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StartseiteInterviewRuf nach europäischen Rating-Agenturen wird lauter29.04.2010

Ruf nach europäischen Rating-Agenturen wird lauter

Der Börsenhändler Oliver Roth über die Macht weniger US-Agenturen über ganze Staaten

Die drei sogenannten Top-Rating-Agenturen der Welt sitzen in den USA. "Warum wir so etwas nicht für Europa auch haben", fragt sich Oliver Roth - und spricht damit Finanzminister Schäuble aus der Ministerseele.

Eine EU-Fahne und eine griechische Flagge wehen im Wind in Luxemburg. (AP)
Eine EU-Fahne und eine griechische Flagge wehen im Wind in Luxemburg. (AP)

Christoph Heinemann: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat die Finanzmärkte aufgefordert, die Urteile von Rating-Agenturen über die Bonität von Staatsschuldnern nicht überzubewerten. Kein Marktteilnehmer wird daran gehindert, Rating-Agenturen nicht so ernst zu nehmen, sagte der CDU-Politiker heute in Berlin. Er sei sehr dafür, dass es eine größere Konkurrenz auf dem Rating-Markt gebe.
Im Frankfurter Börsensaal erreichen wir Oliver Roth. Er ist Chefhändler der Close Brothers Seydler Bank. Guten Tag!

Oliver Roth: Einen schönen guten Tag!

Heinemann: Herr Roth, verdienen die Rating-Agenturen die Aufregung, die sie erzeugen, oder wird deren Expertise überschätzt?

Roth: Die Expertise wird mitunter zumindest natürlich überschätzt. Nichtsdestotrotz haben sie einen gewaltigen Einfluss nicht nur auf die Finanzmärkte direkt, sondern natürlich damit einhergehend indirekt auch auf die Volkswirtschaften dieser Welt.

Heinemann: Brauchen die Agenturen, die privaten Agenturen eine staatliche Konkurrenz?

Roth: Ja, selbstverständlich! Ich muss sagen, dass ich mich bis kurz vor der Finanzkrise natürlich auch nicht ausgiebig mit dem Thema Rating-Agenturen beschäftigt habe, und ich war sehr erstaunt darüber, dass alle drei großen Rating-Agenturen zum einen privat organisiert sind und zum anderen alle drei in den USA beheimatet sind, und da stellte sich mir damals schon die Frage, warum wir so etwas nicht für Europa auch haben, und die Frage ist bis heute auch nicht beantwortet worden.

Heinemann: Vertrauen Sie als Börsenhändler deren Noten?

Roth: Nein, nur bedingt. Ich muss sagen, keiner schützt einen davor und hält einen davon ab, sich seine eigenen Gedanken zu machen, und ich glaube, dass der gesunde Menschenverstand immer auch an erster Stelle zu sehen ist. Man kann durchaus sich etwas raten lassen, was in dem Wort Rating ja auch drinsteckt, aber man darf dabei nicht vergessen, auch seinen eigenen Kopf einzuschalten. Das wiederum scheint doch in der einen oder anderen Etage in den Banken aber nicht stattzufinden.

Heinemann: Wir brauchen heute Ihre Hilfe, Sie müssten uns etwas erklären. Wie spekuliert man gegen ein Land und gegen eine Gemeinschaftswährung? Wie funktioniert das technisch?

Roth: Technisch gesehen braucht man natürlich dazu ein Vehikel, und dieses Vehikel heißt CDS, Credit Default Swaps. Das sind Versicherungen, die man normalerweise übernimmt beziehungsweise kauft, wenn man jemandem Geld leiht, und um sich abzusichern, dass dieser, dem man Geld geliehen hat, nicht Pleite geht, dafür braucht man diese Versicherungen, dass man im Falle des schlimmsten Falles, nämlich dass derjenige Pleite geht, einen Ersatz bekommt, also dass die Versicherung dann trägt. Das ist aber im Grunde genommen mittlerweile so, dass man das vergleichen kann, wie wenn man eine Versicherung, eine Brandschutzversicherung auf sein Haus abschließt. Das an und für sich ist ja nichts Negatives und auch nachzuvollziehen. Das Problem der Spekulation fängt dann an, wenn ich eine Brandschutzversicherung auf die Häuser meiner Nachbarn abschließe und ich dann darauf hoffe, dass die Häuser abbrennen, um die Versicherung zu kassieren. Das aktuell findet eben über diese sogenannten Credit Default Swaps statt, und damit setze ich natürlich auch die Anleihemärkte direkt unter Druck.

Heinemann: Aber wenn ich hoffe, dass das Haus meines Nachbarn brennt, dann heißt das doch nicht unbedingt, dass es abbrennen wird. Es ist einfach nur eine Hoffnung, auf die ich spekuliere. Das kann ja auch schief gehen aus Sicht der Anleger.

Roth: Genau so, aber in dem aktuellen Fall haben wir natürlich mit Griechenland ein Haus eines Nachbarn, das angefangen hat zu brennen, und nun kann ich natürlich auch zum Beispiel über das Streuen von Gerüchten zusätzlich Spiritus neben das Haus stellen und hoffen, dass weitere Häuser anfangen zu brennen. Genau das findet aktuell statt und das hat direkten Einfluss, denn viele im Anleihemarkt – und der Anleihemarkt ist das, wo Griechenland sich refinanziert – schauen sehr gebannt auf diese Kurse dieser CDS, dieser Versicherungen, denn diese Versicherungen kann man im Gegensatz zu herkömmlichen Versicherungen handeln wie Aktien. Und die Kurse, die sind in den letzten Wochen und Monaten enorm angestiegen und signalisieren dem Markt, dass die Kreditwürdigkeit für Griechenland im Keller ist.

Heinemann: Die Versicherungen an sich sind nichts Schlechtes, haben Sie gesagt. Das heißt, auch die Bundesregierung wäre gut beraten, jetzt, wenn sie Kredite an Griechenland vergibt, diese gegen Ausfälle zu versichern?

Roth: Grundsätzlich spricht überhaupt nichts dagegen, das so zu tun. Wie gesagt, wichtig wäre, diese Märkte zu regulieren. Regulierte Märkte, beispielsweise wie die Aktienbörsen, da ist gegen Spekulation zunächst einmal nichts einzuwenden. Nur wenn das unregulierte Märkte sind und Leute eben auf die Häuserbrände von anderen, von den Nachbarn setzen können und wetten können, dann muss man diese Märkte regulieren. Das hat bisher nicht stattgefunden. Und wenn das stattfindet, dann würden sich die Märkte zumindest etwas normalisieren. Aber man darf nicht vergessen: keine Spekulation ohne Spekulationsobjekt. Griechenland hat Schulden, hat massive Probleme und natürlich werden mit der Lösung oder Regulierung von Märkten für diese Credit Default Swaps nicht die Probleme Griechenlands gelöst.

Heinemann: Bleiben wir im Bilde, Herr Roth. Reicht es, wenn die Feuerwehr national löscht, oder muss das international geregelt werden?

Roth: Nein. Momentan versuchen wir, ein Feuer zu löschen, wissen aber, dass es durchaus woanders wieder anfangen kann zu brennen. Wir müssen grundsätzlich erst mal die Brandschutzvorschriften uns noch mal genauer ansehen, sprich, um wieder aus diesem Bild herauszukommen, wir müssen schauen, dass wir über die Verträge von Lissabon und ursprünglich Maastricht neu verhandeln. Wir müssen neue Regeln festlegen, wir müssen festlegen, wenn Griechenland sich daneben benimmt, oder ein anderes EU-Mitglied permanent gegen Gesetze verstößt oder gegen Vorgaben verstößt, dass man sie A natürlich aus der Währungsunion herauswerfen kann – wir brauchen bessere Kontrollen -, und wir müssen natürlich schauen, dass wir kurzfristig erst mal diesen Ländern wieder auf die Beine helfen.

Heinemann: Deutsche Banken und Versicherungen haben rund 40 Milliarden Euro an Griechenland verliehen. Wieso lohnt sich dieses Geschäft, wo doch bekannt war, dass dort möglicherweise nicht alles mit rechten Dingen zuging?

Roth: Die Griechen haben natürlich, als sie 2001 in die Euro-Gruppe gekommen sind, bereits jahrelang geschummelt, was ihre Statistiken angeht. Diese Anleihen, von denen wir gerade sprechen, die die deutschen Banken unter anderem natürlich auch gekauft haben, laufen ja teilweise auf 8 oder 10 Jahre. Das heißt, wir reden hier von Eiern, die man sich vor langer Zeit schon ins Nest gelegt hat und die jetzt mittlerweile – und das konnte man vor 10 Jahren vielleicht so wirklich noch nicht erfassen – sehr gefährlich geworden sind, und die Eier fangen jetzt mittlerweile an zu stinken.

Heinemann: Oliver Roth, Chefhändler der Close Brothers Seydler Bank. Wir haben ihn direkt im Frankfurter Börsensaal erreicht. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!

Roth: Gerne! Danke.

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