Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteCampus & Karriere"Unser Bildungssystem muss durchlässiger werden"02.01.2017

Reformbedarf"Unser Bildungssystem muss durchlässiger werden"

Deutschland habe ein polarisierendes Bildungssystem, sagte Bildungsexperte Matthias Anbuhl vom Deutschen Gewerkschaftsbund im DLF. Weil an sämtlichen Einrichtungen von Kitas über Schulen bis zu Berufsschulen und Universitäten Reformbedarf bestehe, sei es nötig, eine stringente Bildungsstrategie zu entwickeln.

Matthias Anbuhl im Gespräch mit Michael Böddeker

Rucksäcke hängen an einer Garderoba in einer sanierungsbedürftigen Grundschule in Berlin (13.02.2009).  (imago / Rolf Zöllner)
34 Milliarden Euro Sanierungsbedarf an Deutschlands Schulen - diesen Betrag hat die Kreditanstalt für Wiederaufbau ermittelt. (imago / Rolf Zöllner)
Mehr zum Thema

Ausländische Studierende Wie spiegeln sich internationale Konflikte im Uni-Alltag?

Campanellas "Sonnenstadt" Die erste Öko-Utopie

Kinder und Jugendliche in Syrien "Unter Bombenbeschuss zur Schule gehen"

Studieren in Kenia Bildung mit deutscher Unterstützung

Deutsches Bildungssystem Lernunfähige Schulen

Arbeiterkinder und Studium "Viele kennen gar nicht ihre Möglichkeiten"

Förderprogramm für Begabte Wenn die besten Schüler sich langweilen

Michael Böddeker: Und einen Ausblick auf 2017, den gibt es jetzt auch mit Matthias Anbuhl. Er ist beim Deutschen Gewerkschaftsbund Abteilungsleiter für Bildungspolitik und Bildungsarbeit, und auch an ihn ging zunächst die Frage, was wünschen Sie sich für das kommende Jahr?

Matthias Anbuhl: Wenn ich auf das Jahr 2017 blicke, dann möchte ich auch gerne einen kurzen Blick zurückwerfen auf das Jahr 2016, wo wir doch festgestellt haben, dass die Fliehkräfte in unserer Gesellschaft sehr stark zunehmen, dass immer mehr Menschen eigentlich sich von den demokratischen Parteien abwenden und Rechtspopulisten wählen, und für mich ist eigentlich die zentrale Frage, was kann das Bildungssystem beitragen, um eine offene Gesellschaft zu verteidigen, um auch sozialen Zusammenhalt zu ermöglichen, und auch Menschen gute Perspektiven auf Arbeit zu bringen, und da gibt es einige Punkte, und wenn man sich unser Bildungssystem anschaut, dann muss man sagen, wir leben nicht nur in einer polarisierten Gesellschaft, sondern auch in einem polarisierten Bildungssystem.

Wir haben auf der einen Seite einen erfreulichen Trend zum höheren Bildungsabschluss, der allerdings vor allen Dingen die Mittelschicht und die Oberschicht betrifft, das heißt, mehr Kinder profitieren von frühkindlicher Bildung, mehr Jugendliche machen höhere Abschlüsse in der Schule, mehr Menschen bilden sich weiter oder studieren, und auf der anderen Seite stellen wir aber fest, dass eine hohe Zahl von Menschen von dieser Entwicklung ausgeschlossen wird. Das heißt, wir haben eine hohe Zahl von Jugendlichen ohne Schul- und Berufsabschluss. Bei der Weiterbildung und Studium bleibt ein großer, tiefer Graben zwischen Akademikern und Arbeitern, und die vermeintliche Bildungsrepublik ist ein sozial gespaltenes Land, und das werden wir auf Dauer nicht aushalten, und deswegen muss unser Bildungssystem durchlässiger werden, mehr Chancengleichheit produzieren, weil sonst die gesellschaftlichen Fliehkräfte zunehmen werden.

"Qualitätsstandards für die frühkindliche Bildung"

Böddeker: Sie haben jetzt diese gespaltene Bildungsrepublik, wie Sie es kürzlich auch in einer Stellungnahme vom DGB genannt haben, beschrieben, aber was würden Sie denn konkret vorschlagen, um diesen Zustand zu überwinden?

Anbuhl: Na ich denke, wir müssen an verschiedenen Punkten im Bildungssystem ansetzen. Ein erster Punkt, der vorhin auch in der Umfrage genannt wurde von den Bürgerinnen und Bürgern, war ja die Frage der frühkindlichen Bildung. Wir haben in der Tat – das ist erfreulich – einen massiven Ausbau der frühkindlichen Bildung in den vergangenen Jahren gehabt, allerdings quantitativ, das heißt, es gibt deutlich mehr Kitaplätze, allerdings gibt es immer noch zu wenig Plätze, und es wurde die Frage der Qualität vernachlässigt in dem Bereich. Das heißt, wir müssten uns eigentlich bundesweit – Bund, Länder, Kommunen und auch die Sozialpartner – einigen auf Qualitätsstandards für die frühkindliche Bildung. Dazu gehören für mich Fragen wie die Aus- und Weiterbildung der Erzieherinnen und Erzieher, die Zeit für Vor- und Nachbereitung, ein vernünftiger Personalschlüssel für die Kitas, der für alle Kitas gelten muss, und wir müssen den Kitaausbau eben nicht nur quantitativ voranbringen, sondern wir müssen mehr die Qualität entwickeln. Diese Standards sollten in einem Kitaqualitätsgesetz unseres Erachtens festgeschrieben werden.

34 Milliarden Euro Sanierungsbedarf an Deutschlands Schulen

Böddeker: Das wäre also der Punkt frühkindliche Bildung. Lassen Sie uns mal vielleicht einfach weitergehen im Bildungssystem: Bei den Schulen wird oft kritisiert, dass die Schulgebäude dringend saniert werden müssten. Ist das auch ein Punkt, den Sie sehen?

Anbuhl: Ja, in der Tat, die Kreditanstalt für Wiederaufbau hat den Sanierungsbedarf an Deutschlands Schulen auf 34 Milliarden Euro beziffert, und ich denke, da ist es gut, dass der Bund jetzt das erste Mal auch mit einsteigen kann und für 2017 schon eine gute Finanzspritze von 3,5 Milliarden Euro bereitgestellt hat, denn letzten Endes ist das eine Frage, glaube ich auch, wo viele Menschen sagen, okay, wir können das nicht zulassen, dass die Schulen und die Kitas in einem so schlechten Zustand sind, da muss was passieren, und das müssen eben Kommunen, Länder und Bund gemeinsam machen.

"Berufsschulen technisch besser ausstatten"

Böddeker: Dann gibt es die Berufsschulen, und da hat der DGB kürzlich auch ein Modernisierungsprogramm für die Berufsschulen gefordert. Wo genau liegen da denn die Probleme aus Ihrer Sicht?

Anbuhl: Ja, die Berufsschulen sind ein ganz wesentlicher Teil unseres dualen Berufsausbildungssystems, und wir stellen fest, wenn wir immer mehr mit jugendlichen Auszubildenden sprechen, aber auch mit Betriebsräten, dass man sagt, es gibt ein Problem schlichtweg bei dem Lehrkräftenachwuchs. Es fehlt an Lehrern in vielen Bereichen, vor allem im gewerblich-technischen Bereich. Man stellt fest, dass die regionale Versorgung mit Berufsschulen immer dünner wird. Das heißt, dass die Auszubildenden immer weitere Strecken zur Berufsschule fahren müssen. Das führt auch mittlerweile dazu, dass in einigen Regionen auch Betriebe sich in diesen Bereichen aus der Ausbildung zurückziehen.

Dann haben wir natürlich eine digitale Herausforderung. Das heißt, die Digitalisierung kommt in den Betrieben an. Industrie 4.0, Arbeitswelt 4.0 ist ein Stichwort, und dafür müssen wir auch die Berufsschulen technisch besser ausstatten, damit sie da Anschluss halten können an die Realität in der Arbeitswelt, und deswegen schlagen wir vor eben, dass Bund und Länder einen Berufsschulpakt schmieden, indem sie eben mehr in Berufsschulen investieren, in die technische Ausstattung, an den Hochschulen für mehr Berufspädagogik und mehr Berufspädagogik und Lehrkräftenachwuchs sich kümmern und die regionale Versorgung sicherstellen.

Böddeker: Dann lassen Sie uns noch über das Thema Studium sprechen, über die Hochschulen: Was sollte sich da ändern aus Ihrer Sicht?

"Fast zwei ganze Bachelorgenerationen ohne BAföG-Erhöhung"

Anbuhl: Na zunächst mal stellen wir auch fest, dass in der Hochschule es auch eine Spaltung gibt. Das heißt, es gibt einen starken Zugang an Kindern aus Akademikerfamilien, während der Zugang für junge Menschen, die aus Arbeiterfamilien stammen, immer noch sehr begrenzt ist, und da muss man, denke ich, erst mal beim BAföG ansetzen. Das wird jetzt zwar erhöht, aber vorher gab es jahrelang, sechs Jahre lang Nullrunden beim BAföG, bei dem Bedarf, bei den Freibeträgen. Das sind fast zwei ganze Bachelorgenerationen, die ohne BAföG-Erhöhung ausgekommen sind, und das heißt, wir brauchen jetzt zügig eine BAföG-Anpassung auch in der nächsten Legislaturperiode. Da müssen die Bedarfssätze, denke ich, automatisch der Inflation angepasst werden und den Preissteigerungen.

Wir brauchen auch eine Senkung des Darlehensanteils. Das heißt, dass mehr Zuschüsse gegeben werden, damit die Jugendlichen gerade aus Arbeiterfamilien nicht vom Schuldenberg aus nach dem Studium ins Berufsleben starten. Und ich denke, die nächste Herausforderung wird sein, der Hochschulpakt läuft aus in den 2020er-Jahren. Wir müssen in die Grundfinanzierung von Hochschulen einsteigen. Das heißt, wir müssen wegkommen von befristeten Sonderprogrammen. Da geht es darum, dass der Bund dauerhaft in die Grundfinanzierung der Hochschulen einsteigt, und ich glaube, was man auch an den Hochschulen im Vergleich zur beruflichen Bildung vergleichen kann:

In der beruflichen Bildung haben wir zurzeit 330 Ausbildungsberufe, die bundesweit gelten im dualen System. An den Hochschulen haben wir 18.000 Studiengänge, total spezialisiert, wo man sich fragt, ob teilweise wirklich die Jugendlichen, die diese Studiengänge abschließen, eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt haben. Ein Beispiel ist der Bachelor of Coffee Management – brauchen wir so einen Beruf überhaupt, und welche Chancen haben diese Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Da habe ich große Zweifel, und da müssen wir sicherlich dazu kommen, dass wir doch breiter angelegte Studiengänge machen, die dann auch beruflich nutzbar sind für die Jugendlichen und mehr praxisorientiert sind.

Böddeker: So, das war jetzt ein Ritt durch große Teile des deutschen Bildungssystems, von der frühkindlichen Bildung bis an die Hochschulen. Sie haben auch einige Probleme benannt, aber um Probleme wirklich feststellen zu können, ist es ja ganz gut, Studien zu machen, und da gab es letztes Jahr auch einige große Studien. Unter anderem gab es neue PISA-Ergebnisse, genauso gab es auch neue Ergebnisse bei TIMMS, wo es um die Mathefähigkeiten von Schülern geht. Was halten Sie von solchen groß angelegten Bildungsstudien?

"Studien wie PISA und TIMMS verharren bei der Diagnose"

Anbuhl: Nun, ich glaube, diese Studien sind durchaus nützlich auf der einen Seite, aber PISA und TIMMS, solche Studien verharren bei der Diagnose, und ich habe den Eindruck, dass wir Jahr für Jahr diese Diagnose bekommen, aber weniger über die Therapie wissen, und ich habe das Gefühl, dass generell in der Öffentlichkeit eigentlich so eine Art Ermüdungsbruch eingetreten ist. Man sieht immer, hört immer wieder diese Diagnosen, aber es fehlt an Kompetenzen, wie man das beheben kann, und das heißt, wir brauchen mehr, denke ich, Forschung ergänzend zu PISA und TIMMS, die uns sagt, wie gehen wir therapeutisch um, was müssen wir, können wir konkret im Alltag, in der Praxis an den Schulen verändern, und da sind für mich so Fragen wie, wie sieht der Umgang mit heterogenen Schülerschaften aus, wie sieht es aus mit der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte. In den nächsten zehn bis 15 Jahren geht fast die Hälfte der Lehrkräfte in Rente oder Pension. Das heißt, da steht ein Riesengenerationswechsel bevor, und wenn wir guten Unterricht und gute Schulen sichern wollen, müssen wir hier Erkenntnisse haben über die Lehrerausbildung, und da brauchen wir eine qualitative Forschung, die PISA oder TIMMS ergänzen kann.

"Eine gesellschaftliche Bildungsstrategie entwickeln"

Böddeker: Heißt das auch, dass neue Reformen möglicherweise notwendig werden? Das hat zum Beispiel der Chefkoordinator von PISA gerade gesagt, Andreas Schleicher. Er wünscht sich eine Bildungsreform 2.0, und zwar, sagt er, soll die Unterrichtsqualität besser werden, dadurch, dass die Lehrer eben bessere Arbeitsbedingungen bekommen, es soll mehr Anreize geben für guten Unterricht und auch sehr viel mehr Weiterbildung für Lehrer. Können Sie sich da anschließen?

Anbuhl: Also ich glaube schon, dass wir eine Bildungsreform brauchen. Wir haben ja viele Punkte jetzt auch gerade eben besprochen, und ich würde mir wünschen, dass sich eigentlich auch Bund, Länder, Kommunen, Sozialpartner und auch Wissenschaftler zusammensetzen und eine gesellschaftliche Bildungsstrategie entwickeln, die dann auch stringent ist. Dazu gehört für mich in der Tat frühkindliche Bildung, der Ausbau von guten Ganztagsschulen, und dazu gehören natürlich auch gute Arbeitsbedingungen, denn die Lehrkräfte, aber auch die Erzieherinnen und Erzieher, die Menschen, die in der Weiterbildung arbeiten und an den Hochschulen, die sind der Schlüssel für gelingende Bildungsreformen, und deswegen, glaube ich, brauchen wir so eine Reform, und wir sollten sie 2017 – nun ist erst mal Wahlkampf, aber spätestens danach – angehen, und ich könnte mir vorstellen, dass man sich zusammensetzt in eine Reformkommission Bildung und so eine gemeinsame Bildungsstrategie entwickelt.

Böddeker: Sagt Matthias Anbuhl vom DGB. Wir haben über Wünsche und Aussichten beim Thema Bildung für das Jahr 2017 gesprochen. Vielen Dank, Herr Anbuhl!

Anbuhl: Vielen Dank, Herr Böddeker!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk