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Russland, deine Unis

Die russischen Hochschulen brauchen eine Reform

Thomas Prahl im Gespräch mit Kate Maleike

Russland hat vor fast zehn Jahren die Bologna Deklaration unterschrieben, passiert ist seitdem nicht viel.
Russland hat vor fast zehn Jahren die Bologna Deklaration unterschrieben, passiert ist seitdem nicht viel. (AP)

Um international mithalten zu können, müssten russische Universitäten zum Beispiel mehr englischsprachige Masterstudiengänge anbieten, meint Thomas Prahl, Referatsleiter Russische Föderation beim Deutschen Akademischen Austauschdienst. Schon jetzt wandern immer mehr akademischen Spitzenkräfte ins Ausland ab.

Kate Maleike: Russland wählt am kommenden Sonntag, am 4. März, einen neuen Präsidenten – ein Thema, das seit vielen Tagen deshalb auch die Medien beherrscht. Die politischen Lager und Gewichte werden beschrieben und Handlungsfelder, in denen sich in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft etwas ändern sollte. Bei diesem Vorwahlblick auf dieses riesige Land spielt die Lage in den Hochschulen, in der Wissenschaft allerdings eher eine Nebenrolle, wenn überhaupt. Dabei stehen auch hier große Strukturveränderungen an, denn die russischen Hochschulen ringen um internationales Renommee und brauchen eben eine entsprechende Politik. Thomas Prahl kennt die russische Wissenschafts- und Hochschullandschaft sehr gut, er war für den Deutschen Akademischen Austauschdienst mehrfach dort als Außenstellenleiter und leitet inzwischen in Bonn das Referat, das entsprechende. Guten Tag, Herr Prahl!

Thomas Prahl: Guten Tag, Frau Maleike!

Maleike: Sie waren erst letzte Woche wieder in Russland – wo waren Sie und wie war Ihr Eindruck?

Prahl: Ja, ich hatte das große Glück, wieder mal in der dritten heimlichen Hauptstadt Russlands, in Kazan zu sein, einer Metropole, die in den letzten zehn Jahren enorm an Bedeutung im Bereich Wirtschaft, Wissenschaft und Hochschulen gewonnen hat. Und wir haben dort zusammen mit dem dortigen Bildungsministerium zwei Programme ausgewählt, die beide finanziert werden sowohl vom DAAD als auch vom regionalen Bildungsministerium der tatarischen Republik.

Maleike: Das klingt danach, als wenn es eine deutsch-tatarische Universität geben sollte demnächst.

Prahl: Jein, deutsch-tatarisch wäre zu beschränkt, aber es gibt in der Tat Bemühungen des dortigen Premierministers und jetzigen Präsidenten und des Bildungsministeriums in Tatarstan, eine deutsch-russische Universität zu initiieren – erste Schritte hat es in Richtung DAAD bereits gegeben. Ich hatte das Glück, persönlich den Brief an den Minister zu übergeben, und wir wissen, dass die Antwort bereits unterwegs ist. Es wird im Juni diesen Jahres, also nach der übermorgigen Wahl, dann die Verhandlung geben, wie wer was wo bezahlt.

Maleike: Ich hab das deswegen noch mal so besonders angesprochen, weil das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland auf Wissenschaftsebene, auf Hochschulebene eigentlich ein sehr, sehr gutes ist. Wir haben gerade auch das deutsch-russische Wissenschaftsjahr, trotzdem wollen wir ja jetzt erst mal auf die Hochschulen im Land schauen. Was haben die als Hauptproblem im Moment vor der Flinte?

Prahl: Ja, sie stecken einerseits in einem Jahrzehnte dauernden Reformationsprozess. Sie wissen nicht so richtig, wo es hingehen soll, sie wissen nur, dass wenn sie in den nächsten zwei, drei Jahren den Anschluss ans internationale Geschäft im Bereich der Bildung nicht finden, sie weitere Jahre zurückfallen werden. Wir gehen im Augenblick davon aus, dass bereits in der Spitzenwissenschaft doch zehn, 15 Jahre die russische Föderation hinterherhinkt, unter anderem auch aufgrund der Tatsache, dass sie kein vernünftiges wissenschaftlich gut ausgebildetes Personal im Augenblick in größerer Menge von den eigenen Hochschulen empfängt. Viele gut ausgebildete junge Leute sind in den letzten fünf, sechs Jahren ins Ausland gegangen und sind auch nicht mehr zurückgekehrt, trotz verschiedener Bemühungen auch der Regierung von Wladimir Putin, der ja verschiedene internationale Programme gestartet hat, um die Leute zurückzugewinnen. Und jetzt geht es darum, aus der riesigen Anzahl von über dreieinhalbtausend Hochschulen, Universitäten, technischen Universitäten eine vernünftige Zahl herauszufiltern, die etwa in einer Größenordnung zwischen 500 und 600 Hochschulen für Russland liegen wird.

Maleike: Das wäre ja ein enormer Aderlass. Wer in der russischen Regierung hat denn tatsächlich ein Auge dafür? Medwedew hat ja diese Programme, die Sie gerade genannt haben, aufgelegt. Wird er sie weiter verfolgen können jetzt?

Prahl: Wir hoffen es zumindest. Es gibt ja die berühmte Rochade, die für viele ja unerwartet kam, für die Insider natürlich nicht so unerwartet, und wir hoffen natürlich, dass Herr Medwedew jetzt als Premierminister in enger Kooperation mit einem wahrscheinlich neuen Bildungsminister diese Politik, die in den letzten zwei, drei Jahren angestoßen wurde – von Herrn Putin unter anderem –, tatsächlich auch weitergeführt werden kann. Weil wir sind erst auf dem halben Wege, und wir dürfen jetzt dort nicht schlappmachen, weil die gesamte Jugend schaut im Augenblick auf das Hochschulwesen. Weil anders als in Deutschland sind ja im Augenblick über 75 Prozent eines Jahrgangs daran interessiert, ein Studium zu absolvieren. Wir liegen in Deutschland bei 46 Prozent. Also die Universität ist ein richtiger Magnet für die Jugend, aber nur dann, wenn natürlich Qualität geboten wird.

Maleike: Was muss jetzt in den nächsten Jahren passieren, damit man sich tatsächlich auch – so wie es ja mal formuliert wurde – auf Augenhöhe irgendwann begegnen kann?

Prahl: Es müssen einige objektive Stolpersteine aus unseren Beziehungen raus. Zum Beispiel im Rahmen des Bologna-Prozesses, der ja eigentlich dazu dienen sollte, Europa im Bereich der Hochschulen fast grenzfrei zu machen und einen ungehinderten Austausch zu garantieren, müssen Festlegungen, die im Augenblick Gesetzescharakter in der russischen Föderation tragen, dass zum Beispiel man nur in einen russischen Master-Studiengang gehen kann, wenn man vorher einen vierjährigen Bachelor gemacht hat. Und wir wissen alle, in Europa sind ja im Rahmen des Bologna-Prozesses sehr viele neue Bachelor entstanden, die eben nur drei oder dreieinhalb Jahre dauern – die sind also von vornherein ausgeschlossen. Oder ein zweites Beispiel: Russisch ist nun mal eine sehr komplizierte Sprache und stellt für die meisten Europäer und auch aus Übersee doch eine echte Sprachbarriere dar, also wäre der Ausweg in der russischen Föderation genau wie zum Beispiel ja auch in deutschen Hochschulen, Master-Studiengänge in englischer Sprache anzubieten. Aber die im Augenblick existierenden – und ich erinnere daran, Russland hat 2003 die Bologna-Deklaration unterschrieben, also vor fast zehn Jahren –, die kann man an zwei, drei Händen abzählen, die angeboten werden. Wenn man allerdings dann von den Ausländern, die einen englischsprachigen Studiengang belegen, fordert, eine russischsprachige Abschlussarbeit zu schreiben, dann ist das erneut kontraproduktiv. Und da, glaube ich, müssen wir auf ministerieller Ebene, auf Hochschulebene und auch auf der Ebene solcher Organisationen, wie wir sie darstellen, mit unseren russischen Partnern ins Gespräch kommen bzw. im Gespräch bleiben, um in naher Zukunft diese Stolpersteine abzuschaffen.

Maleike: Russland vor den Präsidentschaftswahlen am Wochenende – welche Politik Wissenschaft und Hochschulen brauchen, darüber haben wir gesprochen mit Thomas Prahl, dem Referatsleiter Russische Föderation beim Deutschen Akademischen Austauschdienst. Vielen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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