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StartseiteBüchermarktReservat des Mittelstandes17.07.2011

Reservat des Mittelstandes

Buch der Woche: John Cheever: Die Lichter von Bullet Park

Alkoholismus, Depressionen, Pillensucht, innere Leere und zuweilen ein Selbstmord: Das sind die Schlüsselereignisse des bürgerlichen Lebens, von denen John Cheever in seinem Buch "Die Lichter von Bullet Park" erzählt.

Von Eberhard Falcke

Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Es waren große Zeiten für die Vereinigten Staaten. Als Siegermacht des Zweiten Weltkrieges hatten sie an Einfluss entscheidend dazugewonnen, in der westlichen Hemisphäre spielten sie die Führungsrolle, die nationale Wirtschaft wuchs unablässig, mit dem Dollar in der Tasche war die Welt für Amerikaner billig zu haben und der "American Way of Life" galt weithin als das Modell des modernen Lebens schlechthin. Sogar die Vorortbahnhöfe rund um die Metropole New York besaßen ihren Stellenwert im Hinblick auf die idealtypische amerikanische Lebensart der 50er-, 60er-Jahre. Obwohl sie nicht immer ganz so zwielichtig erschienen wie bei John Cheever.

Stellen wir uns einen kleinen Bahnhof vor, zehn Minuten, bevor es dunkel wird. Hinter dem Bahnsteig fließt der Wekonsett River, dessen Wasser ein düsteres Abendrot spiegelt. Die Lampen auf dem Bahnsteig brennen mit geradezu greifbarer Traurigkeit. Der Schauplatz trifft gewissermaßen den Kern der Sache.
Ein Zug kommt an, ein Fahrgast steigt aus und wird von einem Immobilienmakler namens Hazzard empfangen, der wie kein anderer den Wert und die Behaglichkeit der Häuser in der Stadt kennt. "Willkommen in Bullet Park! Wir hoffen, Ihnen gefällt es so gut, dass Sie zu uns ziehen."


Die Vorortbahnhöfe waren die Zugänge zu den Reservaten des Mittelstands, der zwischen samtenen Rasenflächen, an Swimmingpools und im Schatten üppigen Grüns seinen neuen Wohlstand genoss. Die Männer fuhren mit dem Morgenzug nach New York, um Geld zu machen und die Frauen verwalteten den familiären Alltag im Konsumparadies materiellen Überflusses.

Das war jene Zeit, als die Vororte, in der US-amerikanischen Literatur zu einem zentralen Schauplatz wurden, als die Durchschnittsbürger, die dort lebten, wie nie zuvor ihren Auftritt bekamen als Helden von Kurzgeschichten und Romanen. Die Suburbs der prosperierenden Mittelklasse wurden zum literarischen Brennpunkt des "American Way of Life", während die Großstädte und Landstraßen als Schauplätze vor allem Außenseitern, Verlierer, Hipstern oder einsamen Seelen vorbehalten blieben. John Updike wurde zum unermüdlichsten Chronisten dieser gesellschaftlichen Zonen, er verfolgte den sich dort vollziehenden Wandel der Lebensverhältnisse über Jahrzehnte in aller Breite und Genauigkeit. Obwohl er keineswegs kritiklos vorging, machte er sich dennoch niemals die notorischen Vorbehalte der Moderne gegen alles Bürgerliche zueigen. Ganz anders als Richard Yates, der in Romanen wie "Zeiten des Aufruhrs" keinen Zweifel daran ließ, dass der Druck der sozialen Konventionen am Unglück seiner Figuren entscheidenden Anteil hatte. John Cheever dagegen nahm zwischen der teilnehmenden Beobachtung und der Anklage des bürgerlichen Lebens eine dritte Position ein. Einen der Protagonisten aus der Mittelstandsidylle Bullet Park lässt er zu folgender Verteidigungsrede ausholen:

"Tja, wenn man sich so umschaut, hat man wahrscheinlich viel Grund zur Traurigkeit, aber es ärgert mich, dass die Leute ständig auf den Vororten rumhacken. Warum tun sie das bloß? In jedem Theaterstück wird auf den Vororten rumgehackt, aber ich verstehe nicht, was am Golfspielen und Blumenzüchten so schlimm sein soll. Hier draußen lebt man billiger, und ich wäre verloren, wenn ich keine Bewegung hätte. Überall passieren skandalöse Dinge, aber bloß weil sie Leuten passieren, die Blumengärten haben, heißt das doch nicht, dass Blumengärten etwas Schlechtes sind.

Allerdings ist diese Verteidigung des blumenbekränzten Familienlebens nicht ohne hinterhältige Pointe. Denn die schönen Worte kommen ausgerechnet aus dem Munde eines Vaters, dessen Sohn von diesem gesegneten Milieu gerade in Depressionen getrieben wurde. Solche bissigen Scherze und Wendungen sind charakteristisch für den ganzen Roman, ja für den Erzähler John Cheever überhaupt. Keiner hat sich den Soziotopen der wohlhabenden Vororte und der Country Clubs mit solch widersprüchlichen Gefühlen gewidmet wie er. Erst als 1991, neun Jahre nach seinem Tod, seine Tagebücher erschienen, wurde deutlich, wie sehr dieser Schriftsteller, der zuweilen als "Tschechow der Vorstädte" bezeichnet wird, ein Zerrissener war. Er galt als "quintessential WASP", als beispielhafter weißer angelsächsischer Protestant und tatsächlich war er entschlossen, ein guter Amerikaner, Christ und Ehemann zu sein. Gleichzeitig jedoch war er sexuellen Verlockungen von weiblicher ebenso wie von männlicher Seite ziemlich wehrlos ausgeliefert. Seine Gier nach sozialer Anerkennung war ebenso groß wie die zermürbende Angst, gesellschaftlich, künstlerisch oder moralisch zu versagen. Seine immensen inneren Spannungen bearbeitete er mit Alkohol und zwar so gründlich, dass er sich damit körperlich zugrunde richtete. Der Wille zum "Golfspielen und Blumenzüchten" blieb ihm zeitlebens so vertraut wie der Widerwille gegen das Trügerische des schönen Scheins. Dieser Zwiespalt war sein Grundthema, das er in dem Roman "Die Lichter von Bullit Park" besonders variantenreich durchspielte. Emblematisch dafür ist das Bild der Idylle, wo dennoch niemand vor Ungeheuern sicher ist.

Am Morgen nach der Party wurde Nellie durch Schüsse geweckt. In den Slums hatte es Unruhen gegeben, und einen Augenblick glaubte sie, die Aufrührer hätten beschlossen, die weißen Häuser der Chestnut Lane zu stürmen. Nailles lag nicht im Bett, und sie ging zum Fenster. Sie sah, wie er, nur mit einer Unterhose bekleidet, auf der großen Rasenfläche mit seiner Schrotflinte auf eine riesige Schnappschildkröte feuerte. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch der Himmel war hell, und in diesem reinen, zarten Licht schienen der halb nackte Mann und die prähistorische Schildkröte in einen urzeitlichen und zugleich komischen Kampf verwickelt zu sein.

Gegen die untergründigen Kräfte des Daseins hilft auch kein englischer Rasen. Cheever selbst pflegte auf harmlose Schlangen in seinem Garten mit dem Gewehr zu ballern, als hätte er dadurch das Unheil aus seinem Paradies vertreiben können. Der Roman "Bullet Park", wie er im Original heißt, erschien erstmals 1969. In den Jahren davor hatten sich Cheevers Lebensprobleme vielfach zugespitzt. Seine Bisexualität verursachte Turbulenzen und Gewissensnöte, Ehekonflikte verhärteten sich, die Selbstsicherheit litt, eine Psychotherapie scheiterte, der Alkoholismus nahm zu. Fast will es scheinen, als hätten all diese Krisen in dem Roman ihre Spuren hinterlassen. Nicht allerdings im Sinne von Schwächen oder mangelnder Inspiration, sondern vielmehr durch eine nervöse Sprunghaftigkeit des Erzählens und eine besondere Häufung von bitteren, sarkastischen Pointen. Schon der Titel "Bullet Park" ist ein Treffer mit den Waffen des schwarzen Humors. Schließlich heißt Bullet nichts anderes als Geschosskugel. Und die dazugehörige Anekdote wird gleich auf den ersten Seiten geliefert. Gerade hat der Immobilienmakler Hazzard seinen Kunden vom Bahnhof unter Lobpreisungen der Vorzüge des Ortes zum Haus der Witwe Heathcup gefahren, als diese dem Kaufinteressenten schon die Qualitäten des Objekts in den höchsten Tönen vor Augen führt.

"Ich verkaufe für 57.000. Das ist keine Verhandlungsbasis, sondern der endgültige Preis. Wir haben 20.000 in das Haus gesteckt, und mein Mann hat es bis zu seinem Tod jedes Jahr neu gestrichen. Das Esszimmer hat er am selben Tag gestrichen, an dem er von uns ging. Während er pinselte, hörte ich, wie er Selbstgespräche führte. Er sagte: 'Ich ertrag das nicht mehr.' Was er damit meinte, weiß ich bis heute nicht. Dann ging er in den Garten und erschoss sich."

Gepflegtes Haus, gepflegtes Unglück - Mister Hammer, der Interessent ist zwar nicht begeistert, doch er ahnt, Besseres wird er in Bullet Park für sich und seine Frau nicht finden. Nachdem Hammer beim Kirchgang Nailles, einem anderen Anwohner, vorgestellt wurde, verschwindet er zunächst einmal für eine Weile von der Bildfläche. Hammer und Nägel -: Cheever war mit solchen Späßen nie zimperlich, und sprechende Namen gehörten ganz entschieden zu seinem Repertoire der humoristischen Akzente. Das zeigt sich auch bei dem Immobilienmakler Hazzard, für den "Herr Missgeschick" keine schlechte Eindeutschung wäre.

Auf die ausführliche und kohärente Entwicklung von Romanhandlung und Charakteren dagegen hat der Autor fast gänzlich verzichtet. Die episodisch-anekdotische Erzählweise, zu der bereits die beiden vorausgegangenen Romane um die Familie Wapshot tendierten, dominiert nun in "Bullet Park" ganz und gar. Cheever war der geborene Kurzgeschichtenautor und das blieb er auch, wenn er auf die erzählerische Langstrecke ging. Trotzdem hat die kaleidoskopische Bilderfolge, die er hier bietet, ein Zentrum, um das sich alles dreht. Das große Thema in diesem Roman sind die Spannungen zwischen den makellosen Fassaden und den allzumenschlichen Querelen, Wünschen und Ängsten, die dahinter rumoren.

Wenn etwa Nellie Nailles einen Ausflug nach New York unternimmt, dann setzt sie der Autor gleich einem ganzen Trommelfeuer von verstörenden Eindrücken aus, durch die deutlich gemacht wird, wie sehr ihre habituelle Sittsamkeit und ihre innere Erregbarkeit auseinanderklaffen. Im Theater wird sie vom Anblick männlicher Geschlechtsteile verwirrt, auf dem Washington Square demonstrieren Studenten mit obszönen Plakaten, im Bus küssen sich zwei schwule Männer.

Es schien ihr unmöglich, zu ihrem alten Leben zurückzukehren. Ihr flüchtiger Blick auf eine sexuelle Revolution hatte sie offenbar verwirrt und bekümmert und zugleich ihre Begeisterung für Blumenarrangements abgekühlt. In den Zug einzusteigen war ein Schritt in die richtige Richtung. Sie fuhr jetzt nach Hause und würde in einer Stunde die Tür hinter sich schließen und diesen beunruhigenden, regnerischen Nachmittag aussperren. Dann würde sie wieder sie selbst sein: Mrs. Eliot Nailles, ehrbar, gewissenhaft, intelligent, keusch und so weiter. Doch wenn ihr Seelenfrieden vom Türenschließen abhing, war er dann nicht verachtenswert?

Nailles, seine Frau Nellie und ihr Sohn Tony stehen für etwa ein Drittel des Romans im Mittelpunkt, ein zweites Drittel ist der Vergangenheit und den bösartigen Gegenwartsplänen von Mister Hammer gewidmet. Und das dritte Drittel wird durch anekdotische oder episodische Abschweifungen bestritten, die teils in den Handlungslauf eingebettet sind oder unvermittelt für sich stehen. Wie zum Beispiel die köstliche Schilderung des Ehepaars Wickwire, dessen Perfektion als Partygänger von glanzvoller Eleganz ausführlich ausgemalt wird. Umso komischer fällt dann die Szene aus, die haarklein die Qualen beschreibt, denen beide am Montagmorgen nach einem alkoholgeschwängerten Wochenende ausgeliefert sind.

Er stöhnt. Er flucht. Er steht auf. Mrs. Wickwire wimmert vor Schmerzen und bedeckt ihr Gesicht mit dem Kissen. Ihr Mann hat das quälende Gefühl, innerlich absolut hohl zu sein, und geht durch den Flur ins Bad. Als er sich im Spiegel betrachtet, schreit er vor Schreck und Abscheu auf. Er taucht sein Gesicht ins Wasser und rasiert sich. Das erschöpft seine Energie, und er kehrt zurück ins Schlafzimmer, kündigt an, einen späteren Zug zu nehmen, legt sich wieder ins Bett und zieht die Decke übers Gesicht. Seine Frau weint wimmernd. Schließlich verlässt sie das Bett, ihr Nachthemd bauscht sich über ihrem hübschen Hintern. Als sie am Badezimmerspiegel vorbeikommt, schließt sie die Augen. Wieder im Bett, bedeckt sie ihr Gesicht mit dem Kissen, und dann liegen beide laut stöhnend da.

Eine andere Anekdote schnappt Mister Nailles in einer Bar auf, wo ein Mann seinen Kumpeln erzählt, wie er seiner untreuen Frau auf die Schliche kam, indem er in Schränken und Schubladen kontrollierte, ob sie "das Ding", gemeint ist ein Diaphragma, mitgenommen hat oder nicht. Richtig ernst dagegen wird es eines Morgens, als Nailles und Hammer auf den Zug warten und plötzlich der verspätete Chikago Express an ihrem Bahnsteig vorbeibraust.

Nailles hatte sich schon wieder der Times zugewandt, als ihm auffiel, dass Harry Shinglehouse verschwunden war. Er ließ den Blick über den Bahnsteig schweifen, um zu sehen, ob Harry woanders stand, doch er konnte ihn nirgends entdecken. Plötzlich sah er zwischen den Schienen einen blank geputzten braunen Schuh auf dem Schotter liegen. "Großer Gott", stieß er hervor. "Dieser Mann - wie heißt er noch gleich -, er wurde vom Zug mitgerissen."
"Hmmm", brummte Hammer und ließ die Zeitung sinken.


Arbeitslosigkeit konnte also schon in Zeiten allgemeinen Wohlstands ein Selbstmordgrund sein. Und wie bei vielen anderen Anekdoten hält Cheever auch bei dieser haarscharf die Balance: Ein Moment von eiskalter Komik blitzt auf, trotzdem behält das Ereignis seine fatale Note. Cheever besaß ein allzeit waches, abgründiges Gespür für die Brüchigkeit der Grenzen zwischen Ordnung und Chaos und er wusste, dass der erste Knacks, der dem Hereinbrechen einer Katastrophe vorausgeht, oftmals noch etwas Komisches hat. Solche kleinen lachhaften Effekte, denen dann die großen Schläge folgen, wurden zu einem seiner erzählerischen Stilmittel. Tatsächlich ist ja von wirklichen Gefahren in diesen Vorstadtreservaten weit und breit nichts zu sehen, bis dann - plötzlich! - das Unglück doch schon Einzug gehalten hat.

Eines Tages kommt Tony, der Sohn des Ehepaars Nailles nicht mehr aus dem Bett. Er leidet an dem, was zumindest metaphorisch als Wohlstandskrankheit gelten kann: Weil er alles hat, weiß er nicht, was ihm fehlt und diese ziellose Leere erzeugt Depressionen.

Auch seine Mutter Nellie bekommt es mit einem unausgefüllten Innenleben zu tun, das sich weder durch Konsumangebote noch durch beflissene Gespräche über Inneneinrichtungen wieder in Schwung bringen lässt. Darum beginnt sie schon um die Mittagszeit, sich das eine oder andere Gläschen zu genehmigen. Der Middleclass-Blues schlägt also voll zu in der Familie Nailles und lässt auch den Ernährer nicht ungeschoren.

Nailles' Widerwille gegen die Zugfahrt in die Stadt war so stark geworden, dass er schließlich Dr. Mullin aufgesucht hatte, der ihm ein starkes Beruhigungsmittel verschrieb. Es gab ihm das Gefühl, er schwebe wie Zeus in einem allegorischen Gemälde auf einer Wolke. War der Tag düster, so konnte nichts seine rosige Stimmung trüben. Er schwebte die Gleise entlang in die Grand Central Station und lächelte strahlend und etwas geistesabwesend über Armut, Krankheit, Reichtum, die Schönheit fremder Frauen, den Regen und den Schnee.

Alkoholismus, Depressionen, Pillensucht, innere Leere, Konformitätsdruck und zuweilen ein Selbstmord -: Das sind die Schlüsselereignisse des bürgerlichen Lebens, von denen Cheever hier erzählt. Und nicht zu vergessen: ein Mordversuch, der auf das Konto von Mister Hammer geht.

Hammer kommt ziemlich unvermittelt auf Seite 155 zu Wort und hebt an, seine Geschichte zu erzählen. Er beginnt mit Stranderlebnissen, bei denen ihn ein schwuler Mann anschmachtet, den er "Schwuchtel" nennt. Immer wieder lässt Cheever schwule Männer auftreten, und jedes Mal haben diese Auftritte etwas Verkniffenes, als wolle da einer das Thema nur mit halb verheimlichten Seitenblicken bedenken.

Danach geht es weit zurück zu Hammers unehelicher Geburt als Sohn der Gretchen Shurz Oxencroft und eines sozialistischen Parteiführers. Und diese Geschichte fällt genauso aus, wie es bereits diese wenigen Angaben ahnen lassen: Sie ist gewunden, kurios, voller Abschweifungen und historischer Merkwürdigkeiten. So ganz klar wird es nicht, was das viele Umherreisen von Hammer und seiner Mutter in allen Weltgegenden nun mit dem Leben in Bullet Park zu tun haben könnte.

Der Eindruck, dass der Autor seine Leser nun kurzerhand in einen ganz anderen Roman entführt hat, drängt sich auf. Immerhin nimmt man es ihm nicht allzu übel, weil auch dieser Roman Qualitäten - vorwiegend von der skurrilen Art - hat und es weder an Unterhaltsamkeit noch kühnen Handlungskurven fehlen lässt. Und immerhin kommen die wesentlichen Schlüsselthemen bald wieder in Sicht: Auch Hammer hat mit Depressionen, mit Alkoholismus und unfähigen Psychiatern zu kämpfen. Vor allem aber ist seine Mutter eine eingeschworene Feindin des American Way of Life.

Ich habe immer wieder gesagt, wenn der amerikanische Kapitalismus weiterhin geldgierige, unredliche Männer bejubelt, entartet die Wirtschaft zur Produktion von Drogen und erzeugt einen Lebensstil, der jegliches Nachdenken - jede gedankliche oder emotionale Tiefe - unmöglich macht. Ich hatte recht. In den amerikanischen Zeitschriften, die ich mir manchmal im Café ansehe, besteht der Text größtenteils aus Reklame, die dem Leser verspricht, durch den Kauf dieser Produkte würde er das Elend, die geistige Armut und die Monotonie der Selbstsucht vergessen. Nie zuvor in der Geschichte der Zivilisation war ein großes Volk so beharrlich von dem Wunsch beseelt, sich zu betäuben.

Hammer lässt sich von dem Zorn seiner Mutter mitreißen und beschließt - so geht es dann wieder zurück nach Bullet Park - einen mustergültigen Amerikaner zu kreuzigen, am besten Mister Nailles oder noch besser, dessen Sohn. Hammer trifft Nägel, so geht dieser Witz. Mehr sei keinesfalls verraten, nur noch der allerletzte Satz:

Am Montag ging Tony wieder zur Schule, Nailles fuhr - unter dem Einfluss eines Beruhigungsmittels - zur Arbeit, und alles war so herrlich, herrlich, herrlich, herrlich wie früher.

Überflüssig, zu sagen, dass "Die Lichter von Bullet Park" zwar ein ziemlich abstrus konstruierter Roman aber dennoch ein großartiges, bissiges, giftiges oft sehr komisches, immer eigenwilliges und unbedingt lesenswertes Erzählwerk ist. Natürlich hat sich John Cheever damit nicht beliebt gemacht. Zweifellos besaß er nicht die große erzählerische Objektivität eines John Updike. Und er nahm auch nicht Partei für die Außenseiter und Opfer des amerikanischen Durchschnittstraums wie Richard Yates. Cheever war ein Zerrissener, der zugleich gesellschaftlich mitmachen und dennoch ein ganz anderer sein wollte. Daher seine mutwillige Fantasie und sein rachsüchtiger Sarkasmus. Und darum war es ihm gegeben, die Entzauberung der scheinheilen Wohlstandswelten mit solcher funkelnden Schärfe und düsteren Leidenschaft zu betreiben. Der DuMont Verlag sei bedankt, dass er diesen bedeutenden amerikanischen Schriftsteller wieder Buch für Buch in Erinnerung bringt.

John Cheever: Die Lichter von Bullet Park. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. DuMont Buchverlag, Köln 2011. 255 Seiten, 19,99 Euro.

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