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StartseiteCampus & Karriere"Es ist relativ stark auf den Mindestlohn zurückzuführen"13.03.2017

Rückgang von Praktikumsplätzen"Es ist relativ stark auf den Mindestlohn zurückzuführen"

Dass viele Unternehmen keine Praktikumsplätze mehr anbieten würden, hänge vor allem mit dem Mindestlohn zusammen, sagte Mathias Winde vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft im DLF. Die Einführung habe zu Kostensteigerungen besonders bei längeren Praktika geführt.

Mathias Winde im Gespräch mit Michael Böddeker

Eine junge Frau arbeitet an einer Bandsäge. (imago / Blickwinkel )
Längere Praktika kosten die Unternehmen seit der Einführung des Mindestlohns mehr. (imago / Blickwinkel )
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Michael Böddeker: Die deutsche Wirtschaft gibt immer mehr Geld aus für akademische Bildung und auch für Praktika. Das ist ein Ergebnis einer neuen Studie vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Ein anderes Ergebnis: Es gibt deutlich weniger Praktikumsplätze. Wie das zusammen passt, darüber spreche ich mit Mathias Winde vom Stifterverband. Es gibt womöglich deutliche weniger Praktikumsplätze, das ist ein Ergebnis Ihrer Studie. Wie viel weniger sind es denn?

Mathias Winde: Wir haben errechnet, dass zwischen 2014 und 2015 rund 53.000 Praktikumsplätze maximal weggefallen sind. Das ist schon ganz ordentlich. Das wären 18 Prozent der Praktikumsplätze. Damit hätten sich die Praktikumsplätze nur für Studierende von 300.000 auf rund 250.000 reduziert.

"Der Mindestlohn hat zu Kostensteigerungen bei längeren Praktika geführt"

Böddeker: Also deutlich weniger. Wo sehen Sie die Ursachen dafür?

Winde: Aus unserer Sicht ist es relativ stark auf den Mindestlohn zurückzuführen. Der wurde zum 01.01.2015 eingeführt und hat zu Kostensteigerungen insbesondere bei längeren Praktika geführt, also bei Praktika über drei Monaten und bei Praktika nach dem Studium.

Böddeker: Sie haben es gerade schon gesagt, der Mindestlohn auch für Praktika greift seit 2015, und Ihre Studie hat jetzt den Zeitraum von 2014 bis 2015 erfasst.

Winde: Wir führen die Studie seit dem Jahr 2009 durch und erheben im dreijährigen Rhythmus die Zahlen für die Praktikanten. Die ersten Zahlen hatten wir für 2009, da gab es 180.000 Praktikumsplätze. Im Jahr 2012 waren es 246.000. Dann haben wir berechnet, dass die Zahlen bis 2014 ungefähr auf 300.000 angestiegen sind und jetzt wieder auf 250.000 zurückgegangen sind.

Böddeker: Also sprich, die letzten Zahlen sind aus einem Zeitraum, als der Mindestlohn auch schon gegriffen hat, 2015?

Winde: Genau. 2015 hat der Mindestlohn schon gegriffen, ab 1.1.2015.

Böddeker: Ich möchte darauf hinaus, der Mindestlohn greift seit Januar 2015 – sind dann im Vorfeld auch schon die Zahlen zurückgegangen, oder seitdem, tatsächlich?

Winde: Wir haben keine genauen Zahlen für die Jahre 2013 und 2014, die mussten wir berechnen. Wir haben die berechnet anhand der Studierendenentwicklung und anhand der Entwicklung der Vorjahre. Zwischen 2012 und 2015 sind die Studierendenzahlen, wie wir durch verschiedene Presseberichte über Akademikerschwemme wissen, deutlich angestiegen, also noch mal um rund 300.000 Studierende. Und im gleichen Zeitraum sind die Studierendenzahlen praktisch gleich geblieben.

Böddeker: Die Praktika-Zahlen meinen Sie.

Winde: Genau, die Praktika-Zahlen.

Böddeker: Allerdings, viele Praktika sind ja auch vom Mindestlohn ausgenommen, zum Beispiel eben studentische Pflichtpraktika oder Praktika unter drei Monaten. Sie schreiben ja auch in Ihrer Studie, zweidrittel der Praktika sind gar nicht von dieser Mindestlohnregelung betroffen. Wie kann das sein, dass das trotzdem, wie Sie sagen, so große Auswirkungen hat?

Winde: Wir gehen davon aus, dass die Unternehmen versuchen, ein möglichst gleiches Entgeltniveau für alle Praktikanten zu halten, dass sie nicht dem Pflichtpraktikanten deutlich weniger geben möchten als dem freiwilligen Praktikanten, der dann unter die Mindestlohnregelung fällt. Und so haben sich die Unternehmen dann im Grunde dann zwischen zwei Strategien entschieden. Entweder sie bieten kürzere Praktika an, die sie nicht mit dem Mindestlohn vergüten müssen, oder insbesondere große Unternehmen haben ihre Praktikantenvergütung teilweise bis auf den Mindestlohn angehoben und liegen damit jetzt drüber.

"Wir sehen es kritisch, dass besonders die langen Praktika weggefallen sind"

Böddeker: Warum sind denn Ihrer Ansicht nach längere Praktika notwendig?

Winde: Es gibt Studien, Studierenden-Surveys, die zeigen, dass der erfahrene Nutzen für Studierende mit der Praktikumsdauer stark ansteigt. Also besonders Fachhochschüler profitieren von Kurzpraktika besonders wenig. Diese Studien ergeben, dass erst bei der Übernahme von eigenen Projekten und der selbstständigen Bearbeitung von Aufgaben eigentlich der Nutzen für die Studierenden stark steigt. Und das ist eigentlich erst ab sechs Monaten der Fall. Deswegen sehen wir es jetzt besonders kritisch, dass besonders die langen Praktika weggefallen sind und dass es mehr kürzere Praktika gibt als früher.

Böddeker: Aber ist es nicht vielleicht auch eine gute Entwicklung, dass auch Praktika, wie es sie früher gab, die dann vielleicht ein halbes Jahr dauern und unbezahlt waren, dass es die nicht mehr gibt?

Winde: Für die Studierenden ist es auf jeden Fall gut. Was wir aus Studierendensicht kritisch sehen, ist eben, dass sich die Anzahl der Praktikumsplätze eben doch deutlich verringert haben. Das heißt, sie bekommen jetzt mehr Geld, aber sie haben auch weniger Auswahl. Und es ist natürlich durchaus zu vermuten – wir leben jetzt in konjunkturell sehr guten Zeiten –, dass wenn das konjunkturelle Klima abnimmt, es dann weniger Praktikumsplätze zur Verfügung gibt und es dann eine größere Konkurrenz zwischen den Studierenden um die verbleibenden Praktikumsplätze gibt.

"Die Unternehmen möchten den Praxisbezug im Studium stärken"

Böddeker: Die Praktika sind also eine Sache, für die die Unternehmen sehr viel Geld ausgeben. Eine andere ist das duale Studium, das hat auch Ihre Studie ergeben. Das heißt, Studienplätze, in denen es auch fest integrierte Praxiseinsätze in Unternehmen gibt. Warum wird dafür so viel Geld ausgegeben vonseiten der Unternehmen?

Winde: Die Unternehmen geben insgesamt für ihre Investitionen Geld aus, weil sie die besonders guten Studierenden für das Unternehmen gewinnen wollen und weil sie Fachkräfteengpässe beheben wollen. Und sowohl mit Praktika, wo man ja in Kontakt kommt zu den späteren Absolventen, als auch über dieses duale Studium kann man sehr gut später die Absolventen von den Hochschulen rekrutieren.

Insgesamt möchten die Unternehmen vor allen Dingen den Praxisbezug im Studium stärken. Das ist einer der größten Mängel, den sie am Studium sehen, und deswegen bieten die Unternehmen mit dualen Studiengängen, aber auch mit Praktika die Möglichkeit an, dass die Studierenden ihr Wissen auch praktisch anwenden können.

Böddeker: Mit Mathias Winde vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft habe ich über seine neue Studie gesprochen. Laut der gibt die deutsche Wirtschaft insgesamt mehr Geld für die akademische Bildung aus. Zugleich ist die Zahl der Praktikumsplätze der Studie zufolge zurückgegangen. Vielen Dank für das Gespräch!

Winde: Herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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