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StartseiteBüchermarktReif für die Insel05.05.2005

Reif für die Insel

Sylvia Townsend Warner lässt Mister Fortune sein letztes Paradies finden

Timothy Fortune, der Titelheld von Sylvia Townsend Warners Klassiker " Mister Fortune letztes Paradies", ist ein ehrenwerter Mann. Gutgläubig bis ins Mark und von einer Mission erfüllt, die den Buchhalter seine gesicherte Existenz in England aufgeben lässt. Nach Polynesien zieht es ihn, im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Dorthin, wo ein schrulliger viktorianischer Gentleman noch Gutes tun kann, indem er die Seelen der Wilden rettet und sie nebenbei mit Errungenschaften wie Teekanne, Harmonium, Taschenmesser und Brennglas vertraut macht. Bis dahin freilich ist es ein weiter Weg. Kaum in Polynesien angekommen, widerfährt Timothy Fortune die Wiederkehr des Immergleichen. Zehn Jahre lang steckt ihn der Erzdiakon in die Verwaltung, denn ein Buchhalter hat der Missionsstation stets gefehlt. Dann erst ist Mr. Fortune reif für die Insel - für eigene!

Von Florian Felix Weyh

Fischerboot  (dradio.de/Andreas Lemke)
Fischerboot (dradio.de/Andreas Lemke)

Fanua heißt sie, ein malerisches Atoll mit tausend fröhlichen Polynesiern darauf, einer paradiesisch üppigen Vegetation und einem erloschenen Vulkan. Mr. Fortune erlebt das Glück, das sein Name verheißt! Auf Anhieb gelingt ihm die Bekehrung des zutraulichen und aufgeweckten Knaben Lueli, den er nicht nur in der christlichen Lehre unterweist, sondern mit westlichem Wissen voll stopft, das Lueli bereitwillig memorierend aufnimmt. Besonders faszinierend findet der Knabe das Harmonium des Missionars, und die gemeinsamen Musikabende mit Holzflöte und Harmonium gehören zu den Höhepunkten des Zusammenlebens zweier sehr unterschiedlicher Männer. Ganz züchtig bewohnen sie eine Hütte miteinander, und es dauert Monate, bis das arglose Naturkind Lueli seinen verehrten Meister davon überzeugt hat, dass es keine Sünde sei, sich nach dem Meeresbad mit Kokosöl einschmieren zu lassen; ein alter Brauch unter Polynesiern. Erst ein verstauchtes Knie liefert Mr. Fortune das Alibi, sich unter rein medizinischen Gesichtspunkten dieser frühen Wellnessbehandlung hinzugeben.

Ist das Brauch unter Polynesiern? Vorsicht! Sylvia Townsend Warners bezaubernde Inselidylle hält keiner ethnologischen Überprüfung stand. Erstens stammt der Roman aus dem Jahre 1927, als auch unter Völkerkundlern noch wilde Klischees über die Paradiesgesellschaften der Südsee kursierten. Zweitens war die Autorin nie dort, sondern bezog ihr Wissen aus einem einzigen Missionarsbericht, den sie als Jugendliche las; und drittens entstand aus dieser Distanz, die sich mit literarischen Vorbildern von Daniel Defoe bis Joseph Conrad amalgamierte, eine frühe Aussteigersatire, die zugleich einen britisch-skurrilen Abgesang auf die Werte des viktorianischen Empire anstimmte. Denn Timothy Fortune, der seinen Zögling "Theodor" tauft ("Geschenk Gottes"), ist natürlich kein markiger Kolonialheld, sondern ein ausgesprochener Pechvogel. Kein zweiter Insulaner will sich von ihm bekehren lassen, die erworbene Zuneigung der Polynesier beruht auf seiner Exzentrik, und in einer bitteren Stunde muss er sich eingestehen, dass Lueli ihn zwar als väterlichen Freund verehrt, aber immer noch einen Naturgötzen anbetet. Damit kippt das Geschehen. In der Nacht der Erkenntnis bricht der Vulkan aus und verbrennt den hölzernen Götzen Luelis. Fortan verkümmert der Junge, die Dorfbewohner halten ihn für todgeweiht, und Mr. Fortune macht eine gewaltige Wandlung durch: Wenn sein Glaube den Jungen nicht zu retten vermag, ist es wohl besser, ihm einen neuen, heidnischen Götzen zu schnitzen. Das trägt auch der Tatsache Rechnung, dass der Missionar längst zum Polynesier geworden ist, alle westliche Kleidung abgelegt hat und sein ebenfalls verbranntes Harmonium nicht vermisst.

Wunderbar warme, zugleich spöttelnd-mokante Literatur - und ein Anlass, diese unbekannte Autorin Sylvia Townsend Warner wieder zu entdecken. Bei ihr lässt sich lernen, wie man den urdeutschen Mephisto-Stoff auch ganz leichtfüßig aufbereiten kann, ohne dessen Moral zu verraten. Denn natürlich verkörpert Lueli mit seiner naiven, unviktorianischen Lust an Leib und Leben die mephistophelische Verführung zum Hedonismus; und ebenso natürlich unterliegt der strenge Missionar diesen Verlockungen. Doch nicht ganz: Nachdem Lueli mit dem neuen Götzen seinen Lebensmut wieder gefunden hat, verlässt Timothy Fortune die Paradiesinsel. An Bord der ihn heimführenden Barkasse erfährt er vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs: Paradise lost.

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