Welt", das der Wochenzeitung "Die Zeit" beiliegt. Ihn habe ich heute Mittag gefragt, was sich die Kirche vom Reformationsjubiläum eigentlich versprochen hat.

Hannes Leitlein: Die haben sich sehr viel versprochen, vielleicht sogar zu viel, könnte man sagen. Man hat in manchen Reihen und in manchen Äußerungen sogar so was wie ein zweites Sommermärchen erwartet. So wie die Fußball-Weltmeisterschaft Deutschland bewegt hat, das hat sich die Kirche auch von diesem Reformationsjubiläum erhofft, und da, muss man sagen, hat sie sich teilweise ganz schön überschätzt.

Fries: Woran lag das?

Leitlein: Das hat ganz, ganz viele Gründe, die jetzt auch in der Kirche erörtert werden, ganz intensiv. Bald steht die Synode an, da wird das intensiv hinterfragt, auch in der Kirche, dafür ist die evangelische Kirche ja bekannt. Man hat die Erwartungen so hochgeschraubt, dass es am Ende schwer glaubwürdig war und auch nicht mehr zu erreichen, also diese Idee von einem Sommermärchen. Luther hat sehr gut funktioniert. Das Emblem kennen alle, diese Figur, man hat sich irgendwie das zurechtgerückt, man weiß, der hat da die Thesen an die Tür geschlagen, und das wollten die Leute sehen. Deswegen sind die Leute auch nach Wittenberg gefahren. Aber alles, was damit zu tun hat, was die Kirche heute mit Reformation vorhat und im Sinn hat, also Kirche, wie sie heute da ist, das war nicht so interessant, und das ließ sich auch schwer bewerben.

Wenig Interesse an Botschaft der Kirchen

Fries: Das Lutherjahr ist fast rum, der eigentliche Stichtag 31. Oktober steht uns aber erst noch bevor, als Luther im Jahr 1517 seine Thesen an die Wittenberger Schlosskirche genagelt haben soll; mir kommt es aber jetzt schon vor wie bei jedem Stichtag eines historischen Ereignisses. Viele Medien berichten schon wochenlang vorher drüber, beim Lutherjahr jetzt schon das ganze Jahr, und wenn der eigentliche Tag kommt, interessiert es keinen mehr. Wie nehmen Sie das wahr?

Leitlein: Man muss ja sagen, dass das Lutherjahr ja nur ein Teil war, es gab ja eine ganze Luther-Dekade. Seit zehn Jahren macht die Kirche, die evangelische Kirche, nichts anderes mehr als Luther. Jedes Jahr gab es ein besonderes Thema, und so kam es zu einem gewissen Luther-Überdruss, auch in den kirchlichen Reihen.

Fries: Haben wir Medien denn zum medialen Overkill mit beigetragen, diese Deutschlandfunk-Sendereihe ja eigentlich auch?

Leitlein: Das kann man vielleicht so sagen, aber die Kirche hätte sich ja vielleicht sogar noch mehr Berichterstattung gewünscht, also kann man jetzt auch nicht sagen, dass es an den Medien lag, dass es zu viel war, nein. Ich glaube einfach, dass das Thema eine gewisse Zeit trägt, und jetzt am 31. Oktober ist dann vielleicht auch gut, und es bleibt dann die Frage, was bleibt davon übrig, also wie viel Luther hat sich in die Köpfe gesetzt - nur der Kopf, also nur das Symbol Luther und der Thesenanschlag und solche Sachen, oder vielleicht auch tatsächlich was von dem, was sich die Kirche erhofft, eigentlich zu sagen, was Reformation bedeutet, was der Glaube heute noch bedeuten kann. Das wird sich zeigen, und meine Vermutung ist, dass davon relativ wenig übrig bleibt.

Fries: Warum nicht?

Leitlein: Weil eben nur die Symbole hochgehalten wurden, beziehungsweise auch bei den Leuten Interesse weckt. Das zeigt sich an dieser Diskrepanz zwischen Weltausstellung und Luther-Stätten. Die Luther-Stätten waren interessant, das hat die Leute angezogen, die Weltausstellung, da wo gezeigt werden sollte, was die Landeskirchen heute mit Luther anfangen, da war eher weniger los. Und da scheitert dann auch die PR der Kirche. Also ist die Frage: Warum ist diese Botschaft eigentlich für die Leute nicht mehr interessant, wo müsste die Kirche vielleicht ihre Sprache ändern, anpassen an die Leute? Luther hat gesagt, man soll den Leuten aufs Maul schauen, und da, würde ich sagen, besteht bei der Kirche Handlungsbedarf, denn nach dem 31. Oktober ist erst mal Luther vorbei, und der Luther-Überdruss ist da – aber bleibt was von der Botschaft?

Bürger findet kaum Zugang zu neuen Medien

Fries: Was vermissen Sie denn da in der medialen Außendarstellung der Kirche selbst?

Leitlein: Luther hat die Druckerpresse für sich entdeckt und seine Schriften wahnsinnig gut verbreitet, und heute haben wir wieder mit einer Medienrevolution zu tun: die Digitalisierung. Das ist eins der Themen, die ich viel begleitet habe in diesem Jahr, und da ist's dünn bei der Kirche. Die EKD hat inzwischen einen Twitter-Account und der Ratsvorsitzende, der ist auch bei Facebook relativ aktiv, aber es herrschen große Berührungsängste - bei den Gemeinden, bei den Landeskirchen -, was diese neuen Medien angeht. Das Internet gibt es jetzt schon ein paar Tage, aber die Kirche ist da noch nicht sonderlich präsent.

Fries: Das heißt, die Gemeinde selber, der Bürger, ist ja interessiert an Medien, aber er findet keinen Zugang zu seiner Kirche über diese neuen Medien, so verstehe ich Sie.

Leitlein: Genau. Also klar, fast jede Gemeinde hat inzwischen irgendwie eine Homepage, auf der man mit Müh und Not oft rausfindet, wann der Gottesdienst stattfindet, aber in der Interaktion, da passiert noch ganz, ganz wenig. Das zeigt sich beim Ratsvorsitzenden, der zwar Sachen postet, aber ins Gespräch geht er nicht, und dafür sind die sozialen Medien ja gerade bekannt. Man würde von einer Kirche, die sich als soziale Institution, als Gesprächspartner, -partnerin versteht, eigentlich erwarten, dass sie da ins Gespräch geht und diese Sachen ausprobiert, bisschen mutiger ist, und was aber vorherrscht, sind Berührungsängste, von der Freiheit eines Christenmenschen ist da wenig zu spüren.

Fries: Das Lutherjahr in den Medien, Beobachtungen von Hannes Leitlein, Redakteur bei "Christ und Welt", das der "Zeit" beiliegt. Danke!

Leitlein: Ja, danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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