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StartseiteBüchermarktReise an die Bewusstseinsgrenzen02.02.2009

Reise an die Bewusstseinsgrenzen

Wolfgang Büscher: Asiatische Absencen, Rowohlt Verlag, Reinbek

Mit dem Reisebericht von seiner Wanderung von Berlin nach Moskau wurde Wolfgang Büscher als Autor bekannt. Nun hat der langjährige Reporter seine Fahrt durch Indien, Burma, Thailand und Kambodscha in einem neuen Buch verarbeitet: "Asiatische Absencen" - eine Reise in die Grenzregionen des Bewusstseins.

Von Tobias Lehmkuhl

Wolfgang Büscher schildert in "Asiatische Absencen" seine Asienreise. (AP)
Wolfgang Büscher schildert in "Asiatische Absencen" seine Asienreise. (AP)

"Eine Spannung erfasst uns, wenn wir reisen", schreibt Wolfgang Büscher, und weiter: "Wir schauen und schauen, fahren, fahren und reden kaum mehr." Ganz Auge ist der Reisende, wenn er ins Entlegene dringt; eine Filmrolle, die belichtet werden will. Er wittert Farben und saugt sie tief in sich auf: das goldene Leuchten Tokios, das schimmernde Spektakel Indiens, ja selbst die Nacht verschafft ihm keine Ruhe:

"Zu magnetisch war die Nacht, als dass ich hätte schlafen können, all die kleinen Epiphanien dieser tropischen Fahrt. Dann kam die schwärzeste Stunde, wenn nichts mehr erscheint, alles sich in sich selbst verkriecht. Ich schlug mich in mein dünnes Laken und fiel in einen dünnen Schlaf, das frühe Licht erwartend, es würde mich wecken."

"Asiatische Absencen" heißt das neue Buch von Wolfgang Büscher, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es in ihm mehr um jene Absencen geht als um Asien: Halbschlafzustände, Träume, willenloses Dahindämmern. Es wimmelt in den sechs Erzählungen des Bandes von solchen Momenten der Abwesenheit, Momenten, in denen die Wahrnehmung eine andere ist, der Mensch offen und empfänglich, nicht geleitet von Wünschen und Erwartungen. "Der begehrliche Blick des Fremden, der das Fremde sucht", so Büscher, findet selten etwas. Man muss loslassen, sich selbst vergessen, dann vielleicht wird sich einem Neues erschließen.

"Erst gab ich es auf, auf die Umgebung zu achten, dann auf den Weg. Ich schrumpfte zusammen auf meinen Atem, der nur noch ein stoßweises Keuchen war, ich taumelte hinauf, weiter, weiter, noch einen Schritt, stemmte mich höher, höher und hielt mich an meinem Keuchen fest wie an einem Seil."

Die Erschöpfung scheint das beste Mittel, um frei zu werden. In der zentralen Erzählung von "Asiatische Absencen", die den Titel "Unter Schamanen" trägt, macht sich der Reisende auf den Weg zu einem Ort, an dem ein Fest zu Ehren Shivas stattfinden soll, einem fast geheimen Schamanentreffen. Mühsam kraxelt er mit seiner Karawane die Berge hinauf, trifft immer mehr Schamanen, die sich ihm anschließen, und als er in eine Ohnmacht fällt, wacht der Oberste der Priester über ihn und flößt ihm neue Kraft ein.

Am Ort der Feier angekommen, wird der Reisende schließlich in Trance versetzt und meint, sich von den irdischen Dingen zu lösen. Ganz benommen noch von diesem Ereignis, macht er einer fast fremden Frau kurz darauf einen Heiratsantrag:

"Auch Mai war zum Abschiedsfest gekommen. Wir grüßten einander von Ferne, aber lange hielt ich es am Tisch nicht aus. Was mich dazu trieb, wusste ich damals so wenig zu sagen wie heute - ich sah mich aufstehen, zu ihr gehen, auf die Knie fallen, ihre Hand ergreifen und sie inständig bitten, meine Frau zu werden. Zu meiner Bestürzung lehnte sie ab. Sie tat es freundlich, zartfühlend, beinahe liebevoll. Verzweifelt wiederholte ich die Bitte. Überaus geduldig erklärte sie mir, dass es nicht möglich sei. Mai war verheiratet, was ich eigentlich gewusst, aber vergessen hatte, so wie ich mich selbst vergaß. Das Fest ging weiter, niemand nahm Notiz davon, was sich an Mais Tisch abspielte. Mein Kopf lag in ihrem Schoß. Erst allmählich wurde ich ruhiger."

Was an diesen Erzählungen Fiktion ist, was Wirklichkeit, bleibt in der Schwebe. Zwar kann man davon ausgehen, dass Büscher, heute Reporter bei der "Zeit" und seit zwei Jahrzehnten im Auftrag auch anderer Zeitungen und Magazine in der ganzen Welt unterwegs, dass er all diese Dinge gesehen und erlebt hat. So wie er sie erzählt aber strahlen sie mehr aus als die Kraft des Faktischen. Seine kurzen, manchmal geradezu beschwörenden Sätze heben die Dinge auf eine andere Ebene, lassen sie Schweben und Schimmern und mitunter wie von einer anderen Welt erscheinen.

"Die Bilder würgten mich auf dem hüpfenden Rücksitz, dieselben, von deren unbegreiflicher Schönheit ich gestern die Augen nicht hatte lassen können. In einer leichten Drehung der Welt, einem leicht veränderten Einfall des Lichts, zeigten dieselben Wesen und Dinge plötzlich das Grinsen des Todes."

"Und ergab es sich", heißt es an einer Stelle von "Asiatische Absencen" über einen deutschen Schamanismusforscher, "wurden aus seinen Forschungsreisen eben Trancereisen". Das gleiche gilt auch für Büscher selbst: Ob Indien, Burma, Thailand oder Kambodscha - welche Flagge über dem Land weht, dass er bereist, spielt für ihn in diesem Buch eigentlich keine Rolle. Wichtiger sind ihm die Farben, in denen der Himmel leuchtet, sind ihm die Menschen, denen er begegnet.

Häufig sind dies seltsam erratische Männer, ein leidenschaftlicher Kricketfan etwa, der niemals den Riesentanker verlässt, auf dem er Dienst tut, oder ein ehemaliger Roter Khmer, der von Schweinen berichtet, die einst die Herrschaft über das leere Phnom Pen übernommen hatten. Und selbst kleinste Ereignisse entwickeln in Büschers Erzählungen eine ganz eigene Aura.

"Aus dem Gift der Sherpas wurde abends um jedes Zelt ein Bannkreis gelegt, aber einmal, der Kreis war wohl nachlässig gestreut worden, drehte ich mich um, um die Taschenlampe zu löschen und mich schlafen zu legen und hatte einen Egel dicht vor den Augen, sich lang auf mich zureckend, gierig, nach mir tastend, nach einer günstigen Stelle, vor Erregung angeschwollen, dick wie ein Finger."

Anders als in seinen drei bisherigen Büchern, hält sich Büscher hier von der Historie fern. Nicht die Geschichte der Länder die er bereist interessiert ihn, sondern ihre bloße Gegenwart. Einem intensiven Hauch gleich streift sie auch den Leser dieser Erzählungen - oder den Hörer, denn Ulrich Noethen, der Sprecher der Hörbuchfassung, trifft Büschers konzentrierten Ton genau. So liegt es nicht an ihm, sollte auch jener, der seinem Vortrag lauscht, in Gedanken einmal etwas abschweifen.

Wolfgang Büscher: Asiatische Absencen
Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, 158 Seiten, 16,90 Euro

Und als Hörbuch:

Wolfgang Büscher: Asiatische Absencen
Gelesen von Ulrich Noethen
Deutsche Grammophon, Berlin 2008, drei CDs, 15,95 Euro

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