Eine Welt / Archiv /

Rohstoffriese gegen die "Hüter der Flüsse"

Indische Ureinwohner wehren sich vor Gericht gegen Zerstörung ihres Lebensraumes

Von Sandra Petersmann

Wie in Guyana wird auch im indischen Lanjighar Bauxit zu Aluminium verhüttet.
Wie in Guyana wird auch im indischen Lanjighar Bauxit zu Aluminium verhüttet. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Die indischen Ureinwohner der Dongria Kondh bezeichnen sich als "Hüter der Flüsse". Die Bewohner der Nyamgiri-Berge im Osten Indiens gehören zu den ärmsten Einwohnern des Landes. Nun sind sie in ihrer Existenz bedroht, weil ein Rohstoffriese in ihren Lebensraum eindringen will.

Der Weg zu Laddo führt über versteckte, schmale Trampelpfade tief in den dichten Dschungel. Laddo ist der Anführer eines kleines Dorfes, in dem rund 170 Menschen leben. Ihre Hütten sind aus Lehm, Stroh, Holz und Wellblech. Sie schmiegen sich an einen Berghang und sind umgeben vom dichten, grünen Blattwerk.

"Nyamgiri ist unser Gott. Nyamgiri gibt uns alles, was wir zum Leben brauchen. Deshalb beschützen wir unseren Gott."

Die Nyamgiri-Berge im Osten Indiens sind die Heimat der Dongria Kondh – so heißt das indische Urvolk, zu dem auch Laddo gehört - insgesamt rund 8000 Menschen. Sie leben nicht gänzlich unberührt von der Moderne, aber weitestgehend entrückt von der Entwicklung des modernen Indien. Kein Kind aus Laddo’s Dorf ist geimpft, keins geht zur Schule.

Die Dongria Kondh sind Jäger und Sammler, und sie betreiben einfachen Ackerbau. Wenn es Überschuss gibt, handeln sie mit der Welt außerhalb ihres Dschungels. Das Markenzeichen der Männer ist die Axt, das der Frauen ihr Schmuck. Sie haben viele Nasen- und Ohrenringe - und fast alle tragen unzählige Spangen im Haar, das sie in der Mitte scheiteln.

"Warum sollten wir woanders leben? In der Stadt sind wir Fremde, dort ist unser Wissen wertlos. Nyamgiri ist unser Vater, unsere Mutter und unser Gott. Ohne Nyamgiri sind wir verloren."

Doch der Gott der Dongria Kondh wird auch von anderen begehrt. Denn die Nyamgiri-Berge im ostindischen Bundesstaat Orissa sind voll von Bauxit. Bauxit ist der Rohstoff, aus dem Aluminium entsteht. Und Vedanta will es abbauen. Vedanta ist ein milliardenschwerer Rohstoffriesen, der an der Londoner Börse notiert ist. Auch die Deutsche Bank hat in Vedanta investiert.

"Wir leben hier schon immer. Und dann taucht Vedanta auf, um uns alles wegzunehmen. Sie vergiften das Wasser und die Luft, und sie wollen uns verjagen. Vedanta ist ein Monster."

Das sieht Anil Agarwal, der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Vedanta, ganz anders. Der indische Unternehmer hat sich vom kleinen Schrotthändler zum Multimilliardär hochgearbeitet. Für Anil Agarwal steht völlig außer Frage, dass der Abbau von Rohstoffen gleichbedeutend ist mit Entwicklung, Wachstum, Arbeitsplätzen und Wohlstand.

"Indien verfügt über eine der größten Bauxit-Reserven der Welt. Sollen wir für immer arm bleiben?"

Vedanta hat in den vergangenen Jahren Milliarden investiert und im kleinen Städtchen Lanjighar eine gigantische Aluminium-Raffinerie aus dem Boden gestampft. Lanjighar liegt direkt zu Füßen der Nyamgiri-Berge. Das Bauxit könnte also theoretisch auf kürzestem Weg vom Tagebau in die Fabrik rollen. Doch dieser Plan ist bis jetzt nicht aufgegangen.

"Zur Zeit müssen wir das Bauxit von außerhalb heranschaffen, um in unserer Fabrik Aluminium zu produzieren. Das ist doch irrsinnig. Wir haben kein Gesetz gebrochen, sondern wir haben uns entschieden, einen der ärmsten Distrikte Indiens zu entwickeln, weil es dort Bauxit gibt. Lanjighar hat sich durch uns positiv verändert. Wie lange will Indien seine Entwicklung noch bremsen? Wir brauchen jeden Tag Aluminium, um uns zu entwickeln."

Als Vedanta 2003 in Lanjighar ankam, lief zunächst alles nach Plan. Doch je näher das Unternehmen an die heiligen Nyamgiri-Berge heranrückte, desto größer wurde der Widerstand. Vor allem die Dongria Kondh stellten sich Vedanta in den Weg. Umweltschützer und Menschenrechtler reichten Klagen ein. 2010 schließlich stoppte die Zentralregierung in Neu Delhi den geplanten Bauxit-Abbau, und etwas später auch die Erweiterung der Raffinerie. Jetzt liegt der Fall beim Obersten Gerichtshof.

Das höchste indische Gericht muss darüber entscheiden, was Vorrang hat: das Recht der Ureinwohner an ihrem Dschungel und am Schutz ihres Gottes – oder der Abbau von Rohstoffen. Die Regierung des Bundesstaates Orissa kämpft auf Vedanta’s Seite. Orissa ist kaum entwickelt. Die politische Führung hofft auf satte Steuereinnahmen, auf den Ausbau der Infrastruktur, auf einen industriellen Boom, auf Arbeitsplätze. Die Zentralregierung in Neu Delhi ist gespalten. Sie hat versprochen, die Rechte der Ureinwohner und die Umwelt zu schützen. Aber sie will auch keine ausländischen Investoren abschrecken. Das aufstrebende Schwellenland Indien will die Integration in den Weltmarkt.

Aus ganz ähnlichem Stoff hat Hollywood-Regisseur James Cameron den preisgekrönten Blockbuster "Avatar" entwickelt. Im Film siegt die Urbevölkerung von Pandora schließlich über die Eindringlinge des Planeten Erde, die nach immer neuen Rohstoffen gieren.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Eine Welt

US-Airbase OkinawaJapaner fühlen sich wie Fremde im eigenen Land

US-Helikopter auf der US-Airbase Okinawa

Auf der japanischen Insel Okinawa befindet sich der größte Stützpunkt der US-Streitkräfte außerhalb Amerikas. Bei der Bevölkerung Okinawas regt sich zunehmend Protest gegen die amerikanischen Soldaten. Die Japaner wollen sich nicht länger wie Fremde im eigenen Land fühlen.

Fundamentalistische MormonenHilfe für die "verlorenen Jungen"

Unterstützer der Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage haben sich in St. George, Utah, versammelt, um gegen Landverkäufe durch den Bundesstaat zu protestieren.

In Utah schauen die Behörden nicht so genau hin, wenn es um polygame Familien geht. Immer wieder werden Jugendliche ausgeschlossen, die den strengen Regeln nicht mehr folgen wollen. Sie stehen dann ohne ausreichende Schulbildung, ohne Geld und ohne Familie auf der Straße. Die Diversity Foundation will helfen.

Fußball-WM in BrasilienStärke zeigen auf Kosten der Bürger

Soldaten fahren auf einem Jeep durch die Favela Maré in Rio de Janeiro.

In zwei Monaten beginnt in Brasilien die Fußball-Weltmeisterschaft. Allein in Rio de Janeiro werden fast eine Million Touristen erwartet. Deren Sicherheit ist ein viel diskutiertes Thema - spätestens seit organisierte Kriminelle im Februar und März gezielt Polizeistationen angriffen, Polizisten töteten und Container niederbrannten.